Blindgeschlichtet


Der Streit um den Stuttgarter Bahnhof geht in immer neue Runden – und mir auf die Nerven. Wie viel Gleis braucht ein Erdbahnhof um „wirtschaftlich optimale Betriebsqualität“ zu haben? Schlichter, Stresstester, Politiker, Journalisten, Kritiker und ein Haufen anderer selbsternannter Bahnexperten hauen sich mit diesem Mumpitz die Schädel ein. Vor lauter Rumgeschlichte und Stressgeteste geht die grundsätzliche Frage unter: Wer soll den ganzen Firlefanz eigentlich bezahlen? Auch wenn der neue Bahnhof 30% höhere Leistung (als was?) hätte, ist das die unzähligen Milliarden wert? Und wie unzählig diese Milliarden sind, ist ja auch noch nicht klar. Mittlerweile wissen wir schwarz auf weiß, wie uns die Bahn bei den Kosten über den Tisch gezogen hat. Konsequenzen? Keine. Ist wohl üblich so bei Großprojekten. Hach was, sind ja nur Steuergelder. Hauptsache erst mal los bauen! Wo Bagger rollen ist Zukunft! Und wenn die Kosten steigen: Salamitaktik. Die „Wahrheit“ Rädchen für Rädchen von der großen Lügenwurst abschneiden. Kennt man ja, Frösche kocht man langsam. Und wenn das Geld ausgeht? Dann sind die Verantwortlichen von damals schuldig, aber nicht mehr zur Rechenschaft zu ziehen. Pech gehabt, dann liegt er schon, der halbe Bahnhof, da kann man nicht mehr zurück. Und ja, die Verträge, die Verträge… .

Sollen sich die Gegner ruhig mit der Schlichtung rumschlagen, denken sich die Demagogen der Bahn. Wenn es ums Durchmauscheln von Gutachten und Gegengutachten geht, sind sie eh überlegen. Und so lange sie über betriebliche Qualität streiten, ist auch die Presse abgelenkt. Die kann die neuesten Gerüchte aus der Stresswelt verbreiten und verkünden, dass der Bahnhof alles erfüllt und von allen gewollt wird, wie irgendwelche Umfragen im Land ergeben. Mal ganz ehrlich: Was interessiert ein Aalener, ein Sigmaringer oder ein Lörracher ob Stuttgart für ein Zukunftsprojekt mit abgelaufenem Verfallsdatum Milliarden verbratzt? Die Rechnung bezahlen sie ja nur indirekt, die Baustelle bekommen sie nie zu sehen oder spüren, und wenn was schief geht sind sie weit weg. Also spielt man mal schön Demokratie, befragt alle die es eh nichts angeht und sichert alles durch ein Quorum von 30% ab. Genug Geschichten, die die Pressekanäle verstopfen, um davon abzulenken, dass die Planung auf erlogener und betrogener Basis rumeiert. Müsste sich jeder, der für S21 stimmt, direkt an den Mehrkosten beteiligen, dann wäre der Erdbahnhof tot.

Am Ende von Schlichtung und Volksentscheid werden fast alle einig sein, dass der Bahnhof gewollt und modern ist. Man wird anfangen zu graben, abzureißen, Rohre zu verlegen und sich über die verbliebenen „Wutbürger“ aufregen, die sich nicht haben wegschlichten lassen und versuchen, das Getriebe zu versanden. Wenn dann aber auch nur ein Teil der von der Bahn selbst erkannten Risiken konkret wird und das Geld wie erwartet ausgeht, werden alle verwundert aus der Wäsche schauen. Damit hätte man ja nicht rechnen können, der Bahnhof war doch geschlichtet und „demokraitsch“ legitimiert! Meine Prognose: Bauruine 21 und/oder Haushaltsruine 21.

Warum streiten alle über Stresstest und Volksentscheid, wenn nicht ansatzweise klar ist, was das Ganze kosten soll und wer es bezahlt? Ich will nicht meine Steuergelder von einem Unternehmen verbuddeln lassen, dass die Bürger nachweislich schon einige Male über den Tisch gezogen hat. Die heiligen Verträge, auf die die Bahn stets pocht, sind unter Vorspielung falscher Tatsachen zustande gekommen und somit sittenwidrig. DAS ist das Thema. Wen kümmert es da noch, wie viele Züge unterirdisch jede Stunde abgefertigt werden könnten?

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Autor: Dora Asemwald

Ich bin virtuell real.

12 Kommentare zu „Blindgeschlichtet“

  1. suuuuuuuper! Meine Worte! DAS sage ich schon lange, dass wir irgendwann eine Wahnsinnsbauruine rumliegen haben, weil die beteiligten Firmen pleite sind. Nur: so schön beschreiben hätte ich es nicht können….

  2. Tja… es sind nun mal zwei wesentliche Punkte im Streit über den Bahnhof. Da kann man zwar genervt sein, wenn zum x-ten Mal über Gleise und Fahrpläne gestritten wird. Hopfenzitz ist auch schon ganz müde immer wieder das selbe wiederholen zu müssen. Aber die herbeigelogene angebliche verkehrstechnische Notwendigkeit und Zukunftsfähigkeit des Kellerbahnhofs ist und bleibt der Kernpunkt des Ganzen. Und da zeigt auch dieser unsägliche Stresstest im Detail überraschende Schwächen auf.
    Die Finanzierung ist so eine Sache.. es gehört tatsächlich zum normalen Erfahrungsschatz, dass Großprojekte teurer werden als angekündigt. Das hat schon beinahe etwas Naturgesetzliches und wird auch allgemein so hingenommen. Was sicher auch ein Zeichen der allgemeinen Gleichgültigkeit ist und auch dem Umstand geschuldet, dass es dann immer zu spät ist und nichts mehr zu ändern. Nur hier, ja hier bei diesem Projekt ist es im Bewußtsein der Gegner besonders ärgerlich, weil sie nicht nur ahnen sondern zu wissen glauben, dass sie als Gegenwert für das viele Geld nur Schrott und Zerstörung bekommen. Und damit wird es unerträglich und das unbemerkte weichkochen der Steuerzahlerbevölkerung funktioniert nicht mehr in der alt bewährten Weise.

  3. Sehr gute Zusammenfassung des ganzen Geschehens. Allerdings sollte man noch die eine oder andere Ergänzung vornehmen, um das Gesamtbild abzurunden. S21 wird so oder so zu einer Bauruine verkommen, dazu muss man nicht einmal Finanzexperte sein. Nicht nur, dass die Bundesrepublik und mit ihr alle Länder und Kommunen inzwischen einen gigantischen Schuldenberg angehäuft haben, hinzu kommt auch noch, dass wir auf direktem Wege in eine EU-Transferunion sind, was uns früher oder später sowieso das Genick brechen wird. Allein Griechenland bereitet uns schon so dermaßen viele Probleme, da brauchen wir gar nicht erst über andere Länder zu diskutieren. Selbst Deutschland wird nicht mehr in der Lage sein, all seine Schulden begleichen zu können.
    Und genau deshalb ist es so wichtig gegen dieses politisch gewollte Projekt massiv zu demonstrieren, weil es nie zu Ende gebaut werden wird und Stuttgart dann mit dieser Bauruine lange leben muss.

  4. Du sagst es! Mal wieder knackig auf den Punkt gebracht. Ich frage mich nur, warum sich so viele Leute dermaßen verarschen lassen und als Steuerzahler so ein Projekt befürworten!

  5. So isses !

    Selbst wenn der Erbahnhof tatsächlich einmal fertig gebaut werden sollte (woran ich große Zweifel habe) werden wir am Ende eine gewaltige Ruine haben – unsere Stadt, zugeklatscht mit postmodernistischer Shoppingmall-Scheisse und Dienstleisterarchitektur á la Senator Häussler.

    Stuttgart war doch mal die Hauptstadt der Architektur, wenn ich nicht ganz irre.

  6. Wer als Privatperson bauen will und nicht im vorhinein die Finanzierung genauestens geregelt hat, kriegt von der Bank keinen müden Cent. Aber das sind ja auch keine öffentlichen Mittel, die darf man ja bedenkenlos raushauen. Da sind die Grünen nicht besser als alle anderen. Es ist im Grunde auch völlig wurscht, von wem man belogen wird. Belogen wird man immer.

  7. Liebe Dora,
    ein sehr schöner und gleichzeitig bedrückender Text. Die (derzeit) Verantwortlichen haben sich offensichtlich schon so weit in ihrem Lügengebilde verstrickt, dass sie mittlerweile selbst daran zu glauben scheinen. Die Metapher von „des Kaisers neuen Kleidern“ liegt nicht fern.

    Erschreckend, bestürzend, gefährlich – für uns alle und unsere sogenannte Demokratie.

    Danke für Deine Zeilen.
    Steve

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