Über Dora Asemwald

Ich bin virtuell real.

Auch Doren brauchen Nachnamen

Blöd, wenn man wie ein lokaler Stadtteil heißt, da denken immer alle, das wäre ein Kunstnamen und ich würde dort wohnen oder aufgewachsen sein. Meine liebe Freundin Thea ist durchs Netz gestromert und hat mal geschaut, wie Doren üblicherweise so heißen: Asemwald! Sagt jedenfalls die Datenkrakenprofilsammelseite Yasni. Und die muss es ja wissen. Noch Fragen?

Verkatzte Homoerotik

Kofferaumdeckel sind sehr beliebt, Symbole für soziale Gruppenzugehörigkeit und politische Meinung aufzukleben. Soeben hab ich vor meiner Galerie ein neues Zeichen entdeckt: Das Mischzeichen bedient sich der Regenbogensymbolik jener, die bei der Geschlechtspartnersuche lieber beim eigenen Geschlecht bleiben und einer Katze. Oder Kater. Das Homoerotik Tieren nicht fremd ist, ist wohl bekannt. Das dies bei Katzen mittels Aufkleber Kund getan wird, ist mir neu. Ich wünsche mir einen eigenen Christopher-Street-Day Wagen für diese Randgruppe!

Unter Frauen

Dass ich als Virtuelle nicht so einfach wo aufkreuzen kann, sollte jenen, die mich kennen, schon klar sein. Ich brauch dazu immer fleischliche Helfer, die es verstehen, den materiellen Raum mit ihrer Präsenz  zu füllen, die mich zeichnen, die für mich die Maus schieben und andere eher greifbare Dinge erledigen, die meinen Gedanken Form geben können. Meine letzte Beteiligung an einer Ausstellung war mal wieder so ein Fall: Im Frauenkulturzentrum Sarah im Stuttgarter Westen gab’s die Ausstellung „Kompromisslos oben bleiben“, die sich dem kreativen Widerstand gegen das Großprojekt Stuttgart 21 widmete. Passt!, dachte ich mir, hab ich doch einen nicht geringen Teil meiner Kreativität für das Stänkern gegen den lokalen Größenwahn eingesetzt, Lochinitiativen gegründet und wie die Wilde gebloggt. Normalerweise ist das mit den Ausstellungen ja kein Problem, ich sag einfach meinem Zeichner er solle meine Arbeit ausdrucken, rahmen und aufhängen und am besten noch die Rede halten. Hier jedoch gab’s ein kleines Problem: Ins Frauenkulturzentrum dürfen, wie der Name schon sagt, nur Frauen rein – ein Kriterium, an dem er scheitert. Aber wer sagt eigentlich, dass mein Zeichner immer alles für mich tun muss? Es ist sowieso höchste Zeit, dass ich mich von ihm mal emanzipiere. Da kam’s mir sehr zu pass, dass meine liebe Künstlerkollegin Karin Rehm dort auch ausstellt. Nicht nur, dass einige Arbeiten von uns gemeinsam erstellt wurden, sie ist auch erfahren in der Virtuelleninkarnation, da sie die materielle Vertreterin meiner Freundin Thea Schattenwald ist. Da ich gebeten wurde, eine Eröffnungsrede für die Ausstellung zu schreiben, habe ich dies auch getan und Karin mitgegeben. Der Abend hatte eine wunderschöne Stimmung, doch schaut euch die Bilder am besten selbst an. Ein paar der Bilder sind auch von der Finissage.

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Die Rede, die Karin für mich gehalten hat:

Liebe Gäste, Es waren gute Argumente, die mich motivierten, politisch zu werden – und zwar jene guten Argumente für Stuttgart 21, die angeblich überwiegen sollten. „Es stimmt, dass ein Teil des Schlossgartens über Jahre hinweg Baustelle sein wird. Es stimmt aber auch, dass in einer Großstadt Baustellen für den Erneuerungswillen ihrer Bürger stehen.“ Das war im Juni 2010. Wer erinnert sich noch an die Kampagne? Mir liegt sie zu schwer im Magen um sie verdaut zu haben. Zuvor verfolgte ich das Widerstandstreiben mit Sympathie, beschränkte mein Engagement jedoch auf die Initiative Loch 21. Bislang dachte ich ja, meine fachliche Unkenntnis wäre ein schlechte Basis dafür, mein Maul zum Thema aufzureißen. Aber mit dieser Verdummungs-Kampagne wurde mir klar, dass Sachlichkeit in der Bahnhofsdiskussion dünn gesät war. Meine Hemmung, mich einzumischen, schwand. Ich fing an, mich in meinem Blog für das Thema zu engagieren. Der Zuspruch vieler Leserinnen und Leser bekräftigte mich. Der Widerstand kam im Sommer 2010 so richtig in Fahrt und brachte mehr Leute auf die Straße als die derzeitige Fussball-WM. Ich war begeistert vom kreativen Reichtum des Widerstands – man bedenkte den Bauzaun – und trug meinen Teil dazu bei. Am 30.9. änderte sich die Stimmung, wurde verbitterter und ernster. Mappus wollte Bilder schaffen als er die Polizei dazu veranlasste, mit aller Härte gegen Demonstranten vorzugehen. Er wollte den Widerstand provozieren, um ihn als militant darzustellen. Er scheiterte an unserer bedingungslosen Friedlichkeit. Wir schafften es ein Gegenbild zu erzeugen, welches dem Ministerpräsident letztendlich das Genick brach. Spätestens da wurde klar, dass es im Streit um den Tiefbahnhof nicht um Leistungsfähigkeit oder Kosten ging, sondern um Bilder.

Im Herbst folgte die sogenannte Schlichtung und sollte Sachlichkeit vortäuschen.  Dort schlugen sich die großen Köpfe der Befürworter und Gegner – übrigens alles Männer außer Gönner und Dahlbender – die Argumente um die Ohren und lenkten von grundsätzlichen Fragen ab. Wie zum Beispiel der Frage danach, wer das eigentlich alles bezahlen soll oder ob ein milliardenteurer Bahnhofsneubau – K21 oder S21 – überhaupt notwendig sei. Die Kreativität des Widerstands zeigte sich ein weiteres Mal vor der Landtagswahl, in der es galt, das wahre Gesicht von Mappus zu zeigen. Das ist uns gelungen, die CDU musste nach 58 Jahren Herrschaft den Posten räumen, die Grünen Protagonisten des Widerstands standen plötzlich in der Regierungsverantwortung. Sie waren nun gezwungen, eine landesweite Volksabstimmung durchzuführen, die so ausgelegt war, dass die Projektgegner kaum eine Chance hatten, sich durchzusetzen. Auch hier sollte wie bei der Schlichtung Demokratie vorgetäuscht werden, und dieses mal ist es ihnen gelungen. Und wieder versuchte der Widerstand, mit all seiner Kreativität die Argumente gegen das Großprojekt unters Volk zu bringen und fuhr dabei mit Bussen durch das Land. Dem steuersubventionierten Wahlkampf der Befürworter stand eine Truppe Ehrenamtlicher mit viel Kreativität und wenig Geld entgegen. Die Befürworter ließen sich erst gar nicht auf die Sachebene ein und führten einen emotionalen Wahlkampf, der es schaffte, viele Bürger gegen den Ausstieg aus der Finanzierung des Projektes zu stimmen. Also letztendlich für Stuttgart 21. Und das wird jetzt, wie es scheint, auch gebaut. Hat der Widerstand versagt?

Wir haben es nicht nur geschafft, die CDU-Herrschaft zu beenden. Wir haben auch für ein neues Bewusstsein vieler Bürger gesorgt. Viele apolitische Bürger wie ich wurden aufgeweckt, haben sich vernetzt, wurden kreativ und haben sich engagiert. Auch wenn wir keine Chance gegen das Kapital hatten, das hinter Stuttgart 21 steht, haben wir eine gehörige Menge soziales Kapital aufgebaut, dass man uns nicht nehmen kann. Es sind die Freundschaften, die wir geschlossen haben, die Erlebnisse, die uns verbinden, es ist das gemeinsam gewachsene Bewusstsein, dass wir eine Stimme haben und gehört werden wollen. Der Widerstand hat unsere Kreativität geweckt und es uns ermöglicht, sie zu nutzen. Ein Abend wie dieser hier ist für mich Grund genug zu sagen: Der Widerstand hat nicht versagt.

Fotos: Karin Rehm,
Titelillustration: Martin Zentner,
Vorlage für Titelillustration: Julia Doebele,
Hintergrund Titelillustration: Karin Rehm

Mein erstes Auto

Letztes Jahr haben die Stuttgarter Nachrichten mehr oder minder bekannte Bürger dieser Stadt nach ihrem ersten Auto und einer Geschichte dazu gefragt. Da außer mir niemand mehr ein Foto davon hatte oder eins hinbescheissen wollte, wurde aus der Geschichte zum 125-jährigen Autojubiläum nichts. Drum hab ich sie hier mal reingestellt. Das ganze geschah im September 96, als ich noch 21 Jahre alt war.

Meine Lieblingstante Mila hat mir ihren alten französischen Sportwagen geschenkt, weil sie nicht mehr so richtig gut einsteigen konnte. Sie wollte, dass ich ihn verkaufe und somit Geld für mein Ingeniuersstudium hatte. Auf das hatte ich zu diesem Zeitpunkt aber eh keinen Bock, weil ich es eigentlich nur wegen meinem Vater gemacht hab. Anstelle das Auto zu verkaufen hab ich beschlossen, damit in Urlaub zu fahren, wollte nach Dieppe, wo die Dinger gebaut wurden, an die Nordsee fahren. Das Bild hab ich in Le Tréport kurz vor Dieppe von einem Typ am Strand machen lassen. Dann fing das Chaos an. Die Fensterheber haben sich verselbstständigt, insbesondere bei Regen. Und irgendwann ist die Karre einfach liegen geblieben. Zum Glück hat mich einer abgeschleppt, der jemanden kannte, der mal bei der Fabrik gearbeitet hat und mir den Wagen abkaufte. Zurück mit dem Zug. War ziemlich frustriert, hab dann aber beschlossen, mein Studium zu schmeissen.

Breaking the what?

Eine Hand voll Herren kurz vor dem Rentenalter stehen auf der Bühne. Lametta blitzt und blinkt auf ihrer schwarzen Lederklufft, als wären sie wandelnde Diskokugeln. Nur schwerfällig kann sich der Sänger in seinen Nietenskistiefeln über die Bühne bewegen, aber dazu ist er auch nicht da. Er soll singen. Oder besser gesagt: kreischen! Das kann er noch wie in jungen Jahren. Rob Halford kann das sogar über viereinhalb Oktaven, und das nach vier Jahrzehnten Judas Priest, einem echten Urmetall des Heavy Metals, die schon einige Platten auf dem Markt hatten, als die New Wave of British Heavy Metal Anfang der Achtziger schneller, härter und lauter waren als ihre hartrockenden Vorgänger wie Deep Purple oder Black Sabbath. Auf ihrer Platte “Britsh Steel” wurde 1980 einer der besten Metal-Songs überhaupt veröffentlich: ”Breaking the law“. Beim Konzert muss Halford den Song schon lange nicht mehr singen, das Publikum übernimmt das für ihn. Ich tu’ so als ob ich textfest wäre, um mich nicht als totale Grünschnäbelin zu outen.

Ich drängel mich gleich vorne in die Mitte, um den altgedienten Headbangern bei der Arbeit zuzuschauen. Doch anstelle wildgewordener Berserker, die ihre Mähnen schwingen und flummihaft durch die Gegend hüpfen, tummeln sich dort loose die Fans, ihre Telefone zum Filmen gezückt. Ein paar mittelalte Herren die sich in wohliger Erinnerung an vergangene Tage ein bisschen anrempeln werden sofort von den Securityjungs gerügt. Ein paar jüngere Mädchen empören sich, wie man es wagen könne, ihre Ruhe zu stören oder ihnen gar ins Bild zu laufen! Bin enttäuscht von Generation Wattebäuschchen, die schon beim Falschparken ein Gefühl von Breaking the Law überkommt.

Show und Bühne sind zeitlos. Nur die Projektion auf den Backdrop (Die Leinwand hinter der Bühne) zeugen von Technologie dieses Jahrtausends. Technisch, nicht inhaltlich. Die Powerpointpräsentation alter Plattencover und historisch anmutender Animationen werden zum Glück oldschoolhaft durch Laser, Flammen, Nebel und stets wechselnde Glitzerkutten des Metal Gods Halford übertüncht, der auch mit dem Motorrad auf die Bühne fährt – wie es sich gehört! Mit Lederkäppi und Gerte erfüllt er alle Klischees Ralf-Königesker Lederschwuler. Tatsächlich sagt man ihm nach, der erste geoutete Metalsänger zu sein. Viel abgefahrener ist jedoch, dass Halford schon in den Achtzigern KEINE! langen Haare trug.

Als Vorgruppe spielt übrigens Thin Lizzy („The boys are back in town“, „Whiskey in the jar“). Bei denen gibt es kaum noch alte Männer, sie wurden größtenteils durch Jungrocker ersetzt, die die alten Hits ordentlich spielen.

judaspriest.com

www.thinlizzy.org

Übrigens: Hier gibt es eine dorische Abhandlung über den Sinn und Zweck des Schwermetals, die sich die verweichlichte Metaljungend mal hinter die Ohren schreiben sollte:
http://asemwald.wordpress.com/2011/04/15/tod-und-teufel/ 

5 Jahre Lebenslügen

Wenn das kein Grund zum wilden Feiern ist: Vor 5 Jahren, am 4. Mai 2007, habe ich diesen Blog hier begonnen. In meinem ersten Artikel hab ich mich erst mal vorgestellt:

Guten Tag, liebe Leser.
Mein Name ist Dora Asemwald und ich führe ein virtuelles Leben. Wer sich dafür interessiert, kann sich hier auf dem Laufenden halten.

Ich werde bisweilen gefragt, ob ich “echt” sei. Das ist Ansichtssache. Ich jedenfalls halte mich selbst durchaus für real. Ich lasse mich gerne auf eine Diskussion über die Definition von Realität ein. Wer mich jedoch für eine Fälschung hält, soll andere Blogs lesen und mich in Ruhe lassen. Allen anderen wünsche ich viel Spaß im virtuellen Asemwald.

Liebe Grüße: Eure Dora

Seit dem sind über 400 Artikel dazu gekommen, seit Mai 2010 ist der Blog bei WordPress, welches emsig die Leser zählt. Fast 70.000 mal wurde seit dem der Blog oder ein Artikel angeklickt. Hier ein paar Geschichten aus der Statistik. Auf die Bilder klicken öffnet den Artikel.

Fast 10.000 mal Klicks gingen an den kleinen Artikel über ein peinliches T-Shirt. Der verpixelte Vollhorst hat Fotografen Martin Anner übrigens das Leben ganz schön schwer gemacht.

Mode scheint beliebt zu sein: Der zweitmeist gelesene Artikel meines Blogs mit 985 Lesern handelt von Rapid Prototyping Klamotten.

Am liebsten echauffiere ich mich darüber, für dumm verkauft zu werden. Der drittmeistgelesene Artikel mit 913 Lesern über total bekloppte Wahlplakate.

Platz 4: 719 Leser interessieren sich für Erdbahnhöfe, Protest und Parkschutz in Stuttgart.

Am meisten Ärger gabs mit diesem Artikel, und die zweitmeisten Kommentare (Platz 1: Tu ihn unten rein). Entsprechend hässlich ist die Illustration von mir.

Der längste Artikel: Reisebericht meiner Japanreise von 2007, den ich neu überarbeitet und zusammengefasst habe.

Der einzige gedruckt veröffentlichte Artikel (In der Kontext-Beilage der TAZ).

Meine fleisigste Kommentatorin: Puzzle, Platz 2: die leider verstorbene Lesende, Platz 3: Der Emil

Das häufigst geschaute Bild (Frank und Steff)

Der häufigst gelesene Artikel in meinem englischen Blog, den ich doch sehr vernachlässige.

Gibt es Leser, die auch einen Lieblingsartikel haben? Ich freue mich über Feedback!

Übrigens: Anfags war mein Blog bei blogger: asemwald.blogspot.de

Tokyo, mon amour

Beim Rumwühlen in den Eingeweiden meines Blogarchivs bin ich auf eine Hand voll Reiseberichte aus Tokio gestoßen, die mir nach fast fünf Jahren immer noch gefallen. Ich habe sie überarbeitet und zusammengefasst. Auch die Bilder wurden neu gemacht, von der Künstlergruppe Schattenwald, die sich auf virtuell-materielle Grenzreisen spezialisiert haben.

Hier noch ein Soundtrack, passend zum Titel der Serie:

Ein Freund von mir verreist geschäftlich für ein paar Tage nach Tokio. Das pass, denn die riesige Stadt steht ganz oben auf der Liste jener Orte, denen ein dorischer Besuch gut tun würde. Ich schmuggel mich in sein Handgepäck und fliege mit.

Tag 1: Vom Versuch, mich zu verlaufen

Morgens kommen wir am Flughafen an und fahren mit dem Bus zum Hotel, einem typischen Business-Kasten, in die man gerne Geschäftsgäste einquartiert. Nur das vollautomatische Klo mit Sitzheizung lässt darauf schließen, das wir in Japan sind. Der Rest entspricht jenem internationalen Standard, der einen vergessen lässt, wie groß und bunt die Welt eigentlich ist. Mein Mitreisender muss gleich zu seinem ersten Termin. Ich gehe meiner liebsten Beschäftigung in fremden Städten nach: Mich verlaufen. In Tokio fällt das nicht sonderlich schwer.

Im Jetlag irre ich freudig durch ein Gewirr an Straßen, entdecke kleine Läden in Nebengassen und bade in der Reizüberflutung. Nach gefühlten 23 km Fußmarsch kommt mir ein alter Leitsatz in den Sinn: Doren sollte man nicht hungern lassen. Sie werden unleidig, bissig und im Allgemeinen unausstehlich. Sie wollen stets gut gefüttert sein, mit feinen Sachen. Wenn die Hose schon spannt, dann soll es wenigstens geschmeckt haben. Geld ausgeben und Erworbenes transportieren ist anstrengend und leert den Magen, der sich per Grollen bei mir meldet. Ein Schild sagt mir ich sei in Ropongi, der Heimat der Expats und jener, die an deren Geld wollen.
Hier ist rund um die Uhr was los, die Stadt schläft sozusagen nie. Ihre Bewohner jedoch schon. Immer, vorzugsweise im Stehen und überall – wenn sie nicht gerade telefonieren. Knurr, trägt mein Magen zum Thema bei. Mal schauen, wovon sich die internationale Business-Elite so ernährt.
Ebenso international wie das Publikum scheint hier die Küche zu sein, auch die deutsche Nationalspeise (im Fladenbrot, mit Alles und mit Scharf) dreht sich hier ohne Unterlass am Spieß. Ob es in Japan auch Dönertiere gibt? Wahrscheinlich wird hier alles aus dem Fleisch der hiesigen Tofutiere nachgebaut. Übrigens: Die Haltung dieser kulleräugigen, kuscheligen Tierchen ist recht fragwürdig, sie orientiert sich an den Wohnverhältnissen der sie verspeisenden Japaner. Sie lassen sich nur mit gedimmten Gewissen vertilgen, aber das gelingt mir als Nichtvegetarierin ganz gut.

Abends hat mich mein Verlaufen dann doch an ein Ziel gebracht, welches ich gezielt wohl nur im Netz gefunden hätte. www.dora.jp ist eine schöne Adresse, vor allen Dingen, wenn man sie auf eine Wand gedruckt entdeckt. Noch schöner wird sie, wenn sie von Weinkorken umgeben ist, die den Zweck des Ortes andeuten: Alkoholkonsum. Für Damen wie mich gibt’s 30% Prozent Nachlass – hoffentlich auf den Preis, nicht den Alkoholgehalt.

In Unkenntnis der schön anmutenden Buchstaben, die sich der Japaner wohl zur Verwirrung junger Damen aus dem Westen wie mich ausgedacht hat, lass ich mich überraschen, was da an feinen Räudigkeiten in Gläsern gereicht wird. Ich steige hinab in die Höhle der Dora und bekämpfe den Jet-Lag mit 30% reduzierten Cocktails, was ich durch Mehrkonsum wieder wett mache. Ahnungslos, wo ich gestrandet bin, winke ich ein Taxi herbei und zeige dem Fahrer meinen Hotelschlüssel. Er lacht und fährt weiter. Kein Wunder. Das Hotel ist auf der anderen Straßenseite. Ich bin offensichtlich zu doof, mich ordentlich zu verlaufen.

Noch ein Soundtrack: 

Tag 2: Waschnomadin

Am nächsten Tag verlaufe ich mich mal in eine andere Richtung und nutze irgendwelche U-Bahnen, deren Farbkodierung mir zusagt, in der Hoffnung mich mal so richtig schön sardinenhaft von Herren mit weißen Handschuhen in den Zug stopfen zu lassen. Enttäuscht vom großzügigen Platzangebot setze ich mich in Ruhe zwischen die Einheimischen, die wie hypnotisiert in ihre Klapptelefone starren oder darauf einhacken. Ich hätte wohl zur Rush-Hour kommen sollen, und so lange wie die hier arbeiten und danach noch karaokisieren ist die wahrscheinlich recht spät. Die Ansage der nächsten Haltestelle klingt irgendwie angenehm. Ich steige aus und lande in einem Konglomerat aus Hochhäusern, Bahngleisen, Shoppingmalls und Rolltreppen die überall hinführen, nur nicht raus aus dem Komplex, der sich als der Bahnhof von Shinjuku offenbart und das größte Passagieraufkommen der Welt hat. Ich trage dazu bei.

Mein Hunger klopft wieder an, ich will was essen. Eine schmale, schlauchartige Suppenküche ragt tief hinter die neonleuchtende Fassade eines Geschäftshauses neben dem Bahnhof. Ich setze mich an die lange Theke, die sich durch das Lokal schlängelt.

Der Blick in die Kochtöpfe offenbart:  Hier werden wohl unzählige Variationen von Gaisburger Marsch aufgetischt, sogar Maultaschen schneiden sie da rein. Ich zeige auf den Teller meines Thekennachbarn und hoffe, dass der Kellner kapiert was ich meine. Schade das es keine Algen in Gaisburg gibt, die japanische Variante mundet mir. Hach, wie doof: Das dem Essen beigelegte Sojasoßenplastikaufreisundwegwerffläschchen widersetzt sich zuerst vehement meinem Versuch, mittels Beißwerkzeug an dessen Inhalt zu kommen, disponiert dann doch kurzerhand um und entleert sich über meine leider nicht ganz sojasoßenfarbene Hose. Gute Gelegenheit, lokale Waschbräuche zu erkunden.  Und siehe da: der Münzwaschsalon ist auch in Japan heimisch! Ich kann keinem Münzwaschomat widerstehen, die tollsten Bekanntschaften und Entdeckungen habe ich dort schon gemacht. Der Mann fürs Leben war zwar nicht dabei, aber der Einblick in das Leben jener, denen keine eigene Waschmaschine zur Verfügung steht, hat mich stets fasziniert. Zugegeben: ich bin leicht zu faszinieren, aber auch wieder schnell entfasziniert. Grundsätzlich unterscheide ich zwischen jenen, die aus blanker Not weder Platz noch Geld für eine eigene Maschine haben und jenen, die sich nicht durch eine Waschmaschine binden lassen wollen, folglich dem Waschnomadentum frönen. Der moderne urbane Waschnomade, ein Trend, den die Weißwarenindustrie bislang verschlafen hat. Ich werde sie jedenfalls nicht wecken.

Ein klarer Fall von dorischer Gedankenlosigkeit: Was zieh ich an, wenn meine Hose sich in der Waschtrommel rumtreibt? Schlechte Vorbereitung zwingt zur Improvisation, und die ist im Gegensatz zur Planung meine Kernkompetenz. Ein pinkleuchtender Wäschekorb neben dem Geldwechslomat scheint herren- und damenlose Klamotten aufzubewahren, die irgendjemand mal hat liegen lassen. Ein Jeansrock sieht so aus, als ob er mal wieder ausgehen möchte. Ich leihe ihn mir für die Dauer eines Waschgangs und zwänge mein für japanische Kleidernormen überdimensionierten Po in den Rock.

Vom Anblick der rotierenden Hose kurzfristig hypnotisiert verlier ich mich gerne in Gedanken, insbesondere wenn Münzwaschomaten wie dieser schlecht frequentiert werden. Am Ende meines Gedankenganges, der sich als Sackgasse erweist, drohte Langeweile wie ein ausgehungertes Raubtier. Also: erst mal Gebiet erkunden. Eine hinten links jenseits des Waschmittelomats – hier gibt’s für alles einen Automat – leicht verdeckte Tür ist nur angelehnt. Meine Neugierde ist hell wach. Und wenn die mal wach ist, bedarf es elefantenportionene Beruhigungsmittel, um sie wieder in den Schlaf zu wiegen. Die hätte es im Automaten vor der Tür gegeben, aber ich hab mein ganzes Kleingeld schon in den Waschomat geschmissen, in welchem meine befleckte Hose gerade eine nette Runde dreht. Hinter der Tür befindet sich ein düsterer Gang, ein sonderbares Brummen dringt aus den Gullideckeln, es riecht nach einer Mischung aus Wunderbaum und Fritörin, ist aber sehr sauber, wie eigentlich alles hier. Mein Lieblingsautor, der japanische Haruki Murakami, hat in seinen Büchern so alles Mögliche über das Treiben unterhalb Tokios geschrieben. Da ich seinen Geschichten glauben schenke, wirft ein nicht mehr ganz so leichtes Gefühl der Mulmigkeit seinen Schatten auf das lodernde Feuer meiner Neugier. Ohne Erfolg, denn Schatten haben gegen Feuer nur geringe Chancen. Ich muss mir eingestehen, dass ich mich im Labyrinth der Gänge ein kleines bisschen verlaufen hab. Was zu erwarten war, wenn man mich kennt. Und das sollte ich eigentlich. Eine einsame Nichtplastikpalme neben einem üppig gefüllten Aschenbecher in einem dieser verwinkelten Gänge zeugt von menschlicher Belebtheit, leise dringt Jazzmusik in mein Ohr. Ich folge ihr und entdeckte eine weitere angelehnte Tür, durch deren Spalt die Musik wohl ihren Weg zu mir bahnt. Jenseits der Tür befindet sich eine Treppe nach unten, deren Ende dank Dunkelheit nicht auszumachen ist. Vom Forscherdrang getrieben steig ich unzählige Stufen in den Schlund des Hauses und gelange in einen schummerigen, unübersichtlichen Raum.Wirres Geflecht durchzieht das Zimmer, als ob eine überdimensionale Spinne neugierige Mädchen darin einfangen wolle. Doch mit dorischen Reflexen kann ich der Gefahr entrinnen und schlängele mich durch den katakombösen Raum zur Quelle der Musik – Jazzmusik mit wilden Rhythmen und einem Saxofonisten, der versuchte, jenseits der Grenze zum Lärm Musik zu finden. Ob er an diesem Abend noch erfolgreich sein würde, ist mir nicht klar, doch genieß ich seine Suche. Beruhigt trink ich ein paar der Musik entsprechend komplexe Drinks und vertreibe den gefühlten Restmulm aus der Magengrube. Es ist schon etwas später als ich wieder in die wirren Gänge komme. Jenseits einiger Ecken entdecke ich am Fuße einer weiteren Treppe einen fensterlosen Raum, der eng anliegend um einen Koch und seine Küche geschneidert wurde. Ich entledige mich meiner Stiefel, wie es in guten japanischen Etablissements üblich ist. Sieben Zentimeter kleiner scheint die Decke schon etwas ferner, der Raum gewinnt an Größe. Ob Japaner deshalb stets die Räume ohne Schuhe betreten? Es riecht nach Misosuppe, die der freundliche Herr mir auch gleich in einer Schale reicht. Dazu gibt es erbsenartige Schoten, die ordentlich mit Salz überschüttet wurden. „枝豆!“ (Edamame), sagt der Koch und zeigt auf die Schoten, als er meinen Fragenden Blick sieht. Der alte Salztrick funktioniert auch hier, Durst ist international. Auch Japaner zeigen stolz ihre Sammlung an Alkoholika, hier sind die Wände gesäumt mit Sakeflaschen. Das macht es mir immer einfach, trotz mangelnder Sprachkenntis durch Gestik meinem Begehr Ausdruck zu verleihen. Heißer Reiswein läuft mir wie Öl den Hals hinunter und wärmt Leib und Seele. Ob ich jemals wieder zurück zu meiner Hose finden werde? Diesen Gedanken blende ich vorerst aus. Dafür ist später Zeit.

Tag 3: Glücklich dealphabetisiert

Apropos Hose: Irgendwie habe ich zu wenig Hosen im Koffer. Es fehlt eigentlich immer genau das, was ich gerade brauche. Das ist eine Regel, die in diesem Fall nicht durch eine Ausnahme bestätigt wird, da ich ausgerechnet keine Hose habe, die mit meinem Lieblingsoberteil harmoniert. Solche Probleme löst man am besten mit Geld, in so fern man welches hat. Ausreichend Yen-Scheine offenbart ein Blick ins Portemonnaie. Obwohl ich ohne Schuhe sehr, sehr knapp unter 1.70m groß bin, mache ich mir Sorgen, dass die auf japanische Verhältnisse geschnittenen Hosen nicht passen könnten. Japanerinnen scheinen um die Hüfte extrem schmal zu sein, wie ich gestern in meinem Leihrock feststellen musste. Ich hab sowieso viel mehr Lust auf einen neuen Rock, da kommen die Stiefel, die ich mit noch kaufen sollte, besser zur Geltung. Ich schau mich erst mal um, wie die Einheimischen sich so kleiden.

Gerne bedecken sie ihr Knie, jedoch eher von unten als von oben. Die Schulmädchenuniform mit Faltenrock und Overknees tut es mir besonder an. Noch ist Geld im Beutel, und wenn das ausgehen sollte, dann werde ich einfach meine getragenen Unterhösschen verkaufen. Denk ich mir jedenfalls. Egal. Darüber wollte ich mir später Gedanken machen, erst muss Füllstoff für den Koffer angeschafft werden.

Ein Blick in meine Einkaufstüten zeigte: Das gefährliche Loch in meinem Koffer scheint sich langsam zu füllen, den vielen netten Einkaufsläden sei Dank. Und wenn ich zuviel gekauft hab, brauch ich wohl eine neue Tasche. Oder ich steck’s bei meinem lieben Mitreisenden in den Koffer. Der nimmt sowieso nur wieder Blödsinn mit, in diesem Fall halt meinen.

Blödsinn gibts hier an allen Ecken, leuchtend bunt und wunderschön. Wahrscheinlich wär er nur halb so schön, wenn man die Schrift entziffern könnte. So fühle ich mich wohl, in meiner Rolle als Analphabetin, an der die zugekokster Werberhirne entsprungenen Texte schadlos vorbeigleiten. Man sollte sich temporär dealphabetisieren können, dann wäre die Welt durchaus angenehmer. Sprachkundige werden hier nicht durch die Gnade der Ignoranz geschützt und bekommen jene verkaufsfördernde Verbraucherinformationen mit großen Löffeln in die Misosuppe geschüttet. Trotzdem sind sie fidel und freundlich. Die Freude über das bunte Neonlicht sticht wohl dessen verblödeten Inhalt, das Medium ist hier offensichtlich die Botschaft – und die leuchtet farbenfroh. Der Freude trotz totaler Werbebedröhnung muss eine langjährig erlernte Technik zu Grunde liegen, die ihre Wurzeln im 3. Jahrhundert vor Christus hat und seither von asketischen, ganzkörperepilierten Mönchen weitergereicht wird. Ich beschließe, ein entsprechendes Kloster aufzusuchen, um mich dieser Fähigkeit zu bemächtigen. Wenn es mir gelingt, sollte ich in der Lage sein, einen Mediamarkt zu durchqueren ohne dabei bekloppt zu werden.

Tag 4: Das Auge isst mit

Heute Abend lädt mich mein Mitreisender ein, damit ich auch mal was anderes als Suppen zu essen bekomme. Wenn ich schon nicht zahle, will ich wenigstens angemessen eingekleidet erscheinen und ziehe das schöne rote Seidenkleid an, für das ich heute Nachmittag mein Reisebudget geopfert habe. Ich suche zielsicher ein Restaurant auf, das meinem Sinn for Schönes und Feines, aber nicht meinem Geldbeutel entspricht.

Bei der japanische Küche gilt: Das Auge isst mit. Ich aber auch. Die Kaki auf dem Vorspeisenteller ist etwas hart. Sie dient wohl der Dekoration und meiner Blamage. Im Hunger kenn ich da aber nichts. Nur das Blatt lass ich liegen. Um so feiner das Essen, desto kleiner die Portion.

Optisch und kulinarisch beglückt aber trotzdem hungrig ziehe ich nochmals los und stolpere schon wieder über deutsche Küche. Wunderbar für mich, die kein Japanisch spricht: Die Speisekarte, in Plaste nachgebildet und im Schaufenster platziert. Ich will auch so was haben: Blutwürste, Broiler, Schnitzel, Eintopf in unecht, als Deko für mein Fenster. Mein Magen muss auf einheimische Kost noch einen Tag warten, denn morgen muss ich leider zurück fliegen.

Ich kaufe mir vom restlichen Geld beim nächsten Seven Eleven noch ein paar Dorayakis – rote Bohnenpaste zwischen zwei kleinen Pfannkuchen – die nicht nur toll heißen sondern auch essbar sind und gehe zurück ins Hotel.

Tag 5: Abreise

Am nächsten Morgen bekommt mein Mitreisender Frühstück aufs Zimmer, weil wir früh zurückfliegen müssen. Das Hotelfrühstück ist der Hotelzimmereinrichtung entsprechenden internationalen Einheitsnorm unterworfen, sodass internationale Businesskasper trotz jetsetendem Lifestyle nie durch lokale Eigenheiten aus ihrem Rhythmus gebracht werden, also nicht an kulinarischem Jetlag leiden müssen. Ich hätte lieber eine Portion Algen, und komischen Fisch, der sich roh auf dem Teller räkelt und Suppe mit bunten Einlagen. Gibt es aber nicht. Gute Laune auch nicht. Ich will nicht zurück nach Hause, will in Tokio bleiben. Ich lasse die Welt an meiner Laune teilhaben. Sie ist das gewöhnt von mir. Sie sollte es jedenfalls sein. Auch egal. Ich hasse Flugzeugfraß.

Ode an Stuttgart

Viele Stuttgarter zieht es nach Berlin. So auch Edward Stockton, ein Musiker der mir immer wunderschöne Lieder gesungen hat. Seit einem Jahr lebt er dort und hat ein Lied über seine alte Heimat geschrieben: Ode to a city. Manchmal muss man etwas hinter sich lassen, um seine Schönheit zu erkennen.
Um es anzuschauen muss man sich von der Decke abhängen, einen Kopfstand machen oder die Augen so verdrehen, dass man andersrum gucken kann. Da der Text so schön ist kann man ihn hier auch lesen. Ich habe ihn auch auf den Kopf gestellt, damit man beim Videoschauen unproblematisch mitlesen kann.
Also gut, noch mal andersrum:
beloved city
I told a lie
I left your care
I left your sight
I found this whore up in the north
I played bad games with you
sure I had to find myself
and find out what you knew before
I had to see that all I need
you´ve got it all for me
please take me back I´m your lost son
I didn´t know before I was gone
the stars are so much brighter here
my heart belongs to you
the whore up in the north I killed
I took a knife and pushed it deep
and as she cryed
and ask me why
I told her that it´s all for you
I thought a walk could set me free
I took my bag 123
the first train to another land
a stranger on the road
what did I find I cannot tell
another threat, another hell
a girl I met but she was pain
she was a bitch we played a losing game
day by day I walked around
and listened to the city sounds
but she never sang a song like you
she was hard on me she ate my boots
please take me back …
newborn stars are hard to find
and if you can´t remember mine
come back and I´ll do my best
to light them up and give you rest
please take me back …

Verkatzung des Netzes

DORATZE!

Wie jeden Morgen gleite ich über die Wellen des Netzes und beobachte die fortschreitende Verkatzung. „Web Catification“, so der Fachausdruck, den ich mir grade aus den Finger gesaugt habe. Unter Netzhistorikern herrscht ja immer noch Dissens über die Ursprünge des weltweiten Datennetzwerkes. Die einen schieben die Schuld in die hochhackigen Schuhe der Pornobranche, die ja schon den Videorekorder (komischer Kasten aus der Präyoutubalen Phase) und andere Medien zum Erfolg gebracht haben soll. Die anderen – zu denen ich mich natürlich zähle – haben erkannt, dass die Verbreitung von Katzenbildern die ureigene Triebfeder war, die Computer dieser Welt miteinander zu verknüpfen. Apropos Tier: Spider crawlen das World Wide Web um Informationen zu sammeln und analysieren, damit sie mal gegen einen verwendet werden können. Im Gegensatz zu Katzen machen sie das aber unsichtbar. Katzen sind die Rampensäue, die sich auf Pinwänden und in Blogs tummeln. Das hat Konsequenzen, die nicht nur angenehm sind: Täglich verbrauchen Katzen ca. 12 Petabyte virtuelles Katzenstreu und erlegen unzählige Maustreiber. Eine wachsende Anzahl von Rechnern leidet an Digitaler Katzenhaarallergie, was sich in allgemeiner Verlangsamung des Systems, Abstürzen und verlorenen Dateien zeigt. Die Symptome ähneln denen von Viren, die Allergie kann jedoch von keinem Antivirenprogramm überlistet werden. Hier ist Forschungsbedarf! Das Institue for Catological Studies in Portland, Oregon, hat erst unlängst eine eigene Abteilung für Digitale Allergologie gegründet. Insbesondere für Hundefreunde ist die Netzverkatzung weniger wünschenswert, aber das tangiert mich nicht, da ich ganz klar der Katzenfraktion angehöre und somit auch eine Teilschuld an der Verkatzung des Netzes trage.

Doras Monatsbuch

Wenn das hier so weitergeht, muss ich den Blog hier in Doras Monatsbuch umbenennen. Es ist ja nicht so, als ob ich nichts zu sagen hätte, erlebt hab ich genug. Nur halt nicht darüber geschrieben. Auch der virtuelle Tag hat nur 24 Stunden. Noch. Ich arbeite an einer Zeitlochmaschine, die das ändern wird.

Ich bin viel verreist, zusammen mit meiner neuen Freundin Thea Schattenwald. Dass sie so heißt wie unsere Künstlergruppe, ist natürlich reiner Zufall. Gemeinsam ergründen wir die Regionen, in denen die materielle und  virtuelle Realität aufeinanderstoßen und sich überlappen. Oder vermischen einfach die beiden Welten, hüpfen nach Lust und Laune auf die eine oder andere Seite, am liebsten auf beide zugleich.

Politisch interessiere ich mich auch noch, was grade so geht. Bürgermeisterkandidaten werden derzeit gesucht und ins Rennen geschickt. Jemand hat mich gefragt, ob ich das machen wollte, aber so verrückt bin ich auch wieder nicht. Man stelle sich vor: Den ganzen Tag Wahlkampf, Hände wundschütteln, von Plakaten grinsen (okay, dazu wäre ich selbstdarstellerisch genug), in Parteien Ränke schmieden und dergleichen. Zum Glück liefe ich keine Gefahr, gewählt zu werden. Denn dann wäre ich Chef von unzähligen Beamten, müsste mich um die Verwaltung der Stadt kümmern. Das könnte ich der Stadt nicht antun, dazu liebe ich sie zu sehr. Und mir auch nicht.

Letztendlich stehen derzeit zwei Kandidaten, die beide Chancen haben: Turner und Kuhn. Turner ist ein Werber, der weiß, wie man Leuten Dinge andreht, die sie nicht brauchen. Das macht mir Angst. Alle anderen, die mitmischen, wie die Meisterbürger, wollen halt in der Medienbugwelle surfen. Das ist ja eigentlich mein Metier: So tun als OB. Ich muss ja nicht wirklich. Das ist das schöne an der Virtualität. Mein Favorit derzeit: Berufskandidat Schroeder.

Die große Wunde

Heute ist es wohl so weit: Der Mittlere Schlossgarten Stuttgarts wird geräumt, damit Platz für die Baugrube des Erdbahnhofs Stuttgart 21 geschaffen werden kann. Dabei im Weg: Die wunderschönen alten Bäume des Parks. Die sollten eigentlich alle verpflanzt werden, das hat die Bahn als Resultat der Schlichtung versprochen. Das Versprechen werden sie brechen.

Die Bäume werden für den neuen Bahnhof geopfert. Ob das Opfer gerechtfertigt ist oder nicht, darüber sind sich die unterschiedlichen Parteien nicht einig. Aber eins ist klar: Die Zerstörung wird eine tiefe Wunde in die Mitte der Stadt schlagen, auch symbolisch. Das kann auch niemandem egal sein, der für den Neubau des Bahnhofs ist.

30.000 Bürger haben sich bei den Parkschützern eintragen lassen und heute ist der Tag, an dem es um die Wurst geht. Ich hoffe, dass viele Leute, die sich in den letzten Jahren gegen die Zerstörung des Parks ausgesprochen haben, heute kommen, um zumindest Abschied zu nehmen. Wahrscheinlich sind nur wenige bereit, aktiv gegen die Räumung vorzugehen, aber es wäre ein gutes Bild, wenn so viele Menschen wie möglich anwesend wären und zeigen, dass es uns nicht egal ist, wenn so etwas geschieht. Wir werden der Übermacht der Polizei nichts entgegensetzen zu haben, aber wir können Zeugen sein und zeigen, dass wir um unsere Bäume trauern.

Ich wünsche mir, das auch jene dort anwesend sein werden, die verantwortlich für die Zerstörung sind. Auch ihnen kann es nicht egal sein, wenn wir dieses Opfer für ihre Zukunft bringen. Auch die Landesregierung, insbesondere Kretschmann, täten gut daran. dieser Hinrichtung beizuwohnen, um zu sehen und Anteil daran zu haben, wenn der Seele der Stadt eine tiefe Wunde zugeführt wird.

Ich wünsche mir, dass alles gewaltfrei abläuft, und ebenso wünsche ich mir, dass die Rodung in letzter Sekunde verhindert werden kann.

Neue Heimat für unsere Bäume

Grab mit!

Fortschritt ist, wenn der Bagger rollt. So denken viele, auch in Stuttgart. Und da Stuttgart gerne ganz vorne mit dabei wär, sollen dort bald Kolonnen von Baggern rollen. Doch wo Bagger rollen, da stören Bäume. Sie stehen einfach so im Weg rum. Kein Problem, sagen sich die Bautypen, und machen Kleinholz aus ihnen. Bauernopfer müsse gebracht werden. Meine Kollegin Thea Schattenwald findet das gar nicht gut und hat da eine Idee: „Stell dir vor, die Leute würden wenigstens die ganz kleinen Bäume ausgraben und ihnen eine neue Heimat geben.” Natürlich muss man vorher klären, wie das geht und ob man das überhaupt darf. Aber mal ganz ehrlich: Es ist doch besser, wenn ein Baum im Wald oder sonstwo statt dem Fortschritt im Wege steht.

Direkte Absurdität

Heute gesehen: Top-Argument gegen direkte Demokratie. Nicht das ich denke, dass Kinderschändern Gnade widerfahren sollte, aber es ist schon erschreckend, wie man die zivilisatorische Errungenschaft der Abschaffung der Todesstrafe so einfach infrage stellt, wenn die Emotionen hochkochen. Wie viele zu Unrecht wegen Kinderschändung Verurteilte wären wir bereit zu töten, um dem Auge um Auge-Prinzip gerecht zu werden? So lange es kein fehlerfreies Rechtssystem gibt, ist so eine Forderung absurd. Eine Volksabstimmung zur Todesstrafe nach einem durch die Medien gejagten Schändungsfall ergäbe ein eindeutiges Ergebnis, nach der posthumen Rehabilitierung eines Unschuldigen sähe es genau anders rum aus. Auf wie viele Priester würde dann das Schafott warten? Vielleicht wäre es sinnvoller, die Verfolgung solcher Fälle zu vereinfachen, jene die solche Fälle vertuschen härter ran zu nehmen (würde der Kirche auch nicht gefallen) und besser abzuwägen bevor ein Kinderschänder wieder auf freien Fuß gesetzt wird. Das ist komplexer und lässt sich halt nicht so einfach auf eine Autoscheibe neben ein kulleräugiges Mädchen drucken. Ich bin froh, dass das Volk nicht mit so diffizilen Fragen überfordert wird und dann die Bildzeitung und RTL entscheiden, wo’s lang geht.

Nanostrukturnagellack

Neue Fotos von Frank und Steff über eine wunderschöne Zukunft. Den Text hab ich geschrieben:

The bliss of nanostructure nail varnish

For some it ‘s menacing, but the Dautrys have decided to embrace the bliss of progress. „If you can’t stop it, utilize it!“, as Marie II likes to say. Raoul looks toward a radiant future, where sorrows of the past will long be forgotten. Meanwhile Marie I simply adores the delicate reflections on her nanostructure nail varnish.

Models: Jelena, Marie & Andrew
Haare/Make-Up: Rahel Täubert
Styling: Fidan Baran

2011

Foto: Lisa Nerz (http://lisanerz.blogspot.com/)

2012 – Das Jahr des Weltuntergangs hat angefangen. Den Weltuntergang fürchte ich nicht, die Sonne geht ja schließlich täglich unter – und am nächsten Morgen dann doch wieder auf. Auch 2011 haben meine Welt und ich gut überlebt.

Gleich im Januar hab ich beschlossen, jeden Tag zu bloggen – Ein Vorhaben, an dem ich fulminant gescheitert bin. Aber Scheitern gehört bei mir zum Programm, ich vergrößre meinen Scheiterhaufen täglich. Apropos scheitern: Am meisten hab ich mich darüber gefreut, dass die CDU-Landesregierung und ihr ekeleregender Obermotz Mappus daran gescheitert sind, wiedergewählt zu werden. Wenngleich es bis heute nicht gelungen ist, Stuttgart 21 zu stoppen, hat es der Protest geschafft, die CDU nach 58 Jahren Herrschaft vom Tron zu verjagen! Der Ausstieg Deutschland aus der Atomkraft war mir ein inneres Lachsbrötchen und die schönste Belohnung für all das Frieren auf Demos letzten Winter.

Bild: Eva Teigelkötter

Am 25. Februar wurde ich 36 und viele Gäste kamen mit Geschenken! Da ich wissen wollte, wie meine Freunde sich mich vorstellen, bat ich sie ein Porträt von mir zu zeichnen, basteln oder schreiben. In der Stuttgarter Zeitung erschien ein Artikel über die Feier!

Im April habe ich meine erste eigene Ausstellung in der XS-Gallery in Stuttgart. Viele Leute kamen und tauschten Gedanken und Lebenslügen auf Post-Its mit mir aus.

Im Mai legte das Team Dora Asemwald Racing los und fuhr die Allgäu-Orient-Rallye, kam aber nie in Jordanien an. Eine Odyssee auf Seelenverkäufern durch’s Mittelmeer führte leider nicht ins Ziel.

Im  Sommer hab ich einen neuen Ort entdeckt, der mich begeistert hat: Unser Pavillon. Der containerartige Bau wurde von Künstlern erdacht und in den Mittleren Schlossgarten gestellt, genau zwischen die Zelte, die im Schlossgarten nach dem 30.9. letzten Jahres aufgestellt wurden. Dort hab ich die Pavillonistin, Kunsttherapeutin und Künstlerin Karin Rehm kennen gelernt und wir haben uns sofort ins Herz geschlossen! Zusammen mit ihr hab ich zuerst eine Ausstellung der Schlossgarten-Fotos von Frank & Steff und Peter Franck gemacht.

Das hat so schön geklappt, dass Karin bei mir in der Galerie einstieg und wir die  Künstlergruppe Schattenwald gegründet haben, über die es dieses Jahr noch mehr zu lesen gibt.

Im November habe ich dann ein paar Arbeiten zum Thema Widerstand gegen die Übel dieser Stadt im Pavillon ausgestellt und mit Karin zusammen neue Loch 21 Projekte durchgeführt. Die Galerie ist aus ihrer Totenstarre erwacht und das Loch wird weitergegraben!

Und zu guter letzt hab ich noch eine Band mit der Sängerin Maren Katze gegründet: Katzenwald. Die ersten 2 Lieder sind schon online!
http://www.myspace.com/katzenwald 

Alles in allem war’s ein großartiges Jahr, hab tolle Menschen kennen gelernt, wilde Sachen erlebt und viel Spaß gehabt. Für’s nächste Jahr ist auch schon so einiges geplant. So werde ich zum Beispiel in einem Krimi meiner Freundin Lisa Nerz mitmachen und weiterhin die virtuelle und begehbare Welt und den Raum drum herum ergründen. Ich freue mich wenn ihr wieder hier vorbei schaut!

Eure Dora

Wer wissen will, was 2010 bei so mir ging:

http://asemwald.wordpress.com/2011/01/04/freitagseintopf-2010/

Ein Ort für bewegte Bürger

Der Volksentscheid hat ergeben: Das Land Baden-Württemberg soll nicht aus der Finanzierung des Großbauprojektes Stuttgart 21 aussteigen. Für die Bahn bedeutet das der Startschuss, mit dem Projekt richtig loszulegen. Viele Gegner fassen dies als Legitimation für den Bau des Bahnhofs auf, auch wenn seine Finanzierung noch nicht geklärt ist. Andere wollen bis aufs Letzte Park und Bahnhof verteidigen. Währenddessen wird das neue Stuttgart geplant. Vor lauter Bahnhof hat keiner bemerkt, dass jetzt schon ganze Häuserblöcke wie im Gerberviertel abgerissen werden, um Shoppingcenter und Büroleerstand hinzuklotzen..Das Gebiet, auf dem heute noch Gleise liegen, wird neu geplant und keiner interessiert sich so richtig dafür. Wenn das neu gefundene politische Bewusstsein in Radikalisierung oder Rückzug verläuft, haben wir nichts gewonnen.
Plattform für Aktive
Es gibt auch einen dritten Weg: Unsere Stadt braucht eine Bürgerbewegung, die sich jenseits der Bahnhofsfrage für eine bürgerfreundliche Stadtentwicklung engagiert. Und diese Bewegung muss offen und sichtbar sein. Sie braucht einen Ort, der als Anlaufstelle und Dialogzentrum für Bürger dient, die die Zukunft ihrer Stadt nicht den Großinvestoren überlassen wollen. Ein solchen Ort gibt es schon, doch der steht auf verlorenem Boden: „Unser Pavillon“ steht derzeit dort, wo ab Januar die Bagger rollen werden. Der containerartige Bau dient als Informations- und Ausstellungsplattform dieser neuen Bürgerbewegung und ist nicht nur Anlaufstelle für Aktivisten und Künstler, sondern auch interessierte Passanten. Bislang wurde der von Stadt und Land nur geduldete Pavillon mit viel persönlichen Engagement und Herzblut von ein paar Leuten ehrenamtlich betrieben. Doch um den Pavillon an einem neuen Ort auf einer soliden, legalen Basis weiter zu betreiben, bedarf es der weiteren Unterstützung von uns allen. Dazu sollen auch Gespräche mit der Stadt über finanzielle Unterstützung und einen geeigneten Standort geführt werden. Das Team vom Pavillon sucht deshalb engagierte Leute, die sich an der Weiterentwicklung des Pavillonkonzepts beteiligen wollen.
Frische Ideen braucht das Land
Ich persönlich würde mir ja wünschen, wenn insbesondere junge Leute dem Aufruf folgen würden. Sie sind es, die die Früchte ihrer Arbeit ernten können, denn es handelt sich um langfristige Prozesse. Sie müssen neue Wege finden, wie Bürger in die Stadtentwicklung besser integriert werden können. Und dazu brauchen wir frische Ideen und die Bereitschaft, das Gewohnte auf den Kopf zu stellen und unkonventionelle Lösungen zu suchen. Wenn wir uns auf die Ideen der Politik verlassen, haben wir nichts dazu gelernt. Als engagierter Bürger reicht es nicht, alle paar Jahre ein Kreuzchen zum machen. Sonst kommt das nächste Stuttgart 21 bestimmt.
Noch ein Hinweis: Es eilt! Wenn ihr Interesse habt, dann meldet euch so schnell wie möglich beim Pavillon:

Noch ein paar Infos rund ums Thema:

  • Eine interessante Bürgerbewegung in Stuttgart nennt sich „Meisterbürger“. Ein Bürgernetzwerk, dass sich zum Ziel setzt mitzuregieren, anstatt regiert zu werden.
    http://meisterbuerger.org/
  • Hier informiert die Stadt darüber, wo gerade gebaut wird:
    http://stuttgart-baut.de/
  • Das größte städtebauliche Projekt im Zuge von Stuttgart 21 ist das Rosensteinviertel. Auf der Webseite steht zu oberst: „Wir gestalten unsere Stadt von morgen“. Derzeit befindet sich das Projekt in der „Inspirationsphase“. Diesen Mittwoch, dem 14. Dezember, startet eine Veranstaltungsreihe bei der es die Möglichkeit zur Diskussion geben soll. Es lohnt sich den vorgesehenen Beteiligungsprozess genau unter die Lupe zu nehmen.
    http://www.rosenstein-stuttgart.de/
  • Das passiert, wenn Investoren die Stadt gestalten:
    http://www.das-gerber.de/

Hier der Aufruf von der Facebookseite von „Unser Pavillon“:
https://www.facebook.com/unser.pavillon

Aufruf zur Mitwirkung

Die junge Bürgerbewegung in Stuttgart hat keinen Grund zur Resignation, sie muss jetzt mit frischer Kraft weitergehen, dazu haben wir einen Auftrag und eine historische Verpflichtung! Wir wissen, dass es um mehr als einen Bahnhof geht und daher haben wir als Bürgerbewegung, die knapp die Hälfte der Stuttgarter Bevölkerung vertritt, einen legitimen Anspruch auf eine dauerhafte, prominente Präsenz im öffentlichen Raum.

Lasst uns diese Chance nutzen und ein starkes Projekt mit unserer geballten Kompetenz initiieren: Aus dem Projekt Unser Pavillon können wir ein gemeinsames, längerfristiges und finanziertes Projekt heraus entwickeln! Das geht jedoch nur, wenn sich genügend Menschen zusammentun und ihre Kräfte bündeln.

Daher unsere Frage: Wer kann sich vorstellen bei einem zukünftigen Projekt in Anknüpfung an das aktuelle Pavillon-Projekt mit einem neuen, gemeinsam erarbeiteten Konzept aktiv dabei zu sein?

Und noch zu guter Letzt: Das Hemdchen, das ich auf dem Bild trage, hat meine Freundin, die Künstlerin Karin Rehm erfunden. Ich werde es bald zum Kauf in ähnlicher Form feilbieten. Karin hat mir auch dabei geholfen, diesen Text zu formulieren. Sie ist Urpavillonistin, hat ihn mit eigenen Händen mit aufgebaut und unzählige Mal dort „Dienst geschoben“.

Weiterärgern und fertig bauen.

Als gute Demokratin, so habe ich  vielfach gehört, darf ich jetzt nicht mehr gegen ein vom Volk legitimiertes Bauprojekt auf die Straße gehen, muss die Kröte schlucken und das Maul halten. Es sei dahin gestellt, was ich von der Volksabstimmung über die Bahnhofsfrage halte. Aber klar ist: Es wird gebaut. Zumindest mal damit angefangen. Bis das Geld ausgeht. Einerseits sagt die Bahn, dass 4.500.000.000 Euro ausreichend seien. Andererseits sagte Bahnchef Grube aber auch, dass sich das Land wie alle Projektpartner an etwaigen Mehrkosten beteiligen muss. Ministerpräsident Kretschmann behauptet jedoch, dass das Land keinen Cent mehr als der veranschlagte Anteil zahlen wird. Gebaut soll trotzdem werden, obwohl keinem klar ist, wer die Rechnung dann zahlt, die garantiert kommen wird. Und da niemand gerne vor Bauruine 21 stehen möchte, wird im Falle von Kostenlimitüberschreitung halt doch Landesgeld in den Schlund des Erdbahnhofs verschwinden, denn keiner hat dann die Eier zu fordern, die Grube wieder zuzuschütten.

Als gute Demokratin schickt es sich vielleicht nicht, weiter gegen S21 zu demonstrieren, aber für eine klare Aussage zur Finanzierung kann man ruhig weiterhin auf die Straße gehen.

Wenn die Bahn ihren eigenen Zahlen glauben würde, könnte sie ja ohne Probleme die Mehrkosten übernehmen, die es aus ihrer Sicht nie geben wird. Es mag gängige Praxis sein, Projekte mit zu knapp kalkulierten Kosten politisch durchzusetzen, aber ich sehe nicht ein, dass die Bürger dieses Landes dafür aufkommen müssen. So lange seine Finanzierung nicht geklärt ist, darf mit dem Bau des Erdbahnhofs nicht angefangen werden.

Mich hätte übrigens interessiert, wie das Land abgestimmt hätte, wenn die erdbahnhofsfreudige Mehrheit direkt dafür gerade stehen müsste. Wie viel Privatvermögen wäre jeder von denen bereit, in ihre Version der Zukunft von Stuttgart zu investieren? Leider herrscht die Einstellung, dass irgend jemand schon die Rechnung bezahlen wird. Dieser Gedanke ist Vater unserer Eurokrise und widert mich an.

Als gute Demokratin akzeptiere ich des Volkes Wille, werde aber nicht aufhören, wach zu bleiben. Stuttgart wird sich in den nächsten Jahrzehnten drastisch ändern. Der Ruf nach mehr Partizipation des Volkes wurde laut, die Politik denkt über Vereinfachung von Bürgerentscheiden nach. Das stellt uns als Bürger in die Verantwortung, die Entwicklung kritischen Auges zu begleiten. Auch wenn es für viele frustrierend sein mag, dass der Widerstand nichts verhindern konnte, dürfen wir jetzt nicht aufgeben und uns beleidigt zurück ziehen. Gerade jetzt ist es wichtig, unser neu gefundenes politische Bewusstsein weiter zu leben und eine aktive Rolle an der Entwicklung unserer Stadt und unsere Landes einzunehmen. Demokratie funktioniert nur, wenn der Souverän, das Volk, kritisch, wach und verantwortungsbewusst handelt.

Löcher begreifen

Neues aus unserer Galerie:

Am Freitag den 18. November gibt’s eine Aktion in unserer Ausstellung. Karin lässt Leute haptisch das Grab-Mit-Gefühl erleben. Hier der Aufruf:

Lochworkshop am Modellgrabfeld

Übe dich im Lochgraben in unserem Modellboden! Lege Hand an die Erde an und fühle, wie dein Loch entsteht.

Dieser Workshop ist für alle jene, die aktiv an der Belochung unserer Stadt teilhaben wollen. Nebenan könnt ihr sogar an der Lochplanung teilhaben und mitbestimmen, wo in Stuttgart zuerst gegraben werden soll. Im Programm inbegriffen ist sachkundige Begleitung seitens einer versierten Lochologin.

Des weiteren kann man noch bei unserer Lochplanungsaktion teilnehmen, bei der eine große Luftansichtskarte von Stuttgart an der Wand hängt:

Hier entsteht ein Loch!

Das größte Loch der Welt – im Zentrum Europas. Nichts geringeres will die Initiative Loch 21 in Stuttgart verwirklichen. Alle Bürger der Stadt sind dazu aufgefordert, an dieser Aktion teilzunehmen. Packt eure Schaufeln aus und grabt mit! Bei Loch 21 wird Bürgerbeteiligung groß geschrieben. Doch wo fangen wir an? Engagiert euch und steckt eine Fahne in die Karte, und zeigt, wo zuerst gegraben werden soll. Schreibt uns dazu, wieso ihr denkt, dass dort ein Loch die Stadt verschönern würde!

Die Aktionen sind Arbeiten der Künstlergruppe Schattenwald.

https://www.facebook.com/event.php?eid=291309557567739

Freitag, 18. November · 16:00 - 19:00

Unser Pavillon, Mittlerer Schlossgarten, Stuttgart

Busausfahrt gegen den Erdbahnhof

Bald ist es soweit: In Baden-Württemberg wird vom Volk über ein obskures Finanzierungsgesetz abgestimmt. Der Wahlzettel ist kompliziert und verwirrend, die Materie sowieso. Letztendlich hat man eine Wahl: Ja oder Nein. Ja heißt, man will das Milliardenprojekt Stuttgart 21 nicht haben, Nein bedeutet, dass man es haben will. Um Verwirrung vorzubeugen beschränkt sich der Wahlkampf auf eine klare Aussage, wo man das Kreuzchen hinmachen soll. Die Erdbahnhoffreunde klotzen mit Plakaten im ganzen Land, denn sie haben eins: Geld. Das haben die Gegner nicht, sind auf private Spenden und viiiiiiel Idealismus angewiesen. Darum will ich hier mal eine schöne Aktion erwähnen, die jene erreichen soll, die fern ab der Bahnhofsfrage leben, aber trotzdem gefragt sind. Hier der Aufruf:

Am 19.11. und 26.11.  fahren wir mit Bussen in ländliche Regionen, wo die Bahn nicht hinkommt.

In jedem grösseren Ort halten wir am Marktplatz, springen raus und verteilen ca. 15 Minuten Infomaterial. Dann heisst es “Alle Mensch an Bord”, und es geht weiter zur nächsten Station. Das Ganze geht ca. von 7:30 bis 15:00.

Wir hatten zunächst 2 Busse Reserviert – Nun, wegen grosser Nachfrage, stehen 3 Busse bereit. Natürlich fahren alle Busse in verschiedene Richtungen

Wenn Du an unserer Kaffeefahrt teilnehmen willst, kannst Du Dich noch per Email bei uns melden. Wir versprechen auch, weder Rheumadecken noch Tiefbahnhöfe zu verkaufen.

http://volksabstimmung-s21.org/cms/aktion/flashmob/

Grab mit!

Die Galerie lebt wieder! Erst vor kurzem habe ich Karin in unser Galeristen-Team mit aufgenommen, und schon machen wir unsere erste offizielle gemeinsame Ausstellung. Nun gut, ohne sie wäre die letzte Ausstellung nie zu Stande gekommen. Diesmal zeigen wir was in eigener Sache, denn es geht um mein Treiben im Widerstand gegen Stuttgart 21. Da ist natürlich das größte Thema die Initiative Loch 21, wozu es auch neue Sachen zu sehen gibt – und zum mitmachen! Ihr dürft euch – zumindest virtuell – bei der Verlochung unserer Stadt beteiligen. Es wird schöne Buttons geben und hoffentlich einen netten Abend mit viel Spaß. 

 

Ausstellung: Grab mit! Dora und der Widerstand. 

Vernissage: 

 

Montag, 14. November 2011
ab 19 Uhr
Unser Pavillon, Mittlerer Schlossgarten, Stuttgart