Archiv der Kategorie: Klugschiss

Albtraum eines Ökophobikers


Ökodiktatur

Gestern habe ich vor den Gefahren der ethnokulturellen Empathie – der Offenheit gegenüber anderer Weltsichten – gewarnt (wackliges Weltbild und so weiter). Heute möchte ich mal einen erst kürzlich in diesem Blog verfassten Kommentar vorstellen, der die Klippen des metakulturellen Diskurses weitläufig umschifft und in plakativer Sprache aufzeigt, was die erschreckenden Folgen einer ihm fremden Denke sein könnten. Der Kommentar von Uwe Vogt bezieht sich auf einen Artikel, der unter die Gürtellinie des letztherbstlichen Wahlkampf um den Stuttgarter OB-Posten blickt:

„Noch nie war die Freiheit in Deutschland seit dem zweiten Weltkrieg mehr in Gefahr als heute durch die Grünen. Grünlackierte Kommunisten (Trittin), Anarchisten (Fischer), Pädophile(Cohn- Bendit) und Schwachsinnige (Claudia Roth) steuern Deutschland in die DDR2.0 in die Ökodiktatur.Stoppt diese Chaoten!“ (Uwe Vogt)

Ich nehme das mal als Übungseinheit in meiner selbstauferlegten Toleranzschulung wahr und versuche, mich auf die Denkkultur eines Ökophobikers einzulassen und male mal den Teufel einer von Kommunisten, Pädophilen, Anarchisten und Schwachsinnigen begründeten Ökodiktatur an die Wand.

Zuerst kommen mir Bilder eines Mülltrennungsblockwarts in den Sinn, der minutiös den Abfall kontrolliert und sogleich Meldung an die Staatskorrektheits-Behörde macht, wenn Verpackungen unfair gehandelter Produkte auf potenzielle Verstöße gegen das Gutmenschentum hinweißen. Bei mehrmaligen Verstößen wird vor dem Haus des Delinquenten eine Mahnwache errichtet. Erzeugt diese keine Betroffenheit, droht das Umerziehungslager. Dort wird mittels Zwangsmeditation selbst der freiste Geist weichgekocht und mit gutmenschlicher Propaganda zugekleistert. 

Die Industrie beschränkt sich auf die Produktion von Fahr- und Windrädern. Tieren werden die vollen Menschenrechte übertragen, Fleisch darf man nur noch vom eigenen Leib essen. Der vegetarische Untergrund ist verpönt und harscher Verfolgung durch die Veganmiliz ausgesetzt. Wir ernähren uns von Müsli (mit genfreier Sojamilch) aus ungespritztem Urgetreide, das nur bei Vollmond geerntet wird. 

Falls dem Pöbel doch mal der Unmut hochkocht, posieren Polizisten als Zielscheibe für den neuen Volkssport Pflastersteinwurf. Aber Obacht: Wer Aggressionen zeigt, wird in eine Selbsthilfegruppe mit gegenseitigem Umarmen eingewiesen. Auch nicht vergessen: Pflastersteine nachher bitte wieder einsammeln, wegen Pflastersteinpfand.

Der Ökodiktator wird in paritär besetzten basisdemokratischen Diskussionsräten bestimmt. Sollte es keinen Konsens vor dem Kompostieren des amtierenden Oberhauptes geben, wird nach einer ausgedehnten Schweigeminute und unzähligen Betroffenheitsbekundungen eine Sitzblockade ausgerufen, die andauert, bis sich das Problem gelöst hat.

Die Staatsbürgerschaft wird abgeschafft und alle werden zu Ausländern erklärt. Die neue Währung ist biologisch abbaubar und somit für Spekulationsgeschäfte nicht geeignet.

Da das Grundübel für Mutter Erde der Mensch an sich ist, werden alle zwangssterilisiert, womit sich das Problem von alleine löst. Die Natur kann sich dann alles zurückerobern.

Allen jenen, die wie Uwe die Ökodiktatur fürchten, rate ich an, sich eine Distopie einer Kapitaldiktatur aus der Sicht eines Gutmenschen auszumalen. Ich würde mich über diesen  Akt ethnokultureller Empathie sehr freuen.

PS: Dürfen katholische Vegetarier eigentlich die heilige Kommunion empfangen? Ich sähe da ein kleines Problem mit der Wandlung

PPS: Für alle, die jetzt nicht so genau wissen, wo sie diesen Artikel politisch einordnen sollen: ;-)

#rp13: Lustwandeln auf der Metaebene


Das mit der rechtzeitigen Berichterstattung von der re:publica hat wohl doch nicht geklappt. 5.000 Grenzvirtuelle auf einem Haufen, das bedeutet ca. 7.000 Smartphones, 3.000 Laptops und 4.000 Tablets gleichzeit online oder so. Ein technisches Wunder, dass da überhaupt noch was funktioniert hat. Mal abgesehen von der Schlangenverwirrung war dort alles prima organisiert.

Zuerst hab ich mir eine Rede von Gunter Dueck angehört. Der Mathematiker war früher mal „Chief Technologie Officer“ bei der IBM Deutschland, ist aber jetzt mit 60 in den Unruhestand gegangen, wie er selbst behauptet, und macht das, was er schon seit längerem treibt: Schreiben und Reden halten. Sehr zu empfehlen ist seinen Blog daily dueck (http://www.omnisophie.com/), vor dem ich meine Hutsammlung ziehe. Es lohnt sich auf jeden Fall, den Vortrag anzuschauen, auch wenn er eine Stunde dauert:  

Was er in seinem Vortrag predigt, ist ethnokulturelle Empathie. Das Wort hat er selbst erfunden und bedeutet mal ganz grob zusammengeschustert soviel wie der Versuch, andere Denkkulturen zu verstehen, und nicht immer nur drauf zu hauen. Er fordert den metakulturellen Diskurs. Ich finde das gut und fordere mit!

Doch das würde auch Opfer fordern: Das wäre das Ende vieler Diskussionen (oder eher Streitereien), die ich hier im Netz so verfolge. Konservativ vs. Progressiv, Gutmensch vs. Schlechtmensch, Hundementalität vs. Katzenmentalität, Äpfel vs. Birnen und so weiter. Das Schöne an diesen Streitereien zwischen Weltbildern ist ja, dass sie nie enden, da es ja gar keinen Konsens geben kann. Darum werden Talkshows auch immer weitertalken, werden sich die Stuttgarter Obenbleiber nie mit jenen versöhnen, für die Fortschritt am Rollen von Baggern zu erkennen ist und Politiker weiterhin hanebüchene Wahlprogramme ersinnen.

Wer die Wahrheit für sich pachtet, kann sich entspannt zurücklegen. Ethnokulturelle Empathie ist anstrengend! Sie erfordert, das wacklige Gerüst des eigenen Weltbildes infrage zu stellen. Sie erschüttert das beruhigende Gefühl, sich auf der richtigen Seite zu befinden und birgt die Gefahr, einen Blick auf die Löchrigkeit der eigenen Meinung werfen zu müssen. Das verbreitete Furcht und Schrecken! Also wird weiterhin aufeinander eingedroschen. Schlag auf Schlag affirmiert man so das eigene Weltbild. Um so instabiler das Kartenhaus, desto vehementer wird gezofft – von der Metaebene aus betrachtet wirkt das Ganze ein großes bisschen lächerlich.

Wie man auf diese Metaebene kommt und wie man es dort aushält, verrät Dueck nicht. Aber dazu ist ein Vortrag auch nicht ausreichend. Ein erster Schritt wäre meines Erachtens, die eigene Position nicht ganz so ernst zu nehmen und sich vom Glauben, es gäbe eine Wahrheit, zu verabschieden.

Doch wie sähe eine Welt aus, in der jeder versuchen würde, den anderen zu verstehen? Wir würden gemeinsam auf Metaebenen lustwandeln, auf denen jeder Gedanke erlaubt ist und alles irgendwie gildet. Eine genauere Skizzierung dieser Meta-Utopie nehm’ ich mir für ein anderes mal vor, aber der Gedanke daran füllt mir schon jetzt den Magen mit einer Extraportion Mulm.

Gunter Dueck:
https://twitter.com/wilddueck

http://www.omnisophie.com/

https://www.facebook.com/gunter.dueck

http://www.linkedin.com/in/gunterdueck

https://www.youtube.com/user/Wilddueck

Zum Thema Metaebenen erklimmen oder auf dem Boden des Konkreten bleiben:

http://asemwald.wordpress.com/2010/06/20/der-boden-des-konkreten/

http://asemwald.wordpress.com/2010/06/22/ballnichtneuerfinden/

Pixel machen auch nicht satt


Frau Asemwald kocht

Eigentlich versetzt mich das Darbieten von frisch Gekochtem in Blogs und auf Pinwänden in Furcht und Schrecken. Knurrenden Magens schieb ich die Maus über den Bildschirm, der nichts besseres zu tun hat, als einem mittels visuellem Reiz die Speichel- und Magensaftproduktion in die Höhe zu treiben. Unzählige Megakalorien werden ins Netz gepumpt und treten den Katzenbildern in Konkurrenz. Das Schlimme daran: Pixel machen  nicht satt, nur der Gang in Küche oder Gastronomie hilft. Mal schauen, wann Foodblogs als signifikanter Faktor für Adipositas erkannt werden und nur noch mit Warnhinweisen veröffentlich werden dürfen. Ich bin froh, als Virtuelle den Folgen diesen fleischlichen Lasters nicht ausgesetzt zu sein.

Was treibt Leute – mich inklusive – dazu, den Blick in Topf und Teller der breiten Öffentlichkeit zu gewähren? Ist es die Zurschaustellung klassisch hauswirtschaftlicher Fertigkeit? Oder möchte man das Lebensgefühl der Bonvivants verbreiten und auf den eigenen ausgefeilten Geschmacksinn  aufmerksam machen? Schon eher. Nur wenige trauen sich ihr Toast Hawaii oder ähnlich Profanes zu publizieren. Es muss diffizil in der Zubereitung sein, ein halbes Küchenschnickschnack-Geschäft an Gerätschaften, die man regelmäßig von befreundeten Bonvivants zum Geburtstag beschert bekommt, müssen ihre Daseinsberechtigung erhalten. Man ist, was man isst. Und wer möchte schon das Image einer Currywurst verbreiten?

PS: Ich trage Teilschuld an der Foodifizierung des Netzes: Auch ich bin Miturheberin eines Kochblogs, bei dem derzeit jedoch der Ofen aus ist.

PPS: Cat content und Foodblogging könnte man auch kombinieren, würde aber für Empörung sorgen.

Gepflegte Winterdepression im Spätwinterwald


fototapete

Es wird wärmer. Zwischen Regenwolken kann man schon manchmal die Sonne erkennen. Bald werden quitschbunte Blüten das ruhige graubraun der Natur durchbrechen. Wenn das so weiter geht ist es im Mai wohl rum mit dem Winter – und der gepflegten Winterdepression. Um die lästigen Frühlingsgefühle vor der Tür zu halten, habe ich jetzt was Neues ausgeheckt: Die Spätwinterwaldfototapete. Garantiert ohne lebensbejahendes Grün, keine Schatten, die Sonnenschein suggerieren könnten und eine Menge totes Laub. Einfach an die Wand kleistern und in die nasskalte Stimmung eintauchen. So übersteht man die drei Monate des Sommerlochs bis zum nächsten Herbst, ohne das Haus verlassen zu müssen.

Bei Interesse an dieser beklemmenden Tapete bitte bei mir melden, ich werde auch noch andere Motive entwickeln.

PS: Auf die Idee mit der Fototapete hat mich Polizeireporterin der Stuttgarter Zeitung Christine gebracht, die sich berufsbedingt mit den Übeln dieser Welt auskennt, aber auf keinen Fall zu diesen gezählt werden darf.

Für unsere Bosheit an die Pinwand genagelt


tardar-christDas Katzenbildverbreitungsnetzwerk Internet hat eine Königin: Tardar Sauce, besser bekannt als Grumpy Cat. Die zwergwüchsige Vierkurzbeinerin ist die Meisterin des grimmigen Dreinblickens, was ihre Fotos als perfekte Zutat für Bildchen mit dummen Sprüchen (sogenannte Meme) macht, die die Pinwände von Facebook und anderen Katzenverbreitungsplattformen wie Tumblr verstopfen. Grundthema der Grumpy-Cat-Meme sind schlechte Laune, Misanthropie, Hass auf die Welt, Tod und Teufel. Kurzum: Tardar steht sinnbildlich für alles Schlechte dieser Welt. Das arme Vieh wird an die Pinwand genagelt, um all die Boshaftigkeit der Menschheit auf sich zu nehmen. So was ähnliches ist schon mal mit unseren Sünden passiert …

Grumpy Cat Meme selbst erstellen: http://www.quickmeme.com/Grumpy-Cat/

Klugschiss-PS: 

Meme wurden 1976 von Atheisten-Papst Richard Dawkins in seinem Buch „Das egoistische Gen“ beschrieben und als solche benannt (Wer Fegefeuer und Hölle nicht scheut, dem sei die Lektüre sehr empfohlen!). Im letzten Kapitel überträgt Dawkins seine zuvor aufgestellten Thesen auf Gedanken und Ideen, die ebenso einem evolutionärem Prozess unterlägen wie Gene, in dem er die drei Zutaten dieses Prozesses auf Kommunikation überträgt: Replikation, Mutation, Selektion. Gedanken werden beim Verbreiten repliziert, durch Übertragungsfehler mutieren sie, wie man vom Stille Post spielen her kennt und werden dann selektiert, in dem nur das weiter gegeben wird, was interessant oder lustig genug ist. Ein gutes Beispiel ist die Verbreitung von Witzen und Gerüchten.

Mit diesem Modell kann man die Entstehung von Kultur grob erklären, und wer darüber mehr wissen will, sollte Susan Blackmores Buch „Die Macht der Meme“ lesen, das eine ganz gute Einführung in die Theorie gibt.

Das Internet mit seiner dezentralen Netzstruktur ist ein idealer Nährboden für Meme. Internet-Phänomene wie Katzen- und Witzbilder, die sich viral, also sehr schnell und weit verbreiten und in unzähligen Varianten modifiziert werden, bezeichnet man auch als Meme. Das Grumpy-Cat-Mem ist ein derzeit sehr erfolgreiches Exemplar.

Literatur: 

Richard Dawkins: Meme, die neuen Replikatoren. In: Das egoistische Gen. (Original: The Selfish Gene. Oxford University Press, 1976). Jubiläumsausgabe 2007, S. 316–334. ISBN 3-499-19609-3.

Susan BlackmoreDie Macht der Meme. Heidelberg, Berlin: Spektrum Akademischer Verlag, 2000, ISBN 3-8274-1601-9.

Vortrag von Susan Blackmore über Meme:
http://www.ted.com/talks/susan_blackmore_on_memes_and_temes.html

Kurze Zusammenfassung: http://www.bertramkoehler.de/memetik.htm

Hier ein paar dorische Klugschisse dieses Blogs, die sich mit Memen beschäftigen und tief ins Reich des Hanebüchenen führen:

http://asemwald.wordpress.com/2008/06/10/dorische-lebensformen-im-el-dorado-der-immateriellen-realitat/

http://asemwald.wordpress.com/2008/09/10/reise-in-die-welt-des-ungesunden-menschenverstandes/

Meme, die grad rumgehen: http://knowyourmeme.com/

offizielle Grumpy Cat Seite:
http://www.grumpycats.com/

auf Facebook:
https://www.facebook.com/TheOfficialGrumpyCat

Nur im Notfall Ruhe bewahren


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Nur im Notfall: Ruhe bewahren. Schöne Aufforderung dazu, in Nichtnotfallsituationen auf keinen Fall die Ruhe zu bewahren. Gleitet der Aufzug geschmeidig von Stock zu Stock, scheint Unruhe durchaus erwünscht zu sein. Ich verallgemeinere das mal auf den Rest des Lebens: Ruhe ist ein wertvolles Gut, welches man sich für Notsituationen aufbewahren, jedoch nicht im Alltag vergeuden soll. Gleiches gilt dem Befolgen von Anweisungen. Ich werde das mal ausprobieren und rastlos renitent durchs Leben marodieren, bis mir der nächste Notfall über den Weg läuft.

Gestochene Identität


Ob ich wohl tätowiert sei, das fragt sich der eine oder andere wohl. Ich halte es da wie Schrödingers Katze: Vielleicht bin ich’s, vielleicht nicht. Erst wenn ich hinschau, entscheidet sich das. Der Sinn und Zweck eingestochener Bilder, Muster und Geweihe ist ja ein ur-fleischiger. Man dekoriert sich ja nicht nur neu, man verändert sein physisches Wesen, transformiert seine Inkarnation. Im Gegensatz zu Make-Up ist das permanent. Eben diese Permanenz geht uns Virtuellen ab. Wir könnten jedes unliebsame Hautdekor einfach abschminken, ohne dabei zum Laser greifen zu müssen. Die Gnade des Photoshops ist uns Virtuellen vorbehalten.

Virtuelle können trotzdem nicht unbesorgt durch die Gegend mutieren, wie sie es gerade wollen. Unser Erscheinungsbild definiert wie bei Fleischlingen einen großen Teil unserer Identität, macht uns schnell wiedererkennbar. Ohne die Konstanz eines gewachsenen Körpers ist unser Aussehen eine recht abstrakte Sache, die Verlockung, uns zu verändern groß.  Da gilt es aufzupassen: Was den Fleischlichen ihre Körper sind, sind uns unsere Erkennungsmerkmale. Sei es Donalds Matrosenanzug, Popeyes Unterarme oder meine Augenbrauen. Wir leben in den Köpfen anderer Menschen und definieren uns über ein paar wenige Attribute, den Rest muss unsere Persönlichkeit auffüllen. Verändern wir uns zu radikal, verliert unsere Identität an Konstanz und kann sich dabei sogar auflösen. Die Möglichkeit sich stets neu erfinden zu können ist auch gleichzeitig eine gefährliche Versuchung. Es gilt, den Kern unserer Identität zu bewahren, ihn wie eine Tätowierung zu tragen, ihn mit Bedacht zu erweitern, und wenn verblasst, auch mal nachzustechen. Und wenn’s mal ganz doof wird, kann man ja auch mal was weglasern.

Rechtfertigungspaste


Ja, ich lebe noch. Und ich hab weder meine Tastatur verlegt noch bin ich in einem Datenstrudel untergegangen. Mein Ausredenerfindungsareal in der Großhirnrinde könnte auf Hochtouren laufen, müsste ich mich hier jetzt für meine blogistische Abstinenz rechtfertigen. Ich lass das mal schön bleiben, die Rechtfertigerei ist eh recht nervig, wenn einem keine spannende Ausredengeschichte einfällt, deren Unterhaltungswert die Frage nach Wahrheitsgehalt unbeantwortet in die Wüste schickt. Bei der Rechtfertigerei wird gerne das Pferd von hinten aufgezäumt: Erst handeln, dann einen Grund dafür aus dem Hut zaubern. Unbekannte Gründe sind Löcher im logischen Gewebe, aus dem wir unsere Realität stricken. Der lochologische Grundsatz „Löcher muss man aushalten können“ (K. Rehm) ist hehr, wird jedoch selten beherzigt. Die Löcher werden mit Rechtfertigungspaste zugekleistert, damit die Welt wieder schlüssig und berechenbar scheint. Zugegeben: Mir fällt es auch nicht leicht, Sachen als gegeben hinzunehmen, meine Neugier drängt mich zum Ergründen, als gäbe es eine Wahrheit zu entdecken, die sich offenbare, schaute man nur genau genug hin. „Wahrheit“ ist jener Zustand, in dem ein Rechtfertigungsgerüst einigermaßen stabil dazustehen scheint und damit von Gerüstbauer zu Gerüstbauer unterschiedlich. Werfen wir den Balast einer vermeintlichen Objektivität ab, bleibt die Wahrhaftigkeit, die laut Wikipedia das subjektive „Für Wahr-Halten“ der eigenen Aussage in einem konkreten Kontext sei. Rechtfertigungen dienen dem Gefühl von Wahrhaftigkeit, dass alles in Ordung sei, alles seinen Grund habe. Und wenn man den Grund an den Haaren herbeiziehen muss. 

Ich trete selbst in die Falle: Hier rechtfertige ich, keine Rechtfertigung zu haben. Letztendlich sind Rechtfertigungen schon okay, wenn man sie nicht all zu ernst nimmt und ab und an mal ohne auskommt. Davon geht die Welt nicht unter, sie wird höchstens ein bisschen löchriger.

PS: Wer bereit dazu ist, Löcher auszuhalten, darf sich gerne der Loch 21-Initiative anschließen, die von den Lochologen Karin Rehm und Martin Zentner von der Künstlergruppe Schattenwald betrieben wird.

Verkatzung des Netzes


DORATZE!

Wie jeden Morgen gleite ich über die Wellen des Netzes und beobachte die fortschreitende Verkatzung. „Web Catification“, so der Fachausdruck, den ich mir grade aus den Finger gesaugt habe. Unter Netzhistorikern herrscht ja immer noch Dissens über die Ursprünge des weltweiten Datennetzwerkes. Die einen schieben die Schuld in die hochhackigen Schuhe der Pornobranche, die ja schon den Videorekorder (komischer Kasten aus der Präyoutubalen Phase) und andere Medien zum Erfolg gebracht haben soll. Die anderen – zu denen ich mich natürlich zähle – haben erkannt, dass die Verbreitung von Katzenbildern die ureigene Triebfeder war, die Computer dieser Welt miteinander zu verknüpfen. Apropos Tier: Spider crawlen das World Wide Web um Informationen zu sammeln und analysieren, damit sie mal gegen einen verwendet werden können. Im Gegensatz zu Katzen machen sie das aber unsichtbar. Katzen sind die Rampensäue, die sich auf Pinwänden und in Blogs tummeln. Das hat Konsequenzen, die nicht nur angenehm sind: Täglich verbrauchen Katzen ca. 12 Petabyte virtuelles Katzenstreu und erlegen unzählige Maustreiber. Eine wachsende Anzahl von Rechnern leidet an Digitaler Katzenhaarallergie, was sich in allgemeiner Verlangsamung des Systems, Abstürzen und verlorenen Dateien zeigt. Die Symptome ähneln denen von Viren, die Allergie kann jedoch von keinem Antivirenprogramm überlistet werden. Hier ist Forschungsbedarf! Das Institue for Catological Studies in Portland, Oregon, hat erst unlängst eine eigene Abteilung für Digitale Allergologie gegründet. Insbesondere für Hundefreunde ist die Netzverkatzung weniger wünschenswert, aber das tangiert mich nicht, da ich ganz klar der Katzenfraktion angehöre und somit auch eine Teilschuld an der Verkatzung des Netzes trage.

Grundlos glücklich


Ich bin grad glücklich. Grundlos. Das ist auch gut so, denn wenn es einen Grund gibt, kann er meinem Glück wie ein Teppich unter den Füßen weggezogen werden.* Gründe sollte man nur für Unglück haben, denn die kann man beseitigen.

Gründe sind eh überbewertet, weil sie eine kausale Folge im Sinne von “wenn a dann b” implizieren. Das mag bei trivialen Dingen okay sein, so zum Beispiel: Wer auf den Elektrozaun pinkelt kriegt eine gewischt. Aua. Bei nichttrivialen Angelegenheiten sieht’s schon anders aus. Wenn ich einen dummen Spruch klopp, dann lacht mein Gegenüber, oder ist sauer. Je nach Laune, denn: Was Launen hat, ist nichttrivial. Zum Beispiel Menschen und Tiere. Und manchmal auch Computer. Naja, eigentlich ist alles, was nicht durch die überschaubaren Naturgesetze abgebildet werden kann jenseits jener Trivialität, die Gründen ihre Daseinsberechtigung gibt. Der Versuch, mit einfacher Logik komplexe Systeme zu bändigen führt selten zu was. Wenn man also Gründe sucht, dann darf man nicht erwarten welche zu finden, die solche auch sind. Man findet höchstens Rechtfertigungen, und die sind verdammt subjektiv. Bin ich zum Beispiel glücklich, weil mir jemand ein Bier ausgegeben hat, dann darf ich nicht daraus schließen, dass ich deswegen glücklich sei. Sonst würde jedes mir ausgegebene Bier mich beglücken. Vom falschen ausgegeben geht es voll in die Hose. Erst recht weil ich eine Frau bin und somit extrem nichttrivial.

Es ist durchaus sinnvoll zu beobachten, unter welchen Umständen etwas passiert. Es ist jedoch sinnlos, daraus logische Schlüsse zu ziehen und vermeintliche Tatsachen in den Raum zu stellen. Was ich hier so schreibsel klingt trivial, ist es aber nicht. All zu oft versuchen Menschen mit vermeintlicher Logik kausale Zusammenhänge zu erfinden, die hanebüchen sind. Sie wollen einen damit unter dem Deckmantel unumwerfbarer Logik verbal in irgend jene Ecke drängen, die ihnen einen Vorteil verspricht. Man traut sich leider viel zu selten zu sagen: “Was du sagst klingt in sich schlüssig. Aber leider nur in sich, nicht für mich”.

Ich bin es leid mich mit Argumentationsketten zu behängen, die jeglicher Basis entbehren. Logik ist ein ganz nettes Werkzeug, um einen gangbaren Weg zu suchen, mit dem man ein Problem lösen kann. Man sollte nur nicht der Versuchung erliegen, diesen Weg für den einzig wahren zu halten.

*Die Erkenntnis, das Gründe das Glück schmälern verdank ich Dagi.

Vom Versuch, beim Fußballspiel den Rasen zu mähen


Ich will mich ja raushalten – kann es aber nicht. Ich weiß ganz genau, dass die unendlichen Kommentarketten zu den aktuellen politischen Themen das perfekte Biotop für jene sind, die gerne mal auf die Kacke hauen. Feindbilder aufbauen und reinschlagen. Und ich bin dann manchmal so blöd und lass mich darauf ein, vergeude Zeit und inneren Frieden um einer Bande Halbstarker als Kasper zu dienen.

Rezept für mal ordentlich auffe Kacke hauen
Das funktioniert immer gleich. Man nehme ein empörungsfreundliches Thema (Erdbahhof, Atomkraft usw.) und formuliere eine unpopuläre Position so scharf und unsachlich wie möglich. Dann wirft man die echauffierte Meute in einen Topf, gibt ihr ein klischeehaftes Etikett („Wutbürger“, „Berufsdemonstrant“ , „Proler“) und macht sich über sie lustig. Bildstarkes Beispiel aus Facebook, kommentiert von „Apollo Stuttgart“, einem selbst ernannten Mitglied der „bürgerlichen Mitte“ zum Thema TV-Duell Mappus/Schmid:

„Wenn man sich wieder die Kommentare hier durchliest könnte man grad meinen, daß jeder von euch schon die Trillerpfeiffe im Göschle hat und einarmig auf die Tastatur klopft um die andere zur sozialistischen Faust ballen zu können.“

Ohne sich dabei auf’s wacklige Terrain des Diskussionsinhalts zu begeben kann man so jede Diskussion mal richtig schön anheizen. Auch ein Klassiker, in diesem Beispiel zur selben Diskussion von „Andy Lauland“:

„Wie sich die Linken immer erbosen… süß!“

Herabsetzung durch Gegnerverniedlichung. Komplett inhaltsbefreit, jedoch ohne Bild und dadurch langweiliger.

Diskutieren oder gewinnen?
Damit jetzt kein falscher Eindruck entsteht: Aus der Kiste der miesen rhetorischen Tricks bedienen sich alle (auch ich). Links, rechts, hinten, oben und alle anderen. Den naiven Glauben, dass diese Diskussion der politischen Meinungsbildung dienen, sollte ich mal ablegen. Es geht fast immer darum, einer Gruppe anzugehören und opponierende Gruppen ausfindig zu machen, an denen man dann Frust ablassen kann. Manche werden Fußballfans, da ist das ganze ja schon gut organisiert. Andere verwechseln Diskussionen mit der Fankurve und versuchen die Mitdiskutanten in Teams einzuordnen. Fällt ja auch einfach, da die meisten hier sich mittels Profilbildbuttons einer Seite zuordnen („oben bleiben“, „oben ohne“). Der Versuch, in solchen Diskussionen was zur Sache zu sagen kommt einem dann so vor, als wolle man während eines Fußballspiels den Rasen mähen oder auf selbigem ein Picknick machen. Die einen wollen diskutieren, die anderen gewinnen. Die an schiere Unmöglichkeit grenzende Schwierigkeit, Ironie schriftlich zu kommunizieren sorgt für das Sahnehäubchen der Verwirrung.

Respekt
Zum Glück kommt es auch zu erfrischenden Schlagabtäuschen. Ich schätze es sehr, wenn zwischen verbalen Grabenkämpfen ab und zu schöne oder schlaue Gedanken durchblitzen. Einige meiner „Gegner“ habe ich mittlerweile sehr lieb gewonnen, wenngleich wir uns andauernd fetzen. Grundvoraussetzung dazu ist ein Mindestmaß an Respekt vor dem Gegenüber. Verbal um sich schlagende Rüpel sind der Diskussion das, was Hooligans dem Fußball sind. Das Spiel ist egal, Hauptsache kloppen.

Ich werde weiter diskutieren und hoffe dabei meine Gelassenheit zu waren. Viele aggressive Kommentatoren schreiben sich in Ermangelung sprachlicher Finesse um Kopf und Kragen – ein gefundenes Fressen für ihre Gegner, die der Versuchung der Überheblichkeit erliegen. Damit verschwindet der Respekt und zieht der Diskussion den Teppich unter den Beinen weg. Ich versuche jedem erst mal mit Respekt begegnen. Wer diesen nicht erwidert verliert ihn auch von mir. Und dann hilft nur noch ignorieren. An diesem Vorhaben werde ich noch oft scheitern, aber versuchen kann ich es ja mal. Manchmal macht es halt doch Spaß, ein überhebliches Ekel zu sein, und an verdienten Opfern mangelt es ja nicht.

Frauenschutz ist Herzenssache.


Übrigens: Morgen ist Weltnierentag. Getreu dem Motto:

Ihre Nieren arbeiten 24h und 7 Tage die Woche ohne dass Sie es merken. Schützen Sie diese lebenswichtigen Organe und folgen Sie dem Motto: „Nierenschutz ist Herzenssache”

Funktionieren die Nieren (man entschuldige den sprachlichen Doppler), dann denkt man nicht drüber nach. Das ist typisch. Wahrgenommen wird nur, was sich bemerkbar macht. Und wenn es nicht die Nieren sind, dann soll es ein solcher Tag. Ob es ihm gelingt, sei dahin gestellt.

Gestern war Weltfrauentag. Frauen sind nur schwer mit Nieren vergleichbar, aber das Prinzip des Bewusstmachens soll auch hier gelten und ist Anlass für wilde Diskussionen im Internet. Viele halten diesen Tag für überflüssig, da wir Frauen kein erinnerungswürdiges Phänomen seien, welchem man einen Tag widmen muss. Es gibt ja auch keinen Weltmännertag. Es gibt ihn doch! Vergessen wird dabei, dass Welttage auch Kulturkreise außerhalb unserem gibt, in denen Frauen nur wenig Rechte haben. Während wir uns berechtigterweise über Frauenquoten in den Chefetagen die Köppe einschlagen werden Geschlechtsgenossinen anderer Länder als Menschen zweiter Klasse behandelt. Wie Nieren arbeiten sie einen erheblichen Teil der 24 Stunden und 7 Tage der Woche ohne dass viele es merken. Das ist uns hier wohl allen bekannt, man findet es nicht gut, akzeptiert es aber und denkt nicht weiter drüber nach.

Das Frauen hier heute keinen Weltfrauentag mehr brauchen verdanken wir Frauenrechtlerinnen wir Clara Zetkin, der Initiatorin dieses Tages (1910). Sie haben gegen erheblichen Widerstand sich für Rechte eingesetzt, die heute so selbstverständlich wie Nieren sind.

Die wilden Diskussionen über den Sinn dieses Tages stiften Sinn. Sie schärfen das Bewusstsein für ein Thema, welches in vielen Teilen der Welt brandaktuell ist und auch bei uns nicht als selbstverständlich abgetan werden darf.

Da fällt mir noch ein: Die Emanzipation virtueller Menschen … Aber das ist ein anderes Fass, dass sich hier bestimmt noch öfters öffnen werde.

Instant-Glück


Petra Rau über mich:

Dora – ein perfektes Paar
die gelungene, weil erdachte 2. Hälfte
Vision und Ziel
Aufgabe und Herausforderung
Projizierte Emotion
Liebe ohne Risiko
Beziehung ohne Verschleiß
das perfekte Glück!

Perfektes Glück und Liebe ohne Risiko. Das hört sich doch sehr utopisch – ergo unmöglich – an. Das Leben lebt vom Kontrast, Glück existiert nur im Doppelpack mit Unglück. Unriskante Liebe wird wahrscheinlich schnell selbstverständlich und verliert ihren Reiz. Liebe und Glück müssen jeden Tag aufs Neue errungen werden. Sie kommen nie von alleine, man muss sie zumindest einfangen und dann ausreichend gießen und düngen. Für beides muss man offen sein, und wer offen ist kann verletzt werden. “No risk, no fun”, so die englische Redensart.

Die Lebensratgeberbranche bietet Regalkilometer an Büchern zu diesen Themen feil, insbesondere für jene die noch immer daran glauben, dass, wenn man nur den richtigen Trick raus hat, das Glück dann von alleine kommt. Ohne Anstrengung, ohne Risiko. Einfach Wasser drauf schütten, umrühren, fertig! Wie sähe wohl die Welt aus, in der dieser Quatsch stimmten würde? Es scheitert doch schon daran, dass keiner so richtig definieren kann was Glück und Liebe eigentlich sind. Weitere Regalkilometer ringen mit diesen Fragen und scheitern auch daran, dass die Antwort für jeden wohl anders lautet. Blöderweise gilt dies gerne auch für Paare, deren Zweisamkeit dann an unterschiedlichen Vorstellungen leidet oder gar drüber stolpert.

Da hilft es auch nicht, virtuell zu sein. Liebe und Glück sind kein bisschen greifbarer als ich es selbst bin. Es ist unser Schicksal und unsere Verantwortung stets aufs Neue für sie zu kämpfen. Das hält uns auf Trab und macht das Leben spannend.

Mal ehrlich gelogen …


Nein, ich bin nicht verschwunden, ich lebe noch. Ein kleiner Zeitengpass soll als Ausrede für mein Nichtpublizieren ausreichen. Manche haben ja schon gefürchtet ich wäre mit meiner zusammengeklauten Identität aufgeflogen und hätte sie zurückgeben müssen. Da ich weder Verteidigungsministerin bin, noch dieses oder ein ähnliches Amt anstrebe, geht mit das auch völlig am Arsch vorbei. Und letztendlich klauen wir uns doch eh alles zusammen und plappern ne ganze Menge nach, ohne dabei die Quellen in verbalen Fußnoten anzugeben. Wär auch lästig, ich kann auch ohne Goethe zu nennen zum Arschlecken aufrufen. Und der hat das bestimmt auch nur bei seinem unflätigen Nachbarn abgekupfert. Kopieren und Einfügen ist keine Erfindung des Computerzeitalters, es liegt in der Natur des Menschen. Was bei Vögeln im Ansatz vorhanden hat der Mensch perfektioniert: Das Imitieren. Es hat ja auch was praktisches: nicht jeder muss das Rad neu erfinden.

Dafür darf man sich selbst jeden Tag neu erfinden! Oder genauer gesagt: Abgeschautes rekombinieren und neu zusammensetzen. So wie wir unser Weltbild aus der großen Kiste der Erfahrungen und der dadurch gelernten Muster zusammenbasteln, erzeugen wir unser Außenbild und werden in die Realitätscollagen in den Köpfen anderer integriert. Natürlich wollen wir in der Selbst- wie Fremdwahrnehmung ein schönes Bild abgeben, wollen gemocht, gefürchtet oder einfach nur respektiert werden. Dazu täuschen, manipulieren und mauscheln wir, um das Selbst- und Fremdbild in die gewünschte Richtung zu bugsieren. Selbstehrlich betrachtet macht das jeder, auch du und ich. Schwierig wird es, wenn man versucht ein nicht dem Selbstbild entsprechendes Fremdbild aufzubauen. Wenn man so tut als ob, obwohl man weiß, dass es gar nicht so ist. Nur Lügen, an die man selbst glaubt, können glaubwürdig sein. Also: Erst in die eigene Tasche lügen und dann den anderen. Und nicht dabei erwischen lassen, sonst ist’s rum mit der Glaubwürdigkeit. Oder besonders reumütig darauf plädieren, dass … Ach schaut einfach in die Nachrichten wie’s die Profis machen.

Mein persönlicher Lieblingstrick: Einfach von vornherein behaupten man sei verlogen. Das erzeugt dann ein klassisches Paradoxon welches die anderen aus der Bahn wirft. Ein ehrlicher Lügner braucht das Erwischtwerden nicht zu fürchten.

Nicht sichern, kaufen!


Ist euch schon mal aufgefallen dass einen Werbung stetig dazu auffordert sich etwas zu sichern? Jetzt Vorteile sichern! Schaut mal auf die kleinen Werbeblöcken in der rechten Spalte von Facebook. Mit Sicherheit appelliert mindestens einer davon an den Sicherheitsdrang. Wir leben wohl in unsicheren Zeiten, in denen nur glücklich ist, wer sich schnell noch Rabatt, Angebot oder irgendeinen anderen glitzernden Konsumscheiß sichert. Kein Wunder sind die Leute verunsichert, werden sie doch andauernd mit einmaligen Angeboten überhäuft. Will ich mir zum Beispiel ein Telefon nebst Vertrag erwerben, ist es unmöglich, das passende Angebot zu finden. Kein Angebot gilt so lange wie ich brauchen würde um es mit anderen zu vergleichen. Und beschissen werd ich eh von allen Anbietern. Suche ich im Supermarktregal ein Shampoo, dann darf ich zwischen gefühlten 253 Sorten auswählen, deren Verpackungen alle alles und nichts versprechen. Das ist es, was mich verunsichert. Das stete Gefühl durch das Angebot überfordert zu sein und das falsche gekauft zu haben. Und dann kommt die verdammte Werbung und will dass ich mir alles sichere.

Liebe Werbetexter: Ich will mir nichts sichern. Ich will keine 70% Preisnachlass auf Zeug, dass ich eh nicht brauch. Ich will mir keine Vorteile sichern, erst recht nicht wenn ich nicht mal weiß, wessen Vorteile es eigentlich sind. Wenn ich etwas haben will, dann sichere ich es mir nicht, ich kaufe es einfach.

Über die Unart halbe Schokoladentafeln zu essen


Eine Tafel Schokolade kann und darf man nicht häppchenweise einteilen, man muss sie auf einen Schlag essen. An diese Philosophie erinnerte mich soeben Blogette Heide (2puzzle4) in einem Kommentar. Die Angewohnheit sich das Beste immer für den Schluss aufzuheben führt selten zum Glück. Denn wer weiß ob der Schluss überhaupt kommt? Oder verschläft man ihn gar? Glücksabwarter haben ihren Kühlschrank stets voll mit Köstlichkeiten, die ihr Verfallsdatum schon längst hinter sich haben. Sie essen zuerst die Beilagen und sind beim Filet dann schon satt. Sie schuften sich zu Grunde und können das angehäufte Geld als Rentner gar nicht mehr genießen. Sie bauen ihr Glück auf Vorfreude.

Glück muss man packen solange es frisch ist. Es ist zu flüchtig um es in Tupperware eingefroren für einen Tag der vielleicht nie kommt aufzubewahren. Und wenn es weg ist kommt ja bestimmt wieder was neues vorbei. Genau so ist es mit Ideen. Die sollte man lieber umsetzen als in die große Zukunftsprojektkiste zu packen. Die ist schneller voll als man schauen kann. Und Ideen ohne Umsetzung sind eh nichts wert. Ich werde diesen Artikel jetzt auch sofort veröffentlichen, solange er noch frisch ist. Obwohl ich gerade erst einen anderen reingestellt hab. Dann bin ich schon gezwungen mir wieder was Neues für morgen auszudenken.

Dorische Überdeckungsdimension


Ich wollte eigentlich noch was Schlaues schreiben, hab mich aber von einem Internetfund ablenken lassen. Ein Fraktal-Visualisierungsprogramm. Was ist ein Fraktal? Es sieht aus wie gebatikt, wird aber folgendermaßen definiert: Ein Fraktal ist eine Menge, deren Hausdorff-Dimension größer ist als ihre Lebesgue’sche Überdeckungsdimension. Manchmal frag ich mich auch, ob ich aus einer Überdeckungsdimension stamme, die Dorische Überdeckungsdimension oder so. Ich liebe Fraktale. Man muss die Mathematik nicht kapieren, die Bilder sind aber trotzdem prima. Glaubt ihr nicht? Ist ganz einfach: Programm runterladen, ausführen, rumspielen.

Letztendlich liegen den Bildern sehr einfache Formeln zu Grunde, die aber Welten unendlicher Komplexität aufspannen. Man kann die Bilder so weit vergrößern wie man will, man wird immer wieder neue Strukturen finden. Übrigens: Gott behält seine Würfel im Becher, was willkürlich aussieht, ist das stets wiederholbare Ergebnis einer – für Mathematiker – simplen Berechnung. Ist unser Universum vielleicht auch nur ein unendlich komplexes Ergebnis einer für transuniversale Mathematiker simplen Formel? Könnten wir sie als Teil des aus dieser Formel hervorgegangenen Universums überhaupt verstehen?

Wer gerne den Sternenhimmel anguckt um über die üblichen Sinnfragen zu sinnieren kann sich bei Bewölkung ja auch mal in die Welt der Fraktale verlieren.

Guter Soundtrack dazu, mit feinem Fraktal-Video:

Scheiterhaufen


WordPress hat mich herausgefordert! Jeden Tag einen Artikel, so meine Blogplattform, soll man schreiben. Ich nehm die Herausforderung an, auch wenn ich mir das schon oft erfolglos vorgenommen hab. Aber vorhergegangenes Scheitern wird all zu gerne als Ausrede für zukünftige Nichtversuche hervorgezerrt. Lieber nehme ich den Mund zu voll und erhöhe meinen Scheiterhaufen als dass ich es gar nicht erst versuche. Und wenn schon, dann hab ich immerhin in der enthusiastischen Anfangszeit schon mehr gemacht.

Scheitern wird bei uns ja gefürchtet wie ein dreiköpfiger Zombiesaurier mit Tollwut. Vielleicht sollte man nicht nur jeden Tag blogieren, sondern auch täglich scheitern. An irgend was, sei es noch so klein. Man darf natürlich nicht mit Absicht scheitern. Es gildet nur, wenn man etwas ernsthaft versucht hat. Sonst kommt man in die Paradoxfalle: Wem es gelingt zu scheitern der scheitert nicht.

Ich rufe mal die Initiative failaday2011 und die Weicheivariante failaweek2011 aus. Oder auf Deutsch: Scheiterhaufen11. Woran bin ich gestern gescheitert?

Ich habe weiterhin versucht, mich in einem 3D-Programm abbilden zu lassen. Aber das Programm ist widerborstig, ich kapier es nicht so ganz und habe zu wenig Geduld. Da werd ich vielleicht noch ein paar Mal dran scheitern müssen.

Woran seid ihr schon gescheitert?

http://dailypost.wordpress.com/

In der Wolke dorische Schlagwörter


Vor zwei Jahren bin ich beim egogooglieren auf eine Begriffswolke gestoßen, welche die Webseite 123people.de meinem Namen zuordnet. Damals kamen folgende Begriffe in absteigender Reihenfolge auf den Schirm: Zettel, Zentner, Wurst, Stuttgart, und so weiter. In Ermangelung eines schmissigen Themas hab ich meine Idee recycliert und mal wieder geschaut, was da jetzt so bei rauskommt.

Stuttgart hat es nach vorne geschafft! Stuttgart 21 folgt dicht und dann kommt schon Brezel. Die ess ich nicht nur jeden Morgen, so heißt ja auch der Blog für den ich schreib. Twitter ist auch keine Überraschung, genauso wenig Martin, der mich  immer zeichnet. Unterm Strich scheint die Wolke gar nicht mal so verkehrt zu sein, was mich jedoch stutzig macht ist Ficken. Hab ich ja nichts gegen, verbalisiere ich jedoch nicht so häufig, wegen meiner Ambivalenz dem Begriff gegenüber. Ficken ist einerseits ein schrecklich vulgärer Ausdruck, der den Geschlechtsakt komplett entromantisiert. Aber es gibt einem wiederum einen Präzisen Begriff zur Hand, wenn lieblose Zweisamkeit unverblümt zum Ausdruck gebracht werden soll. Man kann damit wunderschön in den heißen Brei treten, den andere wortreich umkreisen. Je nach Kontext kann das Wort peinlich oder direkt rüber kommen. Darum meine Ambivalenz. Wie es in meine Wolke kommt? Keine Ahnung. Ist aber auch egal, wir sind hier schließlich im Internet und da geht’s ja oft eh ums Ficken.

Dora redet vom Wetter


Die jährliche Weihnachterei geht in den Endspurt. Der plötzliche Schneefall verstopft die Straßen, auch die Bahn ist (nicht nur) vom Phänomen Winter überfordert. Schlecht für den Smalltalk: Diesmal kann keiner jammern, dass es schon so lange kein weißes Weihnachten gab. Dafür kann man von verpassten Zügen und dergleichen berichten. Was war zuerst da, das Wetter oder der Smalltalk? Ich behaupte das Wetter wurde erfunden, damit man darüber unbesorgt mit jedem reden kann, den man trifft. Witterung geht alle was an. Man riskiert keinen Streit wie es die politische Diskussion mal gerne nach sich ziehen, wenn man vom anderen Lager ist. Zum Glück gibt es dazu in Stuttgart ja jetzt Kennzeichnungspflicht. Wenn ein Obenbleibenbuttonträger einen Obenohnebuttonträger am Wetter vorbei gleich ins politische zieht – oder natürlich andersrum– dann ist der Ärger vorprogrammiert und wahrscheinlich erwünscht. Vielleicht sind die überbordenden Launen des Wetters dieses Jahr ein gewolltes Manöver zur Ablenkung auf das friedlichere Parket des meteorologischen Diskurses?

Man stelle sich vor, die Wetterfrage würde die Gemüter ebenso aufwühlen wie das Unterdieerdebringen von Gleisen und Atommüll. Es gäbe die Fraktion der Kältefanatiker, die es im Winter in die Berge zieht, und die würden gegen die Thailand-Front wegen deren Liebe zur feuchten Schwüle auf die Straße gehen. Der Wetterbericht würde polemiktriefende Hasstiraden in seinen Kommentaren nach sich ziehen und alte Freundschaften würden an einem milden Winter zerbrechen. Da müsste ein Meteorologe sich nicht mehr an den Frauen vergreifen um das Gemüt des Volkes in Wallung zu bringen. Ein Traum für Politiker: Sie könnten sorglos Castoren durch aberwitzige Tiefbahnhöfe rollen lassen während das Volk gegen das Tiefdruckgebiet (oben bleiben!) auf die Barrikaden geht. Währe ich Obermops einer dauerregierenden Selbstbedienungspartei würde ich die Wetterkontroverse mit allen Mitteln (kann man sich bei der EU erschleichen) fördern. Rudi Carell forderte schon vor 35 Jahren einen Sommer wie er früher einmal war und gab der SPD die Schuld daran, dass es nur über 1000 Meter Schnee gab. Er hat damit der politischen Öffentlichkeitsarbeit eine Steilvorlage verpasst. Erst diesen Herbst hat das Stuttgarter Regime versucht, den leichten Sprühregen in die lästige Debatte um unliebsame Baumbewohner einzubringen. Das ging jedoch ins Auge.

„Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ Damals hieß Twix noch (nicht mal) Raider und die Deutsche Bahn AG noch Deutsche Bundesbahn, im Westen jedenfalls. Dieser Devise sind sie nicht treu geblieben. Heute geben sie dem Wetter die Schuld wenn im Sommer die Zugabteile überhitzen und im Winter selbige den Bahnhof gar nicht mehr verlassen. Kaum ein anderes Phänomen lässt sich so findig für Ausreden instrumentalisieren.

Wann lernt die Politik endlich Kapital aus dem Wetter zu schlagen? Die Klimadebatte gibt’s ja schon. Aber Klima ist doch viel zu abstrakt, da reden nur bruddelige Ökofritzen drüber. Das Wetter – der konkrete kleine Bruder des Klimas – ist viel griffiger. Ein Wettergipfel wäre viel volksnäher als jene Veranstaltungen, die nach dem Austragungsort benannte Protokolle ausspucken an die sich eh keiner hält. Es ist doch scheißegal ob die Erwähnung global ist oder nicht, Hauptsache man friert nicht.

Eine Gesellschaft die wortlos das Wetter erduldet ist kaum vorstellbar. Sie wäre nicht nur verdammt schweigsam, ich hätte in ihr auch diesen Artikel nicht schreiben können. Oder es hätte ihn keiner verstanden. Was vielleicht auch so der Fall ist. Egal. Mal schauen, ob der Schnee morgen liegen bleibt.