Tokyo, mon amour #2: Waschnomadin

Seit gestern bin ich in Japan – jedenfalls in dieser Geschichte hier . Noch nicht gelesen? Kein Problem. Hier geht’s zu Teil 1, wo ich erfolglos versuche mich zu verlaufen. Einen passenden Soundtrack hab ich auch wieder gefunden:

Tag 2: Waschnomadin

Am nächsten Tag verlaufe ich mich mal in eine andere Richtung und nutze irgendwelche U-Bahnen, deren Farbkodierung mir zusagt, in der Hoffnung mich mal so richtig schön sardinenhaft von Herren mit weißen Handschuhen in den Zug stopfen zu lassen. Enttäuscht vom großzügigen Platzangebot setze ich mich in Ruhe zwischen die Einheimischen, die wie hypnotisiert in ihre Klapptelefone starren oder darauf einhacken. Ich hätte wohl zur Rush-Hour kommen sollen, und so lange wie die hier arbeiten und danach noch karaokisieren ist die wahrscheinlich recht spät. Die Ansage der nächsten Haltestelle klingt irgendwie angenehm. Ich steige aus und lande in einem Konglomerat aus Hochhäusern, Bahngleisen, Shoppingmalls und Rolltreppen die überall hinführen, nur nicht raus aus dem Komplex, der sich als der Bahnhof von Shinjuku offenbart und das größte Passagieraufkommen der Welt hat. Ich trage dazu bei.

Mein Hunger klopft wieder an, ich will was essen. Eine schmale, schlauchartige Suppenküche ragt tief hinter die neonleuchtende Fassade eines Geschäftshauses neben dem Bahnhof. Ich setze mich an die lange Theke, die sich durch das Lokal schlängelt.

Der Blick in die Kochtöpfe offenbart:  Hier werden wohl unzählige Variationen von Gaisburger Marsch aufgetischt, sogar Maultaschen schneiden sie da rein. Ich zeige auf den Teller meines Thekennachbarn und hoffe, dass der Kellner kapiert was ich meine. Schade das es keine Algen in Gaisburg gibt, die japanische Variante mundet mir. Hach, wie doof: Das dem Essen beigelegte Sojasoßenplastikaufreisundwegwerffläschchen widersetzt sich zuerst vehement meinem Versuch, mittels Beißwerkzeug an dessen Inhalt zu kommen, disponiert dann doch kurzerhand um und entleert sich über meine leider nicht ganz sojasoßenfarbene Hose. Gute Gelegenheit, lokale Waschbräuche zu erkunden.  Und siehe da: der Münzwaschsalon ist auch in Japan heimisch! Ich kann keinem Münzwaschomat widerstehen, die tollsten Bekanntschaften und Entdeckungen habe ich dort schon gemacht. Der Mann fürs Leben war zwar nicht dabei, aber der Einblick in das Leben jener, denen keine eigene Waschmaschine zur Verfügung steht, hat mich stets fasziniert. Zugegeben: ich bin leicht zu faszinieren, aber auch wieder schnell entfasziniert. Grundsätzlich unterscheide ich zwischen jenen, die aus blanker Not weder Platz noch Geld für eine eigene Maschine haben und jenen, die sich nicht durch eine Waschmaschine binden lassen wollen, folglich dem Waschnomadentum frönen. Der moderne urbane Waschnomade, ein Trend, den die Weißwarenindustrie bislang verschlafen hat. Ich werde sie jedenfalls nicht wecken.

Ein klarer Fall von dorischer Gedankenlosigkeit: Was zieh ich an, wenn meine Hose sich in der Waschtrommel rumtreibt? Schlechte Vorbereitung zwingt zur Improvisation, und die ist im Gegensatz zur Planung meine Kernkompetenz. Ein pinkleuchtender Wäschekorb neben dem Geldwechslomat scheint herren- und damenlose Klamotten aufzubewahren, die irgendjemand mal hat liegen lassen. Ein Jeansrock sieht so aus, als ob er mal wieder ausgehen möchte. Ich leihe ihn mir für die Dauer eines Waschgangs und zwänge mein für japanische Kleidernormen überdimensionierten Po in den Rock.

Vom Anblick der rotierenden Hose kurzfristig hypnotisiert verlier ich mich gerne in Gedanken, insbesondere wenn Münzwaschomaten wie dieser schlecht frequentiert werden. Am Ende meines Gedankenganges, der sich als Sackgasse erweist, drohte Langeweile wie ein ausgehungertes Raubtier. Also: erst mal Gebiet erkunden. Eine hinten links jenseits des Waschmittelomats – hier gibt’s für alles einen Automat – leicht verdeckte Tür ist nur angelehnt. Meine Neugierde ist hell wach. Und wenn die mal wach ist, bedarf es elefantenportionene Beruhigungsmittel, um sie wieder in den Schlaf zu wiegen. Die hätte es im Automaten vor der Tür gegeben, aber ich hab mein ganzes Kleingeld schon in den Waschomat geschmissen, in welchem meine befleckte Hose gerade eine nette Runde dreht. Hinter der Tür befindet sich ein düsterer Gang, ein sonderbares Brummen dringt aus den Gullideckeln, es riecht nach einer Mischung aus Wunderbaum und Fritörin, ist aber sehr sauber, wie eigentlich alles hier. Mein Lieblingsautor, der japanische Haruki Murakami, hat in seinen Büchern so alles Mögliche über das Treiben unterhalb Tokios geschrieben. Da ich seinen Geschichten glauben schenke, wirft ein nicht mehr ganz so leichtes Gefühl der Mulmigkeit seinen Schatten auf das lodernde Feuer meiner Neugier. Ohne Erfolg, denn Schatten haben gegen Feuer nur geringe Chancen. Ich muss mir eingestehen, dass ich mich im Labyrinth der Gänge ein kleines bisschen verlaufen hab. Was zu erwarten war, wenn man mich kennt. Und das sollte ich eigentlich. Eine einsame Nichtplastikpalme neben einem üppig gefüllten Aschenbecher in einem dieser verwinkelten Gänge zeugt von menschlicher Belebtheit, leise dringt Jazzmusik in mein Ohr. Ich folge ihr und entdeckte eine weitere angelehnte Tür, durch deren Spalt die Musik wohl ihren Weg zu mir bahnt. Jenseits der Tür befindet sich eine Treppe nach unten, deren Ende dank Dunkelheit nicht auszumachen ist. Vom Forscherdrang getrieben steig ich unzählige Stufen in den Schlund des Hauses und gelange in einen schummerigen, unübersichtlichen Raum.Wirres Geflecht durchzieht das Zimmer, als ob eine überdimensionale Spinne neugierige Mädchen darin einfangen wolle. Doch mit dorischen Reflexen kann ich der Gefahr entrinnen und schlängele mich durch den katakombösen Raum zur Quelle der Musik – Jazzmusik mit wilden Rhythmen und einem Saxofonisten, der versuchte, jenseits der Grenze zum Lärm Musik zu finden. Ob er an diesem Abend noch erfolgreich sein würde, ist mir nicht klar, doch genieß ich seine Suche. Beruhigt trink ich ein paar der Musik entsprechend komplexe Drinks und vertreibe den gefühlten Restmulm aus der Magengrube. Es ist schon etwas später als ich wieder in die wirren Gänge komme. Jenseits einiger Ecken entdecke ich am Fuße einer weiteren Treppe einen fensterlosen Raum, der eng anliegend um einen Koch und seine Küche geschneidert wurde. Ich entledige mich meiner Stiefel, wie es in guten japanischen Etablissements üblich ist. Sieben Zentimeter kleiner scheint die Decke schon etwas ferner, der Raum gewinnt an Größe. Ob Japaner deshalb stets die Räume ohne Schuhe betreten? Es riecht nach Misosuppe, die der freundliche Herr mir auch gleich in einer Schale reicht. Dazu gibt es erbsenartige Schoten, die ordentlich mit Salz überschüttet wurden. „枝豆!“ (Edamame), sagt der Koch und zeigt auf die Schoten, als er meinen Fragenden Blick sieht. Der alte Salztrick funktioniert auch hier, Durst ist international. Auch Japaner zeigen stolz ihre Sammlung an Alkoholika, hier sind die Wände gesäumt mit Sakeflaschen. Das macht es mir immer einfach, trotz mangelnder Sprachkenntis durch Gestik meinem Begehr Ausdruck zu verleihen. Heißer Reiswein läuft mir wie Öl den Hals hinunter und wärmt Leib und Seele. Ob ich jemals wieder zurück zu meiner Hose finden werde? Diesen Gedanken blende ich vorerst aus. Dafür ist später Zeit.

Fortsetzung folgt … 

Autor: Dora Asemwald

Ich bin virtuell real.

3 Kommentare zu „Tokyo, mon amour #2: Waschnomadin“

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