Unter Frauen

Dass ich als Virtuelle nicht so einfach wo aufkreuzen kann, sollte jenen, die mich kennen, schon klar sein. Ich brauch dazu immer fleischliche Helfer, die es verstehen, den materiellen Raum mit ihrer Präsenz  zu füllen, die mich zeichnen, die für mich die Maus schieben und andere eher greifbare Dinge erledigen, die meinen Gedanken Form geben können. Meine letzte Beteiligung an einer Ausstellung war mal wieder so ein Fall: Im Frauenkulturzentrum Sarah im Stuttgarter Westen gab’s die Ausstellung „Kompromisslos oben bleiben“, die sich dem kreativen Widerstand gegen das Großprojekt Stuttgart 21 widmete. Passt!, dachte ich mir, hab ich doch einen nicht geringen Teil meiner Kreativität für das Stänkern gegen den lokalen Größenwahn eingesetzt, Lochinitiativen gegründet und wie die Wilde gebloggt. Normalerweise ist das mit den Ausstellungen ja kein Problem, ich sag einfach meinem Zeichner er solle meine Arbeit ausdrucken, rahmen und aufhängen und am besten noch die Rede halten. Hier jedoch gab’s ein kleines Problem: Ins Frauenkulturzentrum dürfen, wie der Name schon sagt, nur Frauen rein – ein Kriterium, an dem er scheitert. Aber wer sagt eigentlich, dass mein Zeichner immer alles für mich tun muss? Es ist sowieso höchste Zeit, dass ich mich von ihm mal emanzipiere. Da kam’s mir sehr zu pass, dass meine liebe Künstlerkollegin Karin Rehm dort auch ausstellt. Nicht nur, dass einige Arbeiten von uns gemeinsam erstellt wurden, sie ist auch erfahren in der Virtuelleninkarnation, da sie die materielle Vertreterin meiner Freundin Thea Schattenwald ist. Da ich gebeten wurde, eine Eröffnungsrede für die Ausstellung zu schreiben, habe ich dies auch getan und Karin mitgegeben. Der Abend hatte eine wunderschöne Stimmung, doch schaut euch die Bilder am besten selbst an. Ein paar der Bilder sind auch von der Finissage.

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Die Rede, die Karin für mich gehalten hat:

Liebe Gäste, Es waren gute Argumente, die mich motivierten, politisch zu werden – und zwar jene guten Argumente für Stuttgart 21, die angeblich überwiegen sollten. „Es stimmt, dass ein Teil des Schlossgartens über Jahre hinweg Baustelle sein wird. Es stimmt aber auch, dass in einer Großstadt Baustellen für den Erneuerungswillen ihrer Bürger stehen.“ Das war im Juni 2010. Wer erinnert sich noch an die Kampagne? Mir liegt sie zu schwer im Magen um sie verdaut zu haben. Zuvor verfolgte ich das Widerstandstreiben mit Sympathie, beschränkte mein Engagement jedoch auf die Initiative Loch 21. Bislang dachte ich ja, meine fachliche Unkenntnis wäre ein schlechte Basis dafür, mein Maul zum Thema aufzureißen. Aber mit dieser Verdummungs-Kampagne wurde mir klar, dass Sachlichkeit in der Bahnhofsdiskussion dünn gesät war. Meine Hemmung, mich einzumischen, schwand. Ich fing an, mich in meinem Blog für das Thema zu engagieren. Der Zuspruch vieler Leserinnen und Leser bekräftigte mich. Der Widerstand kam im Sommer 2010 so richtig in Fahrt und brachte mehr Leute auf die Straße als die derzeitige Fussball-WM. Ich war begeistert vom kreativen Reichtum des Widerstands – man bedenkte den Bauzaun – und trug meinen Teil dazu bei. Am 30.9. änderte sich die Stimmung, wurde verbitterter und ernster. Mappus wollte Bilder schaffen als er die Polizei dazu veranlasste, mit aller Härte gegen Demonstranten vorzugehen. Er wollte den Widerstand provozieren, um ihn als militant darzustellen. Er scheiterte an unserer bedingungslosen Friedlichkeit. Wir schafften es ein Gegenbild zu erzeugen, welches dem Ministerpräsident letztendlich das Genick brach. Spätestens da wurde klar, dass es im Streit um den Tiefbahnhof nicht um Leistungsfähigkeit oder Kosten ging, sondern um Bilder.

Im Herbst folgte die sogenannte Schlichtung und sollte Sachlichkeit vortäuschen.  Dort schlugen sich die großen Köpfe der Befürworter und Gegner – übrigens alles Männer außer Gönner und Dahlbender – die Argumente um die Ohren und lenkten von grundsätzlichen Fragen ab. Wie zum Beispiel der Frage danach, wer das eigentlich alles bezahlen soll oder ob ein milliardenteurer Bahnhofsneubau – K21 oder S21 – überhaupt notwendig sei. Die Kreativität des Widerstands zeigte sich ein weiteres Mal vor der Landtagswahl, in der es galt, das wahre Gesicht von Mappus zu zeigen. Das ist uns gelungen, die CDU musste nach 58 Jahren Herrschaft den Posten räumen, die Grünen Protagonisten des Widerstands standen plötzlich in der Regierungsverantwortung. Sie waren nun gezwungen, eine landesweite Volksabstimmung durchzuführen, die so ausgelegt war, dass die Projektgegner kaum eine Chance hatten, sich durchzusetzen. Auch hier sollte wie bei der Schlichtung Demokratie vorgetäuscht werden, und dieses mal ist es ihnen gelungen. Und wieder versuchte der Widerstand, mit all seiner Kreativität die Argumente gegen das Großprojekt unters Volk zu bringen und fuhr dabei mit Bussen durch das Land. Dem steuersubventionierten Wahlkampf der Befürworter stand eine Truppe Ehrenamtlicher mit viel Kreativität und wenig Geld entgegen. Die Befürworter ließen sich erst gar nicht auf die Sachebene ein und führten einen emotionalen Wahlkampf, der es schaffte, viele Bürger gegen den Ausstieg aus der Finanzierung des Projektes zu stimmen. Also letztendlich für Stuttgart 21. Und das wird jetzt, wie es scheint, auch gebaut. Hat der Widerstand versagt?

Wir haben es nicht nur geschafft, die CDU-Herrschaft zu beenden. Wir haben auch für ein neues Bewusstsein vieler Bürger gesorgt. Viele apolitische Bürger wie ich wurden aufgeweckt, haben sich vernetzt, wurden kreativ und haben sich engagiert. Auch wenn wir keine Chance gegen das Kapital hatten, das hinter Stuttgart 21 steht, haben wir eine gehörige Menge soziales Kapital aufgebaut, dass man uns nicht nehmen kann. Es sind die Freundschaften, die wir geschlossen haben, die Erlebnisse, die uns verbinden, es ist das gemeinsam gewachsene Bewusstsein, dass wir eine Stimme haben und gehört werden wollen. Der Widerstand hat unsere Kreativität geweckt und es uns ermöglicht, sie zu nutzen. Ein Abend wie dieser hier ist für mich Grund genug zu sagen: Der Widerstand hat nicht versagt.

Fotos: Karin Rehm,
Titelillustration: Martin Zentner,
Vorlage für Titelillustration: Julia Doebele,
Hintergrund Titelillustration: Karin Rehm

Die große Wunde

Heute ist es wohl so weit: Der Mittlere Schlossgarten Stuttgarts wird geräumt, damit Platz für die Baugrube des Erdbahnhofs Stuttgart 21 geschaffen werden kann. Dabei im Weg: Die wunderschönen alten Bäume des Parks. Die sollten eigentlich alle verpflanzt werden, das hat die Bahn als Resultat der Schlichtung versprochen. Das Versprechen werden sie brechen.

Die Bäume werden für den neuen Bahnhof geopfert. Ob das Opfer gerechtfertigt ist oder nicht, darüber sind sich die unterschiedlichen Parteien nicht einig. Aber eins ist klar: Die Zerstörung wird eine tiefe Wunde in die Mitte der Stadt schlagen, auch symbolisch. Das kann auch niemandem egal sein, der für den Neubau des Bahnhofs ist.

30.000 Bürger haben sich bei den Parkschützern eintragen lassen und heute ist der Tag, an dem es um die Wurst geht. Ich hoffe, dass viele Leute, die sich in den letzten Jahren gegen die Zerstörung des Parks ausgesprochen haben, heute kommen, um zumindest Abschied zu nehmen. Wahrscheinlich sind nur wenige bereit, aktiv gegen die Räumung vorzugehen, aber es wäre ein gutes Bild, wenn so viele Menschen wie möglich anwesend wären und zeigen, dass es uns nicht egal ist, wenn so etwas geschieht. Wir werden der Übermacht der Polizei nichts entgegensetzen zu haben, aber wir können Zeugen sein und zeigen, dass wir um unsere Bäume trauern.

Ich wünsche mir, das auch jene dort anwesend sein werden, die verantwortlich für die Zerstörung sind. Auch ihnen kann es nicht egal sein, wenn wir dieses Opfer für ihre Zukunft bringen. Auch die Landesregierung, insbesondere Kretschmann, täten gut daran. dieser Hinrichtung beizuwohnen, um zu sehen und Anteil daran zu haben, wenn der Seele der Stadt eine tiefe Wunde zugeführt wird.

Ich wünsche mir, dass alles gewaltfrei abläuft, und ebenso wünsche ich mir, dass die Rodung in letzter Sekunde verhindert werden kann.

Ein Ort für bewegte Bürger

Der Volksentscheid hat ergeben: Das Land Baden-Württemberg soll nicht aus der Finanzierung des Großbauprojektes Stuttgart 21 aussteigen. Für die Bahn bedeutet das der Startschuss, mit dem Projekt richtig loszulegen. Viele Gegner fassen dies als Legitimation für den Bau des Bahnhofs auf, auch wenn seine Finanzierung noch nicht geklärt ist. Andere wollen bis aufs Letzte Park und Bahnhof verteidigen. Währenddessen wird das neue Stuttgart geplant. Vor lauter Bahnhof hat keiner bemerkt, dass jetzt schon ganze Häuserblöcke wie im Gerberviertel abgerissen werden, um Shoppingcenter und Büroleerstand hinzuklotzen..Das Gebiet, auf dem heute noch Gleise liegen, wird neu geplant und keiner interessiert sich so richtig dafür. Wenn das neu gefundene politische Bewusstsein in Radikalisierung oder Rückzug verläuft, haben wir nichts gewonnen.
Plattform für Aktive
Es gibt auch einen dritten Weg: Unsere Stadt braucht eine Bürgerbewegung, die sich jenseits der Bahnhofsfrage für eine bürgerfreundliche Stadtentwicklung engagiert. Und diese Bewegung muss offen und sichtbar sein. Sie braucht einen Ort, der als Anlaufstelle und Dialogzentrum für Bürger dient, die die Zukunft ihrer Stadt nicht den Großinvestoren überlassen wollen. Ein solchen Ort gibt es schon, doch der steht auf verlorenem Boden: „Unser Pavillon“ steht derzeit dort, wo ab Januar die Bagger rollen werden. Der containerartige Bau dient als Informations- und Ausstellungsplattform dieser neuen Bürgerbewegung und ist nicht nur Anlaufstelle für Aktivisten und Künstler, sondern auch interessierte Passanten. Bislang wurde der von Stadt und Land nur geduldete Pavillon mit viel persönlichen Engagement und Herzblut von ein paar Leuten ehrenamtlich betrieben. Doch um den Pavillon an einem neuen Ort auf einer soliden, legalen Basis weiter zu betreiben, bedarf es der weiteren Unterstützung von uns allen. Dazu sollen auch Gespräche mit der Stadt über finanzielle Unterstützung und einen geeigneten Standort geführt werden. Das Team vom Pavillon sucht deshalb engagierte Leute, die sich an der Weiterentwicklung des Pavillonkonzepts beteiligen wollen.
Frische Ideen braucht das Land
Ich persönlich würde mir ja wünschen, wenn insbesondere junge Leute dem Aufruf folgen würden. Sie sind es, die die Früchte ihrer Arbeit ernten können, denn es handelt sich um langfristige Prozesse. Sie müssen neue Wege finden, wie Bürger in die Stadtentwicklung besser integriert werden können. Und dazu brauchen wir frische Ideen und die Bereitschaft, das Gewohnte auf den Kopf zu stellen und unkonventionelle Lösungen zu suchen. Wenn wir uns auf die Ideen der Politik verlassen, haben wir nichts dazu gelernt. Als engagierter Bürger reicht es nicht, alle paar Jahre ein Kreuzchen zum machen. Sonst kommt das nächste Stuttgart 21 bestimmt.
Noch ein Hinweis: Es eilt! Wenn ihr Interesse habt, dann meldet euch so schnell wie möglich beim Pavillon:

Noch ein paar Infos rund ums Thema:

  • Eine interessante Bürgerbewegung in Stuttgart nennt sich „Meisterbürger“. Ein Bürgernetzwerk, dass sich zum Ziel setzt mitzuregieren, anstatt regiert zu werden.
    http://meisterbuerger.org/
  • Hier informiert die Stadt darüber, wo gerade gebaut wird:
    http://stuttgart-baut.de/
  • Das größte städtebauliche Projekt im Zuge von Stuttgart 21 ist das Rosensteinviertel. Auf der Webseite steht zu oberst: „Wir gestalten unsere Stadt von morgen“. Derzeit befindet sich das Projekt in der „Inspirationsphase“. Diesen Mittwoch, dem 14. Dezember, startet eine Veranstaltungsreihe bei der es die Möglichkeit zur Diskussion geben soll. Es lohnt sich den vorgesehenen Beteiligungsprozess genau unter die Lupe zu nehmen.
    http://www.rosenstein-stuttgart.de/
  • Das passiert, wenn Investoren die Stadt gestalten:
    http://www.das-gerber.de/

Hier der Aufruf von der Facebookseite von „Unser Pavillon“:
https://www.facebook.com/unser.pavillon

Aufruf zur Mitwirkung

Die junge Bürgerbewegung in Stuttgart hat keinen Grund zur Resignation, sie muss jetzt mit frischer Kraft weitergehen, dazu haben wir einen Auftrag und eine historische Verpflichtung! Wir wissen, dass es um mehr als einen Bahnhof geht und daher haben wir als Bürgerbewegung, die knapp die Hälfte der Stuttgarter Bevölkerung vertritt, einen legitimen Anspruch auf eine dauerhafte, prominente Präsenz im öffentlichen Raum.

Lasst uns diese Chance nutzen und ein starkes Projekt mit unserer geballten Kompetenz initiieren: Aus dem Projekt Unser Pavillon können wir ein gemeinsames, längerfristiges und finanziertes Projekt heraus entwickeln! Das geht jedoch nur, wenn sich genügend Menschen zusammentun und ihre Kräfte bündeln.

Daher unsere Frage: Wer kann sich vorstellen bei einem zukünftigen Projekt in Anknüpfung an das aktuelle Pavillon-Projekt mit einem neuen, gemeinsam erarbeiteten Konzept aktiv dabei zu sein?

Und noch zu guter Letzt: Das Hemdchen, das ich auf dem Bild trage, hat meine Freundin, die Künstlerin Karin Rehm erfunden. Ich werde es bald zum Kauf in ähnlicher Form feilbieten. Karin hat mir auch dabei geholfen, diesen Text zu formulieren. Sie ist Urpavillonistin, hat ihn mit eigenen Händen mit aufgebaut und unzählige Mal dort „Dienst geschoben“.

Weiterärgern und fertig bauen.

Als gute Demokratin, so habe ich  vielfach gehört, darf ich jetzt nicht mehr gegen ein vom Volk legitimiertes Bauprojekt auf die Straße gehen, muss die Kröte schlucken und das Maul halten. Es sei dahin gestellt, was ich von der Volksabstimmung über die Bahnhofsfrage halte. Aber klar ist: Es wird gebaut. Zumindest mal damit angefangen. Bis das Geld ausgeht. Einerseits sagt die Bahn, dass 4.500.000.000 Euro ausreichend seien. Andererseits sagte Bahnchef Grube aber auch, dass sich das Land wie alle Projektpartner an etwaigen Mehrkosten beteiligen muss. Ministerpräsident Kretschmann behauptet jedoch, dass das Land keinen Cent mehr als der veranschlagte Anteil zahlen wird. Gebaut soll trotzdem werden, obwohl keinem klar ist, wer die Rechnung dann zahlt, die garantiert kommen wird. Und da niemand gerne vor Bauruine 21 stehen möchte, wird im Falle von Kostenlimitüberschreitung halt doch Landesgeld in den Schlund des Erdbahnhofs verschwinden, denn keiner hat dann die Eier zu fordern, die Grube wieder zuzuschütten.

Als gute Demokratin schickt es sich vielleicht nicht, weiter gegen S21 zu demonstrieren, aber für eine klare Aussage zur Finanzierung kann man ruhig weiterhin auf die Straße gehen.

Wenn die Bahn ihren eigenen Zahlen glauben würde, könnte sie ja ohne Probleme die Mehrkosten übernehmen, die es aus ihrer Sicht nie geben wird. Es mag gängige Praxis sein, Projekte mit zu knapp kalkulierten Kosten politisch durchzusetzen, aber ich sehe nicht ein, dass die Bürger dieses Landes dafür aufkommen müssen. So lange seine Finanzierung nicht geklärt ist, darf mit dem Bau des Erdbahnhofs nicht angefangen werden.

Mich hätte übrigens interessiert, wie das Land abgestimmt hätte, wenn die erdbahnhofsfreudige Mehrheit direkt dafür gerade stehen müsste. Wie viel Privatvermögen wäre jeder von denen bereit, in ihre Version der Zukunft von Stuttgart zu investieren? Leider herrscht die Einstellung, dass irgend jemand schon die Rechnung bezahlen wird. Dieser Gedanke ist Vater unserer Eurokrise und widert mich an.

Als gute Demokratin akzeptiere ich des Volkes Wille, werde aber nicht aufhören, wach zu bleiben. Stuttgart wird sich in den nächsten Jahrzehnten drastisch ändern. Der Ruf nach mehr Partizipation des Volkes wurde laut, die Politik denkt über Vereinfachung von Bürgerentscheiden nach. Das stellt uns als Bürger in die Verantwortung, die Entwicklung kritischen Auges zu begleiten. Auch wenn es für viele frustrierend sein mag, dass der Widerstand nichts verhindern konnte, dürfen wir jetzt nicht aufgeben und uns beleidigt zurück ziehen. Gerade jetzt ist es wichtig, unser neu gefundenes politische Bewusstsein weiter zu leben und eine aktive Rolle an der Entwicklung unserer Stadt und unsere Landes einzunehmen. Demokratie funktioniert nur, wenn der Souverän, das Volk, kritisch, wach und verantwortungsbewusst handelt.

Busausfahrt gegen den Erdbahnhof

Bald ist es soweit: In Baden-Württemberg wird vom Volk über ein obskures Finanzierungsgesetz abgestimmt. Der Wahlzettel ist kompliziert und verwirrend, die Materie sowieso. Letztendlich hat man eine Wahl: Ja oder Nein. Ja heißt, man will das Milliardenprojekt Stuttgart 21 nicht haben, Nein bedeutet, dass man es haben will. Um Verwirrung vorzubeugen beschränkt sich der Wahlkampf auf eine klare Aussage, wo man das Kreuzchen hinmachen soll. Die Erdbahnhoffreunde klotzen mit Plakaten im ganzen Land, denn sie haben eins: Geld. Das haben die Gegner nicht, sind auf private Spenden und viiiiiiel Idealismus angewiesen. Darum will ich hier mal eine schöne Aktion erwähnen, die jene erreichen soll, die fern ab der Bahnhofsfrage leben, aber trotzdem gefragt sind. Hier der Aufruf:

Am 19.11. und 26.11.  fahren wir mit Bussen in ländliche Regionen, wo die Bahn nicht hinkommt.

In jedem grösseren Ort halten wir am Marktplatz, springen raus und verteilen ca. 15 Minuten Infomaterial. Dann heisst es “Alle Mensch an Bord”, und es geht weiter zur nächsten Station. Das Ganze geht ca. von 7:30 bis 15:00.

Wir hatten zunächst 2 Busse Reserviert – Nun, wegen grosser Nachfrage, stehen 3 Busse bereit. Natürlich fahren alle Busse in verschiedene Richtungen

Wenn Du an unserer Kaffeefahrt teilnehmen willst, kannst Du Dich noch per Email bei uns melden. Wir versprechen auch, weder Rheumadecken noch Tiefbahnhöfe zu verkaufen.

http://volksabstimmung-s21.org/cms/aktion/flashmob/

Grab mit!

Die Galerie lebt wieder! Erst vor kurzem habe ich Karin in unser Galeristen-Team mit aufgenommen, und schon machen wir unsere erste offizielle gemeinsame Ausstellung. Nun gut, ohne sie wäre die letzte Ausstellung nie zu Stande gekommen. Diesmal zeigen wir was in eigener Sache, denn es geht um mein Treiben im Widerstand gegen Stuttgart 21. Da ist natürlich das größte Thema die Initiative Loch 21, wozu es auch neue Sachen zu sehen gibt – und zum mitmachen! Ihr dürft euch – zumindest virtuell – bei der Verlochung unserer Stadt beteiligen. Es wird schöne Buttons geben und hoffentlich einen netten Abend mit viel Spaß. 

 

Ausstellung: Grab mit! Dora und der Widerstand. 

Vernissage: 

 

Montag, 14. November 2011
ab 19 Uhr
Unser Pavillon, Mittlerer Schlossgarten, Stuttgart

Schwer kommunizierbar

Ich les’ grad in Spiegel und Stern, dass der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger schon lange wusste, das das Milliardenprojekt Stuttgart 21 noch mehr Milliarden kosten würde, die Zahlen aber zurück gehalten hätte. Landesbeamte hätten damals auf Basis von Bahnunterlagen Gesamtkosten von mindestens 4,9 Milliarden Euro kalkuliert, einen Endbetrag von bis zu 6,5 Milliarden Euro aber sogar für wahrscheinlicher gehalten, so der Spiegel. Auf Wunsch von Oettinger wurden die Kostenberechnungen abgebrochen, da die Zahlen „in der Öffentlichkeit schwer kommunizierbar“ sein.

Toller Trick, den merk ich mir! Wenn ich mal beim Lügen erwischt werde, behaupte ich einfach, die Wahrheit wäre halt schwer kommunizierbar gewesen. Beschimpft mich jemand als Lügenpack, echauffiere ich mich natürlich! Und wenn’s dann um diese „Wahrheit“ geht, sag ich einfach: Scheiß der Hund drauf! Wir fragen jetzt einfach das Volk. Und wenn nicht mindestens ein paar Millionen sagen, dass ich lüge, dann erkläre ich die Lüge kurzerhand zur demokratisch legitimierten Wahrheit. Und wer sich dann noch beklagt wird in einen Container auf dem Wasen gesperrt.

Erdbahnhof ist GEIL!

Ich habe mir zum Selbstschutz einen Spamfilter ins Hirn installiert. Der bewahrt mich zum Beispiel vor dümmlichen Werbekampagnen und Titelseiten der Bildzeitung, die überall leicht verdaulichen Blödsinn in großen Lettern offerieren. Diese Form von Ignoranz macht mein Leben schöner, es hält Unliebsames aus meiner Lebenslüge fern. Ab und an schau ich aber doch mal nach, was so alles im Fusselsieb des Spamfilters hängengeblieben ist, bin ja doch recht neugierig. In der Kategorie „Geiz ist geil“ ist mir dann doch was ins Auge gestochen: „Wir sind doch nicht blöd“, Mediamarkt-Optik aber kein Krimskrams zur elektronischen Unterhaltung für 555 Euro, sondern ein „Nein“ zum Kündigungsgesetz. Seit wann macht der Mediamarkt Politik? Äh, halt! Nicht Mediamarkt, www.fuerstuttgart21.de ist der Absender der etwas irreführenden Werbebotschaft. Anlass ist eine Volksabstimmung über die Finanzierung des Milliardenprojekts Stutttgart 21 durch das Land Baden-Württemberg. Das Thema ist komplex, die an der Wahlurne gestellte Frage ist so unverständlich wie eine Steuererklärung und der Bedarf an Aufklärung durchaus gegeben, da Souverän Volk nur dann sinnvoll entscheiden kann, wenn er weiß worum es eigentlich geht. Aufklären ist langwierig und bei vielen mangels Interesse erfolglos, drum kann man auch Meinung machen, dachte sich der IG Bürger für Baden-Württemberg e.V. und verkleistert das Land mit Grobgeschnitztem à la „Randale statt Demokratie – wir sind doch nicht blöd!“. Hinter einem Komplettausrutscher wie dem „Tu’ IHN unten rein“-Hemdchen stehen einzelne Verwirrte, doch diese Kampagne hat System, sie ist ernst gemeint. Am besten, jeder schaut sich mal in Ruhe die Plakatserie an, und macht sich ein eigenes Bild davon, auf welchem Niveau diese Gruppierung von Erdbahnhofsfreunden versucht, Stimmen zu fangen. Und wie immer: Wenn das die besten Argumente für den Weiterbau sind, dann gute Nacht!

Die Plakatmotive gibt’s frei zum Runterladen bei http://www.fuerstuttgart21.de/.

PS: Falls euer Interesse doch tiefer geht als „oben bleiben=ja, oben ohne = nein“, hier der Wortlaut der Frage und der Gesetzesvorlage, um die es geht:

„Stimmen Sie der Gesetzesvorlage ‘Gesetz über die Ausübung von Kündigungsrechten bei den vertraglichen Vereinbarungen für das Bahnprojekt Stuttgart 21′ (S21-Kündigungsgesetz) zu?“

Bin mal gespannt, wie viele Wahlberechtigte Baden-Württemberger diese Frage kapieren. Naja, wenn das Volk als Souverän hier direkt entscheiden soll, dann muss man ihm auch die Kompetenz zurechnen, zu verstehen worum es geht. Hier mal die Gesetzesvorlage, der man zustimmen kann, aber nicht muss:

Gesetz über die Ausübung von Kündigungsrechten bei den
vertraglichen Vereinbarungen für das Bahnprojekt
Stuttgart 21 (S 21-Kündigungsgesetz)
§ 1
Kündigung der Vereinbarungen
Die Landesregierung ist verpflichtet, Kündigungsrechte bei den vertraglichen
Vereinbarungen mit finanziellen Verpflichtungen des Landes Baden-Württemberg für
das Bahnprojekt Stuttgart 21 auszuüben.
§ 2
Inkrafttreten
Dieses Gesetz tritt am Tag nach seiner Verkündung in Kraft.

Es soll also darüber abgestimmt werden, die Mitfinanzierung von S21 durch das Land in Höhe von 824.000.000 Euro beendet werden soll. Wer besser verstehen will, um was es am 27. November geht, kann das hier auf einer einigermaßen neutraler Seite nachlesen: www.lpb-bw.de/volksabstimmung_stuttgart21.html.

http://aussteiga.de/

http://infooffensive.de/

http://www.fuerstuttgart21.de/

Gartenbilder

Die Ausstellung „Bilder aus dem Schlossgarten“ in „Unser Pavillon“ war wunderbar. Danke an die Fotografen Frank, Steff und Peter, an Karin vom Pavillon, an die Compagnia Sackbahnhof, die die Ausstellung mit ordentlich Musik angefeuert haben und an alle Gäste, die mit uns diesen schönen Abend gefeiert haben!

https://www.facebook.com/galerie.dora.asemwald

PS: Pandora Büchse war auch unter den Gästen, vielleicht seht ihr sie ja im Film.

 

 

 

 

 

 

Bunt und laut!

Protest will wahrgenommen werden, drum muss er bunt und laut sein. Der drohende Stuttgarter Erdbahnhof hat die kreativen Geister jener geweckt, für die sich Fortschritt nicht in der Anzahl rollender Bagger misst. Im Laufe der Jahre hat sich eine Menge an Protestequipment angesammelt, vom Button bis zum historischen Wasserwerfer. Meine liebe Kollegin und Pavillonistin Karin, mit der ich meine letzte Ausstellung organisiert habe, hat beschlossen in eben jenem Pavillon im Schlossgarten die Ästhetik des Widerstands auszustellen. Doch braucht sie natürlich Exponate, damit die Ausstellung „Protest Equipment“ am 30.9. im Schlossgarten auch die Vielfalt zeigen kann, die wir in den letzten Jahren auf den Straßen gesehen haben. Also los, liebe Mutbürger, macht mit und bringt ab dem 24.9. eure Banner, Hüte, Jacken, Wasserwerfer, Tröten und anderes Gedöns zu „Unser Pavillon“ in den Schlossgarten!

http://www.unser-pavillon.de/

Ausflug auf’s Land

Irgendwann, wohl dieses Jahr noch, soll wohl das ganze Land befragt werden, wo in Stuttgart in Zukunft die Züge fahren sollen. Mich fragt niemand, ob in Konstanz oder Künzelsau die Stadt auf links gedreht werden soll. Ehrlich gesagt: Es interessiert mich auch nicht. Ebenso wenig interessiert es den Münsinger, wie rum in Stuttgart die Gleise liegen. Auch wenn er dafür zahlen muss, wenngleich natürlich indirekt. Trotzdem wird er gefragt. Ob er antwortet oder nicht. Ob er von der komplexen Materie Ahnung hat oder nicht. Das doofe: Ein Drittel aller Wahlberechtigten, also 2,5 Millionen müssen gegen den Erdbahnhof sein, sonst geht die Wahl automatisch zu Gunsten des Milliardenprojektes aus. Auch wenn sich viel weniger dafür entscheiden. Demokratie geht anders.

Wir haben keine Chance. Nutzen wir sie. Sagen sich auf jeden Fall ein Haufen Erdbahnhofsgegner. Das gefällt mir! Sie wollen auf’s Land ziehen und das dort hintragen, was dort zu diesem Thema verständlicherweise Mangelware ist: Information. An Infoständen im ganzen Land wollen sie mit potenziellen Wählern reden. Sie suchen auch noch Leute, die die Idee unterstützen und sich beteiligen wollen:

volksabstimmung-s21.org

Zwischen den Zelten

Es wurde ja auch höchste Zeit! Das Brachliegen meiner Galerie war mir eh ein Dorn im Auge, jetzt hab wieder was am Start. Diesmal geh ich aus dem Haus, in den Stuttgarter Schlossgarten. Dort steht „Unser Pavillon“, der einst als Camera Obscura den Bahnhof abbildete, jedoch zum Veranstaltungs- und Ausstellungsort für den kreativen Widerstand gegen den angedrohten Erdbahnhof mutierte. Heute ist da immer was los, nette Freiwillige kümmern sich um Besucher, hören sich Schimpftiraden jener an, die lieber eine Baugrube als die Zelte im Park hätten. Genau der richtige Ort und die richtigen Leute, um eine schöne Ausstellung zu machen.

Ausgestellt werden Fotos von Peter Franck und Frank Bayh & Rosenberger-Ochs, die die Zeltstadt im Park dokumentiert haben.

Montag, 5. September um 19:30
Unser Pavillon, Mittlerer Schloßgarten, Stuttgart

https://www.facebook.com/frankundsteff
https://www.facebook.com/peter.franck1

https://www.facebook.com/event.php?eid=107044349400516
https://www.facebook.com/pages/Unser-Pavillon/115978998485163

Scheindemokratische Schützengräben

Wenn zwei sich nicht einig werden, dann muss man schlichten. Wenn man so tun will, als ob man die andere Partei verstehen wollte, dann spielt man Schlichtung und sorgt dafür, dass sie zu eigenen Gunsten ausgeht. Wenn nicht, dann nimmt man sie halt nicht ernst. Wenn die anderen den Braten riechen, bringt ihnen das ja nichts, denn wer will schon als unschlichtbar in die Ecke gestellt werden?

Beim Stresstest, dem Ende der Stuttgarter Schlichtung um die Zukunft von Stadt und Bahnhof war das Ergebnis ein Kompromiss, der natürlich sofort von den S21lern abgelehnt wurde, die Schlichtung wurde enttarnt, der Frieden nicht wieder hergestellt. Der Stellungskrieg geht weiter. Die Künstlergruppe Begleitbüro SOUP (Stuttgarter Observatorium für urbane Phänomene) hat das Thema aufgegriffen und in einer Installation ausgedrückt. In mitten des Orts des Geschehens, dem Schlichtungssaal, haben sie einen Denkmalentwurf platziert. Ein Sandsackpyramide, auf der das Streitobjekt wie eine Burg tront: der Stuttgarter Bahnhof. „Ergebt Eucht“ steht auf der Fahne, kein Kompromiss wird akzeptiert, nur Kapitulation.

Am Montag den 29. August kann man die Installation zwischen 11 und 12 Uhr im vierten Stock des Stuttgarter Rathauses besichtigen.

Ich sehe in der Schlichtung eines von vielen Beispielen von Scheindemokratie, die dem Bürger offene und demokratische Prozesse vorgaukeln sollen, getreu dem Motto: Redet mit, und wenn’s uns in den Kram passt, dann hören wir vielleicht sogar zu. Demokratische Feigenblätter gibt es zuhauf. Im Herbst sollen Bürger des ganzen Landes von Lörrach bis Schwäbisch Hall darüber entscheiden, ob Stuttgart einen neuen Bahnhof braucht. Und wenn zu wenige ihren Sonntag im Wahllokal verbringen wollen, gewinnt automatisch der neue Bahnhof. Aber man hat ja gefragt, alles ganz demokratisch. Bürgerbeteiligung ist erwünscht, wenn sie im klar abgesteckten Rahmen stattfindet. Und immer schön unverbindlich bleiben, damit man unerwünschte Ergebnisse unter den Teppich kehren kann.

Eine Frage drängt sich mir auf: Ist es richtig, an scheindemokratischen Prozessen teilzunehmen oder sollte man sie boykottieren? Ganz konkret: Soll man die Volksabstimmung verweigern und riskieren, dass das eigene Anliegen am Ende knapp unterliegt? Wie seht ihr das?

Alles was ich machen kann, ist wachbleiben und vor der einlullenden Wirkung unserer Scheindemokratie zu warnen, denn es ist bequem, sich dieser Lebenslüge hinzugeben. Viel zu viele nutzen sie als Alibi dafür, ihre kritische Haltung preiszugeben und vor der Macht eines veralteten Systems zu kapitulieren. Unsere lokale Presse hat alle Ansätze, die Geschehnisse kritisch zu betrachten in den Wind geschossen und stellt jene, die sich nicht das Hirn haben zukleistern lassen als schlechte Verlierer hin. Es ist bekannt, dass die Bahn durch Lug und Trug ihr Projekt durchgeboxt hat, aber kaum einer will sich mehr damit beschäftigen, weil dieser Betrug scheindemokratisch legitimiert wurde. Und man will ja nicht auf der Verliererseite stehen.

Bitte, liebe Bürger, bleibt wach! Lasst euch nicht einlullen. Es geht um eueren Lebensraum, um eure Stadt und euer Geld. Ihr müsst euch nicht gleich an Bagger anketten, aber bleibt zumindest kritisch, denn Demokratie lebt von mündigen und wachen Bürgern.

Film, Fotografie oben: Josh von Staudach, Fotografie unten: Andreas Mayer-Brennenstuhl.

Blindgeschlichtet

Der Streit um den Stuttgarter Bahnhof geht in immer neue Runden – und mir auf die Nerven. Wie viel Gleis braucht ein Erdbahnhof um „wirtschaftlich optimale Betriebsqualität“ zu haben? Schlichter, Stresstester, Politiker, Journalisten, Kritiker und ein Haufen anderer selbsternannter Bahnexperten hauen sich mit diesem Mumpitz die Schädel ein. Vor lauter Rumgeschlichte und Stressgeteste geht die grundsätzliche Frage unter: Wer soll den ganzen Firlefanz eigentlich bezahlen? Auch wenn der neue Bahnhof 30% höhere Leistung (als was?) hätte, ist das die unzähligen Milliarden wert? Und wie unzählig diese Milliarden sind, ist ja auch noch nicht klar. Mittlerweile wissen wir schwarz auf weiß, wie uns die Bahn bei den Kosten über den Tisch gezogen hat. Konsequenzen? Keine. Ist wohl üblich so bei Großprojekten. Hach was, sind ja nur Steuergelder. Hauptsache erst mal los bauen! Wo Bagger rollen ist Zukunft! Und wenn die Kosten steigen: Salamitaktik. Die „Wahrheit“ Rädchen für Rädchen von der großen Lügenwurst abschneiden. Kennt man ja, Frösche kocht man langsam. Und wenn das Geld ausgeht? Dann sind die Verantwortlichen von damals schuldig, aber nicht mehr zur Rechenschaft zu ziehen. Pech gehabt, dann liegt er schon, der halbe Bahnhof, da kann man nicht mehr zurück. Und ja, die Verträge, die Verträge… .

Sollen sich die Gegner ruhig mit der Schlichtung rumschlagen, denken sich die Demagogen der Bahn. Wenn es ums Durchmauscheln von Gutachten und Gegengutachten geht, sind sie eh überlegen. Und so lange sie über betriebliche Qualität streiten, ist auch die Presse abgelenkt. Die kann die neuesten Gerüchte aus der Stresswelt verbreiten und verkünden, dass der Bahnhof alles erfüllt und von allen gewollt wird, wie irgendwelche Umfragen im Land ergeben. Mal ganz ehrlich: Was interessiert ein Aalener, ein Sigmaringer oder ein Lörracher ob Stuttgart für ein Zukunftsprojekt mit abgelaufenem Verfallsdatum Milliarden verbratzt? Die Rechnung bezahlen sie ja nur indirekt, die Baustelle bekommen sie nie zu sehen oder spüren, und wenn was schief geht sind sie weit weg. Also spielt man mal schön Demokratie, befragt alle die es eh nichts angeht und sichert alles durch ein Quorum von 30% ab. Genug Geschichten, die die Pressekanäle verstopfen, um davon abzulenken, dass die Planung auf erlogener und betrogener Basis rumeiert. Müsste sich jeder, der für S21 stimmt, direkt an den Mehrkosten beteiligen, dann wäre der Erdbahnhof tot.

Am Ende von Schlichtung und Volksentscheid werden fast alle einig sein, dass der Bahnhof gewollt und modern ist. Man wird anfangen zu graben, abzureißen, Rohre zu verlegen und sich über die verbliebenen „Wutbürger“ aufregen, die sich nicht haben wegschlichten lassen und versuchen, das Getriebe zu versanden. Wenn dann aber auch nur ein Teil der von der Bahn selbst erkannten Risiken konkret wird und das Geld wie erwartet ausgeht, werden alle verwundert aus der Wäsche schauen. Damit hätte man ja nicht rechnen können, der Bahnhof war doch geschlichtet und „demokraitsch“ legitimiert! Meine Prognose: Bauruine 21 und/oder Haushaltsruine 21.

Warum streiten alle über Stresstest und Volksentscheid, wenn nicht ansatzweise klar ist, was das Ganze kosten soll und wer es bezahlt? Ich will nicht meine Steuergelder von einem Unternehmen verbuddeln lassen, dass die Bürger nachweislich schon einige Male über den Tisch gezogen hat. Die heiligen Verträge, auf die die Bahn stets pocht, sind unter Vorspielung falscher Tatsachen zustande gekommen und somit sittenwidrig. DAS ist das Thema. Wen kümmert es da noch, wie viele Züge unterirdisch jede Stunde abgefertigt werden könnten?

Knarre im Hosenbund

Im Anschluss einer Demo stürzen ein paar aufgebrachte Demonstranten einen Bauzaun ein und stürmen eine Baustelle. Viele folgen ihnen und besetzen den Ort. Einige Leute entdecken den Vandalen in sich und machen Randale. Plötzlich rennt einer mit einer Knarre im Hosenbund durch die Gegend! Ein paar Leute versuchen den Burschen aufzuhalten, fordern ihn auf die Waffe abzulegen, es wird gerangelt.

Wäre es ein bewaffneter Autonomer gewesen, der mit seiner Waffe ein Blutbad hätte anrichten können, dann wären jene, die sich ihm in den Weg gestellt hatten civilcouragierte Helden gewesen. Zum Glück war es kein amoklaufender Psychopath, sondern ein Zivilpolizist, der als solcher dann auch erkannt wurde. Weniger Glück für jene, die versuchten ihn aufzuhalten. Ihnen droht eine Anklage wegen versuchtem Totschlag.

In all der aufgeheizten Diskussion über die Besetzung des Grundwasser-Management für die Baustelle von Stuttgart 21 geht die Frage unter, wieso ein bewaffneter Zivilpolizist sich unter die Besetzer und Randalierer mischt. Mir machen Menschen Angst, die mit Waffen rumrennen, ohne dass ich erkennen kann, dass sie Polizisten sind. Ich kann ja nicht davon ausgehen, dass jeder, der eine Waffe trägt, ein Polizist ist. Leider wird jeder Versuch, das Geschehene zu hinterfragen, als Bagatellisierung der durchaus bescheuerten Besetzung inclusive Vandalismus ausgelegt. Und so werden wichtige Fragen von der Presse der Polarisierung geopfert. Denn nur weil die Vandalen im Unrecht sind, rechtfertigt das nicht das Verhalten anderer.

Nachtrag: 
Mein nächsten Mal nicht provozieren lassen, einfach zu den uniformierten Freunden und Helfern gehen und panisch berichten, dass da so ein Verrückter mit ner Knarre durch die Gegend rennt.

Und noch ein Nachtrag zum Video:
Der Freund und Helfer in Lederjacke wurde angeblich vor dem Filmausschnitt von ein paar Leuten vermöbelt, was natürlich überhaupt nicht in Ordnung wäre, egal ob Zivilpolizist oder Demonstrant. Ich war nicht dabei, hab’s nicht gesehen und kann kein Urteil abgeben. Andere, die vor Ort waren, haben aber auch nicht alles gesehen. Drum sag ich einfach mal: Knarren im Hosenbund sind keine gute Idee.

Sitzblockade im Landtag

Jetzt sind die Grünen endlich an der Regierung, doch das Großbauprojekt Stuttgart 21 wird immer noch gebaut! So empören sich viele, zum Beispiel die Radikalinskis unter den Bahnhofsgegnern. Oder die Grünengegner – sie prangern gebrochene Wahlversprechen an. Ja was erwarten die denn? Das die Grünen Sitzblockaden im Landtag veranstalten? Das sie der Rechtsstaatlichkeit einen Tritt in den Hintern verpassen, Hauptsache oben bleiben? Ich kann mich nicht erinnern, dass ein Grüner Wahlversprechen abgegeben hätte, die sich außerhalb des gesetzlichen Rahmens bewegen würden. Natürlich muss die Polizei auch bei einer grünen Regierung Sitzblockaden auflösen. Doch genau daraus versuchen ihnen populistische Medien wie die Bild einen Strick zu drehen.  „Auch grüner Ministerpräsident lässt Blockade räumen“ ruft sie empört ihren Lesern entgegen. „Für die Grünen-Regierung räumten 100 Einsatzkräfte die Baustelle …“ schreiben sie weiter. Werden auch Strafzettel im Auftrag der Grünen-Regierung ausgestellt? Wer die Unwissenheit seiner Leser über die Funktionsweise des Landes nicht nur ausnützt, sondern auch noch schürt, macht sich der Volksverdummung und Hetze schuldig. Das ist unverantwortlich und eine Schande für den Journalismus.

Die Grünen sind an der Regierung und sie nutzen alle rechtsstaatlichen Mittel, die ihnen zur Verfügung stehen, um die Übel des drohenden Erdbahnhofs vom Land abzuwenden. Nicht mehr, nicht weniger. Für die außerparlamentarische Opposition sind andere da.

Neues von der Spalterin

Auf den Artikel „Spalter!“ folgte einiges an Kritik, die für Außenstehende teilweise etwas kryptisch klingen mag. Kein Wunder: Einige Kommentare bezogen sich nicht auf meinen Artikel. Ich will hier mal ein bisschen Licht ins Dunkel bringen, dabei aber keine Namen nennen, weil das der Diskussion nicht zuträglich wäre. Ich möchte mich auch zu einigen Vorwürfen zum Thema Kritik äußern. In einem anderen Artikel („Schisma“) habe ich meine Erkenntnisse aus der Kritik zusammengefasst um eine Grundlage für das Finden von gangbaren Lösungswegen zu schaffen. Alles hier gesagte ist meine persönliche Einschätzung und erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit noch Objektivität. Die gibt es in dieser Sache nicht.

Ich war, wie das bei Facebook leider möglich ist, ungefragtes Mitglied einer geheimen Gruppe, die ich hier mal der Anonymität halber die Judäische Volksfront nennen will. Diese planten und führten eine Aktion durch, die ich im Nachhinein hinterfragt und in einer anderen geschlossenen Gruppe verurteilt habe. Das hatte meinen gerechtfertigten Rauswurf wegen Geheimnisverrat zur Folge, ich habe aber die Erwähnung der fragwürdigen Aktion auch wieder gelöscht. Der darauf hin entstandene Artikel hat davon nichts erwähnt, wurde jedoch von den Mitgliedern der Judäischen Volksfront wohl (teilweise zu Recht) auf sich bezogen empfunden und somit als Affront gesehen. Da ich einige Mitglieder dieser Volksfront persönlich sehr schätze habe ich weiterhin darauf verzichtet, Ross und Reiter zu nennen. Nichts desto trotz hagelte es Kommentare, in denen mitunter versucht wurde, die Aktion zu rechtfertigen. Wenn man nicht möchte, dass etwas an die Öffentlichkeit gerät, dann ist das wohl der Falsche Weg. Und wenn alles im Lot wäre, warum dann die Angst, das etwas thematisiert wird? Auf jeden Fall war mein Artikel keine explizite Replik auf das Verhalten der Judäischen Volksfront, wurde dadurch aber ausgelöst. Das Thema geisterte schon viel länger in meinem Kopf und in Gesprächen mit anderen rum. Die Reaktionen aus der Judäischen Volksfront bestätigen meine Beobachtungen.

Ich freue mich über die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem, was ich hier so von mir geb. Andere Meinungen sehe ich als Chance meinen Horizont zu erweitern. Wer diesen Blog hier verfolgt weiß, dass ich keine Diskussion gescheut habe. Voraussetzung für einen konstruktiven Dialog ist jedoch die Bereitschaft, dem anderen zuzuhören, darüber nachzudenken und eine reflektierte Antwort zu geben. Vorgekautes aus dem großen Schrank der Parolen ignoriere ich auch mal, da es niemanden weiterbringt. Außerdem: Beleidigungen sollten bitte halbwegs geistreich sein. Einige Kommentare zu meinem letzten Artikel unterstellten diesem Inhalte, deren Abwesenheit nur jemand bemerkt hätte, der ihn gelesen hat. Diese Form des Kommentars ist Zeitverschwendung und diskreditiert seinen Verfasser. Ich bin mir auch sicher, dass nicht jeder diesen Artikel über seine zugegebenermaßen lange Strecke aufmerksam liest. Kommentare, die auf Ignoranz des Kommentierten schließen lassen, kann ich bei bestem Willen nicht ernst nehmen.

Ich habe übrigens schon oft bemerkt, dass jene die interne Kritik für illegitim halten, gerne über die nachlassende Demobegeisterung anderer herziehen. Da werden zwei Maßstäbe an ein und das selbe angesetzt.

Ich hoffe, dass die Diskussion etwas an Sachlichkeit gewinnt.

Schisma

Mein letzter Artikel hat offensichtlich eine Menge Leser bewegt. Die einen waren dankbar, dass jemand die Kritik an der Entwicklung des Widerstands gegen das Stuttgarter Großprojekt Stuttgart 21 endlich mal auf den Tisch bringt, andere echauffierten sich. Auch wenn es hier um ein lokales Problem geht, kann man alles Gesagte auf andere Bewegungen anwenden.

In den Kommentaren wurde einerseits über meine Motivation, andererseits über die Auswirkung des Artikels spekuliert. Dabei haben sich zwei interessante und eine in Kauf genommene Positionen herauskristallisiert: Die einen sind der Meinung, dass das Gesagte mal gesagt werden musste, da ihrer Ansicht nach die Bewegung wachgerüttelt gehört. Die anderen sehen darin ein Fall von Selbstzerfleischung des Widerstands, der sich nur mit dorischer Profilierungssucht erklären lässt. Die S21-Befürworter sahen sich in ihrer Protestkritik bestätigt.

Zu meiner Profilneurose: Wollte ich mich profilieren, dann hätte ich mich voll und ganz auf eine Seite geschlagen und auf die andere eingedroschen. Das hätte vielen gefallen, sie hätten mich vielleicht sogar dafür bewundert und wären mir gefolgt. Meine Feinde wären klar identifizierbar gewesen und ich hätte die volle Unterstützung meiner Seite gehabt. Hab ich aber nicht. Stattdessen hab ich einen Eklat produziert, viele Leute haben mir den Rücken zugekehrt, mich persönlich angegriffen und zur Persona non grata erklärt. Manche pflegen ein rebellisches Image, fühlen sich erst wohl wenn sie keiner mehr mag. Sie provozieren auch gegen ihre eigene Meinung. Um des Provozierens willens. Wer diesen Blog kennt, kann sich selbst ein Bild von mir machen.

Natürlich profiliere ich mich in meinen Texten. Sonst würde ich keinen Blog unter eigenem Namen schreiben. Jeder, der seine Meinung öffentlich verbreitet, schärft damit sein Profil. Egal ob in Facebookkommentaren oder auf der Montagsdemobühne. Wenn das Gesagte ins eigene Weltbild passt, dann wird das toleriert und „gefällt mir“ gedrückt, respektive „oben bleiben“ geschrien. Wenn nicht, dann gibt’s was auf die Mütze. Der Vorwurf, nur aus Wichtigtuerei einen kontroversen Kommentar zu veröffentlichen, nehme ich keinem ab, der selbst aktiv an der Kommunikation teilnimmt. Handelt es sich bei diesem Vorwurf um den Versuch, sich vor der sachlichen Diskussion zu drücken in dem man das Gegenüber diskreditiert? Nicht immer.

Es gibt auch eine andere Interpretation: Zwei Weltsichten prallen aufeinander. Das ist man ja schon gewohnt, wenn es um die Bahnhofsfrage und die zugrunde liegenden Wertvorstellungen geht. Irritierend ist es, wenn sich innerhalb einer Gruppierung ein Schisma auftut. Jede Seite ist weiterhin im vermeintlichen Besitz der Wahrheit und kann die Kritik der anderen Seite nicht nachvollziehen. Das Resultat: Endlose Diskussionen, die daran scheitern, dass man von unterschiedlichen Grundannahmen ausgeht.

Wenn die andere Position dadurch so fremd wird, dass man deren Sachlichkeit nicht mehr anerkennen kann, ist es schon nachvollziehbar, dass man den Urheber in Frage stellt. Offensichtlich ist das bei meiner These für einige der Fall. Anstelle wie wild weiter zu diskutieren muss ich mal inne halten und überlegen, welche unterschiedlichen Annahmen dem Schisma zu Grunde liegen. Wo unterscheidet sich meine Sichtweise von der meiner neuen Opponenten? Da ich immer nur von mir selbst ausgehen kann ist das keine triviale Frage. Aber ich will mich mal an ihr versuchen. Bitte korrigiert mich, wenn ich total daneben liege. Oder legt mir selbst eure Sichtweise dar.

Streitbar ist das Thema Zweck. In wie fern heiligt er die Mittel?

Wenn die Gegenseite mit unlauteren Mitteln strategisch gegen den Widerstand vorgeht, würde man den Kampf verlieren, wenn man stets sauber bleibt. Man muss selbst strategisch handeln um überhaupt eine Chance zu haben. Dazu gehört auch, dass man im Verborgenen handelt und notfalls auch manipuliert. Das ist nicht schön, aber leider notwendig. Gemessen an den Mauscheleien der Tunnelparteien ist das alles Pillepalle. Außerdem profitiert keiner davon, man tut es ja für eine gute Sache, nicht für die eigene Tasche. Die unterschiedliche Motivation ist Basis einer unterschiedlichen moralischen Wertigkeit des Handelns beider Parteien. Wer mit dem Zeigefinger auf die eigenen kleinen Tricksereien zeigt, sollte lieber bei der Gegenseite die großen Sauereien suchen. Letztendlich geht es darum, die Stadt vor den Eigeninteressen korrupter Politiker und Unternehmer zu schützen.

Dieses halbwegs utilitaristische Handlungsprinzip ist nachvollziehbar, soll es doch den größtmöglichen Nutzen nach sich ziehen. Ich gebe jedoch zu bedenken: Wer trickst oder verheimlicht macht sich unglaubwürdig. Eine große Stärke des Protests war doch, dass er offen und ehrlich war. Das Gemauschel der Mächtigen war eben jener Grund, der die Leute auf die Straße gebracht hat. Wenn Aktionen hinter verschlossenen Türen geplant und deren Teilnehmer zur Verschwiegenheit angemahnt werden, dann werden andere stutzig. Man darf sich halt nicht erwischen lassen. Das ist aber leider nicht zu vermeiden, wenn zu viele Menschen beteiligt sind, die obendrein selbst noch Zweifel hegen. Es gilt abzuwägen: Rechtfertigt der Nutzen einer Aktion das potenziell verspielte Vertrauen? Rechtfertigt es unter Umständen die Einschüchterung Beteiligter um deren Geschlossenheit zu garantieren?

Andere sagen ja, ich sage nein.

Nun kann es ja mal passieren, dass man im Eifer des Gefechts in der Wahl der Mittel über das Ziel hinaus schießt. Ist es dann gerechtfertigt, im Nachhinein die Aktion zu verurteilen, schlimmstenfalls sogar außerhalb der Gruppe? Es wäre dabei ja nichts gewonnen, nur Unfriede gesät und unter Umständen dem Gegner eine Blöße gegeben. Jeder soll auf seine Weise politisch aktiv sein, niemand hat das Recht, über andere zu urteilen. Wenn einem die Mittel nicht passen, dann muss man ja nicht mitmachen.

Die Freiheit des einzelnen oder Gruppen von ihnen so zu handeln wie sie wollen wiegt schwer. Dem potenziellen Kritiker bleibt nur die Möglichkeit sich schweigend zu distanzieren. Die Gefahr besteht darin, dass ein kontroverser Diskurs innerhalb der Bewegung unmöglich gemacht wird. Kritische Meinungsäußerungen werden als Verurteilung verurteilt, sind nicht erwünscht. Kommunikation dient dann nur noch dem gegenseitigen Schulterklopfen und der Schmähung des Feindes. Oder sie entfällt.

Es gibt bestimmt noch viele andere Punkte wo grundsätzliche Ansichten divergieren. Zum Beispiel die Frage ob es legitim ist, zur Vereinfachung der hochkomplexen Thematik alles schwarzweiß zu zeichnen und auf „wir“ und „die“ zu reduzieren, aber das führt jetzt zu weit, ich glaube ich habe das Grundprinzip des Problem ausreichend erörtert.

Doch wie findet man nun eine Lösung? Sollen nun alle den Mund halten und jeder für sich selbst so vor sich hinprotestieren, oder sollten wir riskieren in internen Auseinandersetzungen das gemeinsame Ziel aus den Augen zu verlieren? Gibt es überhaupt eine Lösung, oder ist sie überhaupt erwünscht? Ich weiß es nicht, mach mir aber Gedanken dazu und freue mich über jeden konstruktiven Beitrag. Egal ob von der Juchtenkäfer-Volksfront, den naiven Gutmenschen oder den Erdbahnhofsfreunden. In der Diskussion sind wir alle gleich.

Ich kann hier nur für mich sprechen. Ich beobachte mein Umfeld, beurteile, verurteile, kritisiere und gebe meinen Senf dazu – öffentlich. Das ist der Sinn dieses Blogs. Ich lasse mich nicht in eine Kiste stecken und versuche allen Seiten gegenüber im selben Maße kritisch zu bleiben. Ich habe eine Position, doch die bestimme ich jeden Tag aufs neue. Also Obacht, liebe Volksfronten: Ich bin eine potenzielle Spalterin, unkontrollierbar und geschwätzig. Wen ihr was zu verbergen habt, dann verbergt es vor mir.

Spalter!

Wie bei vielen ist bei mir in der letzten Zeit – genau gesagt seit der Landtagswahl – die Protestfreude etwas eingeschlafen. Wir haben es nicht nur geschafft, die Laufzeitverlängerung eines störanfälligen Landesvaters abzuwenden, sondern sogar dessen Antipode ins Amt gewählt. Aber eine Altlast einer geistig im Wirtschaftswunder steckengebliebenen Regierung haben wir immer noch an der Backe hängen: Der Erdbahnhof namens Stuttgart 21, ein Größenwahnprojekt, dessen Nutzen jenseits unspezifischer Wachstumträume unüberschaubare Kosten entgegen stehen. Damit hat alles angefangen, das war der gemeinsame Nenner des Protestes, der sich in allgemeine Systemkritik ausgeweitet hat. Eine Schlichtung und viele Blockaden später hat sich am grundsätzlichen Problem nichts, am Widerstand jedoch einiges geändert.

Das Volk wurde anfangs laut, weil es keiner hören wollte. Mit kreativem Engagement breiter Schichten wurde so viel Rabatz gemacht, dass sich kein noch so ignoranter Politiker mehr davor verschließen konnte. Deutschlandweit wurde der Stuttgarter Bahnhof durch die Medien gejagt und hat vielen Politikern die Karriere versaut. Es schien, als hätte der Protest Erfolg gehabt. Hat er aber nicht. Der Bahnhof soll immer noch gebaut werden. Aber noch kann er gestoppt werden. Theoretisch auf jeden Fall. Ob es wirklich geht und mit welchen Mitteln ist eine kontroverse Frage, die einst vereinte Erdbahnhofsgegner heute entzweit. Ob Montagsdemos, Sitzblockaden, ziviler Widerstand, Parkbesetzung oder Schwabenstreich, die Mittel des Protests sind mannigfaltig. Doch welche davon heiligt der Zweck? Darüber könnte man diskutieren, streitet aber viel lieber.

Jeder hat sein eigenes Maß, ich kann hier nur von meinem sprechen. Ich frage mich zum Beispiel stets, wie ich reagieren würde wenn der politische Gegner das selbe täte. Tut er vielleicht sogar. Aber das rechtfertigt nicht, dass ich es ihm gleich tue. Wer „Lügenpack“ ruft, darf selbst nicht versuchen, die anderen zu täuschen. Wer Offenheit fordert, sollte nicht im Verborgenen mauscheln. Auch wenn es dem Zweck diente. Viel zu oft bemerke ich, dass die gefühlte moralische Überlegenheit als Rechtfertigung für fragwürdiges Handeln herhalten muss. Nur weil man sich im Recht wähnt, hat man nicht mehr Rechte. Man wird schnell selbst zu dem, wogegen man auf die Straße geht.

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Dabeisein ist alles
Ich halte es für notwendig, das eigene Handeln stets kritisch zu hinterfragen. Das schwächt nur auf den ersten Blick das Vertrauen in dessen Angemessenheit, aber nicht alle wagen einen zweiten Blick. Wer hinterfragt oder gar kritisiert, wird oft als Spalter beschimpft. Zweifel sind nicht erwünscht. Man befürchtet, dass die Bewegung dadurch Schaden nehmen könnte, denn nur gemeinsam sei man stark. Eine solche geschlossene Gesellschaft kann sehr stark sein. Religiöse Vereinigungen basieren darauf. Sie formulieren Dogmen und vertreten sie unreflektiert, aber standhaft. Klare Regeln geben Halt, Orientierung und Sicherheit, machen vermeintlich unangreifbar. Man ist Teil von etwas Größerem, einer Bewegung. Und es gibt nur zwei Möglichkeiten: Man ist aus vollem Herzen dabei oder man ist raus. Mangelnde Reflektion des eigenen Verhaltens lässt vergessen, worum es eigentlich geht. Dabeisein ist alles. Widerstand wird zum Selbstzweck.

Parolen und Rituale festigen das Gemeinschaftsgefühl, helfen dem Individuum in der Gruppe aufzugehen. Sie vereinheitlichen und zementieren Meinung, sind derer Vielfalt Feind. Hört sich schlimm an, ist jedoch notwendig wenn es darum geht, einen sichtbaren Widerstand zu formieren. Leider. Es ist ein schmaler Grat zwischen der Stärke geschlossener Reihen und der Freiheit der Gedanken. Es ist verlockend aber gefährlich sich als Teil eines Größeren mitreißen zu lassen. Das Gefühl mit Zehntausenden durch die Straßen zu ziehen und mit der Vuvuzela dem einenden Feind entgegenzutröten ist berauschend – und macht mir Angst. Angst vor meiner eigenen Anfälligkeit in der Masse aufzugehen und mitzuschwimmen. Angst vor dem Gefühlstsunami, der über mich schwappt und mein kritisches Denken wegschwemmt. Alle Alarmglocken gehen an.

Schwindender Protest
Nicht alle haben ein solches Alarmsystem. Aus Widerstand wird Lebenssinn, Kritik ist nicht mehr erwünscht, Kommunikation mit Andersdenkenden wird zunehmend schwieriger. Es bedarf nicht vieler Fanatiker, um gemäßigtere Bahnhofsgegner zu vergrätzen. Und die bleiben dann fern, die Bewegung wird zur geschlossenen Gesellschaft. Nach außen scheint es, als ob der Widerstand verschwinden würde. Und das ist ein großer Irrtum. Nur weil viele Leute nicht mehr gegen das Großprojekt auf die Straße gehen, heißt das noch lange nicht, dass sie sich damit abgefunden haben. Und nicht alle wollen einen Bahnhof zu ihrem Lebensinhalt machen.

Ich freue mich, das Leute ihre Zeit und Energie in den Protest stecken, Gruppen bilden, Aktionen durchführen – solange diese nicht all zu tief in die Illegalität eintauchen und die Verantwortung für das Handeln getragen wird. Angst wird es mir nur, wenn es sektiererische Züge annimmt, der Protest zum Selbstzweck wird und Andersdenkende auch in den eigenen Reihen angefeindet werden. Es ist notwendig, die eigene Position aus einem anderen Blickwinkel zu hinterfragen, die eingeforderten ethischen Grundsätze auch an sich selbst anzulegen. Sonst verlieren wir das gemeinsame Ziel aus den Augen: Den Erdbahnhof zu verhindern.

Oben bleiben leicht gemacht

Verrückte Welt! Mappus geht, Kretschmann kommt. Riecht nach Wandel, ist es auch. Und weil’s so schön ist geht’s gleich weiter. Anti-S21-Protesturvater Gangolf Stocker zieht sich aus dem Aktionsbündnis gegen den Erdbahnhof zurück. Differenzen mit dem auf radikal gebürsteten von Herrmann seien wohl ein Grund dafür. Das Bündnis der Obenbleiber hat jetzt unverhofft Ersatz gefunden, und der hat einiges auf der Pfanne! Verkehrsminister Peter Ramsauer sitzt nicht nur am Geldhahn für Bundesmittel, er zeigt sich sogar willens, ihn abzudrehen. Wofür sich unzählige Sitzblockierer erfolglos einen kalten Arsch geholt haben, schafft der CSU-Mann auch ohne Links: Bundesmittel werden einfach umverteilt, die Neubaustrecke nach Ulm wird somit nicht mehr finanziert, die Bahnhofsvergraberei verliert jeglichen Restsinn. Manchmal kann es so einfach sein, wenn man nur die richtigen Kumpels in der Regierung hat. Herzlich willkommen im Aktionsbündnis, lieber Peter. Und nicht vergessen: Oben bleiben!