Ende des Dornröschenschlafes


Gibt gerne ihren Senf dazu, auch politisch: Frau Asemwald

Ende letzten Jahres wurde ich von der Journalistin Feride Mehmetaj für das Magazin „Reutlinger Bühne“ interviewt. Es ging um die Frage, warum ich als ursprünglich apolitische Bloggerin durch Stuttgart 21 meine politische Seite entdeckt habe. Da dies ja prototypisch für viele ist, die durch die Protestbewegung aus dem politischen Dornröschenschlaf gerissen wurden, will ich das Interview hier mal veröffentlichen. Dazu muss noch bemerkt werden dass das Interview vor dem Ende der „Schlichtung“ stattfand.

Warum jetzt ein politisches Thema?

Weil es was bringt! Ich hab meine Meinung lang genug an der Leine gelassen weil ich nicht dachte dass ich irgendetwas damit bewegen kann. Stimmt nicht. Wenn auch nur eine Stimme unter tausenden, sie wird gehört.

Und warum gerade Stuttgart 21

Weil es mich was angeht. Es geht um die Zukunft meiner Stadt.

Dein Zuhause ist ja eigentlich das world wide web. Wie oft fährt denn eine virtuelle Figur mit der Bahn oder spaziert durch die Stuttgarter Innenstadt?

Das Internet ist für mich ein Verkehrsmittel. Ich lebe in den Köpfen jener, die mich kennen. Das hindert mich nicht daran, durch die Stadt zu spazieren.

Was nervt an der derzeitigen Debatte, unabhängig vom eigenen Standpunkt zum Projekt?

Die Schwanzvergleiche. Wer hat die größte Facebookgruppe, die meisten Aufkleber, die prominentesten Fürsprecher? Das tut nichts zur Sache.

Warum ist das so?

Das Bahnhofsthema ist zu komplex, da streitet man sich lieber über peinliche T-Shirts. Das kapiert jeder. Die Sachthemen überlassen sie der Schlichtungsrunde.

Und was kommentierst du dann?

Ich interessiere mich eher für dass, was mit der Stadt und den Menschen geschieht. Zur Leistungsfähigkeit von Bahnabschnitten hab ich nichts zu sagen.

Was sind deine drei stärksten Gründe gegen den Bau des neuen Bahnhofs?

Das kann man nicht so einfach in einzelne Gründe zerlegen. Ich bin ja generell für Erneuerung, finde die Idee Raum in der Stadt zu schaffen indem man Gleise vergräbt nicht schlecht. Wenn man es richtig macht und der Nutzen den Kosten an Geld und Belastung der Stadt gerecht wird. Und genau davon konnte mich noch keiner überzeugen, auch nicht bei der Schlichtung. Die Bahn und das Land haben nach Gutsherrenart das Projekt durchgedrückt, haben Alternativpläne ungeprüft vom Tisch gefegt. Sie haben getrickst, getäuscht und gelogen.

Auch wenn’s schwer fällt, Dora: Fallen dir auch Gründe FÜR den Bau ein?

Wenn die das Projekt ordentlich geplant hätten, wär es bestimmt zukunftsweisend. Ich finde es auch nicht so toll dass die an sich enge Stadt durch ein Gleisfeld durchtrennt wird. Wenn wir aber Gleisfelder durch Investorenviertel wie das Europaviertel ersetzen bringt das gar nichts. Immerhin haben die Proteste bewirkt, dass die Stadt Gleisflächen gekauft hat um genau das zu verhindern. Aber ich trau denen nicht.

Du hast ein eigenes Projekt gestartet. Es heißt Loch 21. Was hat es genau damit auf sich? Echte Alternative oder nur Gag?

Das Arbeitsplätzeargument ging mir auf die Nerven. Pyramidenbau schafft auch Arbeitsplätze. Die gibt es aber schon. Ein CDU-Landtagsabgeordneter forderte mal, man möge ein Loch am Bahnhof graben um den Gegnern zu zeigen, dass S21 unumkehrbar sei. Das haben die dann mit dem Nordflügel gemacht, ich fand die Idee mit dem Loch aber lustig und habe sie weitergedacht.  Viele mochten die Idee und haben mitgemacht, Bilder gemalt, Lieder geschreiben. Kürzlich wurde das Loch sogar im Hamburger Abendblatt erwähnt. Die haben geglaubt, dass ich die Comicfigur Dora dafür erfunden hätte.

Die Resonanz auf deinen Blog ist sicher riesig. Erzähl uns doch mal von den Superlativen: Was war das schlimmste, lustigste oder überraschendste das du zu hören bekommen hast?

Am krassesten war die Resonanz auf einen an sich harmlosen Artikel in dem ich ein peinliches T-Shirt von der Pro-Stuttgart 21 Demo gezeigt hab.  Da hat mich sofort die taz angerufen weil die das auch bringen wollten. Und viele andere auch. Das kam dann in allen möglichen großen Medien und wurde ein Politikum. Ich fand das etwas übertrieben, hab mich aber natürlich über die erhöhte Aufmerksamkeit gefreut. Ansonsten find ich es immer wieder lustig wenn ich von Jungs beflirtet werde denen das kleine Detail meiner Virtualität entgangen ist. Aber das ist eine andere Geschichte …

Wie gehst du mit Kritik um, die ja derzeit in Sachen „Stuttgart 21“ oftmals aus dem Bauch heraus und damit weniger gelassen daher kommt?

Erst versuch ich’s mit Sachlichkeit, dann appelliere ich an die Tassen im Schrank und den Anstand. Wenn das nichts bringt ignorier ich’s. Geißler ist da mein Vorbild.

Wie schätzt du Heiner Geißler als Schlichter ein?

Wenngleich er eine unmögliche Aufgabe hat, hat er genau das mit der sachlichen Ebene hingekriegt. Ich finde jeder sollte seinen inneren Geisler haben. Der mischt sich dann ein wenn man unverständlichen Blödsinn daherschwätzen will.

Dein innerer Geißler?

Der schläft manchmal, aber man kann ja nicht immer Sklave der Vernunft sein.

Werden Demonstrationen auch in Zukunft ausreichen um sich Gehör zu verschaffen oder brauchen Gegner wirkungsvollere Aktionen?

Die Bahn interessiert es einen Scheiß wie viele Leute auf der Straße sind. Die bauen. Eine wirkungsvollere Aktion wird die Wahl sein. Ohne politische Unterstützung wird es für die schwerer. Und irgendjemand muss die Rechnung ja bezahlen.

Und was ist mit „zivilen Widerstand“?

Solange er intelligent ist und niemand dabei zu Schaden kommt ist das schon in Ordnung. Man muss nicht Autos anzünden um Aufmerksamkeit zu bekommen. Humor ist unsere stärkste Waffe. Ihn kann man im Gegensatz zu Gewalt nicht verurteilen.

Hat sich die Protestkultur gewandelt?

Dank der Vernetzung durch das Internet ist doch so ein koordinierter Widerstand erst möglich geworden. Das wurde unterschätzt. Als die Regierung versucht hat den Polizeiangriff am 30.9. zu vertuschen war längst alles auf Youtube zu sehen. In der Transparenz und der Vernetzung liegt unsere große Chance Licht in die vermauschelten Ecken zu bringen.  Wir brauchen den überwachten Staat statt den Überwachungsstaat.

Was sagt eigentlich deine weibliche Intuition? Kommt Stuttgart 21 oder glaubst du die zahlreichen Gegner zwingen das Projekt in die Knie?

Das wird sich noch eine Weile hinziehen und dann Mangels Finanzierung vor die Hunde gehen. Bauruine 21. Hoffentlich wird bis dahin nicht all zu viel kaputt gemacht.

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Autor: Dora Asemwald

Ich bin virtuell real.

6 Kommentare zu „Ende des Dornröschenschlafes“

  1. Inhaltlich so schön kompakt, da hättest du jede Frage mit der Antwort dazu einzeln bloggen können und hübsch und fein deine täglichen Blogs gehabt. Aber was soll’s – ich mach das mit Schoki auch so.

    1. Der Schokoladenvergleich passt wunderbar. Eine halbgegessene Schokolade ist ein Missstand, den es gilt durch Resteverwertung aus der Welt zu schaffen.
      Ich war noch nie gut darin das Beste bis zum Ende aufzubewahren, denn wer weiß ob das Ende überhaupt kommt? Schönes Thema. Ich glaub da schreib ich was zu…

  2. Respekt vor deiner politischen Courage. Aber (übrigens) mit nem alten Mercedes durch Arabien und Afrika zu tuckern um Hilfsgüter zu liefern, halte ich denn doch für zu riskant. Dafür haben wir jetzt doch das Internet, dass man sich aus einer gewissen körperlichen Unantastbarkeit heraus für politische Belange einsetzen kann – ohne Leib und Leben zu riskieren 🙂
    fast väterlicher, besorgter Rat von
    http://flickrcomments.wordpress.com/2011/02/04/distant-point-of-view/

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