Nicht zum Anfassen, aber zum Lesen

Judith A. Sägesser war nicht nur auf meiner Party, sie hat auch über mich einen Artikel in der Stuttgarter Zeitung geschrieben. Ich halt mal den Mund und lass andere erzählen:

Keine Frau zum Anfassen

Fantasie Dora Asemwald gibt es, weil andere an sie glauben. Erschaffen wurde die Frau mit der hübschen Nase von einem Stuttgarter Grafiker, ihr Lebensraum ist das Internet. Jetzt hat sie Geburtstag gefeiert – mit echten Gästen.

Von Judith A. Sägesser

Dora schmollt. Dann zwinkert sie. Dora hat einen schwarzen Pagenschnitt, rechts vom Scheitel klemmt eine schmale weiße Haarspange. Ihre Augenbrauen sind markant, die Nase ist eine Stupsnase. Überall in der Wohnung hängen Bilder von ihr. Dora ist überall. Und nirgends.

Die Frau, die an einem Abend Ende Februar ihren 36. Geburtstag feiert, ist nicht von dieser Welt. Sie ist virtuell. Die 50, 60 Gäste hingegen, die sich in einer Altbauwohnung im Stuttgarter Süden drängeln und sich auf Doras Wohl zuprosten, die sind echt. Es sind ihre Freunde. Ohne sie wäre Dora Asemwald ein Nichts. Sie existiert nur, weil andere an sie glauben. Und an sie denken.

Sechs Jahre ist es her, da hat Martin Zentner diese Frau entdeckt. „So nennt sie es“, sagt er. Seitdem ist er ihr bester Freund und WG-Mitbewohner. Martin Zentner erfindet gern Figuren. Er skizziert sie und gibt den meisten Namen. Eines Tages, im Jahr 2005, blinzelte ihm plötzlich Dora vom Blatt entgegen. Dora Asemwald. Er wusste sofort: aus dieser Frau würde mehr werden.

Sie war von Anfang an anders. Martin Zentner wollte sie eigentlich zur Comic-Heldin machen. Doch die selbstbewusste Dora hatte anderes im Sinn. Sie ist aus den Kästchen mit Sprechblasen ausgestiegen und hat ein Eigenleben entwickelt. „Das Ganze hat sich immer mehr verselbstständigt“, sagt Zentner. Also hat er ihr die Tür zur Welt geöffnet und ihr eine Internetseite geschaffen. Nun sitzt er in seiner Wohnküche einem Mann gegenüber, den er vorher noch nie gesehen hat.

Dieser Mann heißt Thomas. Dora hat ihn zu ihrem Geburtstag eingeladen. Thomas hat sich für seine Gastgeberin schick gemacht. Er trägt einen karierten Anzug, seine feinen Lederschuhe glänzen frisch poliert. Wenn er spricht, beugt er den Oberkörper nach vorn, um dann über seine Brille zu linsen. Meine Güte, was hat sich Dora schon im Internet mit Thomas gezankt. Meistens ging es um das Thema, das die Landeshauptstadt spaltet: Stuttgart 21. Thomas ist 40 Jahre alt und Christdemokrat.

Hinter Thomas‘ Rücken lächelt Dora schüchtern von einem Pappkarton. Auf dem Bild sind ihre Haare arg gestutzt, nur an der Stirn hängen zwei lange Strähnen herunter. Ihr Freund Thomas dreht sich um, wundert sich. „So sah sie mit 23 aus“, sagt Martin Zentner und lacht glucksend. Das muss während Doras Wave-Phase gewesen sein. Das war einmal. Aber Rammstein hört sie noch immer gern.

Keine Sekunde muss Zentner nachdenken, wenn er aus Doras Lebenslauf berichtet. Zum Beispiel von der Großtante, die Doras Seelenverwandte ist. Oder davon, dass Dora ihrem Vater zuliebe Elektrotechnik studiert hat. „Deshalb kann sie auch mit einem Lötkolben umgehen.“ Glücklicherweise, sagt er, verheddere er sich so gut wie nie im Geflecht seiner Fantasie.

Martin Zentner ist 39. Er lebt und arbeitet als freischaffender Grafiker und Journalist im Stuttgarter Heusteigviertel. Das mit Dora läuft nebenher. In freien Minuten kümmert er sich um sie, leiht ihr seine Finger, damit sie Texte in ihr Online-Tagebuch tippen kann. Er schaltet sich dann in den Dora-Modus, wie er sagt. „Manchmal wird Dora sehr real.“ Dass sich das für manche nach einer gespaltenen Persönlichkeit anhört, darüber schmunzelt er und sagt: „Vermutlich stimmt das irgendwie.“ Doch vor allem ist es einfach ein Riesenspaß.

Ein Spaß gewürzt mit einer Prise Ernst. Das beginnt bei Grübeleien, ob es nur gibt, was auch eine materielle Gestalt hat. Und endet mit der philosophischen Frage: Was ist überhaupt wahr? „Ich lote mit Dora die Grenzen zwischen der realistischen und der virtuellen Welt aus“, sagt Martin Zentner. Im Internet ist Dora wie alle anderen. Denn im World Wide Web braucht niemand einen Körper aus Haut und Knochen.

Trotzdem hat Xing vor einiger Zeit Dora Asemwalds Profil gesperrt. Das Online-Netzwerk hatte mitbekommen, dass dieses Mitglied nur eine Kopfgeburt ist. Dora hat gebettelt. Der Martin hat schließlich ihren (ein kleines bisschen manipulierten) Personalausweis zu Xing geschickt. Das hatten die gefordert. „Ich will mit ihr ja nicht betrügen“, sagt er, „sie ist eine ehrliche Lügnerin.“ Der Ausweis hat nicht geholfen, aber immerhin hat Xing Dora Asemwald eine Woche geschenkt. Damit sie sich von ihren Freunden und Bekannten verabschieden konnte.

Wenn Dora Asemwald Leute im Internet kennenlernt, verschleiert sie nicht, dass sie keinen Körper zum Anfassen hat, dass sie bloß eine Idee ist, an der alle mitbasteln. Trotzdem gibt es immer wieder Männer, die sich in die adrette Dunkelhaarige verlieben. Einem musste sie mehrfach auf die Sprünge helfen. Der Online-Freund war so hingerissen von Doras Bildern, dass er gar keine Augen mehr für ihre Texte hatte.

Doras Gäste rotten sich in der Küche zusammen. Wie es eben bei einer Party üblich ist. Sie stehen am Tresen, schenken sich Sekt ein, naschen an Schokoküssen. Eine von ihnen ist Marianne, sie trägt eine Leggins, Absatzschuhe und einen Schal. „Wo ist Dora?“ fragt sie. „Drüben, im anderen Zimmer“, antwortet Martin Zentner. Die 45-jährige Stuttgarterin bleibt schließlich bei Thomas hängen. Während Marianne an einem Apfelschnitz knabbert und mit dem Christdemokraten über Machenschaften der Fleischindustrie redet, flimmert Dora auf der Mattscheibe. Der Computer steht auf dem Esstisch, von dort hat die unantastbare Gastgeberin den besten Überblick.

An der Tür klingelt es schier ohne Unterlass. In der Küche ist der Platz bald rar, also besiedeln die Neuankömmlinge Büro und Wohnzimmer. Manche bleiben auch einfach im Flur stehen, zwischen großformatigen Dora-Porträts. Die 34-jährige Natascha ist Dora in den Stuttgarter Wagenhallen zum ersten Mal begegnet. Alle Barhocker waren besetzt mit Doras – sie grinste von lauter Aufklebern. „Seitdem trifft man sie immer wieder irgendwo in der Stadt“, sagt Natascha. Außerdem ist sie bei Facebook mit ihr befreundet. Dass sie mit Dora Geburtstag feiert, ist Ehrensache. Sie glaubt fest an die virtuelle Freundin. Es kommt vor, dass für Natascha Doras Welt mit ihrer realen verschmilzt. „Ich werd langsam ein bisschen konfus“, gibt sie zu.

Dora Asemwald ist auf einem guten Weg. Immer mehr Menschen haben von ihr gehört, haben ihr Konterfei auf einem T-Shirt entdeckt, haben ihr Abbild in einem Schaufenster hängen sehen, von dem die virtuelle Frau in die Wirklichkeit lächelt. Neulich ist sie sogar zur Teamchefin bei der Allgäu-Orient-Rallye auserkoren worden. Unter ihrem Namen starten drei Mercedes-Youngtimer. Ende April geht es los, von Oberstaufen mehr als 6000 Kilometer bis nach Amman. Eine Gaudi mit gutem Zweck, das Team bringt Hilfsgüter in die jordanische Hauptstadt.

Über all die Partyvorbereitungen hat Martin Zentner völlig verschwitzt, seiner Dora ein Geschenk zu besorgen. Das fällt ihm jetzt ein, als er sich für einen Moment auf die Bank in der Küche gesetzt hat. Seine Verlegenheit ist nicht gespielt. Und wenn, dann ziemlich gut. „Oje, die wird sauer sein“, murmelt er, „die wird was erwarten.“ Er wird einfach sagen, er schenkt ihr diese Party. Und das ist noch nicht einmal geschwindelt.

Dora hat sich von ihren Freunden zum Geburtstag Texte und Bilder gewünscht. Und zwar über sich. „Sie lebt in den Köpfen der Leute, also will sie wissen, wie sie gesehen wird“, sagt Martin Zentner. Aus all dem Sammelsurium wird er später eine Ausstellung basteln. Er wird dies als ihr Stellvertreter tun, denn Dora Asemwald ist von Beruf Galeristin.

Unter anderem wird dann Maries Bild an der Wand pinnen. Noch hat sie Dora das rote Kleid nicht komplett übergestreift. Der Holzstift auf dem Malpapier kratzt noch auf und ab. Dora steht dort neben einem braunen Hasen, der genauso groß ist wie sie. „Dora wohnt in China, und sie ist sehr nett“, sagt Marie. „In der Schule sehe ich sie manchmal, und in meinem Kopf seh ich sie auch.“ Marie ist sieben Jahre alt und Doras jüngste Freundin.

Meistens ist Dora gut gelaunt. Manchmal macht sie sich Sorgen. „Sie hat Angst, dass ich beschließe, sie nicht mehr weiterzuführen“, sagt Martin Zentner. Dass er mit ihr Schluss macht. Dass er den Zeichenblock zuklappt und sie zu Bleistiftstrichen erstarrt. Sie muss sich aber nicht sorgen. „Sie ist doch ein Teil von mir“, sagt Zentner. Mit seinem Sektglas prostet er in die Luft. „Auf Dora.“

Dora finden Sie unter

www.dora-asemwald.de

Kleiner Fehler drin: Rammstein ist Thomas Lieblingsband, ich hörte und höre eher Joy Division.

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Autor: Dora Asemwald

Ich bin virtuell real.

6 Kommentare zu „Nicht zum Anfassen, aber zum Lesen“

  1. Irgendwo auf einer meiner Festplatten… Hach, wo ist der Text denn nur? Ich hatte ihn doch gepei … aber wo nur … /dev/nul war’s hoffentlich nicht? Neee … irgendwas unter /media/sdxxx.

    Ich bin grad völlig verwirrt.

  2. schön…hatte es vorhin in Papierformat zur Mittagspause gelesen! Auf Doras Geburtstag wäre ich auch so gerne gekommen, aber da hatten wir ne andere Verpflichtung…liebe Grüße J

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