Wachgedroht

Stuttgart21 ist das Beste, was uns Stuttgartern je passieren konnte. Verwegene These, bedenkt man, dass ausgerechnet ich sie hier mal in den Raum stelle. Ich hol mal aus:

Vor nicht all zu langer Zeit galt Stuttgart für viele als dröge Provinzstadt: Kehrwoche, Häuslesbauer und alle schwäbischen Klischees. Den Blödsinn kann ich nicht mehr hören, in anderen Städten nennt man die Idioten halt anders. Das Schlimmste an Stuttgart aus meiner Sicht war jedoch das bescheidene Selbstwertgefühl. Manche haben sich ja regelrecht für ihre Heimatstadt entschuldigt. Oder sind in überzogenen Trotzpatriotismus geflohen und haben Fernsehtürme auf Omadeckchen gestickt die dann so aussahen wie das pseudoironische Spießerzeug, dass es in Berlin schon fünf Jahre vorher gab, mit Berliner Fernsehturm halt. Apropos Fernsehturm: Wir waren die ersten! Das war auch mal mit dem deutschen HipHop so. War. Trends wurden seit dem hier weniger gesetzt. Jetzt haben wir aber etwas, was die anderen nicht haben: Stuttgart21! Oder besser noch: Die Androhung von Stuttgart21.

Kaum versucht eine Bande aus Politikern und Unternehmern mittels Bahnhofsvergrabung unter dem Deckmäntelchen der Stadtentwicklung und allgemeiner Zukunft eine Menge Geld und Bagger durch die Gegend zu schicken erwacht auch schon, was lange in der Tiefe der Stuttgarter Seele geschlummert hat. Nach jahrelangem tatenlosen Zuschauen, wie Immobilienfritzen wie Rudi Häussler eine Bausünde nach der anderen in die Stadt geklatscht haben entdecken wir Stuttgarter endlich etwas total ungeahntes: Unsere Stadt! Die ist nicht nur dazu da, den Daimlerangestellten ein Dach über dem Kopf zu bieten. Nein,  sie ist unser Lebensraum. Wir leben hier eigentlich schon, wohnen ja nicht nur.

Bislang hat man darauf vertraut, dass die Jungs im Rathaus das schon wuppen. Doch damit scheint für viele Schluss zu sein. Als plötzlich klar wurde, dass Stuttgart21 nicht nur eine feuchte Investorenphantasie war sondern blutiger Ernst, als der erste Bagger im Geleit von 800 Polizisten zum Bahnhof fuhr und ein Bauzaun errichtet wurde, da sind wir aufgewacht. Anstelle der üblich paar Tausend Montagsdemonstranten an die man sich schon gewöhnt hatte gehen jetzt jede Woche Zehntausende auf die Straße. Und das nicht nur einmal die Woche. Jeden Tag um 19 Uhr herrscht Lärm in der ganzen Stadt, Künstler haben den Bahnhof als Performancebühne entdeckt, der Bauzaun ist die längste Freiluftgalerie weit und breit geworden.

Ein tiefer Spalt geht durch die Stadt: Die Befürworter von S21, die der Bahn und der Regierung zutrauen, das Projekt zum Wohle der Stadt durchzuführen und die Gegner, die nach unzähligen Mauscheleien und gebrochenen Versprechen das Vertrauen verloren haben. Die Gegner kann man ganz leicht erkennen: Aufkleber und Buttons sind überall zu sehen. Ein gemeinsames Gefühl sich für die Stadt einzusetzen entsteht auf allen Seiten und etwas wundersames geschieht: Die Stadt wird wahrgenommen. Wir kämpfen um sie und ihre Zukunft, diskutieren, informieren und engagieren uns. Identität entsteht. Wir sind Stuttgarter. Keiner muss sich dafür schämen. Das ganze Land schaut auf uns und ist verwundert, dass ausgerechnet die Schwaben zu so etwas in der Lage sind. Wir sind wieder wer!

Ich möchte meine eingangs ketzerisch formulierte These relativieren: Die Androhung von Stuttgart21 ist das Beste, was uns je passieren konnte. Von der Durchführung kann ich das nicht behaupten. Sollte der Bahnhof vergraben werden wird es trotzdem noch viel zu kämpfen geben. Die Stadt wird sich wandeln, neue Räume entstehen. Wir werden diesmal nicht mehr zulassen, dass Investoren anstelle von Bürgern der Zukunft ein Gesicht geben. Wir sind erwacht und lassen uns nicht mehr verarschen. Nie war ich so froh, eine Stuttgarterin zu sein.

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Autor: Dora Asemwald

Ich bin virtuell real.

20 Kommentare zu „Wachgedroht“

  1. Danke dir Dora! Ich hoffe trotzdem das wir es schaffen den Politikern, die die Demokratie in unserer Stadt zu Grabe tragen wollen, erfolgleich die Stirn bieten.!

  2. Sehr geehrte Frau Asemwald,

    was kümmern Sie sich um Stuttgart 21? Bitte gehen Sie zurück in Ihren Asemwald, und wenn es dort unter Ihrem Block wackelt, sind wir es! Dann werden wir gerade unterwegs sein von der City zum Flughafen, und wenn wir unterirdisch versehentlich Ihren Keller streifen, holen wir uns dort die ganzen K21-, Kein-Stgt21- und Loch21-Aufkleber heraus und verkleben damit Ihre ganze Asemwaldhütte, dass Sie nicht mehr heraus schauen und nicht sehen können, welche Bäume eingehen, welcher Acker einbricht, wo das Wasser versiegt und dass wir sowieso in allem siegen!
    Denn was haben Sie schon? Sie haben wenn es hoch kommt 20.000 Stuttgarter hinter sich, aber wir haben die Millionen, das sind unsere Millionen, die Sie bezahlt haben. Na, was sagen Sie jetzt?
    An Ihrer Stelle würd ich jetzt auch blöd glotzen, Sie denken die Wahl im März macht uns Sorge? Wir haben vom Stgt21-Etat 42 Millionen herausreserviert für eine ordentliche CDU-Wahlkampagne!!!! Mit sowas gewinnt man immer!

    So, und jetzt gehen Sie bitte in Ihren Asemwald zurück,
    mit freundlichen Grüßen
    OB Wolfgang Schuster

    1. Hallo Wolfgang,

      des hätt i net denkt, dass Du so direkt argumentiera kosch, so einen intelligenten OB könnt mr au in Esslinga braucha.

      Mol eine Frage:
      Soll des Bähnle jetzt au zum Flughafa fahra? I han denkt nach Ulm? Jetzt ben i ganz durcheinander komma, warum sagt mir des koiner?
      Derf i mein Dienstwaga trotzdem behalta?
      Ond noch ebbes… dei blonde Sekretärin… moinsch da lauft was? Kannsch ihr einen Gruß saga von mir?

      Bis bald, Dein Wolfgang

      PS.: Mach dir koine Sorgen wegen den 20.000 Demonstranten, des send älles bezahlte Kommunisten aus der Ostzone… oder wie des jetzt hoisst…

      1. Grüß Gott Wolfgang und Wolfgang (SPD),

        hier spricht der Geist von Hans, ihr könnt mich auch Filbi nennen.
        Könnt ihr net des ganze Pack in den Nesenbach schmeissen?
        Also mir hätten des 1946 anders gemacht.

        Euer Filbi
        der Direkt-Verurteiler

    2. Ein OB auf Abwegen.
      Ein Millionengrab, vom Rücken des Steuerzahlers getragen.
      Ich verstehe die Ingoranz nicht.
      Wie kan es sein, dass man sich wehement einer konstruktiven Debatte entzieht, jedem, auch aus den Reihen der ehemaligen Befürworter und quasi den Mund verbietet.
      Zweckdiehnliche hinweise sowohl von Fachlich komptenten Kreisen wie Pr. Dr. Ostertag werden einfach Ignoriert.
      Ein Konglomerat aus dem Wunsch politisch nicht sein Gesicht zu verlieren, weil man den größten Flop der Baugeschichte Deutschlands zusammengeplant hat und purem Lobbyismus. ( Wer weiss was die Staatsanwaltschaft bei Hr. Oettinger aus seiner Amtszeit noch so alles ans Tageslicht bringt, hat ja unzählige Posten bekleidet der Gute und konnte mit der Niederlegung derselben nach öffentlicher Diskussion über Befangenheit ja kaum abwarten )
      Aber sicher wird sich der Stuttgarter weiterhin laufend verarschen lassen.
      Das ist nur der Anfang, vom Ende ;))

  3. ihr hen älle net richtig ufbasst, des isch jetzt mei baustella. mir den so als wenn mir des zügle bis ulm fahra lasset. mir gaots eher drom, a saumässige schnellverbindung nach Berlin zum baua, na kao is angela maol ablösa ond trotzdem em Ländle wohna, weils en Berlin koine Kumpel gibt. Ond nao em Tunnel direkt bis Pforza , sonscht krieg i en schtugart bagga voll. die hen mi frier schon emmer verhaua. also Buaba machet weider…..

    1. Sehr geehrter Herr Mappus,

      Ihre Ambitionen auf meinen Posten fallen mir heute nicht zum ersten Mal auf. Doch kann ich meine Wählerinnen und Wähler beruhigen: Mit Emporkömmlingen aus dem Schwäbischen hat mein Ziehvater Helmut Kohl schon seine Erfahrungen gemacht. Ich erinnere an den kometenhaften Niedergang des Lothar Späth. Seien Sie versichert, die entsprechenden Schritte Ihre Person betreffend wurden bereits eingeleitet.

      Mit vorzüglicher Hochachtung
      Angela Merkel

  4. Meine Herren! Bitte!

    Wie oft denn no… ch!

    Wir haben das doch schon sooft geübt! Stuttgart Einundzwanzig ist ein Gesamteuropäisches Projekt. Wir haben doch die Vereinbaahrung, dass wir bei der Öffentlichkeitsarbeit Immer Hochdeutsch schw ..schprechen!

    Also Herr Mappus, Herr Drexler, Herr Schuster. Bitte halten Sie sich an die Vereinbarungen..

    Riidiger Grube,
    Der Chef von dem Ganzen

    1. Entschuldigung,

      Ich werde von diesen Schwäbischen Geldeseln, doch am Tag 5 mal angerufen.
      Das färbt schon ab.(Die verstehen einen doch auch nicht, wenn man Hochdeutsch spricht) Zumal ich ja auch schon länger im Süden ein Häusle hab.

  5. Servus beinander, hier ist der Ed,

    Ja, mi leggst am Oarsch! Wos is den bei eich los? Es is grad 4 Johr her, da samma in 10 Minuten, ohne dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, fast nach Rom, ähh, Charles de Gaulle, oder sonstwo hin g’fahrn. Und jetzt wida so a Theater, nur weil ihr in 8 Minuten nach Heathrow, ähh, an den Flughafen Franz-Josef-Strauß, – wohie auch immer fahrn miast.

    Also, wir hätt’n es in 10 Minuten mit dem Transrapid, äh ,äh vom Bahnhof München durch den Tunnel nach Stuttart, äh in zehn Minuten, schneller am Gate in Franfurt.
    Ihr wisst scho!

    Oba es hod net sei solln: nach oiner von 1,85 auf mehr als 3 Milliarden Euro g’stiegenen Kostenprognose ham sich die Deppen von Bund und Land im März 2008 darauf g’einigt dös Projekt nimma zum baun. Formal hams dös G’schäft dann am 14. April 2008 beendet und I hob mi saumässig blamiert. Saupreißn dreckige, hoit…

    Sackl Zement nochamoi, machts weida! Blamierts eich net!!! Spart eich die Blamage jetzt und haut’s Geld zum Fensta aussi, solangs no geht. Abgwählt werds eh!

    Und wenn in 20 Johr ois fixundfertig is, hobs as g’schafft: Ihr hobs a Denkmal, wos bisher nur der Franz-Josef mit seim Flughafen g’schafft hat und dann ist der Hauptbahnhof im Grunde genommen näher an Bayern, an die bayerischen Städte herangwachsen – weil das ja klar ist, weil aus dem Hauptbahnhof viele Linien aus Bayern zamalaffa. Host mi?

    Außerdem: I hob glesen, da Filbinger hot sie g’meldt. I bin ja g’spannt wann der Franz-Josef anfängt zu grollen. Lang schaut der sie des Kasperlheater bei eich nimma oh, so mei Gfui..

    Bleibts tapfer,

    Euer Edmund Stoiber
    (der Mann mit dem Transrapid)

    P.S. grod hob I in da Süddeutschen Zeidung g’lesen, wenn ihr zum grabn ofangst, dann kummst’s Wasser in die Tunnel eina. Woist was: dann fahrt’s doch mit dem U-Boot.
    Dös is vielleicht a Fortschritt! In 8 Minuten, mit dem U-Boot nach äh, äh,.
    Die bayrische Gebirgsmarine kann helfen! Verlasst eich auf mi!

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