Tokyo, mon amour #3: Glücklich dealphabetisiert


Ich bin immer noch in Tokio – jedenfalls in dieser Geschichte hier . Noch nicht gelesen? Kein Problem.
Hier geht’s zu Teil 1, in dem ich erfolglos versuche mich zu verlaufen.
Und hier geht’s zu Teil 2, in dem ich die geheimen Gänge jenseits eines Waschsalons ergründe. 

Tag 3: Glücklich dealphabetisiert

Apropos Hose: Irgendwie habe ich zu wenig Hosen im Koffer. Es fehlt eigentlich immer genau das, was ich gerade brauche. Das ist eine Regel, die in diesem Fall nicht durch eine Ausnahme bestätigt wird, da ich ausgerechnet keine Hose habe, die mit meinem Lieblingsoberteil harmoniert. Solche Probleme löst man am besten mit Geld, in so fern man welches hat. Ausreichend Yen-Scheine offenbart ein Blick ins Portemonnaie. Obwohl ich ohne Schuhe sehr, sehr knapp unter 1.70m groß bin, mache ich mir Sorgen, dass die auf japanische Verhältnisse geschnittenen Hosen nicht passen könnten. Japanerinnen scheinen um die Hüfte extrem schmal zu sein, wie ich gestern in meinem Leihrock feststellen musste. Ich hab sowieso viel mehr Lust auf einen neuen Rock, da kommen die Stiefel, die ich mit noch kaufen sollte, besser zur Geltung. Ich schau mich erst mal um, wie die Einheimischen sich so kleiden.

Gerne bedecken sie ihr Knie, jedoch eher von unten als von oben. Die Schulmädchenuniform mit Faltenrock und Overknees tut es mir besonder an. Noch ist Geld im Beutel, und wenn das ausgehen sollte, dann werde ich einfach meine getragenen Unterhösschen verkaufen. Denk ich mir jedenfalls. Egal. Darüber wollte ich mir später Gedanken machen, erst muss Füllstoff für den Koffer angeschafft werden.

Ein Blick in meine Einkaufstüten zeigte: Das gefährliche Loch in meinem Koffer scheint sich langsam zu füllen, den vielen netten Einkaufsläden sei Dank. Und wenn ich zuviel gekauft hab, brauch ich wohl eine neue Tasche. Oder ich steck’s bei meinem lieben Mitreisenden in den Koffer. Der nimmt sowieso nur wieder Blödsinn mit, in diesem Fall halt meinen.

Blödsinn gibts hier an allen Ecken, leuchtend bunt und wunderschön. Wahrscheinlich wär er nur halb so schön, wenn man die Schrift entziffern könnte. So fühle ich mich wohl, in meiner Rolle als Analphabetin, an der die zugekokster Werberhirne entsprungenen Texte schadlos vorbeigleiten. Man sollte sich temporär dealphabetisieren können, dann wäre die Welt durchaus angenehmer. Sprachkundige werden hier nicht durch die Gnade der Ignoranz geschützt und bekommen jene verkaufsfördernde Verbraucherinformationen mit großen Löffeln in die Misosuppe geschüttet. Trotzdem sind sie fidel und freundlich. Die Freude über das bunte Neonlicht sticht wohl dessen verblödeten Inhalt, das Medium ist hier offensichtlich die Botschaft – und die leuchtet farbenfroh. Der Freude trotz totaler Werbebedröhnung muss eine langjährig erlernte Technik zu Grunde liegen, die ihre Wurzeln im 3. Jahrhundert vor Christus hat und seither von asketischen, ganzkörperepilierten Mönchen weitergereicht wird. Ich beschließe, ein entsprechendes Kloster aufzusuchen, um mich dieser Fähigkeit zu bemächtigen. Wenn es mir gelingt, sollte ich in der Lage sein, einen Mediamarkt zu durchqueren ohne dabei bekloppt zu werden.

Fortsetzung folgt …

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Autor: Dora Asemwald

Ich bin virtuell real.

2 Kommentare zu „Tokyo, mon amour #3: Glücklich dealphabetisiert“

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