Laetitia


Sollte mich jemand fragen, welche Musik der Soundtrack meines Lebens sein sollte, dann würde ich keine Sekunde überlegen. Seit ich Mitte der Neunziger auf Stereolab gestoßen bin vergingen nur wenige Tage, an denen ich die Band nicht gehört hab. Klingt komisch, kann ich aber erklären. Stereolab hat eine magische Fähigkeit. Während man sich an jeder anderen Band früher oder später überhört ist mir das bei Stereolab noch nie passiert. Im Laufe der 19 Jahre die die Band bestand haben sie einen halben Regalmeter Platten veröffentlicht, alles von hypnotischem Gitarrengeschrammel bis experimentellem Elektronikgeschraube. Bei der ganzen Bandbreite gibt es eine Konstante: Laetita Sadier. Die Sängerin und Texterin ist mit ihrer wunderschönen Stimme das akustische Sahnehäubchen der meiner Ansicht nach großartigsten Band der Welt. Neben Stereolab hatte Laetitia auch ihr eigenes Projekt: Monade. Ähnliche Richtung, weniger komplex, etwas rauher und herzlicher, auch große Klasse. Stereolab und Monade gibt es nicht mehr, Laetitia hat ein Soloalbum herausgebracht und geht jetzt ohne Begleitmusiker auf die Bühne. So zum Beispiel gestern Abend in Stuttgart in den Club Schocken, beliebter Anlaufpunkt für Motor-FM-Hörer.

Ob es am drohenden Gewitter liegt oder daran, dass es Montag ist, weiß ich nicht. Es sind jedenfalls nur 30 Leute im Raum, als Laetita Sadier die sehr karg eingerichtete Bühne betritt. Ein Fender-Gitarrenverstärker, ein Mikrophon, ein Effektgerät, eine Setlist, eine Wasserflasche und natürlich Laetitia mit ihrer Gitarre, eine linksherum gehaltene Gibson SG. Während Stereolab wie ein wandelnder Musikalienhändler daherkam reist Laetitia nur mit Handgepäck. Sie legt los und sich an. Mit dem ersten Lied. Das will nicht. Nach mehreren erfolglosen Versuchen der Gitarre die richtigen Akkorde zu entlocken gibt sie auf, geht zum nächsten Lied über. Nach drei Lieder ist sie warmgespielt. Laetitias Gitarrenspiel ist nicht virtuos, muss es aber auch nicht sein, denn es muss nur ihre Stimme begleiten. Und die ist der Star des Abends. Sie spielt Lieder ihres neuen Albums sowie einiges von Monade. Die Abwesenheit der Bands, die auf ihren Platten zu hören sind, verleiht den Liedern einen eigenen Charakter. Manchmal fehlt was, manchmal kommt etwas zu Vorschein, was mich total bezaubert. Wie auch ihr leiser, aber überwältigender Charme. Die Jungs im Publikum stehen trancehaft im Raum, einer verliebter als der andere. Wäre ich selbst einer, täte ich es ihnen gleich. Laetitia hätte von mir aus die ganze Nacht noch singen können, mein Zeitgefühl ging verloren. Hat sie aber nicht, zwei Zugaben und sie verlässt die Bühne, verkauft noch ein paar CD mit persönlicher Widmung und entschwindet.

Ich muss wohl ein Sonderling sein, wenn mein persönlicher „Superstar“ gerade mal 30 Leute anzieht. Das hat aber auch was Schönes, denn wer kann denn sonst schon so nah an sein Idol rankommen? An alle Stuttgarter Sonderlinge, die nicht da waren: Ihr habt was verpasst. Letzte Chance: Heute in Frankfurt in der Brotfabrik, morgen in Münster im Gleis 22 oder übermorgen in Heidelberg im Karlstorbahnhof könnt ihr sie sehen. Oder am 13. in New York.

Etwas genauer auf das Konzert geht Bloggerkollege Lino im Gig-Blog ein, der sie im Vorfeld auch schon interviewt hat.

Auf jeden Fall lohnt es sich, die Soloplatte „The Trip“ zu kaufen.

Fotos: Martin Zentner

PS: Falls sich jemand je fragte, woher ich meinen Zweitname habe, kennt jetzt die Antwort.

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Autor: Dora Asemwald

Ich bin virtuell real.

4 Kommentare zu „Laetitia“

  1. Deine hervorragende Konzertkritik passt auch für das Heidelberger Konzert. Dort waren es auch nicht mehr als 30 Leute im Publikum. Das Konzert dauerte nur eine knappe Stunde, inklusive der einen Zugabe. Und auch wenn sich Laetitia manchmal in den Saiten verhakte, hätte ich das Konzert nicht verpassen wollen. Einfach bezaubernd! Auch ich bin Mitte der Neunziger auf Stereolab gestoßen und habe mich in die Stimme von Laetitia verliebt. Ihr Auftritt im Karlstorbahnhof hat das nur verstärkt. „La revolution est la resonance“ schrieb sie mir als Widmung auf das Poster.

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