Rabatz in der Börsenstraße

In Stuttgart sind Demonstrationen mittlerweile en vogue, wenngleich nicht mehr so ganz wie vor einem Jahr. Der geplante Bahnhofsbau hat die Leute auf die Straße getrieben, der damalige Ministerpräsident Mappus hat sie in Rage gebracht und Fukushima hat den Atomkraftgegner in vielen geweckt. Morgen gibt’s wieder eine Demo. Schon wieder? Was jetzt? Occupy Wall Street war der Auslöser. Die Wut auf Banker, die beim Zocken auf dem Finanzmarkt der Weltwirtschaft die Beine unter dem Arsch weggezogen haben, treibt derzeit weltweit Menschen auf die Straße, und so auch in Stuttgart. Genauer gesagt in die Börsenstraße, der Stuttgarter Version der Wall Street. Heute demonstrieren Menschen auf der ganzen Welt gleichzeitig gegen Gier und Korruption.

Das Problem: Der Gegner ist etwas diffus. Keiner kapiert so richtig was auf der Welt gerade wirklich abgeht, keiner hat eine Lösung parat, aber viele haben ein Gefühl: So nicht! Es gibt keine einfachen Parolen, das Problem lässt sich auch nicht ins alt hergebrachte Links-Rechts-Schema pressen, weil die Wohlhabenderen auch unter den Finanzkrisen leiden, wenngleich nicht existenziell. Was bringt es denn, einfach so auf die Straße zu gehen und allgemeinen Unmut auszudrücken, wenn man nicht einmal klare Forderungen stellen kann?

Nach der großen Finanzkrise, die durch den amerikanischen Immobilienmarkt ausgelöst wurde, mussten viele Banken mit Steuergeldern gerettet werden. Verluste wurden sozialisiert, während Gewinne zuvor immer privatisiert wurden. Um so etwas nicht noch einmal zu erleben, wurden große Änderungen in Aussicht gestellt, man wollte die Finanzmärkte stärker regulieren. Passiert ist nichts. Dafür haben die Banken gesorgt. Ihr Einfluss auf die Politik ist erschreckend. Kaum hat der Steuerzahler ihren Arsch gerettet, werden wieder Boni ausgezahlt, es wird fröhlich weiter gezockt, bis zur nächsten Krise. Im Zweifel gibt’s ja Rettungsschirme. Offensichtlich fürchten Politiker die Banken mehr als den Unmut ihrer Wähler. So wurde zum Beispiel die Macht der Atomlobby erst gebrochen, als der Politik unmissverständlich klar gemacht wurde, dass man mit Atomkraft keine Stimmen mehr bekommen. Eben diesen Druck aus der Bevölkerung müssen sie spüren, wenn es um die Finanzmärkte geht.

Unser Unmut muss sichtbar werden. So sehr, dass ihn die Medien nicht mehr ignorieren können, das Politiker um ihre Macht fürchten müssen. In einer gesunden Demokratie muss die Bürgergesellschaft zumindest auf Augenhöhe mit den Lobbys sein. Wir haben keine Millionen, um Politikern Honig um den Mund zu schmieren, aber wir sind Millionen! Millionen von Wählern, die nicht mehr für die Selbstbedienungsmentalität des Finanzmarktes geradestehen wollen, die nicht mit zusehen wollen, wie wir ungebremst in die nächste Krise schlittern. Den am Ende sind alle Verlierer.

Es ist vielleicht etwas grob geschnitzt, den Investmentbanker als Feindbild hinzustellen und vor den Börsen Rabatz zu machen, aber was bleibt uns anderes übrig? Motzen ohne eine bessere Lösung zu bieten ist ja auch nicht so toll, aber was bleibt uns anderes übrig? Ich habe keine Ahnung von der Weltwirtschaft, weiß nicht, wie man aus dem Schlamassel wieder rauskommen kann. Man kann nicht einfach abschalten oder oben bleiben. Wie mir scheint, hat die Politik auch keinen blassen Schimmer, so komplett widersprüchlich ihre Ansätze sind. Das einzige, was ich mir wünschen kann ist, dass sie sich nicht von den Banken den Weg diktieren lassen, den die handeln nicht im Sinne des Allgemeinwohls. Und wenn ich dazu auf der Straße lärmen muss, damit der eine oder andere Politiker aufwacht, dann soll es so sein.

Fotos: Karin Rehm

Hier noch Puttes Senf zur Frage, warum man auf die Straße gehen soll:

>>Warum sollte ich am kommenden Samstag, den 15.10., auf die Strasse gehen?<<

Eine erste gute Grundvoraussetzung ist, dass du aller Wahrscheinlichkeit nach zu jenen 9 von 10 Menschen in diesem Lande gehörst, die politikerverdrossen sind. (Das ergab eine repräsentative Statistik, die vor einiger Zeit durch sämtliche öffentliche Medien ging.)

Und weil die Politik, als verlängerter Arm der Bürger, aus der Finanzkrise 2008 nichts gelernt zu haben scheint.

Egal wie alt oder jung du bist, welche Partei du wählst oder Nicht-Wähler bist, ob arm oder sogar reich – ein einigermaßen funktionierender Gerechtigkeitssinn sollte Voraussetzung genug sein, um diesen Unmut gemeinsam mit vielen anderen zu äussern. (Auch reichen und reicheren Menschen kann nicht gefallen, was gerade passiert, auch ihr Wohlstand steht auf dem Spiel.)

Am 15.10. werden Menschen in aller Welt aus u.a. diesen Gründen zusammen auf die Strasse gehen, um ein Zeichen zu setzen und um zu sagen: „Wir sind da und wir sind die meisten.“

>>Was soll das bringen?<<

Wir haben mittlerweile bemerkt, dass die Politik oft nur dann in Bewegung gerät, wenn viele zusammen es schaffen mediale Aufmerksamkeit zu erlangen. Es gibt viele Wege, sich Ausdruck zu verschaffen. Gerade das Internet mit seinen sozialen Netzwerken trägt einen wichtigen Teil dazu bei.

Aber, und das hat uns die Geschichte gelehrt: Die Strasse ist und bleibt das eindruckvollste Mittel für eine mögliche gesellschaftliche Veränderung, die in der Bürgerschaft ihren Ursprung findet.

>>Dann stehe ich da unter Menschen, die Haltungen und politische Meinungen haben, die ich nicht gutheissen kann?<<

Ja, das wird passieren und ist letztlich nichts anderes als das positive Signal, dass man am kommenden Samstag den vielleicht seltenen Fall erlebt,

einen gemeinsamen Nenner mit sonst andersenkenden gefunden zu haben. Vielleicht heisst das für den einen oder die andere, einen inneren Schweinehund zu überwinden, um über den eigenen Schatten zu springen. Das alte Links/Rechts-Denken für ein paar Stunden beiseitelegen und schauen was passiert. Zu verlieren gibt es dabei nichts, zu gewinnen sehr viel mehr.

>>Ist das einfach nur „dagegen“ oder gehts hier auch um ein „Für“?<<

Es geht um soziale Gerechtigkeit, soviel ist klar. Natürlich mag all das etwas diffuses und abstraktes mit sich bringen, aber das ist der Komplexität des Themas geschuldet und dem Moment, den wir derzeit erleben. Bevor unsere Gesellschaften neu verhandelt werden können, braucht es Empörung. Auch wenn die Motive der Einzelnen voneinander abweichen können, haben wir alle doch verstanden, dass es um eine Gerechtigkeit geht, die abhandengekommen ist: Banken sind völlig aus den Fugen geraten, Finanzjongleure sind von allen guten Geistern verlassen, etc. All das auf Kosten der Menschen in ihren jeweiligen Ländern. Dass das so nicht weitergehen kann, scheint den allermeisten klar.

Erst wenn wir uns hörbar machen, haben wir die Chance auf Mitsprache. Ich wünsche mir eine Neuverhandlung, die nicht nur lediglich von Politikern und Wirtschaftsleuten besprochen wird. Ich wünsche mir Psychologen, Soziologen, Künstler, Kommunikationswissenschaftler, Philosophen, etc. und selbstverständlich die Bürger selbst, die unsere Gesellschaft neu diskutieren. Es geht vielleicht um mehr als um „nur“ um Begriffe wie Euro, Rettungsschirm und Finanzkrise, sondern auch um eine Ethik, abseits von Ideologien.

>>Dieses Revolutionsgerede stösst mich ab.<<

Es geht hierbei aus meiner Sicht nicht um eine Revolution, dieses Wort mag abschrecken und wiegt sehr schwer. Aber es geht um nichts Geringeres als um den Wunsch nach einer wirklichen Veränderung unserer Gesellschaft und die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Und wenn die Politik es parteienübergreifend nicht schafft, ihren Wählern Vertrauen abgewinnen zu können, ist irgendwas faul. An diesem Punkt befinden wir uns, dazu brauchts auch keine Verschwörungstheorien.

>>Aber uns hier gehts doch gut!<<

Nicht nur Europa hängt zusammen, die ganze Welt tut es aufgrund der Globalisierung. Die Wirtschaft spielt dabei eine große Rolle.

Zu glauben, dass wir das mal eben schaukeln, während andere Länder um uns herum mehr und mehr ins Straucheln geraten, scheint nicht angebracht.

Es geht nicht darum, den Teufel an die Wand zu malen, aber es geht um Achtsamkeit. Und es geht schlussendlich auch darum, nicht immer nur an sich selbst und die Seinen zu denken. Da ist ein Tellerrand, über den es hinauszuschauen gilt. Ich bin hier schliesslich nicht alleine. Du?

Auf dieser facebook-Seite findest du die Städte Deutschlands, die sich am kommenden Samstag beteiligen:

https://www.facebook.com/notes/echte-demokratie-jetzt/aktuelle-demo-termine-echte-demokratie-jetzt/212633758769245

Mehr dazu:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,791349,00.html

http://www.sueddeutsche.de/politik/protestbewegung-occupy-in-europa-sie-sind-viele-und-sie-sind-wuetend-1.1162025-3

Demo in Stuttgart:

https://www.facebook.com/event.php?eid=275272769161270

https://www.facebook.com/event.php?eid=283525921666553

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Autor: Dora Asemwald

Ich bin virtuell real.

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