Tod und Teufel


Vier Männer stehen im Nebel. Lichtblitze durchzucken die milchige Luft. Infernaler Lärm füllt den Raum. Ein Schlagzeug wie eine amoklaufende Waschmaschine gefüllt mit Metallschrott lässt die Leiber der Verdammten zucken. Katzen schreien während sie bei lebendig gehäutet werden. So jedenfalls klingen die Gitarrensoli. Mit düsterer Stimme brüllt ein nicht minder düster dreinblickender Typ Geschichten von Tod und Teufel. Das Publikum brüllt mit, hüpft durch die Gegend und freut sich. Das ist Heavy Metal. Genauer gesagt: Slayer. In meiner Jugend waren mir die langhaarigen Metalkröten suspekt. Deren bierseeliges, aggressives Gehabe passte nicht so einfach in mein vom gepflegten Weltschmerz geprägtes Wavertum. Immerhin waren sie keine Popper, und das zählte in jenen Tagen viel. Die Unsicherheit der Jugend erlaubte mir noch keine so großen Ausflüge in jene fremde Gefilde, die heute mein Heim sind. Den Heavy Metal hab ich erst kennen und lieben gelernt, als er dem Untergrund entstiegen war und sich in unzählige Crossover-Varianten verloren hatte. Zum Glück gibt es aber noch ein paar der Pioniere, die vor 30 Jahren dem Rock einen ordentlichen Arschtritt verpassten. Die größte Legende der Wenn-schon-denn-schon-Fraktion sind zweifelsohne Slayer, die sich im Gegensatz zu Kollegen wie Metallica nie haben zähmen lassen. Darum muss man heute auch kein Stadion besuchen, sondern kann sie an überschaubareren Orten erleben, wie dem Volkshaus in Zürich. Vor dem alten Haus mitten in der Stadt sammelt sich das Publikum. Schwarz gekleidete oft langhaarige Burschen – ich bin als Mädel in der Mindheit – bei denen ich mich frage wie viele von ihnen sich für das Konzert noch in die alte Kutte von früher geworfen haben und wer von denen das mit dem Todespriesterlook ernst nimmt. Ein paar Banker hat’s wohl nicht mehr zum Umziehen nach der Arbeit gereicht. Heavy Metal ist hoffähig geworden, die Headbanger von einst haben sich etabliert, haben Kutte gegen Anzug getauscht. Ich begeistere mich für die Aufnäher an den alten Jeanswesten, übersäht mit Schriftzügen einschlägiger Bands, dazu Pentagramme, Monster, Satansgedöns und dergleichen. Ein subkultureller Code, den ich nicht so ganz entziffern kann, der aber irgendwie zeigen soll, welche Bands gefallen und dass man weder Tod noch Teufel scheut. Der Saal des Volkhauses ist klein aber voll, Vorgruppe Megadeth – selbst eine Legende – legt los. Sie sind (aus der Metallerperspektive) leise, ich brauch nicht mal die Ohrstöpsel, die in der Schweiz bei jedem Konzert verteilt werden. Sauber spielen sie ihren größten Hits der Achtziger und frühen Neunziger, das Publikum ist textfest uns singt mit, steht ansonsten eher dumm in der Gegend rum. So richtig Stimmung kommt noch nicht auf. Ich frage mich die ganze Zeit, ob die wischmopartige Frisur von Sänger Dave Mustaine echt ist. Rotblonde Haare ausreichend für 3 Menschen und 2 Hunde sprießen wild aus dem Kopf. Vor 28 Jahren wurde er wegen Drogenfreudigkeit bei Metallica rausgeworfen, danach das übliche Rock’n’Roller-Leben, 2004 als wiedergeborener Christ geläutert. Also eher Tod, weniger Teufel. Die Meute tobt als Slayer auf die Bühne kommt. Einen Klassiker nach dem anderen hauen sie dem Publikum um die Ohren, in ungewohnter Qualität. Kein Wunder: Gitarrist Jeff Hannemann ist nicht dabei; der hatte bei der letzten Tour eher lustlos in die Seiten gegriffen. Gary Holt von Exodus quält als Ersatzspieler die Gitarre so, wie man es von den Platten kennt. Spätestens als sie „Raining Blood“, der meiner Meinung nach konsequenteste und somit beste Metallsong aller Zeiten, spielen, durchzucken Blitze mein gesamten sich im Rhythmus des Schlagzeuges windenden Körper. Ich schrei mir all das Böse, was ich seit meinem letzten Slayerkonzert so angesammelt hab, vom Leib. Friedlich und geläutert geh ich nach Hause.

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Autor: Dora Asemwald

Ich bin virtuell real.

3 Kommentare zu „Tod und Teufel“

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