Wenn dir was nicht passt, schneid es ab!


„Liebe Autofahrerin, lieber Autofahrer. Ich hab ihre Nationalfahne entfernt. Egal aus welcher Motivation sie diese Fahne angebracht haben, sie produziert in jedem Fall Nationalismus.“ ist auf einem Zettel zu lesen, der an den Überresten einer Deutschlandfahne am Wagen meiner Freundin hängt. Ihr zehnjähriger, fußballfiebriger Sohn hat sie dort angebracht. „Diese Fahne steht nicht für Fußball oder irgend ein Team, sondern für deutsche Identität.“ Offensichtlich hat der oder die selbsternannte AnfängenwehrerIn nur deutsche Fähnchen im Visir. Italienischer oder spanischer Nationalismus scheinen wohl weniger gefährlich zu sein. Wurden bei zweiländrig beflaggten Autos dann nur die deutschen Fähnchen entfernt? „Mit nationalen Symbolen wie diesem Autofähnchen wird eine ‚nationale Gemeinschaft‘ konstruiert, also die eigene Identität betont und damit Nationalismus erzeugt.“ Was noch viel mehr Gemeinschaft erzeugt, ist ein gemeinsamer Feind der eint. Zum Beispiel jemand, dessen eigene Freiheit nicht da enden will, wo die Freiheit des anderen beginnt und dies mit Sachbeschädigung zum Ausdruck bringt. Utilitaristisch betrachtet könnte man ja gutheißen, dass dieser Vandalismus zur Reflektion über die Gefahren des Nationalismus führt. Ob der Sohn meiner Freundin fortan „Nein zu Deutschland“ sagt, wozu der Zettel des weiteren auffordert, wage ich jedoch zu bezweifeln.

Bei der erwünschten Reflektion kommt mir in den Sinn, dass von allen Symbolen, die Gruppenzugehörigkeit fördern, Gefahr ausgeht. Sie führen zu Ismen und Ideologien, die allesamt für viele Menschen fatale Konsequenzen haben können. Darf ich einem Antifa-Aktivisten die Buttons vom Revers reissen, da sie kommunistisches Gedankengut verbreiten und ihm anstelle dessen ein Pamphlet über die Gefahren politischer Ideologien hinhängen? Darf ich Obenbleibenkleber von Autos kratzen, weil sie eine Wutbürgergemeinschaft erzeugen? Wer gibt mir das Recht, über die Identitätsbildung anderer zu urteilen? Welche Symbole sind erlaubt, welche verwerflich? Mich würde interessieren, was der anonyme Verfasser dieses Zettels dazu zu sagen hat, woher er seine Legitimation nimmt, über zur Schau getragene Symbolik zu urteilen. Was wäre wenn jeder nach dieser Maxime handeln würde? Ein kollektiver Bildersturm, der die Welt von jeglicher Symbolik befreit? Eine Welt, in der jeder das Recht hat, die Meinung anderer zu vandalieren? Wenn dir was nicht passt, schneid es ab!  Ist es das, was der Sohn meiner Freundin daraus lernen soll?

Diese Aktion schadet der Antifa-Bewegung, sie spielt den Nationalisten in die Hände. Um zum Fußball zurück zu kommen: ein Eigentor. Also bitte, liebe Fahnenabreisserin, lieber Fahnenabreisser. Egal aus welcher Motivation sie diese Fahne abgerissen haben, es produziert in jedem Fall Nationalismus. Den Rest kennt ihr ja.

PS: Ich habe herausgefunden, wo man die Druckvorlagen für die Zettel runterladen kann. http://cosmonautilus.blogsport.de/materialien/

Ein aufwändig gestaltetes Heftchen kann dort runter geladen werden und informiert minutiös darüber, wie man am besten die Fähnchen kaputt macht.

Der Urheber „Cosmonautilus“ will laut eigenem Bekunden als offene politische Gruppe aus Berlin Neukölln die Welt mitgestalten – gefragt und ungefragt.

Sie verstehen sich als Ortsgruppe der Linksjugend Solid (www.linksjugend-solid.de), der Jugendorganisation der Partei Die Linke.

Ein Funken Selbsterkenntnis erlöscht in einer großen Pfütze Selbstgerechtigkeit:

„… Denn das Abreißen von Deutschlandfahnen – zu dem wir an dieser Stelle explizit noch einmal nicht aufrufen wollen – beruhigt zwar das eigene linke Gewissen, gebietet der Flaggenflut aber meist ähnlich effektiv Einhalt wie der Tropfen den heißen Stein kühlt. Hinzu kommt, dass das Vergreifen an fremder Leute Sachen geeignet ist, diese fremden Leute in ihrer patriotischen Verbohrtheit zu bestärken, anti-linke Ressentiments zu befördern und einem fortschrittlichen Entwicklungsprozess der Gesellschaft eventuell sogar abträglich zu sein. Mit diesem praktischen Flyer allerdings könnt ihr den einstigen patriotischen Besitzer*innen eine kleine Nachricht hinterlassen, in der Hoffnung, einen Denkprozess in Gang zu setzen, der sich dann auch auf zukünftige sportliche Großereignisse positiv auswirken kann.“ 

Hätten die sich das mal lieber zu Herzen genommen.

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Autor: Dora Asemwald

Ich bin virtuell real.

11 Kommentare zu „Wenn dir was nicht passt, schneid es ab!“

  1. Wer kommt denn auf die Idee ein Gemeinschaftsgefühl direkt mit Ausgrenzung zu verbinden? Nur weil ich selbst außerhalb der Fußball EM eine deutsche Flagge an meinem Fahnenmast hochziehe, heißt das noch lange nicht, dass ich andere Nationen, Meinungen ausschließe. Kommt mir ein bisschen so vor, als würde man jetzt nur, weil man möchte, dass Deutschland gewinnt, direkt auch gegen die anderen Nationen sein, im kulturellen und politischen Sinne.
    Stimme deinem Artikel zu. Die Fahne abzureißen ist kontraproduktiv und zeugt davon, demjenigen eine Gedankengut zu implizieren, dass er vielleicht gar nicht hat.
    LG

  2. Abgrenzung ist notwendig zur Identitätsfindung und muss mitnichten mit einem Überlegenheitsgefühl einhergehen. Ein Italiener, der Stolz ist, ein solcher zu sein, muss sich ja nicht gleich auf alle anderen herunterschauen. Wäre es nicht besser für eine tolerante Nationalidentität zu sorgen? Oder kann man der Sache auch was positives abgewinnen? Eine Gemeinschaft definiert sich ja auch über gegenseitige Solidarität. Deutschsein verbindet den Penner mit dem Vorstand. Wäre es nicht schön, wenn diese Gemeinsamkeit bedeutet, dass der starke Deutsche dem schwachen hilft? Ohne Gemeinschaftsgefühl gibt’s auch keine Solidarität. Anstelle von Ablehnung nationaler Gefühle, die es ja durchaus gibt, sollten wir uns vielleicht überlegen, wie man diese positiv einsetzen kann. Es mag naiv klingen und dem Nationalismus Tür und Tor öffnen, aber ich rufe alle Deutschlandkritiker dazu auf, sich mal Gedanken darüber zu machen, wie nationale Identität zu mehr Solidarität und Gemeinschaft im positiven Sinne führen könnte. So betrachtet ist der nationale Gedanke vielleicht mit der linken Idee sogar vereinbar. Ich gebe zu, das klingt ziemlich verbogen, aber ein Gedanke wäre es wert.

    1. Ich glaube, es wäre erfolgversprechender, die Fahnen dran zu lassen und stattdessen eine Bitte an den Fahrzeug- bzw. Flaggenhalter in das Flugblatt hineinzuformulieren, diese freiwillig abzunehmen. Überzeugen ist immer besser als Zwingen.

  3. Eine Frechheit!!! Ich bin auf 180!!!! Da komme ich heute morgen zu meinem Auto und da hängt da so ein beschmierter scheiss zettel!! Gleich erst mal zur Polizei Anzeige wegen Sachbeschädigung machen!!

  4. Einiges von dem, was auf dem Zettel steht, ist gar nicht so dumm. Ob die (ziemlich überflüssigen und in meinen Augen eigentlich eher albernen) schwarzrotgoldenen Kinkerlitzchen (nicht nur die Fähnchen an den Autos, sondern auch die Außenspiegelkondome, die Bierdosen, Brillen, Hüte, M&Ms usw.) wirklich Nationalismus erzeugen oder nicht eher Ausdruck von schon vorhandenem (wie auch immer ausgeprägten) Nationalismus sind, weiß ich nicht. Dass man Schwarzrotgoldzeiger zur Auseinandersetzung mit dem Phänomen Nationalismus und dessen möglichen Folgen anregt, ist grundsätzlich keine schlechte Sache. Wie aussichtsreich es aber ist, Zettel an Autos zu hängen, weiß ich wieder nicht. Ich reagiere auf sowas ziemlich allergisch, genauso wie ich nicht an der Haustür kaufe und mir auf der Straße nach Möglichkeit keine Pamphlete egal welchen Inhalts in die Hand drücken lasse.

    Was mich an Aktionen wie dieser wirklich ärgert, ist die Selbstverständlichkeit, mit der diese AnfängenwehrerInnen (schönes Wort, danke!) glauben, über fremdes Eigentum verfügen zu können.

    Außerdem: Warum soll ich „Nein zu Deutschland“ sagen? Ich bin Deutscher, wohne gern in Deutschland, mag auch nicht dauerhaft anderswo wohnen. Ich halte mich aufgrund meines Deutschseins nicht für besser als Türken, Polen, Chinesen, Peruaner, Ghanaer usw., aber Deutschland ist so ein übles Land nicht. Deutschland hat es geschafft, in vieler Hinsicht Vorbild für andere Länder zu sein, nicht zuletzt weil Deutschland versucht, aus der Geschichte zu lernen. Das ist ein hohes Gut, das man nicht in den Dreck treten sollte. Und es ist ein Grund, sich für Deutschland nicht zu schämen (man vergleiche damit, wie Japan mit der eigenen Geschichte umgeht, besonders in Sachen Zweiter Weltkrieg). Wer „Nein zu Deutschland“ sagt, wertet damit automatisch auch das Gute ab, für das Deutschland steht. Es ist bei weitem kein perfektes Land, kein Heilsbringer für die Welt, aber eben auch nicht einfach ein Schweinesystem, das unbedingt zerschlagen gehört. Es gibt genug zu kritisieren und zu verbessern, aber das ist es auch wert.

    Ich sage ganz klar „Ja zu Deutschland“, mit allen Fehlern und Macken, die dieses Land so hat, mit seiner streckenweise furchtbaren Vergangenheit, ebenso mit seinen Errungenschaften. Im großen und ganzen mag ich dieses Land und die Leute und will es nicht missen.

    Wozu ich entschieden Nein sage sind Hurrapatriotismus, nationalchauvinistische Ausfälle aller Art, ideologische Engstirnigkeit egal welcher Couleur und Gewalt.

    1. Vielen Dank für diesen schlauen und differenzierten Beitrag. Mir scheint es gibt viele die sind eher froh als stolz, Deutsche zu sein. Stolz kann man auf selbst geleistetes sein, und das ist eine Nationalität wohl kaum. Doch jeder, der sein Beitrag zum Guten des Landes geleistet hat, kann darauf auch mit Recht stolz sein.

      1. Danke 🙂

        Stimmt, die eigene Nationalität ist keine Leistung. Entsprechend befremdlich finde ich es, wenn Leute darauf stolz sind. Diese oft eher lautstarken Stolzen polarisieren sehr, und dadurch entsteht der falsche Eindruck, dass man sich zwischen „Ich bin stolz, Deutscher zu sein“ und „Ich sage Nein zu Deutschland“ entscheiden muss. Die Möglichkeit, sich eben einfach zu freuen und dankbar zu sein, Deutscher zu sein oder in Deutschland zu leben, geht da leicht unter.

        Dankbar einfach für die hierzulande doch recht ausgeprägte Rechtsstaatlichkeit und für die gute Infrastruktur. (Da sind etwa die gut ausgerüsteten und funktionierenden Rettungsdienste. In Russland habe ich mal erlebt, wie in Moskau, nicht in einem sibirischen Provinznest, jemand mit übel gebrochenem Bein zwei Stunden auf den Rettungswagen warten musste und den ziemlich angeheiterten Rettungsassistenten dann noch erklären musste, wo das nächtste Krankenhaus war.) Und das ist ganz was anderes als die dümmliche Doitschlandoitschland-Brüllerei von Leuten, die – unterstelle ich mal – eher die Schattenseiten dieses Landes darstellen.

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