Der neue Graben


Freunde und Helfer für's Grobe: Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit
Freunde und Helfer für's Grobe: Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit

Überall zu lesen, und natürlich auch zu erleben: Durch die einst friedliche Stadt Stuttgart geht nun ein tiefer Graben. Auf der einen Seite die Befürworter des Großbauprojekts Stuttgart21, auf der anderen Seite dessen Gegner. Die einen glauben der Regierung, der Bahn und deren Gutachter, die anderen den Gegengutachtern, die die Fehler des Projekts anmahnen. Welche der beiden Seiten Recht hat liegt für beide Seiten natürlich klar auf der Hand, wird sich aber eigentlich erst in ferner Zukunft zeigen. Versuche, den Graben zu überbrücken scheiterten stets daran, dass kein Kompromiss zwischen beiden Seiten möglich ist. Entweder oder. K21 oder S21. Die einen demolieren, die anderen demonstrieren. Die einen blockieren, die anderen tragen sie wieder weg, im großen Ganzen friedlich, egal ob Protestler oder Polizist.

Staatsgewalt
Bis vor kurzem jedenfalls. Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) nennt sich jene Bande, die kastanienwerfenden Jugendlichen, langhaarigen Berufsdemonstranten und arbeitslosen Rentnern ein Lektion zum Thema „Staatsgewalt“ lehrten. Moderner Medientechnik sei Dank, dass auch die Nichtanwesenden auf allen Kanälen miterleben konnten was einem widerfährt, wenn man sich dem Fortschritt entgegen stellt. Ein Bild entstand, welches nur schwer vereinbar mit den Idealen unserer Gesellschaft und unseres Rechtsstaates ist und somit einer bald erhofften Wiederwahl der Regierenden im Landtag im Wege steht. Es sei denn, man schafft es mit vereinten Kräften das Bild umzudrehen, die Opfer zu Tätern zu machen.

Der neue Graben
Hier verläuft der neue Graben, besser gesagt die tiefe Schlucht. Die einen betrachten die blutige Niederschlagung der Blockade (so nennt man es, wenn so etwas im Iran oder in China passiert) als ein Verbrechen, für welches die Schläger sowie jene, die sie geschickt haben zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Die anderen sehen im Verhalten der BFE Notwehr und die Notwendigkeit, einen demokratisch mit allen Mitteln juristischer Kunst durchgesetzten Beschluss umzusetzen. Die Kinder wären von ihren Eltern und Lehrern instrumentalisiert worden und als „lebendige Schutzschilde“ gegen die gerechtfertigt gewalttätigen Einheiten gehetzt worden. So liest und hört man es jedenfalls in Kommentaren jener, die dem Ministerpräsident die Treue halten. Anstelle von Entschuldigungen oder Reue wird zum medialen Gegenschlag gerufen.

Verboten: Auf Polizeiauto sitzen. Erlaubt: Knüppel ins Gesicht?

David gegen Goliath
Im Gegensatz zu den Gegnern waren außer den Polizisten wohl kaum Anhänger der Wasserwerferpolitik anwesend. Sie müssen darauf vertrauen wie MP Mappus die Situation für sie beurteilt. Ich war selbst dabei, muss mir also kein mediales Bild vom Geschehenen machen, hab mein eigenes: David gegen Goliath, nur dass David seine Schleuder zu Hause vergessen hatte. Ich versuch ja immer nachzuvollziehen, was in den Köpfen auf der anderen Seite des Grabens so vorgeht. Das hier kapier ich aber einfach nicht: Was treibt einen Menschen dazu, diesen staatlich verordneten Amoklauf gut zu heißen, die Schuld bei Eltern und Lehrern zu suchen? Bis vor kurzem dachte ich es gäbe einen gesellschaftlichen Konsens über Friede, Freude und Eierkuchen. Vielleicht bin ich aber doch eine zu naive Gutmenschin.

Protestalltag: Die einen blockieren, die anderen tragen weg. Noch sind die Knüppel im Sack.

In meiner Welt ist es unentschuldbar unbewaffnete (mal abgesehen von Wurfkastanien) Demonstranten durch den Einsatz exzessiven unmittelbaren Zwangs (Knüppel, Wasserwerfer, Reizgas, Fäuste) in die Flucht und in die Fresse zu schlagen. Der Mangel an Reue des Ministerpräsidenten lässt darauf schließen, dass er das zumindest billigend in Kauf genommen hat, es ihm eigentlich am Arsch vorbei geht solange es nicht seine Auge ist, das raushängt. Auf welchem Planet lebt eigentlich ein Mensch, der so etwas gut findet? Der ein Regime unterstützt, welches Politik mit dem Schlagstock durchsetzt? Nicht auf meinem.

Ich bin zu tiefst erschrocken, wie viele Bürger dem Geschwätz unserer Regierung Glauben schenken. Das ist noch viel schlimmer als mit anzusehen, wie Mappus versucht seinen Arsch zu retten. Über den Graben, der uns trennt will ich keine Brücke schlagen, sonst könnte jemand vom Gesindel der anderen Seite in meine Welt kommen.

Ich frage mal die Christen von der CDU: Wie vereinbart ihr die Lehre Jesu Christi mit dem Vorgehen im Park und an eurer Parteispitze? Schaut in eure eigenen Reihen und passt auf, dass man euch das C im Namen nicht aberkennt.

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Autor: Dora Asemwald

Ich bin virtuell real.

5 Kommentare zu „Der neue Graben“

  1. Dora, du hast es mal wieder auf den Punkt gebracht! Ich bin immer wieder erschüttert, wenn ich höre, wer diese Vorgehensweise seitens der Regierung verharmlost oder sogar gut heißt.

  2. Hi Dora, vom Standpunkt der CDU aus kann ich nicht antworten, höchstens vielleicht vom Standpunkt einer, die das alles eben nicht life, sondern nur gefiltert durch die Medien mitkriegt. Und da sieht das Ganze extrem verfahren aus.
    Mal angenommen, ich bin im Prinzip für Stuttgart 21, aber gegen diese hundsgemeine und wirklich beschämende Aktion am letzten Donnerstag – wo reih ich mich da denn ein? Da ich den Gegnern keinen Gefallen tun will, entscheide ich mich vielleicht dafür, Mappus und Co. zu glauben.
    Dann könnte ich mir vorstellen, dass manche davon abgeschreckt werden, dass sich immer mehr Parallelen (vgl. auch Wortwahl) zu vergangenen Zeiten zeigen – am Anfang der RAF standen ja auch mehr oder weniger friedliche Demos, die sich nach einigen Eskalationen (Benno Fürsorg, Jubelperser) in die RAF verwandelten. Das ist um Gottes Willen keine Prophezeihung, sondern nur der Versuch einer Erklärung dafür, warum manche sich auf Mappus‘ Seite stellen.
    Und dann gibt’s wohl immer noch viel zu viele, die nicht verstanden haben, dass es eben nicht nur um einen denkmalgeschützten Bahnhof und jahrhundertealte Bäume geht, sondern um viel mehr.
    Mit der Demo um Stuttgart 21 stellt sich die interessante Frage, was eigentlich demokratisch ist. 15 Jahre alte Entscheidungen, von denen die Fakten erst viel später bekannt wurden? Oder, um mal wieder die andere Seite zu ergreifen, eine Gegenbewegung, von der man nicht weiß, ob es die Mehrheit ist? Sollen über Stuttgart 21 nur die Stuttgarter abstimmen dürfen, oder ganz Deutschland, ganz Europa? In dem Thema steckt so unglaublich viel Sprengstoff, dass sich so mancher davor am liebsten drücken würde. Oder sich eben auf die Seite schlägt, die er für die des geringsten Widerstandes hält – und sich sein Weltbild entsprechend zurechtpinselt.

  3. Genau so funktioniert’s. Die Informationen, die am besten in unser Weltbild passen nehmen wir wahr, die anderen übersehen, ignorieren und vergessen wir. So lässt sich polarisieren. Sicherheitsbedachte Konservative lassen sich durch das Schreckgespenst des linken Chaoten einschüchtern. Erschreckenderweise gehen sie soweit, dass man sogar einen brutalen Übergriff wie der geschehene rechtfertigen kann. Eine differenzierte Sichtweise der Situation ist anstrengender. Alleine die Tatsache, dass das Für und Wider eines städtebaulichen Konzepts nichts mit der Betrachtungsweise des Polizeieinsatzes zu tun hat ist nicht so leicht zu verdauen. Das liegt ja auch daran, dass S21 für viele das Symbol der Willkür der Macht ist. Der Polizeieinsatz ist das eben so. Der Umgang mit ihm gießt Benzin ins Feuer, weil es den Unmut der S21-Gegner gegen die Regierung verstärkt. Die Befürworter von S21 werden aber auch in einen Topf mit den Befürwortern polizeilicher Gewalt geschmissen.
    Die SPD hat sich zwischen die Stühle, die eigentlich gar keine sind, gesetzt in dem sie für S21 aber gegen Polizeigewalt sind. Das passt nicht ins Schwarzweißbild vieler und wird als inkonsequent verurteilt. Sie sitzen sozusagen im Graben drin und kommen da so leicht auch nicht mehr raus.
    Die mangelnde Bereitschaft der Union über S21 insgesamt zu sprechen macht eine Lösung der Probleme unmöglich. Kein Gegner wird bereit sein zu reden, wenn seine Forderung S21 zu beenden gar nicht erst auf den Tisch kommt. Anstelle dessen schlägt man sich die Schädel ein und wartet auf die nächste Wahl.
    Die Regierung hat es nicht geschafft die Bevölkerung mitzunehmen, ist rücksichtslos nach vorne geprescht. Jetzt ist es an der Zeit inne zu halten und ergebnisoffen zu diskutieren. Wird aber nicht passieren. Drum wird weiter demonstriert und weitergebaut. Schöne Scheiße.

  4. hi. Freut mich so einen fundierten und wahren blog zu dem thema zu finden, von jemand der auch noch life dabei war (:
    ich war am donnerstag auch dabei und ich hab auch tränengas oder was auch immer das war abbekommen… das tut verdammt weh und seitdem hat sich so eine wut in mir aufgebaut. Wir können(so gut wie) nichts tun -.- und dann sieht man bilder von blinden menschen und so weiter. und das alles nur wegen ein paar geleckten sch**** politikern…
    hab heute in der zeitung gelesen, dass herr mappus selbst noch nie auf einer demonstration war. so etwas soll ein kritischer politiker sein???
    also für mich nicht!

    mit freundlichen Grüßen
    Lukas
    (Oben Bleiben!)

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