Suburban Flair inmitten der City


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Das ist Programm: Parken und Einkaufen.

Für die einen ein urbaner Tempel des Shoppens voll angesagtem Lifestyle,  für die anderen der Untergang des Schwabenslands: Das neue Einkaufszentrum Gerber inmitten Stuttgarts.  Ich mache mir mal selbst ein Bild.

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Um das volle Mall-Erlebnis zu erfahren, organisiere ich mir ein Auto und nutze das Parkhaus, das äußerst großzügig angelegt ist. Es sollte auch mit zwei Promille kein Problem sein, einen SUV in eine der ausladenden Lücken zu manövrieren.

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Die Spannung steigt, die Aufzugtüren gleiten zur Seite und eröffnen mir den Blick auf: Ein Einkaufszentrum. Großzügig, hell, mit Hula-Hoop-Ringen und einem dicken Stein, der inmitten von Wasser lagert. Aber trotzdem: Ein Einkaufszentrum. Ausgeführt in zeitgenössisch internationalem Chic, der sich darauf versteht, geschmeidig jegliche lokale Herkunft zu verschleiern.

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Die Webseite der Mall verspricht so einiges: „Urban Flair & Style, wo Shopping am urbansten ist.“

Ich mache mich auf den Weg, die angekündigte Urbanität zu finden. Die hat bekanntlich was mit Stadt zu tun, und diese kann man nur an den Eingängen sehen, die dazu einladen, das Gebäude zu verlassen. Einkaufszentren – heute gerne Malls genannt – sind ein suburbanes Phänomen. Ich könnte auch auf der grünen Wiese irgendeiner mittelgroßen Vorstadt meinem Shoppingwahn fröhnen. Also eher Suburban Flair inmitten der City.

Nach langem Suchen werde ich fündig. Die Urbanität versteckt sich jenseits der Portale des Shoppingtempels in der guten alten Innenstadt, genauer gesagt dem Gerberviertel mit all seinen kleinen Läden und schöner Gastronomie.

gerber-shopping.de

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Verwegene Kombo in Sachen Einzelhandel: Sexi Korsetts und gesunde Säfte
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Das einzig Zeitlose in der Gestaltung des Gerbers: Die Uhr. In 20 Jahren wird man sich den grässlichen 10er-Jahre-Kasten wegwünschen.
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Dabeisein ist alles: Hula-Hoop-Ringe verknoten sich auf olympische Weise.
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Da freut sich Frau Uhse: Das neue Einkaufszentrum speit Laufkundschaft in die umgebende Stadt.
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Schöner wohnen auf dem Dach: Mehrfamilienhäusschen für zahlkräftige Mieter tummeln sich auf dem Dach des Einkaufszentrums.
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Wer urbanes Flair sucht, findet es draußen.
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Trend verschlafen: Klopiktogrammdame mit anachronistischer Frisur
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Mein Vorschlag: Klopiktogrammdame mit Hipsterinnendutt sorgt für angesagte Lifestyle-Stimmung und urbanes Flair.
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Autor: Dora Asemwald

Ich bin virtuell real.

11 Kommentare zu „Suburban Flair inmitten der City“

  1. „In 20 Jahren wird man sich den grässlichen 10er-Jahre-Kasten wegwünschen.“ Und wenn es dann irgendwann an den Abriss geht, holt Dora Asemwald ihre alten S21-Plakate aus dem Keller, schreibt sie um und macht eine Montagsdemo gegen den Abriss dieses Kulturdenkmals … 😉

    1. Die Baubranche freut’s, wenn man Häuser wie Unterhosen wechselt. Modische Architektur wird schäußlich, wenn sie aus der Mode gekommen ist.
      Gute Architektur ist immer noch gute Architektur, wenn sie aus der Mode gekommen ist.
      Das Gerber scheint mir eher zur ersten Kategorie zu gehören.

  2. „Rettet unser Kulturdenkmal vor den Immobilienhaien!“

    (Motto der ersten Montagsdemo gegen den Abriss des Gerbers im Jahr 20xx).

      1. Bonatz hat damals auch nur einen Bahnhof gebaut und kein Kulturdenkmal. Für viele meiner Freunde aus der linken bzw. Hausbesetzerszene war das immer ein „Nazibau“. Zum Kulturdenkmal ist er für sie erst geworden, als die Bahn Teile davon abreissen wollte. Von dem her freue ich mich schon heute auf die erste Montagsdemo gegen den Abriss des Gerbers … 😉

  3. Das Gerber mit einem Hauptbahnhof zu vergleichen hat was von Äpfeln und Birnen. Außerdem scheinst du davon auszugehen, dass die Menschen auf einer Montagsdemo dort stehen, weil ein Kulturdenkmal abgerissen wird. Bei vielen mag das sein, aber das ist trotz allem kein repräsentativer Haufen. Nur weil man gegen Stuttgart 21 ist, muss man das nicht sein, weil man den alten Bahnhof mag. Ich denke viele der Gegner von Stuttgart 21 hätten kein Problem damit, dass der Bahnhof für ein sinnvolles Projekt abgerissen würde. Das das Gerbervorgängerviertel niemand vermisst, ist auch nachvollziehbar. Der Neubau eines kompletten Blocks dieser Größe war für Stuttgart eine große Chance, wie sie nur selten kommt. Ein schnödes Einkaufszentrum, wie sie seit Jahrzehnten schon gebaut werden, welches in einen Wettbewerb geschickt wird, den einige nicht überleben werden, ist für mich eine Enttäuschung. Da hätte ich etwas Innovatives erwartet, nicht einfach nur ein stylischer Kasten mit ein paar hirnverbrannten Werbesprüchen zur vermeintlichen Urbanität.

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