Dora redet vom Wetter


Die jährliche Weihnachterei geht in den Endspurt. Der plötzliche Schneefall verstopft die Straßen, auch die Bahn ist (nicht nur) vom Phänomen Winter überfordert. Schlecht für den Smalltalk: Diesmal kann keiner jammern, dass es schon so lange kein weißes Weihnachten gab. Dafür kann man von verpassten Zügen und dergleichen berichten. Was war zuerst da, das Wetter oder der Smalltalk? Ich behaupte das Wetter wurde erfunden, damit man darüber unbesorgt mit jedem reden kann, den man trifft. Witterung geht alle was an. Man riskiert keinen Streit wie es die politische Diskussion mal gerne nach sich ziehen, wenn man vom anderen Lager ist. Zum Glück gibt es dazu in Stuttgart ja jetzt Kennzeichnungspflicht. Wenn ein Obenbleibenbuttonträger einen Obenohnebuttonträger am Wetter vorbei gleich ins politische zieht – oder natürlich andersrum– dann ist der Ärger vorprogrammiert und wahrscheinlich erwünscht. Vielleicht sind die überbordenden Launen des Wetters dieses Jahr ein gewolltes Manöver zur Ablenkung auf das friedlichere Parket des meteorologischen Diskurses?

Man stelle sich vor, die Wetterfrage würde die Gemüter ebenso aufwühlen wie das Unterdieerdebringen von Gleisen und Atommüll. Es gäbe die Fraktion der Kältefanatiker, die es im Winter in die Berge zieht, und die würden gegen die Thailand-Front wegen deren Liebe zur feuchten Schwüle auf die Straße gehen. Der Wetterbericht würde polemiktriefende Hasstiraden in seinen Kommentaren nach sich ziehen und alte Freundschaften würden an einem milden Winter zerbrechen. Da müsste ein Meteorologe sich nicht mehr an den Frauen vergreifen um das Gemüt des Volkes in Wallung zu bringen. Ein Traum für Politiker: Sie könnten sorglos Castoren durch aberwitzige Tiefbahnhöfe rollen lassen während das Volk gegen das Tiefdruckgebiet (oben bleiben!) auf die Barrikaden geht. Währe ich Obermops einer dauerregierenden Selbstbedienungspartei würde ich die Wetterkontroverse mit allen Mitteln (kann man sich bei der EU erschleichen) fördern. Rudi Carell forderte schon vor 35 Jahren einen Sommer wie er früher einmal war und gab der SPD die Schuld daran, dass es nur über 1000 Meter Schnee gab. Er hat damit der politischen Öffentlichkeitsarbeit eine Steilvorlage verpasst. Erst diesen Herbst hat das Stuttgarter Regime versucht, den leichten Sprühregen in die lästige Debatte um unliebsame Baumbewohner einzubringen. Das ging jedoch ins Auge.

„Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ Damals hieß Twix noch (nicht mal) Raider und die Deutsche Bahn AG noch Deutsche Bundesbahn, im Westen jedenfalls. Dieser Devise sind sie nicht treu geblieben. Heute geben sie dem Wetter die Schuld wenn im Sommer die Zugabteile überhitzen und im Winter selbige den Bahnhof gar nicht mehr verlassen. Kaum ein anderes Phänomen lässt sich so findig für Ausreden instrumentalisieren.

Wann lernt die Politik endlich Kapital aus dem Wetter zu schlagen? Die Klimadebatte gibt’s ja schon. Aber Klima ist doch viel zu abstrakt, da reden nur bruddelige Ökofritzen drüber. Das Wetter – der konkrete kleine Bruder des Klimas – ist viel griffiger. Ein Wettergipfel wäre viel volksnäher als jene Veranstaltungen, die nach dem Austragungsort benannte Protokolle ausspucken an die sich eh keiner hält. Es ist doch scheißegal ob die Erwähnung global ist oder nicht, Hauptsache man friert nicht.

Eine Gesellschaft die wortlos das Wetter erduldet ist kaum vorstellbar. Sie wäre nicht nur verdammt schweigsam, ich hätte in ihr auch diesen Artikel nicht schreiben können. Oder es hätte ihn keiner verstanden. Was vielleicht auch so der Fall ist. Egal. Mal schauen, ob der Schnee morgen liegen bleibt.

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Autor: Dora Asemwald

Ich bin virtuell real.

7 Kommentare zu „Dora redet vom Wetter“

  1. Fahrtzeit von Mainz nach Kempten / Allgäu normalerweise rund 4 Stunden, gestern mit 3 Stunden Verspätung … wahrscheinlich hatte jemand die Gleise verlegt oder so.
    Unter Mädels interessiert das Wetter interessiert dann überhaupt nicht, wenn man ein solches Kleid hätte, nicht mal ohne passenden Mantel … aber – äh … sind das Schneeverwurbelte da unten etwa Stiefel? tststs…

  2. Hier ne kleine Korinthe:
    Damals (1966) hieß Twix nicht nur nicht „Raider“, sondern nocht nicht einmal „Twix“, denn Twix wurde erst 1967 auf den Markt gebracht, und in Deutschland sogar erst 1976 (als „Raider“).. 🙂

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