Glauben, Wahrheit und der reinkarnierte Wurstgott.

Einer meiner Artikel hier hat eine etwas längere Diskussion ausgelöst die in religionskritische Gefilde gedriftet ist. Religionsfreunde und -gegner diskutieren hier. Ich finde das gut, wenngleich die Polemik die solchen Themen innewohnt destruktiv ist. Für mich fällt es da manchmal schwer selbst Position zu beziehen denn das widerspricht eigentlich meinem eigenen Glauben. Wem dorisches Theoretisiere auf den Nerv geht darf jetzt gerne wegklicken.

Realität ist etwas individuelles. Alles woran du glaubst ist in deiner Realität wahr.

So einfach. Was nun wenn zwei Individuen unterschiedlichen Glaubens glauben im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein? Das führt unweigerlich zu einem Paradoxon, vorausgesetzt man glaubt dass es nur eine gemeinsame Realität gibt. Beide haben jedoch in ihrer jeweiligen Wirklichkeit recht. Es ist eben nicht die selbe Wirklichkeit. Natürlich sind die Realitäten miteinander verbunden. Hau ich dir in meiner Realität eins auf die Fresse tut dir das in deiner weh. Wenn ich in deiner Realität dafür in die Hölle komm muss das in meiner aber nicht passieren. Würden gläubige Menschen das akzeptieren hätten sie keinen Grund mehr mit Andersgläubigen zu streiten. Ich finde es eh ziemlich unverschämt seine eigene Weltsicht anderen aufdrängen zu wollen.

Alles was wir uns vorstellen können existiert.

Es existiert in unserer Vorstellung. Existenz ist nicht auf materielle Dinge beschränkt. Ein Atheist kann die materielle Existenz Gottes in seiner Wirklichkeit leugnen, er kann jedoch nicht die Götter in den Köpfen anderer verneinen. Das was wir als Welt wahrnehmen ist doch eh nur eine vage Interpretation aller Sinneseindrücke die in unseren Köpfen zusammen laufen. Unser Hirn kann gar nicht mal so gut zwischen dem was wir „von außen“ wahrnehmen und was wir uns vorstellen unterscheiden. Unsere Autobiographieabteilung schreibt sich dann die Geschichte so wie sie ihr gefällt. Nicht vergessen: Jeder hat seine eigene unterschiedlich geprägte Wahrnehmung, Interpretation und somit eigene Geschichtsschreibung. Wer an eine allgemeine Wahrheit glaubt glaubt auch dass die eigene Geschichte dieser entspricht und akzeptiert keine anderen Interpretationen. Die würden die eigene in Frage stellen und somit das Kartenhaus des Ichs ins Wackeln bringen. Wer akzeptiert nicht im Vollbesitz der Wahrheit zu sein kann sich besser auf andere Menschen und deren Weltsicht einlassen.

Gefährlich sind Menschen mit mangelndem Abstraktionsvermögen die die Mannigfaltigkeit der Wahrheiten geistig nicht umfassen können oder wollen und dazu noch ein schwaches Selbstbild haben. Das sind die Zutaten der Intoleranz, Quelle von Streit und Krieg.

Aus der Schnittmenge aller Wirklichkeiten ergibt sich das, was wir Realität nennen. Es ist die Übereinkunft einer Gesellschaft über gemeinsam wahrgenommene Entitäten. Es ist der Konsens auf dem die Regeln gesellschaftlicher Systeme basieren. (Liebe Soziologen, bitte entschuldigt den laxen Umgang mit den Begriffen eures Fachs, ich versuch hier nur aus meiner laienhaften Sicht die Welt zu verstehen). Solche Regeln sind für das Zusammenleben notwendig, müssen aber jederzeit sich der gesellschaftlichen Entwicklung anpassen. Was heute noch als Wahrheit definiert wird muss es morgen nicht sein.

Ein Wunsch aus dem Hause Asemwald: Es wäre schön wenn wir uns und unsere Wahrheiten nicht immer so ernst nehmen würden.

Vielleicht ist jetzt klar warum ich nicht immer so einfach in religionskritischen Diskussionen eine Position vertreten kann. Ich akzeptiere viele. Was ich jedoch kritisieren kann ist das Handeln der einzelnen. Wenn mir jemand Schaden zufügt dann ist es egal warum. Er muss die Verantwortung für sein Handeln selbst übernehmen, es interessiert mich nicht ob er religiös motiviert war oder nicht. Und wenn eine Kirche zu schädlichem Handeln aufruft, soll sie nicht anders beurteilt werden als irgendjemand, der er es aus profaneren Gründen tut.

Schlussplädoyer: So lange jeder seiner Umwelt verantwortlich gegenüber handelt kann er von mir aus an den Osterhasen als leibliche Reinkarnation des Wurstgottes glauben. Aber bitte akzeptiert das mir der Wurstgott am Arsch vorbei geht und ich ihn für eine blöde Kanaille halte.

PS: Für alle die meine Existenz in Frage stellen (z.B. Xing): Ich glaube daran, dass ich existiere. Also existiere ich. Zumindest in meiner Realität. So lange andere Menschen an mich glauben existiere ich in deren Köpfen.

PPS: Es gibt einen schönen Witz: Ein Atheist stirbt und kommt an einen paradiesischen Ort. Dort wird er vom Teufel begrüßt der ihm viel Spaß wünscht. Ungläubig erkundet der Verstorbene die Hölle und entdeckt nur schöne Dinge. Doch dann kommt er an ein Loch in welchem Menschen in Kesseln gekocht und von Dämonen gefoltert werden. Irritiert fragt er den Teufel, was dass denn sei. Und der antwortet: Ach, das sind die Christen, die wollen das so.

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Autor: Dora Asemwald

Ich bin virtuell real.

2 Kommentare zu „Glauben, Wahrheit und der reinkarnierte Wurstgott.“

  1. Das hast du ganz zutreffend geschrieben, liebe Dora. Wir filtern, deuten und
    interpretieren die Dinge, dass sie in unser Weltbild passen und das ist unsere
    subjektive Realität. Der Witz zeigt außerdem die Wirkung der sich selbsterfüllenden
    Prophezeiung, die ja auch aus unseren Glaubenssätzen und Annahmen resultiert.
    PS: das kleine Schwarze steht dir gut!

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