Frittenfett und Textilchemie

IMG_2693„When there is no more room in hell, the dead will walk the earth“. Bei Zombieapokalypsen ist es üblich, sich in Einkaufszentren zu verschanzen. Nachdem ich schon das neue Gerber im Zentrum Stuttgarts getestet habe, gehe ich heute ins Milaneo, jenseits des Europäischen Viertels, einer Zombiegegend par Excellence.

Die Garageneinfahrt öffnet sich wie ein riesiger Schlund und führt ins heillose Chaos. Wo genau die angeblich 400+ angekündigt freien Parkplätze sein sollen, wird nicht klar. Das Leitsystem ist wirr, das Parkhaus unübersichtlich, die Parkplätze sind eng geschnitten – nichts für SUV-Fahrer. Die kommen da aber eh nicht hin.

Die Aufzugtür geht auf, und ich betrete 43.000 Quadratmeter Pommesbude. So riecht es hier auf jeden Fall. Vor dem über drei Stockwerke ausufernden Styler-Kik Primark mischt sich der Gestank mit dem Duft von Textilchemie. Selbst der Come-in-and-find-out-Douglas schafft es kaum gegen die allgegenwärtige kentucky-fried Geruchswolke anzustinken.

Über drei Baukörper auf ebenso drei ziemlich verworrenen Ebenen verteilt finde ich jede Billigkette,  die man schon aus der Innenstadt kennt. Der einzige Laden, der mich ansatzweise begeistert ist ein völlig deplaziert wirkender 3D-Druckerladen. Trotz seines schieren Volumens schafft der  Shopping-Center es nicht, ein Gefühl von Größe und Freiraum zu schaffen. Enge und niedrige Gänge verbinden die einzelnen amöbenförmigen Innenhöfe, die alle nach irgendwelchen Mottos gestaltet sind. Ein Hof greift unbeholfen Waldoptik auf, in einem anderen wachsen überdimensionale Glastrichter aus der Mitte. Auch nach längerem Suchen kann man ein gestalterisches Konzept nur mit Müh und Not an den Haaren herbeiziehen. Im Vergleich zur Konkurrenz-Mall Gerber wirkt das Milaneo schäbig und provinziell.

Provinziell soll es ja auch sein, da das Milaneo ohne das Geld aus dem weiten Umland gar nicht überleben könnte. Die Billigketten in der Innenstadt müssen sich warm anziehen, wenn die Horden auswärtiger Teenager ein neues Heim gefunden haben. Die erhoffte Anbindung des Einkaufszentrum an die Innenstadt ist ein hanebüchenes Marketingmärchen, da die Bahnhofsgroßbaustelle Mall und Stadt sauber voneinander trennt.

Damit ich das volle Shopping-Erlebnis auskosten kann, kauf ich auch etwas: Zigaretten. Der Tabakladen mit seinem begehbaren Humidor und einer großen Auswahl edler Rauchparaphernilia wirkt verlassen. Sein Angebot sticht zu sehr aus der allgemeinen Ramschigkeit der anderen Läden heraus. Da ich zu jenen Menschen gehöre, die ein Hemdchen lieber zum vierten mal anzieht, als ein neues für drei Euro zu kaufen, bin ich hier wohl fehl am Platz. Der allgegenwärtige Gestank der Fressbuden ist eine unüberwindbare olfaktorische Herausforderung und unterbindet erfolgreich meinen kärglichen Restshoppingwillen. Ich absolviere den Rest meines Besuchs und suche das Weite.  Wenn das das in der Werbung angekündigte neue Shopping sein soll, werde ich wohl zur Postmaterialistin.

Fazit zur Zombieapokalypse: Im Milaneo ist es schwer zu erkennen, ob die Apokalypse bereits angefangen hat.

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Unübersichtlich und schlecht beschildert: Das Parkhaus.
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Das Motto dieses Innenhofs: Wald. Am Waldrand mischt sich der beißende Geruch von Textilchemie mit der allgegenwärtigen Frittenfettwolke.
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Die Innenhöfe werden durch niedrig und schmale Gänge verbunden.
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Zwischen den Gebäuden kann man sich vom Fressbudengestank erholen.
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Noch nicht so ganz ausgereift: Das Aschenbecherkonzept am Durchgang.
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Geht immer: Rabatt!
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Kriegt man hier nur auf Displays mit: Das Stadtwetter.
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Funktioniert: Der Geldautomat.
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Architektonischer Amoklauf mit dem Kurvenlineal: Der amöbeske Innenraum ist unübersichtlich und lädt zum Verlaufen ein.
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Gestalterische Willkür: Jeder Bereich hat sein eigenes Farb- und Grafikkonzept.
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Etwas gefällt mir dann doch: der 3D-Drucker-Laden.

 

Autor: Dora Asemwald

Ich bin virtuell real.

9 Kommentare zu „Frittenfett und Textilchemie“

  1. Netter Bericht. Wenn die Menschen in und um Stuttgart das ähnlich sehen, geht das Milaneo sicher bald pleite. Zu jedem Angebot gehört aber eine spezifische Zielgruppe. Zu der scheinst Du nicht zu gehören – und mir geht es da ähnlich. Du hast Dich im Zigarrenladen umgeschaut, ich habe mir einen Marzipanriegel gekauft. Das reicht wohl eher nicht, dass wir einen entscheidenden Beitrag zum Erhalt des Milaneo leisten. Lassen wir also den Milaneo-Hipstern ihren Einkaufstempel und kaufen selber dort ein, wo es uns gefällt.

    1. Lieber Fred, ich denke wir sind da die Minderheit. Der Laden läuft, weil er die niedrigsten Billigkonsumwünsche der breiten Masse bedient. Denen ist piepegal, ob es nach Fritten stinkt, solange sie 50% Rabatt bekommen.

  2. Ich war ja zu Fuss da, und möchte hinzufügen: keine automatische Türen. Nichtmal leichtgängige Türen. Behinderte also nicht willkommen.

    Die engen Gänge sind besonders vor den einzigen Toiletten besonders eng. Da, wo viele Leute warten.

    Immer wieder Monitore, die einem „Auf Wiedersehen“ wünschen. Obwohl man erst reingekommen ist.

    Wegweiser, die nicht stimmen. Links und rechts zum Media-Markt? Nö, nur links.

    1. Die Türen lassen sich durch einen Knopf an einer Stele öffnen. Das funktioniert eher schlecht als recht, aber immerhin. Und dass die engen Toiletten dort die einzigen sind, wusste ich auch nicht.

      1. Der Knopf hat zumindest bei mir nicht funktioniert. Vielleicht sind die auch falsch verdrahtet, und es ging woanders eine auf.

        Die Toiletten sind laut Plan die einzigen.

  3. Das Milaneo scheint noch nicht fertig zu sein, wie man an den Rohbauten oben drauf sehen kann. Die haben es hastig eröffnet, weil das Gerber schneller war. Vielleicht bekommen sie das mit dem Leitsystem und den Türöffnern in den Griff, aber die Kloplanung ist für ewig verkorkst.

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