Küssende Saurier


Verreisen macht Spaß, kostet aber Geld, Zeit und bei Fernreisen Kerosin. Drum verreise ich gerne virtuell, per Google Earth. Um’s spannender zu machen lass ich den Zufall mitreisen. Dazu zoome ich in Google Earth weit raus, sodass ich den ganzen Erdball sehe. erde Jetzt schucke ich die Erde richtig schnell an. Dabei ist es wichtig, dass man das Programm* so einstellt, dass sich die Erde ohne Unterlass weiter dreht und nicht abbremst. google-earth-einstellungen Dreht sich die Erde nun wie wild, platziere ich den Mauszeiger auf der Mitte und mache die Augen zu. Wenn mir danach ist, klicke ich und zoome mit dem Mausrad so nah wie möglich ran.  Augen auf und Überraschung! Zu 71% ist die Überraschung doof: Man ist mitten im Meer gelandet. Also: Noch mal von vorne.

01-Gobi

Meine erste Reise geht auch ins Wasser, beim zweiten Versuch geht’s in die Innere Mongolei, in die Wüste Gobi. Zum großen Glück lande ich auf einer Piste nördlich der Stadt Erenhot. Bekannt ist dieser Ort dafür, dass auf der Transmongolischen Eisenbahn dort die Fahrgestelle der Züge getauscht werden, da die Chinesen eine andere Spurweite haben.

Da in Erenhot einige Dinosaurierknochen gefunden wurden, gibt’s dort Haufenweise Sauriermodelle. Das Highlight: eine Brücke aus zwei sich küssenden Saurier über eine Straße. (Foto: Phil MacDonald) Mein Tipp: Selbst per Google Earth verreisen, Bildschirmfoto machen und als Postkarte ins Facebook stellen. Dazu gerne noch was über den Ort oder die Region schreiben.  Das ist zwar nicht ganz so glamourös wie selbst vor Ort sein, aber eine umwelt-, geld- und zeitfreundliche Alternative.

PS: Mit dem Auto müsste ich immerhin 100 Stunden fahren, um nach Erenhot zu kommen. Mit dem Zug kommt man aber recht einfach dort hin. Einfach nach Moskau fahren, in die Transsibirische Eisenbahn umstiegen, in Ulan Ude in die Transmongolische Eisenbahn Richtung Peking umsteigen und dann in Erenhot aussteigen. Aber virtuell geht’s halt noch einfacher.

*Programm:  So hat man früher Apps genannt.

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U-Bahnhof des Herzens


Drei Wochen lang war ein Spiegeluniversum durch ein Dimensionsloch im Kunstkasten Rathauspassage zu sehen. Man konnte hingehen und in Gedanken an den U-Bahnhof seines Herzens reisen. Egal, ob Bedford Avenue, Shibuya Station, Österreichischer Platz oder Rustaveli, alles ist nur eine Haltestelle entfernt. Oder zwei.
https://www.facebook.com/events/1637103999909064/

(Foto: Martin Zentner)

 

Mein erstes Auto


Letztes Jahr haben die Stuttgarter Nachrichten mehr oder minder bekannte Bürger dieser Stadt nach ihrem ersten Auto und einer Geschichte dazu gefragt. Da außer mir niemand mehr ein Foto davon hatte oder eins hinbescheissen wollte, wurde aus der Geschichte zum 125-jährigen Autojubiläum nichts. Drum hab ich sie hier mal reingestellt. Das ganze geschah im September 96, als ich noch 21 Jahre alt war.

Meine Lieblingstante Mila hat mir ihren alten französischen Sportwagen geschenkt, weil sie nicht mehr so richtig gut einsteigen konnte. Sie wollte, dass ich ihn verkaufe und somit Geld für mein Ingeniuersstudium hatte. Auf das hatte ich zu diesem Zeitpunkt aber eh keinen Bock, weil ich es eigentlich nur wegen meinem Vater gemacht hab. Anstelle das Auto zu verkaufen hab ich beschlossen, damit in Urlaub zu fahren, wollte nach Dieppe, wo die Dinger gebaut wurden, an die Nordsee fahren. Das Bild hab ich in Le Tréport kurz vor Dieppe von einem Typ am Strand machen lassen. Dann fing das Chaos an. Die Fensterheber haben sich verselbstständigt, insbesondere bei Regen. Und irgendwann ist die Karre einfach liegen geblieben. Zum Glück hat mich einer abgeschleppt, der jemanden kannte, der mal bei der Fabrik gearbeitet hat und mir den Wagen abkaufte. Zurück mit dem Zug. War ziemlich frustriert, hab dann aber beschlossen, mein Studium zu schmeissen.

Tokyo, mon amour


Beim Rumwühlen in den Eingeweiden meines Blogarchivs bin ich auf eine Hand voll Reiseberichte aus Tokio gestoßen, die mir nach fast fünf Jahren immer noch gefallen. Ich habe sie überarbeitet und zusammengefasst. Auch die Bilder wurden neu gemacht, von der Künstlergruppe Schattenwald, die sich auf virtuell-materielle Grenzreisen spezialisiert haben.

Hier noch ein Soundtrack, passend zum Titel der Serie:

Ein Freund von mir verreist geschäftlich für ein paar Tage nach Tokio. Das passt, denn die riesige Stadt steht ganz oben auf der Liste jener Orte, denen ein dorischer Besuch gut tun würde. Ich schmuggel mich in sein Handgepäck und fliege mit.

Tag 1: Vom Versuch, mich zu verlaufen

Morgens kommen wir am Flughafen an und fahren mit dem Bus zum Hotel, einem typischen Business-Kasten, in die man gerne Geschäftsgäste einquartiert. Nur das vollautomatische Klo mit Sitzheizung lässt darauf schließen, das wir in Japan sind. Der Rest entspricht jenem internationalen Standard, der einen vergessen lässt, wie groß und bunt die Welt eigentlich ist. Mein Mitreisender muss gleich zu seinem ersten Termin. Ich gehe meiner liebsten Beschäftigung in fremden Städten nach: Mich verlaufen. In Tokio fällt das nicht sonderlich schwer.

Im Jetlag irre ich freudig durch ein Gewirr an Straßen, entdecke kleine Läden in Nebengassen und bade in der Reizüberflutung. Nach gefühlten 23 km Fußmarsch kommt mir ein alter Leitsatz in den Sinn: Doren sollte man nicht hungern lassen. Sie werden unleidig, bissig und im Allgemeinen unausstehlich. Sie wollen stets gut gefüttert sein, mit feinen Sachen. Wenn die Hose schon spannt, dann soll es wenigstens geschmeckt haben. Geld ausgeben und Erworbenes transportieren ist anstrengend und leert den Magen, der sich per Grollen bei mir meldet. Ein Schild sagt mir ich sei in Ropongi, der Heimat der Expats und jener, die an deren Geld wollen.
Hier ist rund um die Uhr was los, die Stadt schläft sozusagen nie. Ihre Bewohner jedoch schon. Immer, vorzugsweise im Stehen und überall – wenn sie nicht gerade telefonieren. Knurr, trägt mein Magen zum Thema bei. Mal schauen, wovon sich die internationale Business-Elite so ernährt.
Ebenso international wie das Publikum scheint hier die Küche zu sein, auch die deutsche Nationalspeise (im Fladenbrot, mit Alles und mit Scharf) dreht sich hier ohne Unterlass am Spieß. Ob es in Japan auch Dönertiere gibt? Wahrscheinlich wird hier alles aus dem Fleisch der hiesigen Tofutiere nachgebaut. Übrigens: Die Haltung dieser kulleräugigen, kuscheligen Tierchen ist recht fragwürdig, sie orientiert sich an den Wohnverhältnissen der sie verspeisenden Japaner. Sie lassen sich nur mit gedimmten Gewissen vertilgen, aber das gelingt mir als Nichtvegetarierin ganz gut.

Abends hat mich mein Verlaufen dann doch an ein Ziel gebracht, welches ich gezielt wohl nur im Netz gefunden hätte. www.dora.jp ist eine schöne Adresse, vor allen Dingen, wenn man sie auf eine Wand gedruckt entdeckt. Noch schöner wird sie, wenn sie von Weinkorken umgeben ist, die den Zweck des Ortes andeuten: Alkoholkonsum. Für Damen wie mich gibt’s 30% Prozent Nachlass – hoffentlich auf den Preis, nicht den Alkoholgehalt.

In Unkenntnis der schön anmutenden Buchstaben, die sich der Japaner wohl zur Verwirrung junger Damen aus dem Westen wie mich ausgedacht hat, lass ich mich überraschen, was da an feinen Räudigkeiten in Gläsern gereicht wird. Ich steige hinab in die Höhle der Dora und bekämpfe den Jet-Lag mit 30% reduzierten Cocktails, was ich durch Mehrkonsum wieder wett mache. Ahnungslos, wo ich gestrandet bin, winke ich ein Taxi herbei und zeige dem Fahrer meinen Hotelschlüssel. Er lacht und fährt weiter. Kein Wunder. Das Hotel ist auf der anderen Straßenseite. Ich bin offensichtlich zu doof, mich ordentlich zu verlaufen.

Noch ein Soundtrack: 

Tag 2: Waschnomadin

Am nächsten Tag verlaufe ich mich mal in eine andere Richtung und nutze irgendwelche U-Bahnen, deren Farbkodierung mir zusagt, in der Hoffnung mich mal so richtig schön sardinenhaft von Herren mit weißen Handschuhen in den Zug stopfen zu lassen. Enttäuscht vom großzügigen Platzangebot setze ich mich in Ruhe zwischen die Einheimischen, die wie hypnotisiert in ihre Klapptelefone starren oder darauf einhacken. Ich hätte wohl zur Rush-Hour kommen sollen, und so lange wie die hier arbeiten und danach noch karaokisieren ist die wahrscheinlich recht spät. Die Ansage der nächsten Haltestelle klingt irgendwie angenehm. Ich steige aus und lande in einem Konglomerat aus Hochhäusern, Bahngleisen, Shoppingmalls und Rolltreppen die überall hinführen, nur nicht raus aus dem Komplex, der sich als der Bahnhof von Shinjuku offenbart und das größte Passagieraufkommen der Welt hat. Ich trage dazu bei.

Mein Hunger klopft wieder an, ich will was essen. Eine schmale, schlauchartige Suppenküche ragt tief hinter die neonleuchtende Fassade eines Geschäftshauses neben dem Bahnhof. Ich setze mich an die lange Theke, die sich durch das Lokal schlängelt.

Der Blick in die Kochtöpfe offenbart:  Hier werden wohl unzählige Variationen von Gaisburger Marsch aufgetischt, sogar Maultaschen schneiden sie da rein. Ich zeige auf den Teller meines Thekennachbarn und hoffe, dass der Kellner kapiert was ich meine. Schade das es keine Algen in Gaisburg gibt, die japanische Variante mundet mir. Hach, wie doof: Das dem Essen beigelegte Sojasoßenplastikaufreisundwegwerffläschchen widersetzt sich zuerst vehement meinem Versuch, mittels Beißwerkzeug an dessen Inhalt zu kommen, disponiert dann doch kurzerhand um und entleert sich über meine leider nicht ganz sojasoßenfarbene Hose. Gute Gelegenheit, lokale Waschbräuche zu erkunden.  Und siehe da: der Münzwaschsalon ist auch in Japan heimisch! Ich kann keinem Münzwaschomat widerstehen, die tollsten Bekanntschaften und Entdeckungen habe ich dort schon gemacht. Der Mann fürs Leben war zwar nicht dabei, aber der Einblick in das Leben jener, denen keine eigene Waschmaschine zur Verfügung steht, hat mich stets fasziniert. Zugegeben: ich bin leicht zu faszinieren, aber auch wieder schnell entfasziniert. Grundsätzlich unterscheide ich zwischen jenen, die aus blanker Not weder Platz noch Geld für eine eigene Maschine haben und jenen, die sich nicht durch eine Waschmaschine binden lassen wollen, folglich dem Waschnomadentum frönen. Der moderne urbane Waschnomade, ein Trend, den die Weißwarenindustrie bislang verschlafen hat. Ich werde sie jedenfalls nicht wecken.

Ein klarer Fall von dorischer Gedankenlosigkeit: Was zieh ich an, wenn meine Hose sich in der Waschtrommel rumtreibt? Schlechte Vorbereitung zwingt zur Improvisation, und die ist im Gegensatz zur Planung meine Kernkompetenz. Ein pinkleuchtender Wäschekorb neben dem Geldwechslomat scheint herren- und damenlose Klamotten aufzubewahren, die irgendjemand mal hat liegen lassen. Ein Jeansrock sieht so aus, als ob er mal wieder ausgehen möchte. Ich leihe ihn mir für die Dauer eines Waschgangs und zwänge mein für japanische Kleidernormen überdimensionierten Po in den Rock.

Vom Anblick der rotierenden Hose kurzfristig hypnotisiert verlier ich mich gerne in Gedanken, insbesondere wenn Münzwaschomaten wie dieser schlecht frequentiert werden. Am Ende meines Gedankenganges, der sich als Sackgasse erweist, drohte Langeweile wie ein ausgehungertes Raubtier. Also: erst mal Gebiet erkunden. Eine hinten links jenseits des Waschmittelomats – hier gibt’s für alles einen Automat – leicht verdeckte Tür ist nur angelehnt. Meine Neugierde ist hell wach. Und wenn die mal wach ist, bedarf es elefantenportionene Beruhigungsmittel, um sie wieder in den Schlaf zu wiegen. Die hätte es im Automaten vor der Tür gegeben, aber ich hab mein ganzes Kleingeld schon in den Waschomat geschmissen, in welchem meine befleckte Hose gerade eine nette Runde dreht. Hinter der Tür befindet sich ein düsterer Gang, ein sonderbares Brummen dringt aus den Gullideckeln, es riecht nach einer Mischung aus Wunderbaum und Fritörin, ist aber sehr sauber, wie eigentlich alles hier. Mein Lieblingsautor, der japanische Haruki Murakami, hat in seinen Büchern so alles Mögliche über das Treiben unterhalb Tokios geschrieben. Da ich seinen Geschichten glauben schenke, wirft ein nicht mehr ganz so leichtes Gefühl der Mulmigkeit seinen Schatten auf das lodernde Feuer meiner Neugier. Ohne Erfolg, denn Schatten haben gegen Feuer nur geringe Chancen. Ich muss mir eingestehen, dass ich mich im Labyrinth der Gänge ein kleines bisschen verlaufen hab. Was zu erwarten war, wenn man mich kennt. Und das sollte ich eigentlich. Eine einsame Nichtplastikpalme neben einem üppig gefüllten Aschenbecher in einem dieser verwinkelten Gänge zeugt von menschlicher Belebtheit, leise dringt Jazzmusik in mein Ohr. Ich folge ihr und entdeckte eine weitere angelehnte Tür, durch deren Spalt die Musik wohl ihren Weg zu mir bahnt. Jenseits der Tür befindet sich eine Treppe nach unten, deren Ende dank Dunkelheit nicht auszumachen ist. Vom Forscherdrang getrieben steig ich unzählige Stufen in den Schlund des Hauses und gelange in einen schummerigen, unübersichtlichen Raum.Wirres Geflecht durchzieht das Zimmer, als ob eine überdimensionale Spinne neugierige Mädchen darin einfangen wolle. Doch mit dorischen Reflexen kann ich der Gefahr entrinnen und schlängele mich durch den katakombösen Raum zur Quelle der Musik – Jazzmusik mit wilden Rhythmen und einem Saxofonisten, der versuchte, jenseits der Grenze zum Lärm Musik zu finden. Ob er an diesem Abend noch erfolgreich sein würde, ist mir nicht klar, doch genieß ich seine Suche. Beruhigt trink ich ein paar der Musik entsprechend komplexe Drinks und vertreibe den gefühlten Restmulm aus der Magengrube. Es ist schon etwas später als ich wieder in die wirren Gänge komme. Jenseits einiger Ecken entdecke ich am Fuße einer weiteren Treppe einen fensterlosen Raum, der eng anliegend um einen Koch und seine Küche geschneidert wurde. Ich entledige mich meiner Stiefel, wie es in guten japanischen Etablissements üblich ist. Sieben Zentimeter kleiner scheint die Decke schon etwas ferner, der Raum gewinnt an Größe. Ob Japaner deshalb stets die Räume ohne Schuhe betreten? Es riecht nach Misosuppe, die der freundliche Herr mir auch gleich in einer Schale reicht. Dazu gibt es erbsenartige Schoten, die ordentlich mit Salz überschüttet wurden. „枝豆!“ (Edamame), sagt der Koch und zeigt auf die Schoten, als er meinen Fragenden Blick sieht. Der alte Salztrick funktioniert auch hier, Durst ist international. Auch Japaner zeigen stolz ihre Sammlung an Alkoholika, hier sind die Wände gesäumt mit Sakeflaschen. Das macht es mir immer einfach, trotz mangelnder Sprachkenntis durch Gestik meinem Begehr Ausdruck zu verleihen. Heißer Reiswein läuft mir wie Öl den Hals hinunter und wärmt Leib und Seele. Ob ich jemals wieder zurück zu meiner Hose finden werde? Diesen Gedanken blende ich vorerst aus. Dafür ist später Zeit.

Tag 3: Glücklich dealphabetisiert

Apropos Hose: Irgendwie habe ich zu wenig Hosen im Koffer. Es fehlt eigentlich immer genau das, was ich gerade brauche. Das ist eine Regel, die in diesem Fall nicht durch eine Ausnahme bestätigt wird, da ich ausgerechnet keine Hose habe, die mit meinem Lieblingsoberteil harmoniert. Solche Probleme löst man am besten mit Geld, in so fern man welches hat. Ausreichend Yen-Scheine offenbart ein Blick ins Portemonnaie. Obwohl ich ohne Schuhe sehr, sehr knapp unter 1.70m groß bin, mache ich mir Sorgen, dass die auf japanische Verhältnisse geschnittenen Hosen nicht passen könnten. Japanerinnen scheinen um die Hüfte extrem schmal zu sein, wie ich gestern in meinem Leihrock feststellen musste. Ich hab sowieso viel mehr Lust auf einen neuen Rock, da kommen die Stiefel, die ich mit noch kaufen sollte, besser zur Geltung. Ich schau mich erst mal um, wie die Einheimischen sich so kleiden.

Gerne bedecken sie ihr Knie, jedoch eher von unten als von oben. Die Schulmädchenuniform mit Faltenrock und Overknees tut es mir besonder an. Noch ist Geld im Beutel, und wenn das ausgehen sollte, dann werde ich einfach meine getragenen Unterhösschen verkaufen. Denk ich mir jedenfalls. Egal. Darüber wollte ich mir später Gedanken machen, erst muss Füllstoff für den Koffer angeschafft werden.

Ein Blick in meine Einkaufstüten zeigte: Das gefährliche Loch in meinem Koffer scheint sich langsam zu füllen, den vielen netten Einkaufsläden sei Dank. Und wenn ich zuviel gekauft hab, brauch ich wohl eine neue Tasche. Oder ich steck’s bei meinem lieben Mitreisenden in den Koffer. Der nimmt sowieso nur wieder Blödsinn mit, in diesem Fall halt meinen.

Blödsinn gibts hier an allen Ecken, leuchtend bunt und wunderschön. Wahrscheinlich wär er nur halb so schön, wenn man die Schrift entziffern könnte. So fühle ich mich wohl, in meiner Rolle als Analphabetin, an der die zugekokster Werberhirne entsprungenen Texte schadlos vorbeigleiten. Man sollte sich temporär dealphabetisieren können, dann wäre die Welt durchaus angenehmer. Sprachkundige werden hier nicht durch die Gnade der Ignoranz geschützt und bekommen jene verkaufsfördernde Verbraucherinformationen mit großen Löffeln in die Misosuppe geschüttet. Trotzdem sind sie fidel und freundlich. Die Freude über das bunte Neonlicht sticht wohl dessen verblödeten Inhalt, das Medium ist hier offensichtlich die Botschaft – und die leuchtet farbenfroh. Der Freude trotz totaler Werbebedröhnung muss eine langjährig erlernte Technik zu Grunde liegen, die ihre Wurzeln im 3. Jahrhundert vor Christus hat und seither von asketischen, ganzkörperepilierten Mönchen weitergereicht wird. Ich beschließe, ein entsprechendes Kloster aufzusuchen, um mich dieser Fähigkeit zu bemächtigen. Wenn es mir gelingt, sollte ich in der Lage sein, einen Mediamarkt zu durchqueren ohne dabei bekloppt zu werden.

Tag 4: Das Auge isst mit

Heute Abend lädt mich mein Mitreisender ein, damit ich auch mal was anderes als Suppen zu essen bekomme. Wenn ich schon nicht zahle, will ich wenigstens angemessen eingekleidet erscheinen und ziehe das schöne rote Seidenkleid an, für das ich heute Nachmittag mein Reisebudget geopfert habe. Ich suche zielsicher ein Restaurant auf, das meinem Sinn for Schönes und Feines, aber nicht meinem Geldbeutel entspricht.

Bei der japanische Küche gilt: Das Auge isst mit. Ich aber auch. Die Kaki auf dem Vorspeisenteller ist etwas hart. Sie dient wohl der Dekoration und meiner Blamage. Im Hunger kenn ich da aber nichts. Nur das Blatt lass ich liegen. Um so feiner das Essen, desto kleiner die Portion.

Optisch und kulinarisch beglückt aber trotzdem hungrig ziehe ich nochmals los und stolpere schon wieder über deutsche Küche. Wunderbar für mich, die kein Japanisch spricht: Die Speisekarte, in Plaste nachgebildet und im Schaufenster platziert. Ich will auch so was haben: Blutwürste, Broiler, Schnitzel, Eintopf in unecht, als Deko für mein Fenster. Mein Magen muss auf einheimische Kost noch einen Tag warten, denn morgen muss ich leider zurück fliegen.

Ich kaufe mir vom restlichen Geld beim nächsten Seven Eleven noch ein paar Dorayakis – rote Bohnenpaste zwischen zwei kleinen Pfannkuchen – die nicht nur toll heißen sondern auch essbar sind und gehe zurück ins Hotel.

Tag 5: Abreise

Am nächsten Morgen bekommt mein Mitreisender Frühstück aufs Zimmer, weil wir früh zurückfliegen müssen. Das Hotelfrühstück ist der Hotelzimmereinrichtung entsprechenden internationalen Einheitsnorm unterworfen, sodass internationale Businesskasper trotz jetsetendem Lifestyle nie durch lokale Eigenheiten aus ihrem Rhythmus gebracht werden, also nicht an kulinarischem Jetlag leiden müssen. Ich hätte lieber eine Portion Algen, und komischen Fisch, der sich roh auf dem Teller räkelt und Suppe mit bunten Einlagen. Gibt es aber nicht. Gute Laune auch nicht. Ich will nicht zurück nach Hause, will in Tokio bleiben. Ich lasse die Welt an meiner Laune teilhaben. Sie ist das gewöhnt von mir. Sie sollte es jedenfalls sein. Auch egal. Ich hasse Flugzeugfraß.

Digitale Robinsonade


Schönes Gestein, aber offline: Die Atlantikküste Marokkos

Ein Artikel pro Tag hat letzte Woche wohl nicht so ganz geklappt. Ich war acht Tage ohne Internet. Acht Tage kein Facebook, keine eMail, kein oben bleiben, nichts. Digitale Robinsonade, kalter Truthahn. Nur maximale Abklenkung durch Sonne, fremde Sitten und Wein haben’s ermöglicht. Jetzt bin ich zurück, das Postfach voll, der Geldbeutel leer, den Magen verrenkt, zum Glück keinen Sonnenbrand.

Eine wahre Herausforderung wäre mal eine Arbeitswoche ohne Internet. Sich so wie Rüdiger Nehberg im digitalen Niemandsland abseilen lassen und einfach nur überleben. Man müsste sich auf Old-School-Recherche-Tools wie Lexikon (so ’ne Art gedrucktes Wikipedia), Telefon und Leute fragen verlassen. Früher gab es autofreie Sonntage. Im Zeitalter der „Datenautobahn“ wird es vielleicht mal einen netzfreien Sonntag geben. Ob wohl der von Stromausfällen bekannte Anstieg der Geburtenrate folgt?

Ich bin jedenfalls wieder online und versuche erneut, jeden Tag hier was mehr oder minder schlaues von mir zu geben.

Pekingbrezel


Ich war letzte Woche in Peking. Dort bin ich auf eine deutsche Bäckerei gestoßen die Brezeln anbot. Als Reporterin des Brezel-Blogs musste ich gleich was drüber schreiben:

Brezeln sind eine großartige Erfindung, überall auf der Welt kopiert, aber  natürlich nur in ihrer Heimat richtig gebacken. Meistens sind die Arme dick und teigig und der Bauch zu dünn um ihn ordentlich zu buttern. Als anerkanntes Brezelfachmagazin ist es natürlich unsere Pflicht, dem internationalen Brezeltum auf die Finger zu schauen.

Unser erster Brezeltest: Peking. Chinesen kopieren nicht nur Rolex und Louis Vuitton, sie versuchen sich auch an unserer Brezel. Ich setze mich also ins nächst beste Taxi und scheuche den Fahrer wild fuchtelnd durch die Stadt bis wir in der Lucky Street landen. Ein Albtraum nachempfundener Fachwerkromantik. Mitten drin: Die South German Bakery Café Konstanz.

Und dort gibt’s auch Brezeln. Die nette Verkäuferin präsentiert die Wahre, der optische Eindruck ist exzellent. Es gibt sie auch vorgebuttert, mit dem breitesten Grinsen dass ich seit langem gesehen hab. Chinesische Schneidekunst trifft auf deutschte Brezel.

Leider kommt die Brezel nicht frisch aus dem Ofen, sie befindet sich trotzdem auch in den Kategorien Geschmack und Haptik im oberen Mittelfeld der Brezelheimat. Ich bin erschrocken wie weit die Chinesen qualitativ sind, da können die Bayern mit ihren komischen Brezen nicht mehr mithalten.

Optik *****
Geschmack  ****
Konsistenz: ****
(Maximum: *****)
Preis: 4 RNB (ca. 40 Cent), gebuttert: 12 RNB (1,20 €)

www.germanbakery.com.cn

Auf der Suche nach dem Fortschritt


In der letzten Zeit höre ich doch bisweilen dass unser Widerstand gegen das Immobilienprojekt Stuttgart21 uns ins Mittelalter zurück katapultieren würde. Die Chinesen würden über uns lachen und uns wirtschaftlich überflügeln. Wir verpassen die Zukunft, wenn wir uns gegen den Fortschritt stellen.

China ist uns wirklich in einigen Punkten überlegen. Der Staat hat die Presse viel besser im Griff, Großprojekte werden umgesetzt, nicht diskutiert, Demonstrationen werden gleich richtig klein geschlagen. Naja, im letzten Punkt holt die Mappusregierung ja auf. Vielleicht wird das ja noch was mit dem Fortschritt chinesischer Prägung.

Ich fliege da morgen mal hin und schau mir das an. Ich weiß nicht wie abgeschottet das Internet da ist, aber ich versuche mal von dort aus zu berichten.