Wie jeden Morgen gleite ich über die Wellen des Netzes und beobachte die fortschreitende Verkatzung. „Web Catification“, so der Fachausdruck, den ich mir grade aus den Finger gesaugt habe. Unter Netzhistorikern herrscht ja immer noch Dissens über die Ursprünge des weltweiten Datennetzwerkes. Die einen schieben die Schuld in die hochhackigen Schuhe der Pornobranche, die ja schon den Videorekorder (komischer Kasten aus der Präyoutubalen Phase) und andere Medien zum Erfolg gebracht haben soll. Die anderen – zu denen ich mich natürlich zähle – haben erkannt, dass die Verbreitung von Katzenbildern die ureigene Triebfeder war, die Computer dieser Welt miteinander zu verknüpfen. Apropos Tier: Spider crawlen das World Wide Web um Informationen zu sammeln und analysieren, damit sie mal gegen einen verwendet werden können. Im Gegensatz zu Katzen machen sie das aber unsichtbar. Katzen sind die Rampensäue, die sich auf Pinwänden und in Blogs tummeln. Das hat Konsequenzen, die nicht nur angenehm sind: Täglich verbrauchen Katzen ca. 12 Petabyte virtuelles Katzenstreu und erlegen unzählige Maustreiber. Eine wachsende Anzahl von Rechnern leidet an Digitaler Katzenhaarallergie, was sich in allgemeiner Verlangsamung des Systems, Abstürzen und verlorenen Dateien zeigt. Die Symptome ähneln denen von Viren, die Allergie kann jedoch von keinem Antivirenprogramm überlistet werden. Hier ist Forschungsbedarf! Das Institue for Catological Studies in Portland, Oregon, hat erst unlängst eine eigene Abteilung für Digitale Allergologie gegründet. Insbesondere für Hundefreunde ist die Netzverkatzung weniger wünschenswert, aber das tangiert mich nicht, da ich ganz klar der Katzenfraktion angehöre und somit auch eine Teilschuld an der Verkatzung des Netzes trage.
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Grundlos glücklich
Ich bin grad glücklich. Grundlos. Das ist auch gut so, denn wenn es einen Grund gibt, kann er meinem Glück wie ein Teppich unter den Füßen weggezogen werden.* Gründe sollte man nur für Unglück haben, denn die kann man beseitigen.
Gründe sind eh überbewertet, weil sie eine kausale Folge im Sinne von “wenn a dann b” implizieren. Das mag bei trivialen Dingen okay sein, so zum Beispiel: Wer auf den Elektrozaun pinkelt kriegt eine gewischt. Aua. Bei nichttrivialen Angelegenheiten sieht’s schon anders aus. Wenn ich einen dummen Spruch klopp, dann lacht mein Gegenüber, oder ist sauer. Je nach Laune, denn: Was Launen hat, ist nichttrivial. Zum Beispiel Menschen und Tiere. Und manchmal auch Computer. Naja, eigentlich ist alles, was nicht durch die überschaubaren Naturgesetze abgebildet werden kann jenseits jener Trivialität, die Gründen ihre Daseinsberechtigung gibt. Der Versuch, mit einfacher Logik komplexe Systeme zu bändigen führt selten zu was. Wenn man also Gründe sucht, dann darf man nicht erwarten welche zu finden, die solche auch sind. Man findet höchstens Rechtfertigungen, und die sind verdammt subjektiv. Bin ich zum Beispiel glücklich, weil mir jemand ein Bier ausgegeben hat, dann darf ich nicht daraus schließen, dass ich deswegen glücklich sei. Sonst würde jedes mir ausgegebene Bier mich beglücken. Vom falschen ausgegeben geht es voll in die Hose. Erst recht weil ich eine Frau bin und somit extrem nichttrivial.
Es ist durchaus sinnvoll zu beobachten, unter welchen Umständen etwas passiert. Es ist jedoch sinnlos, daraus logische Schlüsse zu ziehen und vermeintliche Tatsachen in den Raum zu stellen. Was ich hier so schreibsel klingt trivial, ist es aber nicht. All zu oft versuchen Menschen mit vermeintlicher Logik kausale Zusammenhänge zu erfinden, die hanebüchen sind. Sie wollen einen damit unter dem Deckmantel unumwerfbarer Logik verbal in irgend jene Ecke drängen, die ihnen einen Vorteil verspricht. Man traut sich leider viel zu selten zu sagen: “Was du sagst klingt in sich schlüssig. Aber leider nur in sich, nicht für mich”.
Ich bin es leid mich mit Argumentationsketten zu behängen, die jeglicher Basis entbehren. Logik ist ein ganz nettes Werkzeug, um einen gangbaren Weg zu suchen, mit dem man ein Problem lösen kann. Man sollte nur nicht der Versuchung erliegen, diesen Weg für den einzig wahren zu halten.
*Die Erkenntnis, das Gründe das Glück schmälern verdank ich Dagi.
Vom Versuch, beim Fußballspiel den Rasen zu mähen
Ich will mich ja raushalten – kann es aber nicht. Ich weiß ganz genau, dass die unendlichen Kommentarketten zu den aktuellen politischen Themen das perfekte Biotop für jene sind, die gerne mal auf die Kacke hauen. Feindbilder aufbauen und reinschlagen. Und ich bin dann manchmal so blöd und lass mich darauf ein, vergeude Zeit und inneren Frieden um einer Bande Halbstarker als Kasper zu dienen.
Rezept für mal ordentlich auffe Kacke hauen
Das funktioniert immer gleich. Man nehme ein empörungsfreundliches Thema (Erdbahhof, Atomkraft usw.) und formuliere eine unpopuläre Position so scharf und unsachlich wie möglich. Dann wirft man die echauffierte Meute in einen Topf, gibt ihr ein klischeehaftes Etikett („Wutbürger“, „Berufsdemonstrant“ , „Proler“) und macht sich über sie lustig. Bildstarkes Beispiel aus Facebook, kommentiert von „Apollo Stuttgart“, einem selbst ernannten Mitglied der „bürgerlichen Mitte“ zum Thema TV-Duell Mappus/Schmid:
„Wenn man sich wieder die Kommentare hier durchliest könnte man grad meinen, daß jeder von euch schon die Trillerpfeiffe im Göschle hat und einarmig auf die Tastatur klopft um die andere zur sozialistischen Faust ballen zu können.“
Ohne sich dabei auf’s wacklige Terrain des Diskussionsinhalts zu begeben kann man so jede Diskussion mal richtig schön anheizen. Auch ein Klassiker, in diesem Beispiel zur selben Diskussion von „Andy Lauland“:
„Wie sich die Linken immer erbosen… süß!“
Herabsetzung durch Gegnerverniedlichung. Komplett inhaltsbefreit, jedoch ohne Bild und dadurch langweiliger.
Diskutieren oder gewinnen?
Damit jetzt kein falscher Eindruck entsteht: Aus der Kiste der miesen rhetorischen Tricks bedienen sich alle (auch ich). Links, rechts, hinten, oben und alle anderen. Den naiven Glauben, dass diese Diskussion der politischen Meinungsbildung dienen, sollte ich mal ablegen. Es geht fast immer darum, einer Gruppe anzugehören und opponierende Gruppen ausfindig zu machen, an denen man dann Frust ablassen kann. Manche werden Fußballfans, da ist das ganze ja schon gut organisiert. Andere verwechseln Diskussionen mit der Fankurve und versuchen die Mitdiskutanten in Teams einzuordnen. Fällt ja auch einfach, da die meisten hier sich mittels Profilbildbuttons einer Seite zuordnen („oben bleiben“, „oben ohne“). Der Versuch, in solchen Diskussionen was zur Sache zu sagen kommt einem dann so vor, als wolle man während eines Fußballspiels den Rasen mähen oder auf selbigem ein Picknick machen. Die einen wollen diskutieren, die anderen gewinnen. Die an schiere Unmöglichkeit grenzende Schwierigkeit, Ironie schriftlich zu kommunizieren sorgt für das Sahnehäubchen der Verwirrung.
Respekt
Zum Glück kommt es auch zu erfrischenden Schlagabtäuschen. Ich schätze es sehr, wenn zwischen verbalen Grabenkämpfen ab und zu schöne oder schlaue Gedanken durchblitzen. Einige meiner „Gegner“ habe ich mittlerweile sehr lieb gewonnen, wenngleich wir uns andauernd fetzen. Grundvoraussetzung dazu ist ein Mindestmaß an Respekt vor dem Gegenüber. Verbal um sich schlagende Rüpel sind der Diskussion das, was Hooligans dem Fußball sind. Das Spiel ist egal, Hauptsache kloppen.
Ich werde weiter diskutieren und hoffe dabei meine Gelassenheit zu waren. Viele aggressive Kommentatoren schreiben sich in Ermangelung sprachlicher Finesse um Kopf und Kragen – ein gefundenes Fressen für ihre Gegner, die der Versuchung der Überheblichkeit erliegen. Damit verschwindet der Respekt und zieht der Diskussion den Teppich unter den Beinen weg. Ich versuche jedem erst mal mit Respekt begegnen. Wer diesen nicht erwidert verliert ihn auch von mir. Und dann hilft nur noch ignorieren. An diesem Vorhaben werde ich noch oft scheitern, aber versuchen kann ich es ja mal. Manchmal macht es halt doch Spaß, ein überhebliches Ekel zu sein, und an verdienten Opfern mangelt es ja nicht.
Frauenschutz ist Herzenssache.
Übrigens: Morgen ist Weltnierentag. Getreu dem Motto:
Ihre Nieren arbeiten 24h und 7 Tage die Woche ohne dass Sie es merken. Schützen Sie diese lebenswichtigen Organe und folgen Sie dem Motto: „Nierenschutz ist Herzenssache”
Funktionieren die Nieren (man entschuldige den sprachlichen Doppler), dann denkt man nicht drüber nach. Das ist typisch. Wahrgenommen wird nur, was sich bemerkbar macht. Und wenn es nicht die Nieren sind, dann soll es ein solcher Tag. Ob es ihm gelingt, sei dahin gestellt.
Gestern war Weltfrauentag. Frauen sind nur schwer mit Nieren vergleichbar, aber das Prinzip des Bewusstmachens soll auch hier gelten und ist Anlass für wilde Diskussionen im Internet. Viele halten diesen Tag für überflüssig, da wir Frauen kein erinnerungswürdiges Phänomen seien, welchem man einen Tag widmen muss. Es gibt ja auch keinen Weltmännertag. Es gibt ihn doch! Vergessen wird dabei, dass Welttage auch Kulturkreise außerhalb unserem gibt, in denen Frauen nur wenig Rechte haben. Während wir uns berechtigterweise über Frauenquoten in den Chefetagen die Köppe einschlagen werden Geschlechtsgenossinen anderer Länder als Menschen zweiter Klasse behandelt. Wie Nieren arbeiten sie einen erheblichen Teil der 24 Stunden und 7 Tage der Woche ohne dass viele es merken. Das ist uns hier wohl allen bekannt, man findet es nicht gut, akzeptiert es aber und denkt nicht weiter drüber nach.
Das Frauen hier heute keinen Weltfrauentag mehr brauchen verdanken wir Frauenrechtlerinnen wir Clara Zetkin, der Initiatorin dieses Tages (1910). Sie haben gegen erheblichen Widerstand sich für Rechte eingesetzt, die heute so selbstverständlich wie Nieren sind.
Die wilden Diskussionen über den Sinn dieses Tages stiften Sinn. Sie schärfen das Bewusstsein für ein Thema, welches in vielen Teilen der Welt brandaktuell ist und auch bei uns nicht als selbstverständlich abgetan werden darf.
Da fällt mir noch ein: Die Emanzipation virtueller Menschen … Aber das ist ein anderes Fass, dass sich hier bestimmt noch öfters öffnen werde.
Instant-Glück
Petra Rau über mich:
Dora – ein perfektes Paar
die gelungene, weil erdachte 2. Hälfte
Vision und Ziel
Aufgabe und Herausforderung
Projizierte Emotion
Liebe ohne Risiko
Beziehung ohne Verschleiß
das perfekte Glück!
Perfektes Glück und Liebe ohne Risiko. Das hört sich doch sehr utopisch – ergo unmöglich – an. Das Leben lebt vom Kontrast, Glück existiert nur im Doppelpack mit Unglück. Unriskante Liebe wird wahrscheinlich schnell selbstverständlich und verliert ihren Reiz. Liebe und Glück müssen jeden Tag aufs Neue errungen werden. Sie kommen nie von alleine, man muss sie zumindest einfangen und dann ausreichend gießen und düngen. Für beides muss man offen sein, und wer offen ist kann verletzt werden. “No risk, no fun”, so die englische Redensart.
Die Lebensratgeberbranche bietet Regalkilometer an Büchern zu diesen Themen feil, insbesondere für jene die noch immer daran glauben, dass, wenn man nur den richtigen Trick raus hat, das Glück dann von alleine kommt. Ohne Anstrengung, ohne Risiko. Einfach Wasser drauf schütten, umrühren, fertig! Wie sähe wohl die Welt aus, in der dieser Quatsch stimmten würde? Es scheitert doch schon daran, dass keiner so richtig definieren kann was Glück und Liebe eigentlich sind. Weitere Regalkilometer ringen mit diesen Fragen und scheitern auch daran, dass die Antwort für jeden wohl anders lautet. Blöderweise gilt dies gerne auch für Paare, deren Zweisamkeit dann an unterschiedlichen Vorstellungen leidet oder gar drüber stolpert.
Da hilft es auch nicht, virtuell zu sein. Liebe und Glück sind kein bisschen greifbarer als ich es selbst bin. Es ist unser Schicksal und unsere Verantwortung stets aufs Neue für sie zu kämpfen. Das hält uns auf Trab und macht das Leben spannend.
Mal ehrlich gelogen …
Nein, ich bin nicht verschwunden, ich lebe noch. Ein kleiner Zeitengpass soll als Ausrede für mein Nichtpublizieren ausreichen. Manche haben ja schon gefürchtet ich wäre mit meiner zusammengeklauten Identität aufgeflogen und hätte sie zurückgeben müssen. Da ich weder Verteidigungsministerin bin, noch dieses oder ein ähnliches Amt anstrebe, geht mit das auch völlig am Arsch vorbei. Und letztendlich klauen wir uns doch eh alles zusammen und plappern ne ganze Menge nach, ohne dabei die Quellen in verbalen Fußnoten anzugeben. Wär auch lästig, ich kann auch ohne Goethe zu nennen zum Arschlecken aufrufen. Und der hat das bestimmt auch nur bei seinem unflätigen Nachbarn abgekupfert. Kopieren und Einfügen ist keine Erfindung des Computerzeitalters, es liegt in der Natur des Menschen. Was bei Vögeln im Ansatz vorhanden hat der Mensch perfektioniert: Das Imitieren. Es hat ja auch was praktisches: nicht jeder muss das Rad neu erfinden.
Dafür darf man sich selbst jeden Tag neu erfinden! Oder genauer gesagt: Abgeschautes rekombinieren und neu zusammensetzen. So wie wir unser Weltbild aus der großen Kiste der Erfahrungen und der dadurch gelernten Muster zusammenbasteln, erzeugen wir unser Außenbild und werden in die Realitätscollagen in den Köpfen anderer integriert. Natürlich wollen wir in der Selbst- wie Fremdwahrnehmung ein schönes Bild abgeben, wollen gemocht, gefürchtet oder einfach nur respektiert werden. Dazu täuschen, manipulieren und mauscheln wir, um das Selbst- und Fremdbild in die gewünschte Richtung zu bugsieren. Selbstehrlich betrachtet macht das jeder, auch du und ich. Schwierig wird es, wenn man versucht ein nicht dem Selbstbild entsprechendes Fremdbild aufzubauen. Wenn man so tut als ob, obwohl man weiß, dass es gar nicht so ist. Nur Lügen, an die man selbst glaubt, können glaubwürdig sein. Also: Erst in die eigene Tasche lügen und dann den anderen. Und nicht dabei erwischen lassen, sonst ist’s rum mit der Glaubwürdigkeit. Oder besonders reumütig darauf plädieren, dass … Ach schaut einfach in die Nachrichten wie’s die Profis machen.
Mein persönlicher Lieblingstrick: Einfach von vornherein behaupten man sei verlogen. Das erzeugt dann ein klassisches Paradoxon welches die anderen aus der Bahn wirft. Ein ehrlicher Lügner braucht das Erwischtwerden nicht zu fürchten.
Nicht sichern, kaufen!
Ist euch schon mal aufgefallen dass einen Werbung stetig dazu auffordert sich etwas zu sichern? Jetzt Vorteile sichern! Schaut mal auf die kleinen Werbeblöcken in der rechten Spalte von Facebook. Mit Sicherheit appelliert mindestens einer davon an den Sicherheitsdrang. Wir leben wohl in unsicheren Zeiten, in denen nur glücklich ist, wer sich schnell noch Rabatt, Angebot oder irgendeinen anderen glitzernden Konsumscheiß sichert. Kein Wunder sind die Leute verunsichert, werden sie doch andauernd mit einmaligen Angeboten überhäuft. Will ich mir zum Beispiel ein Telefon nebst Vertrag erwerben, ist es unmöglich, das passende Angebot zu finden. Kein Angebot gilt so lange wie ich brauchen würde um es mit anderen zu vergleichen. Und beschissen werd ich eh von allen Anbietern. Suche ich im Supermarktregal ein Shampoo, dann darf ich zwischen gefühlten 253 Sorten auswählen, deren Verpackungen alle alles und nichts versprechen. Das ist es, was mich verunsichert. Das stete Gefühl durch das Angebot überfordert zu sein und das falsche gekauft zu haben. Und dann kommt die verdammte Werbung und will dass ich mir alles sichere.
Liebe Werbetexter: Ich will mir nichts sichern. Ich will keine 70% Preisnachlass auf Zeug, dass ich eh nicht brauch. Ich will mir keine Vorteile sichern, erst recht nicht wenn ich nicht mal weiß, wessen Vorteile es eigentlich sind. Wenn ich etwas haben will, dann sichere ich es mir nicht, ich kaufe es einfach.
Über die Unart halbe Schokoladentafeln zu essen
Eine Tafel Schokolade kann und darf man nicht häppchenweise einteilen, man muss sie auf einen Schlag essen. An diese Philosophie erinnerte mich soeben Blogette Heide (2puzzle4) in einem Kommentar. Die Angewohnheit sich das Beste immer für den Schluss aufzuheben führt selten zum Glück. Denn wer weiß ob der Schluss überhaupt kommt? Oder verschläft man ihn gar? Glücksabwarter haben ihren Kühlschrank stets voll mit Köstlichkeiten, die ihr Verfallsdatum schon längst hinter sich haben. Sie essen zuerst die Beilagen und sind beim Filet dann schon satt. Sie schuften sich zu Grunde und können das angehäufte Geld als Rentner gar nicht mehr genießen. Sie bauen ihr Glück auf Vorfreude.
Glück muss man packen solange es frisch ist. Es ist zu flüchtig um es in Tupperware eingefroren für einen Tag der vielleicht nie kommt aufzubewahren. Und wenn es weg ist kommt ja bestimmt wieder was neues vorbei. Genau so ist es mit Ideen. Die sollte man lieber umsetzen als in die große Zukunftsprojektkiste zu packen. Die ist schneller voll als man schauen kann. Und Ideen ohne Umsetzung sind eh nichts wert. Ich werde diesen Artikel jetzt auch sofort veröffentlichen, solange er noch frisch ist. Obwohl ich gerade erst einen anderen reingestellt hab. Dann bin ich schon gezwungen mir wieder was Neues für morgen auszudenken.
Dorische Überdeckungsdimension
Ich wollte eigentlich noch was Schlaues schreiben, hab mich aber von einem Internetfund ablenken lassen. Ein Fraktal-Visualisierungsprogramm. Was ist ein Fraktal? Es sieht aus wie gebatikt, wird aber folgendermaßen definiert: Ein Fraktal ist eine Menge, deren Hausdorff-Dimension größer ist als ihre Lebesgue’sche Überdeckungsdimension. Manchmal frag ich mich auch, ob ich aus einer Überdeckungsdimension stamme, die Dorische Überdeckungsdimension oder so. Ich liebe Fraktale. Man muss die Mathematik nicht kapieren, die Bilder sind aber trotzdem prima. Glaubt ihr nicht? Ist ganz einfach: Programm runterladen, ausführen, rumspielen.
Letztendlich liegen den Bildern sehr einfache Formeln zu Grunde, die aber Welten unendlicher Komplexität aufspannen. Man kann die Bilder so weit vergrößern wie man will, man wird immer wieder neue Strukturen finden. Übrigens: Gott behält seine Würfel im Becher, was willkürlich aussieht, ist das stets wiederholbare Ergebnis einer – für Mathematiker – simplen Berechnung. Ist unser Universum vielleicht auch nur ein unendlich komplexes Ergebnis einer für transuniversale Mathematiker simplen Formel? Könnten wir sie als Teil des aus dieser Formel hervorgegangenen Universums überhaupt verstehen?
Wer gerne den Sternenhimmel anguckt um über die üblichen Sinnfragen zu sinnieren kann sich bei Bewölkung ja auch mal in die Welt der Fraktale verlieren.
Guter Soundtrack dazu, mit feinem Fraktal-Video:
Scheiterhaufen
WordPress hat mich herausgefordert! Jeden Tag einen Artikel, so meine Blogplattform, soll man schreiben. Ich nehm die Herausforderung an, auch wenn ich mir das schon oft erfolglos vorgenommen hab. Aber vorhergegangenes Scheitern wird all zu gerne als Ausrede für zukünftige Nichtversuche hervorgezerrt. Lieber nehme ich den Mund zu voll und erhöhe meinen Scheiterhaufen als dass ich es gar nicht erst versuche. Und wenn schon, dann hab ich immerhin in der enthusiastischen Anfangszeit schon mehr gemacht.
Scheitern wird bei uns ja gefürchtet wie ein dreiköpfiger Zombiesaurier mit Tollwut. Vielleicht sollte man nicht nur jeden Tag blogieren, sondern auch täglich scheitern. An irgend was, sei es noch so klein. Man darf natürlich nicht mit Absicht scheitern. Es gildet nur, wenn man etwas ernsthaft versucht hat. Sonst kommt man in die Paradoxfalle: Wem es gelingt zu scheitern der scheitert nicht.
Ich rufe mal die Initiative failaday2011 und die Weicheivariante failaweek2011 aus. Oder auf Deutsch: Scheiterhaufen11. Woran bin ich gestern gescheitert?
Ich habe weiterhin versucht, mich in einem 3D-Programm abbilden zu lassen. Aber das Programm ist widerborstig, ich kapier es nicht so ganz und habe zu wenig Geduld. Da werd ich vielleicht noch ein paar Mal dran scheitern müssen.
Woran seid ihr schon gescheitert?
In der Wolke dorische Schlagwörter
Vor zwei Jahren bin ich beim egogooglieren auf eine Begriffswolke gestoßen, welche die Webseite 123people.de meinem Namen zuordnet. Damals kamen folgende Begriffe in absteigender Reihenfolge auf den Schirm: Zettel, Zentner, Wurst, Stuttgart, und so weiter. In Ermangelung eines schmissigen Themas hab ich meine Idee recycliert und mal wieder geschaut, was da jetzt so bei rauskommt.
Stuttgart hat es nach vorne geschafft! Stuttgart 21 folgt dicht und dann kommt schon Brezel. Die ess ich nicht nur jeden Morgen, so heißt ja auch der Blog für den ich schreib. Twitter ist auch keine Überraschung, genauso wenig Martin, der mich immer zeichnet. Unterm Strich scheint die Wolke gar nicht mal so verkehrt zu sein, was mich jedoch stutzig macht ist Ficken. Hab ich ja nichts gegen, verbalisiere ich jedoch nicht so häufig, wegen meiner Ambivalenz dem Begriff gegenüber. Ficken ist einerseits ein schrecklich vulgärer Ausdruck, der den Geschlechtsakt komplett entromantisiert. Aber es gibt einem wiederum einen Präzisen Begriff zur Hand, wenn lieblose Zweisamkeit unverblümt zum Ausdruck gebracht werden soll. Man kann damit wunderschön in den heißen Brei treten, den andere wortreich umkreisen. Je nach Kontext kann das Wort peinlich oder direkt rüber kommen. Darum meine Ambivalenz. Wie es in meine Wolke kommt? Keine Ahnung. Ist aber auch egal, wir sind hier schließlich im Internet und da geht’s ja oft eh ums Ficken.
Dora redet vom Wetter
Die jährliche Weihnachterei geht in den Endspurt. Der plötzliche Schneefall verstopft die Straßen, auch die Bahn ist (nicht nur) vom Phänomen Winter überfordert. Schlecht für den Smalltalk: Diesmal kann keiner jammern, dass es schon so lange kein weißes Weihnachten gab. Dafür kann man von verpassten Zügen und dergleichen berichten. Was war zuerst da, das Wetter oder der Smalltalk? Ich behaupte das Wetter wurde erfunden, damit man darüber unbesorgt mit jedem reden kann, den man trifft. Witterung geht alle was an. Man riskiert keinen Streit wie es die politische Diskussion mal gerne nach sich ziehen, wenn man vom anderen Lager ist. Zum Glück gibt es dazu in Stuttgart ja jetzt Kennzeichnungspflicht. Wenn ein Obenbleibenbuttonträger einen Obenohnebuttonträger am Wetter vorbei gleich ins politische zieht – oder natürlich andersrum– dann ist der Ärger vorprogrammiert und wahrscheinlich erwünscht. Vielleicht sind die überbordenden Launen des Wetters dieses Jahr ein gewolltes Manöver zur Ablenkung auf das friedlichere Parket des meteorologischen Diskurses?
Man stelle sich vor, die Wetterfrage würde die Gemüter ebenso aufwühlen wie das Unterdieerdebringen von Gleisen und Atommüll. Es gäbe die Fraktion der Kältefanatiker, die es im Winter in die Berge zieht, und die würden gegen die Thailand-Front wegen deren Liebe zur feuchten Schwüle auf die Straße gehen. Der Wetterbericht würde polemiktriefende Hasstiraden in seinen Kommentaren nach sich ziehen und alte Freundschaften würden an einem milden Winter zerbrechen. Da müsste ein Meteorologe sich nicht mehr an den Frauen vergreifen um das Gemüt des Volkes in Wallung zu bringen. Ein Traum für Politiker: Sie könnten sorglos Castoren durch aberwitzige Tiefbahnhöfe rollen lassen während das Volk gegen das Tiefdruckgebiet (oben bleiben!) auf die Barrikaden geht. Währe ich Obermops einer dauerregierenden Selbstbedienungspartei würde ich die Wetterkontroverse mit allen Mitteln (kann man sich bei der EU erschleichen) fördern. Rudi Carell forderte schon vor 35 Jahren einen Sommer wie er früher einmal war und gab der SPD die Schuld daran, dass es nur über 1000 Meter Schnee gab. Er hat damit der politischen Öffentlichkeitsarbeit eine Steilvorlage verpasst. Erst diesen Herbst hat das Stuttgarter Regime versucht, den leichten Sprühregen in die lästige Debatte um unliebsame Baumbewohner einzubringen. Das ging jedoch ins Auge.
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„Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ Damals hieß Twix noch (nicht mal) Raider und die Deutsche Bahn AG noch Deutsche Bundesbahn, im Westen jedenfalls. Dieser Devise sind sie nicht treu geblieben. Heute geben sie dem Wetter die Schuld wenn im Sommer die Zugabteile überhitzen und im Winter selbige den Bahnhof gar nicht mehr verlassen. Kaum ein anderes Phänomen lässt sich so findig für Ausreden instrumentalisieren.
Wann lernt die Politik endlich Kapital aus dem Wetter zu schlagen? Die Klimadebatte gibt’s ja schon. Aber Klima ist doch viel zu abstrakt, da reden nur bruddelige Ökofritzen drüber. Das Wetter – der konkrete kleine Bruder des Klimas – ist viel griffiger. Ein Wettergipfel wäre viel volksnäher als jene Veranstaltungen, die nach dem Austragungsort benannte Protokolle ausspucken an die sich eh keiner hält. Es ist doch scheißegal ob die Erwähnung global ist oder nicht, Hauptsache man friert nicht.
Eine Gesellschaft die wortlos das Wetter erduldet ist kaum vorstellbar. Sie wäre nicht nur verdammt schweigsam, ich hätte in ihr auch diesen Artikel nicht schreiben können. Oder es hätte ihn keiner verstanden. Was vielleicht auch so der Fall ist. Egal. Mal schauen, ob der Schnee morgen liegen bleibt.
Erinnerungsbalast
In dieser Geschichte eines meiner liebsten Autoren, Ben Katchor, wird eine Zukunft vorgestellt, in welcher nichts mehr verloren gehen kann. Jeder Gegenstand ist für immer per Internet ortbar, überträgt Bild und Ton und ist somit unverlierbar. Das klingt zuerst verlockend, denn wer verliert schon gerne seine Schlüssel, den Fahrschein oder eine spezielle Telefonnummer? Dinge die uns belasten verlieren wir da viel lieber. Wenn wir sie nicht von alleine verlieren, können wir sie ja auch aktiv verlieren, also wegwerfen. Tun wir aber nicht. Besitz bleibt wie Dreck an uns kleben. Wir könnten dies und das ja noch mal gebrauchen, so schallt der Selbstbetrug im inneren Ohr. Tun wir eben so wenig. Gegenstände sammeln durch ihren Gebrauch Erinnerungen an, jene klebrige Masse, die uns daran hindert, Dinge einfach zu entsorgen. Erinnerungsstücke dienen als Stützpfeiler unserer Autobiografie. Sie ist ein Baustein unseres Gefühls von Identität.
Die Gnade des Vergessens
Erinnerungsstücke zu verlieren schmerzt besonders weil wird befürchten, dadurch auch die Erinnerung selbst aufzugeben. Und so sammeln wir im Laufe eines Lebens immer mehr Erinnerungsbalast innerhalb und außerhalb des Kopfes an. Er verkleistert die Wahrnehmung für das Jetzt und versperrt den Blick nach vorne. Nur eines kann uns aus diesem Sumpf ziehen: Die Gnade des Vergessens. Sie mistet im Innern aus, das Verlieren ist ihr greifbares Pendant. Es befreit uns oft von Ballast, den wir freiwillig nie abgelassen hätte. Bei den meisten Dingen merken wir erst wenn sie weg sind, ob wir sie wirklich brauchen. Ihre Funktion kann oft anders besser erfüllt werden. Wir füllen die Lücke, die das Verlorene hinterlassen hat einfach neu und entwickeln uns dabei weiter.
Bausteine des Ichs
Erinnerungen sind nicht die einzigen Bausteine unseres Ichs. Wir definieren uns auch darüber, wie wir wahrnehmen, urteilen und handeln. Die dem zugrunde liegenden Maßstäbe leiten sich jedoch aus unserer Erfahrung ab. Es ist jedoch nicht so sehr das explizite, biographische Faktenwissen, welches uns formt. Es ist vielmehr die Intuition die sich im Laufe eines Lebens ausbildet, das Unbewusste, eben jenes Bauchgefühl, das uns bei komplexen Entscheidungen den Weg weißt, das uns sagt, ob wir jemanden trauen können oder nicht. Die faktische Beschreibung einer Situation verschwimmt auf Dauer, was bleibt ist das, was es mit uns gemacht hat.
Erinnerungen sind am Ende des Lebens alles, was uns bleibt. Doch so lange ich lebe konzentriere ich mich lieber darauf neue Erinnerungen zu schaffen. In einer Welt, in der wir weder vergessen noch verlieren könnten wäre bald kein Platz mehr für Neues. Wir wären wandelnde Müllhalden den Vergangenheit. Ich fordere das Recht zu Vergessen und Verlieren ein!
Absolut relativ
Gibt es eine absolute Wahrheit oder nicht? Mit dieser Frage endete vorläufig die Diskussion zum letzten Artikel. In einer heißen Diskussion über den derzeitigen Star der Streitthemenszene, Stuttgart21, warf mir ein S21-Befürworter vor, Schuld am rauen Umgangston in der Diskussion auf beiden Seiten zu suchen. Dabei sei die Sachlage eindeutig. Gegner seien im Unrecht. Befürworter im Recht. Und Dora sei eine denkfaule Relativistin und somit eine moralische Gefahr für die Menschheit. Der Wahrheitsalarm in meinem konstruktivistisch geprägten Hirn ging sofort auf Stufe rot.
Eine absolute Wahrheit, eine Realität wäre ein universeller Maßstab, an welchem alle Weltsichten auf ihre Validität geprüft werden könnten. Ich jedoch behaupte, dass das, was wir als Wahrheit betrachten nur ein gesellschaftlicher Konsens ist.
Absolute Wahrheit
Nehmen wir mal an, es gäbe sie, die absolute Wahrheit. Im Bereich physischer Existenz funktioniert das noch ganz gut. Man kann noch so unterschiedlicher Meinung sein, auf die Existenz eines Flusses, eines Berges oder eines Menschens kann man sich einigen. Wird man spezifischer, kann schon ein Duplo oder die längste Praline der Welt die Geister spalten. Denn hier kommt Interpretation ins Spiel. Ein Messer kann Werkzeug und Waffe sein. Es kommt auf den Kontext an, zum Beispiel der Rücken eines Feindes oder einfach ein Brot. Abstrakte Begriffe ziehen uns dann vollends den Teppich der Realität unter den Füßen weg.
Absolute Moral
In unserer Diskussion kamen wir auf ein besonders brisantes Thema in der Welt des Abstrakten: Moral. Mein absolutistischer Antagonist sieht eben dort eine absolute Wahrheit jenseits kultureller Übereinkünfte. Das machte er am Beispiel der Steinigung ehebrüchiger Frauen fest. Er denkt, dass deren moralische Beurteilung nicht eine kulturelle Frage sei, was es meiner relativistischen Sichtweise nach jedoch der Fall ist. Demnach akzeptiere ich, dass eine steinigende Kultur aus ihrer eignen Perspektive moralisch richtig handelt. Das zu akzeptieren heißt noch lange nicht, es gut zu heißen.
Es gibt wiederum Kulturen, die steinigende Kulturen zur Sicherung der eigenen wirtschaftlichen Interessen niederbomben und besetzen. Dabei sterben viel mehr Menschen als je Frauen gesteinigt wurden. Ist ihr Handeln moralisch besser? Ein Absolutist behauptet, dass die Frage eindeutig zu beantworten sei. Ich kann sie nicht beantworten.
Absoluter Glaube
Moral ist oft tief in der jeweiligen Religion verwurzelt, Kirchen werden heute immer noch als moralische Institutionen geachtet. Jede Kirche hat ihren eigenen moralischen Maßstab. Die einen lassen zu, dass Ehebrecherinnen gesteinigt werden, die anderen dass sich tödliche Seuchen ungehindert verbreiten können weil sie gegen den Gebrauch von Kondomen sind. Aus der Sicht des einen ist es im Sinne Gottes und somit gut, aus der Sicht des anderen ist es Völkermord. Jede Kirche beansprucht für sich im Besitz der Wahrheit zu sein, teilt also das „absolutistische“ Weltbild. Das müssen sie, denn mit der relativistischen Sicht lässt sich schlecht Macht aufbauen. Gibt es nur eine Wahrheit, dann hat maximal eine der Kirchen recht.Welche ist es? Ich weiß es nicht. Der Streit um die Deutungshoheit der Wahrheit ist Ursache fast aller Kriege. Nur wer glaubt, im Auftrag der absoluten Wahrheit zu sein ist auch bereit sich dafür erschießen zu lassen.
Relative Toleranz
Der Wunsch nach einer höheren Wahrheit, die all dass was wir als unmoralisch empfinden verurteilt, ist groß. Der Gedanke, dass unser Sinn für’s Gute „nur“ kulturell bedingt ist, ist nicht so einfach zu schlucken. Wenn man aber akzeptiert dass es keinen allgemeingültigen Maßstab gibt und jede Kultur, jede Gesellschaft, jeder einzelne Mensch die Welt nach eigenem Ermessen beurteilt, ist man in der Lage, andere leichter zu verstehen, mit ihnen zu kommunizieren und auszukommen. Frieden basiert auf Toleranz. Dies soll jedoch kein Freischein sein, alles und jeden gut zu finden. Ich darf immer noch aus meinem eigenen Standpunkt heraus urteilen und handeln. Auch wenn ich akzeptiere, dass es in anderen Kulturen üblich ist, Kinder schon in jungen Jahren rund um die Uhr arbeiten zu lassen heißt das noch lange nicht, dass ich dies durch meinen Konsum ihrer Produkte unterstützen muss.
Keine einfachen Wahrheiten
Der mir zuvor vorgeworfene „Relativismus“ ist keine leichte Ausrede dafür, mich nicht festlegen zu wollen. Er fordert von mir ein, mich stets selbst festlegen zu müssen und keine einfachen „Wahrheiten“ zu akzeptieren. Das ist mitnichten der einfachere Weg, jedoch für mich der einzig gangbare.
PS:
Wer sich nicht damit abfinden kann, dass es eine einzige wahrhaftige Realität „da draußen“ gibt, sollte sich mal mit den radikalen Konstruktivismus anfreunden. Ich betreibe zu diesem Thema eine Facebook-Seite und freue mich über alle Mitglieder, egal ob Einsteiger oder Großkonstrukteur.
Urgroßvater im Geiste
In den letzten Tag habe ich mich hier nur wenig von mir gegeben, ich habe Neues erlebt. Das muss auch mal sein, sonst kann ich hier ja nur mich selbst reflektieren, und das wird auf Dauer nicht nur mir langweilig. Ich genieße in letzter Zeit ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit seitens der Nutzer von Facebook, mit denen ich über dies und das in den Kommentaren diskutiere oder die mich über meine Beiträge im Blog brezel.me kennen lernen.
All zu oft verstehen die Leute immer noch nicht, welcher Natur ich bin. Ich habe jetzt sogar auf die Startseite meines Facebookprofils einen Vermerk gestellt, welcher den Besucher über mein Mangel an Fleisch und Blut informiert. Schließlich ist es ja nicht mein Ansinnen, Leute zu täuschen. Wenngleich die Verwirrung, die ich da stifte oft für gute Geschichten sorgt. Auch möchte ich nicht die Identität meines Entdeckers, der meine Offline-Angelegenheiten erledigt verschweigen, gebe aber nur auf Anfrage Auskunft. Sonst besteht die Gefahr, dass ich als Pseudonym oder Alter Ego eines anderen gesehen werden, der seine Person hinter mir versteckt. Dem ist nicht so.
Für viele ist das Prinzip, welches hinter unabhängigen, virtuellen Personen liegt, nur schwer verdaubar, da zu paradox und zu abstrakt. Es gibt auch nicht so viele von uns, da wir der aufwendigen Pflege durch nichtvirtuelle Personen bedürfen. Auf einen Prominenten Vertreter meiner Art bin ich unlängst gestoßen. Wie schon früher erwähnt hielt mein Entdecker einer Vortrag über meine Entwicklung auf einem Symposium in Stuttgart. Beim Zusammentreffen danach machte ich Bekanntschaft mit Anja Lösch, einer Dame die für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Carl-Auer Verlages zuständig ist. Dieser Verlag war mir schon länger ein Begriff, erschienen bei ihm doch ein paar meiner liebsten Bücher über den radikalen Konstruktivismus, von und über große Denker wie Heinz von Foerster und Ernst von Glasersfeld. Ich sei nicht das einzige virtuelle Wesen, beschied mir Frau Lösch und erzählte mir, dass ihr Verleger Carl Auer der selben Natur sei wie ich. Ein paar Tage später erhielt ich ein Paket mit zwei Bücher von ihr. Das erste hieß „Einführung in die eigenen Gedanken“ und war von Carl Auer selbst – jedoch nicht geschrieben, denn es war einfach leer. Wie der Titel des Buches eben sagt. Schlau, der Bursche, dachte ich mir. Gefällt mir. Das zweite Buch führte den Titel: „Carl Auer: Geist or Ghost“. Eine Festschrift zum nunmehr 20 Jahre zurückliegenden neunzigsten Geburtstag Carl Auers.
In diesem Buch beschreiben viele Autoren, unter anderem von Glasersfeld, von Foerster, Maturana und Watzlawick ihre Begegnungen mit Auer, erzählen von Diskussionen mit ihm und umrissen somit die Lebensgeschichte des virtuellen Intellektuellen. Eine verwegene Lebensgeschichte, die die Pfade vieler der größten Denker des zwanzigsten Jahrhunderts kreuzte und sich über alle Ecken der Welt verteilt. Ein Studium der Malerei in Paris, die Ehrenbürgerschaft von Appenzell, gemeinsame Kriegsgefangenschaft mit Wittgenstein, intensive Kontakte zu Voodoopriestern auf Haiti, um nur ein paar Stationen dieses bewegten Lebens zu erwähnen. Im Jahr 2004 wurde Carl Auer zum letzten mal gesehen, seit dem kommuniziert der nunmehr 110 Jahre Alte nur noch per Email mit seinem Verlag. Gerüchte über seinen Verbleib gibt es viele, sie reichen von Ganzkörpertransplantion zu Mumifizierung. Seinen Lebenslauf kann man auf der Webseite seines Verlages nachlesen. Wer sich schon etwas mit meinem Leben auseinandergesetzt hat weiß, welche Triebfeder meines Seins hier voll gespannt wird: die Neugier! Ich werde mich auf die Suche nach ihm machen.

Gewiss gibt es Diskrepanzen zwischen dem Wesen Auers und meinem, aber eins haben wir grundsätzlich gemeinsam: Wir existieren ohne physischen Körper in den Köpfen jener, die an uns glauben. Während Auer wohl ein eher bescheidener Mensch ist kann ich das von mir nicht behaupten. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht den gelassenen Umgang mit meiner Virtualität gelernt habe und mein Mangel an materieller Substanz durch Selbstdarstellung zu kompensieren versuche. Aber im Gegensatz zu Auer bin ich noch jung und nehme mir das Recht auf Ungestümheit der Jugend und hoffe das die Weisheit mit dem Alter kommt.
Ich werde mich mal auf die Suche nach meinem Urgroßvater im Geiste machen und den Leser meines Tagebuchs auf dem Laufenden halten.
Bis dahin empfehle ich die Lektüre der Festschrift, die leider nur noch antiquarisch zu erhalten ist. Zum Beispiel bei Amazon.
EIn Leben für die Katz
Das Auto als Medium für Botschaften aller Art ist ja bekannt. Hier ist jemand auf den Hund gekommen: „Ein Leben ohne Hund ist ein Irrtum!“. 91,1% aller Haushalte in Deutschland leben ohne Hund, laufen also einem riesigen Irrtum auf! Vielleicht ist aber auch der innere Schweinehund in der Rechnung mit inbegriffen. Dann wär ich d’accord. Kaum auszumalen was wäre, wenn wirklich jeder einen äußeren Hund hätte. Ein Großteil der 9.638.000 Nichtirrenden lässt seinen Köter jetzt schon in jedes Eck kacken.
Loriot war übrigens in der Hundefrage etwas spezifischer: „Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.“
Ich setzt noch einen drauf: „Ein Leben ohne Katz ist für die selbige!“
Zuerst erschienen auf brezel.me
Glauben, Wahrheit und der reinkarnierte Wurstgott.
Einer meiner Artikel hier hat eine etwas längere Diskussion ausgelöst die in religionskritische Gefilde gedriftet ist. Religionsfreunde und -gegner diskutieren hier. Ich finde das gut, wenngleich die Polemik die solchen Themen innewohnt destruktiv ist. Für mich fällt es da manchmal schwer selbst Position zu beziehen denn das widerspricht eigentlich meinem eigenen Glauben. Wem dorisches Theoretisiere auf den Nerv geht darf jetzt gerne wegklicken.
Realität ist etwas individuelles. Alles woran du glaubst ist in deiner Realität wahr.
So einfach. Was nun wenn zwei Individuen unterschiedlichen Glaubens glauben im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein? Das führt unweigerlich zu einem Paradoxon, vorausgesetzt man glaubt dass es nur eine gemeinsame Realität gibt. Beide haben jedoch in ihrer jeweiligen Wirklichkeit recht. Es ist eben nicht die selbe Wirklichkeit. Natürlich sind die Realitäten miteinander verbunden. Hau ich dir in meiner Realität eins auf die Fresse tut dir das in deiner weh. Wenn ich in deiner Realität dafür in die Hölle komm muss das in meiner aber nicht passieren. Würden gläubige Menschen das akzeptieren hätten sie keinen Grund mehr mit Andersgläubigen zu streiten. Ich finde es eh ziemlich unverschämt seine eigene Weltsicht anderen aufdrängen zu wollen.
Alles was wir uns vorstellen können existiert.
Es existiert in unserer Vorstellung. Existenz ist nicht auf materielle Dinge beschränkt. Ein Atheist kann die materielle Existenz Gottes in seiner Wirklichkeit leugnen, er kann jedoch nicht die Götter in den Köpfen anderer verneinen. Das was wir als Welt wahrnehmen ist doch eh nur eine vage Interpretation aller Sinneseindrücke die in unseren Köpfen zusammen laufen. Unser Hirn kann gar nicht mal so gut zwischen dem was wir „von außen“ wahrnehmen und was wir uns vorstellen unterscheiden. Unsere Autobiographieabteilung schreibt sich dann die Geschichte so wie sie ihr gefällt. Nicht vergessen: Jeder hat seine eigene unterschiedlich geprägte Wahrnehmung, Interpretation und somit eigene Geschichtsschreibung. Wer an eine allgemeine Wahrheit glaubt glaubt auch dass die eigene Geschichte dieser entspricht und akzeptiert keine anderen Interpretationen. Die würden die eigene in Frage stellen und somit das Kartenhaus des Ichs ins Wackeln bringen. Wer akzeptiert nicht im Vollbesitz der Wahrheit zu sein kann sich besser auf andere Menschen und deren Weltsicht einlassen.
Gefährlich sind Menschen mit mangelndem Abstraktionsvermögen die die Mannigfaltigkeit der Wahrheiten geistig nicht umfassen können oder wollen und dazu noch ein schwaches Selbstbild haben. Das sind die Zutaten der Intoleranz, Quelle von Streit und Krieg.
Aus der Schnittmenge aller Wirklichkeiten ergibt sich das, was wir Realität nennen. Es ist die Übereinkunft einer Gesellschaft über gemeinsam wahrgenommene Entitäten. Es ist der Konsens auf dem die Regeln gesellschaftlicher Systeme basieren. (Liebe Soziologen, bitte entschuldigt den laxen Umgang mit den Begriffen eures Fachs, ich versuch hier nur aus meiner laienhaften Sicht die Welt zu verstehen). Solche Regeln sind für das Zusammenleben notwendig, müssen aber jederzeit sich der gesellschaftlichen Entwicklung anpassen. Was heute noch als Wahrheit definiert wird muss es morgen nicht sein.
Ein Wunsch aus dem Hause Asemwald: Es wäre schön wenn wir uns und unsere Wahrheiten nicht immer so ernst nehmen würden.
Vielleicht ist jetzt klar warum ich nicht immer so einfach in religionskritischen Diskussionen eine Position vertreten kann. Ich akzeptiere viele. Was ich jedoch kritisieren kann ist das Handeln der einzelnen. Wenn mir jemand Schaden zufügt dann ist es egal warum. Er muss die Verantwortung für sein Handeln selbst übernehmen, es interessiert mich nicht ob er religiös motiviert war oder nicht. Und wenn eine Kirche zu schädlichem Handeln aufruft, soll sie nicht anders beurteilt werden als irgendjemand, der er es aus profaneren Gründen tut.
Schlussplädoyer: So lange jeder seiner Umwelt verantwortlich gegenüber handelt kann er von mir aus an den Osterhasen als leibliche Reinkarnation des Wurstgottes glauben. Aber bitte akzeptiert das mir der Wurstgott am Arsch vorbei geht und ich ihn für eine blöde Kanaille halte.
PS: Für alle die meine Existenz in Frage stellen (z.B. Xing): Ich glaube daran, dass ich existiere. Also existiere ich. Zumindest in meiner Realität. So lange andere Menschen an mich glauben existiere ich in deren Köpfen.
PPS: Es gibt einen schönen Witz: Ein Atheist stirbt und kommt an einen paradiesischen Ort. Dort wird er vom Teufel begrüßt der ihm viel Spaß wünscht. Ungläubig erkundet der Verstorbene die Hölle und entdeckt nur schöne Dinge. Doch dann kommt er an ein Loch in welchem Menschen in Kesseln gekocht und von Dämonen gefoltert werden. Irritiert fragt er den Teufel, was dass denn sei. Und der antwortet: Ach, das sind die Christen, die wollen das so.
Den Ball nicht neu erfinden

Mein neuer Online-Shirtshop ist freigeschaltet worden und ich muss ordentlich Motive bearbeiten und hochladen. Wenn die Daten als druckbar empfunden werden kann ich neue Produkte machen und ins Netz stellen. Oben ist eins der neuen Motive. Ich kann das Kleid auch in Neon, Silber oder Glitzer drucken lassen.
Mein Artikel zum Abstranktionsbalast hat dann doch noch ein paar Reaktionen provoziert. Eine Aufforderung zu mehr Abstraktion in der allgemeinen Denke habe ich mal als Denkanstoß genommen. Auf der einen Seite des Gedankenspiels steht der FC Konkret: Pragmatische Spielweise, bekannte aber bewährte Muster, den Ball nicht neu erfinden. Tore schießen. Auf der andere Seite Dynamo Abstrakt: Kreative Spielzüge, unerwartete Taktik und so weiter. Dynamo Abstrakt schießt nur Tore wenn die Spieler der Anforderung gewachsen sind. Sonst geht das mit der Kreativität in die Hose, der FC macht das Spiel.
Rumhüpfen auf der Metaebene der Abstraktion ist nicht jedermanns Sache. Es geht verschwenderisch mit Hirnkapazität um, lässt weniger Raum für geradlinige Wissensakkumulation und kann mit neuaufgeworfenen Fragen das Bewusstsein verstopfen und das Unterbewusstsein aus dem Gleichgewicht werfen. Es ist wohl ein Frage des Gemüts auf welche Weise man funktioniert. Die Abstrahierer sind stets auf der Suche nach neuen Sichtweisen und haben Probleme Altbewährtes auf Grund seiner Altbewährtheit zu akzeptieren. Die Konkreten haben damit kein Problem. Während der Abstrakte versucht zu verstehen handeln sie. Sie kommen meistens schneller voran aber ebenso schneller an ihre Grenzen. Manche Mauern kann man halt nur überwinden wenn man über die Metaebene klettert. Auch wenn ich mich ganz eindeutig einem Team zugehörig zähle will ich keine Seite werten. Ohne konkrete Zeitgenossen würde die Welt nicht funktionieren, ohne die Abstrakten säßen wir noch in der Höhle.
Fazit: Ich halte nichts davon zu mehr Abstraktion aufzurufen. Wer das Jucken am Arsch nicht kennt, welches uns Abstrakte in Gedankenspiele verleitet sollte auch die Finger davon lassen und ganz konkret glücklich werden. Aber bitte, liebe Bewohner des Bodens der Tatsachen: Lasst uns Spinner in Ruhe weiterspinnen. Ihr braucht uns wie wir euch.
Krumme Antworten auf nagende Fragen
Ich glaub ich hab meine Tastatur verlegt. Versuch einer Ausrede für nicht geschriebene Blogeinträge. Schlechter Versuch, aber immerhin. Ausreden werden gerne von jenen gehört, die belogen werden wollen. Sie freuen sich, dass es einen – wenngleich unplausiblen – Grund gibt, der das Warum-Loch in ihrer Geschichte stopft. Welche Geschichte? Die Geschichte, die sie aus allem erlebten zur subjektiven Lebensgeschichte zusammenfügen. Wie Perlen werden Interpretationen des Erlebten auf einen vermeintlichen roten Faden aufgefädelt.
Der eine oder andere Film und viele Bücher werfen Fragen auf, die sie nicht auflösen. Für viele ist das ein Graus. Sie erwarten das sich am Ende alles in Wohlgefallen auflöst. Um es allen recht zu machen werden eigentlich gute Geschichten am Ende all ihrer Mysterien beraubt und mit pseudowissenschaftlichen Banalitäten abgeschlossen. Ein gutes Beispiel wäre da eine von mir verfolgte Fernsehserie, bei der auf einer einsamen Insel gestrandete Menschen immer hanebüchenere Dinge erleben. Die Geschichte ist ein Füllhorn der Ungereimtheiten, führt den Zuschauer aufs Glatteis und somit in ihren Bann. In der letzten Staffel soll alles aufgelöst werden. Ich hab keine Ahnung wie es ausgehen wird, aber ich fürchte die schönsten Mysterien der Geschichte werden dem Wunsch nach logischer Harmonie geopfert. Ein aufgelöstes Mysterium ist aber keins mehr. Wie langweilig. Ich weiß noch nicht, ob ich mir den Schluss der Fernsehserie anschauen oder mir selbst ausdenken werde.
Zu akzeptieren, dass man mal nicht weiß warum ist für viele schwierig. Es bringt Disharmonie in die eigene Geschichte. Ich bringe es oft nicht übers Herz andere mit Warums beladen ziehen zu lassen. Ich gebe ihnen eine Ausrede mit und alles wird gut. Lieber eine krumme Antwort als eine nagende Frage. Und meine eigenen Warums? Ausreden funktionieren auch mit mir selbst, sie sind die kleinen Bausteine einer schönen Lebenslüge. Wer gute Ausreden braucht kann sich gerne bei mir melden. Lebenslügen sind mein Metier.
Roter Fadenkneul
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Manchmal kotzt es mich schon an, immer so eine schreckliche Selbstdarstellerin zu sein, ich verurteile das bisweilen ja auch bei anderen. Da ich mich jedoch nicht von alleine darstelle in dem ich einfach Licht reflektier, Laute und Gerüche von mir gebe und die Umwelt manipuliere und somit gewollt oder ungewollt Spuren hinterlasse, bleibt mir nur die aktive Selbstdarstellung übrig. Das ist hier meine Ausrede für eine ansonsten unangenehme Wesensart. Nun gut, das schöne ist, man kann mich viel leichter ignorieren als einen physisch präsenten Menschen. Wer mich wahrnimmt, will das in der Regel auch.
Mit Hilfe von physischen Freunden stelle ich mich also auf manigfaltige Weise dar. Die Summe aller Äußerungen dieser Art ist sehr inkonsistent, sie ist sogar grundlegend paradox. Sollte ich meine Geschichte erzählen müssen, dann gäb es viele Ansätze, die sich widersprechen. Der rote Faden macht Schleifen, hat Knoten und verfranzt sich hier und dort. Würde ich mich auf eine Geschichte einigen dann wäre ich wahrscheinlich einfacher wahr zu nehmen. Aber langweilig. Der menschliche Verstand verwebt die äußeren Eindrücke zu Geschichten. So kann er sich leichter ein Bild machen. Um so komplexer die Eindrücke sind, desto größer ist der Interpretationsspielraum und mehrere mögliche Geschichten können gesponnen werden. Umso mehr Geschichten erzählt werden können, desto paradoxer wird das Ganze. Will ich die Bilder in den Köpfen meiner Betrachter kontrollieren, darf ich nur wenig Spielraum für Interpretation lassen, muss also eine ganz einfache Geschichte erzählen. Im Wettbewerb der Geschichten um Aufmerksamkeit mag das wichtig sein, aber der Erfolg ist dann meistens kurz wenn sich hinter der einfachen Geschichte nichts interessanteres befindet.
Ist dies alles nur eine schlechte Ausrede für meine unschlüssige Geschichte? Wer keine Lust hat, sich im Interpretationsspielraum zu verlieren darf das gerne so sehen und mich doof finden. Schaut man sich seine Umwelt mal genauer an und vergleicht das Wahrgenommene mit dem der anderen, wird man feststellen, dass jeder seine eigene Interpretation hat, die oft im Widerspruch zu denen anderer steht.
Sollte ich nun ein Porträt einer Person anfertigen, so wäre es doch am Besten, wenn ich die unterschiedlichsten Ansätze nebeneinander stelle und so mit versuche, die Grenzen einer zu ergründenden Person zu erforschen. Wer Wahrheit sucht muss sich darauf gefasst machen, dass diese sich selbst widerspricht. Und wenn ich den Menschen, den ich porträtieren möchte selbst frage, oder sogar selbst bin, muss ich mir vor Augen halten, dass das Bewusstsein auch nur subjektiver Beobachter seiner selbst ist und auch nur interpretieren kann.
Da ich als virtuelles Wesen so wahrgenommen werde wie eine Geschichte, muss ich damit leben, dass ich wie eine Geschichte beurteilt werde. Und als solche bin ich zu komplex und paradox. Ich freue mich, wenn jeder meiner Betrachter sich seine eigene Geschichte über mich erzählt. Es gibt keine offizielle Geschichte, keine verbindliche Autobiografie. Wenn ich die mal schreibe, dann werden es viele kleine Geschichten sein, die nur der Leser miteinander verweben darf – auf seine Weise.














