Virtuell stigmatisiert.


Zu meiner großen Freude bekam ich letzte Woche Besuch von einer Kollegin: Judith A. Sägesser vom Lokalteil „Blick vom Fernsehturm“ wollte ein Porträt über mich und meine Eigenheit als virtueller Mensch machen. Der prima geschriebene Artikel (einmal hier draufklicken und lesen bitte) erschien letzten Montag und erwähnte unter anderem, dass ich ein Profil bei der Business-Networking-Plattform Xing habe. Die Internetroboterarmee des Unternehmens hat das natürlich sofort entdeckt und mein Profil gesperrt, da dort virtuelle Menschen als „unseriös“ eingestuft werden. Wenngleich Xing mich heute nicht sonderlich begeistert, hatte ich in der Präfacebookära dort einige Kontakte gesammelt die nun verloren sind.

Auf meinen Protest und den meiner Freunde hin wurde ich um eine Kopie meines Personalausweises erbeten. Hab ich nicht. Das Bürgerbüro stellt virtuellen Menschen keine Ausweise aus. Bitten und Betteln haben da nichts gebracht. Bürokratie halt. Auch aus den Botschaften anderer Länder wurde ich rausgeschmissen. Virtuelle Menschen sind staatenlos, somit stellt ihnen auch keiner einen Ausweis aus, ergo kein Xing.

Ich bin nicht der einzige virtuelle Mensch. Jeder gefühlt zweite Xingler hilft seinem Schöpfer, unbemerkt bei der Exfreundin, der Konkurrenz und der gewünschten Affäre zu schnüffeln. Und alle haben das selbe Problem mit ihrer „unseriösen“ Identität, welches zu lösen eine Herausforderung für mich stellte.

Wenn kein Staat mir einen Ausweis ausstellt, dann muss ich einfach selbst einen Staat gründen. Mithilfe meines Wikipedia-Altgriechisch hab ich auch einen Namen gefunden: „Id“ steht für Aussehen, Art und Gestalt, so wie in Identität. „Dor“ steht für geben, die Gabe. Zusammen: Iddorien, in Landessprache (englisch): the Virtual Republic of Iddora. Schnell habe ich eingebürgert und einen Ausweis bei der Stuttgarter Botschaft von Iddora beantragt. Der kam auch gleich, ich hab ihn dann an Xing weitergeleitet. Bislang hat sie das aber noch nicht beeindruckt.

Wie viele weitere virtuelle Wesen haben ihren Lebensmittelpunkt in Stuttgart? Wie viele davon trauen sich nicht, aus Angst vor Diskriminierung offen ihre Virtualität zu leben? Wir sollten uns zusammenschließen. Der Staat Iddora gibt jedem von uns eine Identität (Schreibt einfach an: dora@doraa.de). Und wenn Xing sie ausgrenzt: selber schuld.

Wir Brezler akzeptieren diese neue Lebensweise in unserer Mitte, bei uns braucht man keinen Körper aus Fleisch und Blut, um menschenwürdig behandelt zu werden.

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Autor: Dora Asemwald

Ich bin virtuell real.

8 Kommentare zu „Virtuell stigmatisiert.“

  1. Liebe Dora,

    zugegebenermaßen habe ich erst heute durch Deine skandalöse EntXingung von Dir erfahren, obwohl ich als Degerlocher eigentlich alles über „Asemwald“ wissen sollte.

    Jedenfalls ging es mir spontan so, wie zuvor offensichtlich schon diversen anderen Internet-Nutzern: ich habe mich in Dich verguckt.

    Deine leidenschaftliche Virtualität steht dem durchaus nicht entgegen. Analog dem Frauenbuch-Klassiker meiner längst verflossenen Jugend „Suche impotenten Mann fürs Leben“ befreit sie mich nämlich schon mal vorab von ansonsten unweigerlich auf mich zukommenden Leistungserwartungen.

    Yo, das wollte ich nur mal gesagt haben.

    All the best, bleib uns erhalten!

    Dein Anton

  2. Vielen Dank! Zum Glück gibt’s ja auch ein leidenschaftliches virtuelles Leben jenseits von Xing.

    Xing hat sich persönlich und ausführlich gemeldet. Ich verstehe ja ihr Anliegen, habe aber um Herausgabe meiner Kontaktdaten gebeten. Mal schauen, ob die das können.

  3. Danke für den Tipp,
    ein toller Kerl! Teilt mit mir die Leidenschaft für Haubentaube, ist mir aber doch ein paar Schritte voraus. Noch wurde keine Brücke nach mir benannt. Da muss ich wohl noch ein bisschen dran arbeiten.

  4. Dora, virtuell realer geht es gar nicht, bleib wie du bist… Ein gefühlter Mensch aus Fleisch und Blut. 😉

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