Mainstream, das sind die anderen.

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Bei einem Besuch einer Demo für kulturelle Vielfalt entfacht eine Diskussion über ein überstrapaziertes Wort: Subkultur. Woher kommt der Begriff, was bedeutet er heute und welchen Nutzen hat Subkultur für die Stadt? Diesen Fragen möchte ich mal nachgehen.

Unsere Stadt stirbt! – Das behaupten zumindest die weißen Hasen vom Follow the White Rabbit e.V., die vereinsmäßig im Hasenpelz Aktivisten für das Stuttgarter Nachtleben sind. Um 17 Uhr rufen sie zur Demo für den Erhalt kultureller Vielfalt in Stuttgart auf. Klingt ja mal ganz gut, denke ich mir, und zieh raus in die Kälte – will pünktlich sein, da interessante Redner angekündigt sind und ich nicht viel Zeit habe.

Clubsterben und Verlust von Kreativräumen ist der Stein im Schuh einer Szene, die sich selbst als eine Subkultur betrachtet, aber gerne mal einfach nur Clubkultur ist. Und zwar eine solche, die es wohl nicht gewohnt ist, das Haus vor 23 Uhr zu verlassen. Um Punkt 17 Uhr steht schon die Bühne, aber kaum jemand anderes herum. 930 Facebookzusagen sind ja schon ne Nummer, die sich hier ganz sicher nicht rumtreibt. Ich geh noch schnell einkaufen, um den Massen die Chance zu geben, sich zu versammeln.

Eine halbe Stunde später chillen witterungsbedingt schon einige auf dem Platz vor der Bühne, auf der ein DJ für Clubbeschallung sorgt. Hasenkostümierte Aktivisten treten auf die Bühne und pellen sich aus ihrem Pelz, einer von ihnen begrüßt die Gäste. Zur Demo aufgewiegelt hat ihn wohl die drohende Schließung des „Club Rocker 33“ im ehemaligen Amerikahaus, welches nach 52 Jahren nicht mehr dem Stahl- und Glaszwang moderner Innenstadtgestaltung gerecht wird und wie der Rest der nicht denkmalgeschützten Bauten im Carré durch shopping-konforme Bauten ersetzt werden soll.

Subkultur: ein verbales Ungetüm

Eine Diskussion entbricht, auf dem Platz und im Netz: Ist das hier ein Haufen hedonistischer Partyisten, die um die zwischennutzungs-immanente Schließung ihrer Lieblingstanzstätte trauern, oder sind das hier politische Aktivisten, die Raum für Kultur jenseits des Mainstreams erhalten und schaffen wollen? Wenn ich mich so umschaue, sehe ich ganz klar: beides. Über ein Wort stolpern aber alle: Subkultur. Ein verbales Ungetüm, von dem jeder glaubt, alleine zu wissen, was es ist, wer dazu gehört, und was es nicht ist. In der Regel sehen sich die meisten als Teil von ihr und grenzen sich dadurch ab: Mainstream, das sind die anderen. Kein Wunder also, dass viel um den heißen Subkulturbrei gestritten wird, wenn gefühlte Definitionen aufeinander prallen.

Vorneweg: Ich verwende den Begriff Kultur im weiten Sinne: Kultur ist nicht nur Musik und Malerei, sondern alles vom Menschen geschaffene, also der Gegensatz zur Natur.

In den 40er Jahren nutzten Soziologen den Begriff zum ersten Mal um das Phänomen ethnischer Gruppierungen in amerikanischen Großstädten zu beschrieben. Diese Gruppierungen zeichneten sich durch einen eigenen Wertekanon aus, der sich von der vorherrschenden Kultur abgrenzte. Zu Beginn der 70er verschwamm der Begriff mit dem der Gegenkultur, die die primären Werte und Ideale der Mehrheitskultur infrage stellte und sich ganz klar von ihr abgegrenzte. Dieses Bild funktionierte noch ganz passabel, als es diese klar definierte Leitkultur noch gab.

Subkultur in der digitalen Revolution

Ich versuche mal der weiteren Entwicklung des Konzepts der Subkultur mit medientheoretischen Werkzeugen beizukommen. In der grauen Vorinternetzeit gab es eine begrenzte Zahl an Massenmedien, die zentral gesteuert wurden, allen voran der öffentlich-rechtliche Rundfunk, Zeitschriften und Zeitungen. Ein kleiner Kreis an Medienschaffenden entschied, was die Masse serviert bekommt. Sie hatten die aufwändigen Produktionsmittel zur Verfügung, die damals zur Verbreitung von Inhalten notwendig waren. Als Subkultureller war man gezwungen, alternative Low-Budget-Kommunikationswege zu schaffen, um sich als Gruppe zu koordinieren. Über selbstgedruckte Fanzines und Piratensender wurde damals verbreitet, was durch das Raster der großen Medien fiel. Es war aufwändig, Teil einer Szene zu sein, und teilweise auch gefährlich. So wurden bis 1994 laut § 175 die Subkultur der Homosexuellen unter Strafe gestellt. Subkulturen waren relativ homogene, klar gegen die Mehrheitskultur abgegrenzte Szenen, die sich nur selten vermischten und ihre eigenen Kodizes, Sprache, Kleidung und Musik hatten. Für Außenstehende war es schwierig, mehr über sie zu erfahren oder gar in sie hineinzukommen.

Seit dem Aufkommen des Internets ist es einzelnen Subkulturen plötzlich möglich, ohne großen Aufwand eine eigene Öffentlichkeit aufzubauen. Das Internet ermöglicht durch seine dezentrale Struktur, dass Informationen ohne großen Aufwand sich weltweit und sofort verbreiten können und somit den Flaschenhals der alten Medien umgehen und überwinden können. Wer heute einen Film veröffentlichen will, nimmt ihn mit seinem Telefon auf und stellt ihn einfach auf Youtube.  Über soziale Medien können sich solche Inhalte viral verbreiten und ein größeres Publikum erreichen. Durch den Rückgang der Kontrollmechanismen der alten Medien hat die Mehrheitskultur ihre mediale Monopolstellung verloren. Subkulturen können sich heute der selben Mittel bedienen und sich ebenso verbreiten. Dadurch werden sie aber auch zugänglicher und ihre Grenzen durchlässiger. Heute kann man problemlos mal in die meisten Subkulturen reinschnuppern, ohne sich auf eine festlegen zu müssen. Die Mitgliedschaft in einer Subkultur ist keine Entscheidung mehr, sondern eine Option unter vielen.

Subkultur von der Stange

Mit dem Öffnen und Verschwimmen der Grenzen zwischen den Kulturen wurde es auch einfacher, diese zu kommerzialisieren. Aus dem Streben junger Menschen, ihre Identität über Gruppenzugehörigkeit zu ergründen und zu definieren lässt sich Geld machen. Heute muss man nicht mehr in versteckte Spezialläden gehen, um sich ein Ramones- oder Motörhead-Shirt zu kaufen. Man geht einfach zu H&M, um sich ein bisschen Punk zu fühlen. Der heutige Mainstream ist ein eklektischer Mix unzähliger Subkulturen, oder besser gesagt, deren Light-Versionen, verwässert zu leicht vermarktbaren Lifestyle-Optionen.

Der Begriff der Subkultur hat an Schärfe verloren und taugt kaum noch zur Beschreibung kultureller Phänomene. Darum hat sich die Bedeutung des Wortes im Sprachgebrauch verschoben und wird heute hauptsächlich im Sinne von kultureller Vielfalt wahrgenommen. Ich versuche mal, eine zeitgemäße Definition des Begriffes zu fassen: Wenn eine Subkultur sich durch die Abgrenzung zur Leitkultur definiert, dann muss man schauen, auf welchem Terrain sich die derzeitige Leitkultur befindet. 

Jenseits der Leitkultur

Wir leben in einer wachstumsorientierten Marktwirtschaft, die Leistung über Geld und Glück über Konsum bemisst. Wir produzieren nicht mehr bedarfsorientiert, sondern schaffen Bedürfnisse – zum Beispiel durch kurzgetaktete Moden und Werbung – um noch mehr produzieren zu können. Konsum ist der Motor unserer Gesellschaft und die Basis, auf der unsere Leitkultur fußt. Identität wird über Konsum geformt. Die einen zeigen ihre soziale Zugehörigkeit über Markenkleider und Autos, andere definieren sich über veganen Konsum. Wenn Leitkultur ist, was sich vermarkten lässt und somit den Konsum steigert, dann ist Subkultur das, was sich diesem System entzieht.

Subkulturen unterliegen einem evolutionären Prozess. Sie verbreiten sich schnell über das Netz, mutieren und werden selektiert. Je nach dem, wie gut eine Subkultur an die jeweiligen Bedürfnisse einzelner Gesellschaftsteile angepasst ist, bekommt sie Zulauf oder stirbt aus. Ist sie besonders erfolgreich, dann wird sie kommerziell interessant und vom Mainstream aufgesaugt. Sie hört auf, eine Subkultur zu sein,  wird Teil der Leitkultur und macht Platz für eine neue Subkultur. Darum spielt die Subkultur eine so große Rolle für die Leitkultur: Sie ist Keimzelle neuer Impulse, neuer Trends. Sie ist  jene Avantgarde, die die Gesellschaft vorantreibt, die Fortschritt ermöglicht. Und damit paradoxerweise auch zu mehr Konsum führt. Hier beisst sich der Hase in den Schwanz. Kein Wunder also, dass wir uns so schwer tun, Subkultur zu definieren. Subkultur ist ephemer und volatil, ein flüchtiger Zustand, als Protokultur betreibt sie Zwischennutzung im Gebäude der Gesellschaft. Und nur so lange sie nicht zu greifen ist, existiert sie. Sie ist unberechenbar, denn wenn sie berechenbar wird, verschwindet sie. Wenn man glaubt, sie zu kennen, ist sie schon ganz wo anders.

Die Stadt als Keimzelle

Die weißen Hasen, auf deren Demo ich gerade friere, sind schlau. Sie meiden die Paradoxiefalle des S-Worts und reden von kultureller Vielfalt. Und davon, dass diese Raum braucht. Und von dem gibt’s wenig im Stuttgarter Kessel, der sich in großen Schritten gentrifiziert. In unserer Wirtschaftsmetropole galt bislang das Primat der Rendite: Was Geld in die Stadtkasse bringt, ist gut. Da nimmt man auch leerstehende Abschreibungsobjekte in Kauf, lässt Shoppingmalls sich gegenseitig kannibalisieren und vergräbt Bahnhöfe, weil Gelder von außen winken. Kulturelle Vielfalt braucht Nischen, in der sie gedeihen kann. Nischen ohne unmittelbaren kommerziellen Nutzen, in denen Unberechenbares und Buntes geschehen kann. Eine Stadt braucht Freiräume, um nicht nur zu funktionieren, sondern um zu leben.  Eine Stadt braucht den Mut, das Unkonventionelle zu ertragen und es nicht im Keim zu ersticken. Denn nur so kann Neues entstehen, kann eine Stadt fortschrittlich und attraktiv sein – und vielleicht eines Tages daraus auch den mittelbaren kommerziellen Nutzen ziehen. Dazu reicht es nicht, Orte für Subkultur zu schaffen. Diese muss sie sich selbst schaffen, in Freiräumen, die nicht sofort zugekleistert werden. Und dann muss man sie einfach dulden und sich daran erfreuen, welche Blüten sie trägt.

Denn nur so kann Neues entstehen, kann eine Stadt fortschrittlich und attraktiv sein – und vielleicht eines Tages daraus auch den mittelbaren kommerziellen Nutzen ziehen. Dazu reicht es nicht aus, ein paar Vorzeigelocations etablierter Ex-Subkultur wie die Wagenhallen zu dulden, um die Stadt besser an die von Gentrifidingsbumspapst Richard Florida  beschriebene „kreative Klasse“ zu vermarkten, die angeblich verschlafene Provinznester in pulsierende Metropole transformiert. Ein paar Schritte weiter lebte in ein paar alten Wagons waschechte Subkultur, doch die musste weichen.

Vertane Chance

Stuttgart ist gerade konkret dabei, eine einmalige Chance an die Wand zu fahren. Im Park der Villa Berg verrotten derzeit 20.000qm ehemalige Fernsehstudios, die der SWR aufgegeben hat. Der Besitzer, die Investorengruppe PDI, möchte dort Luxuswohnungen bauen, hat aber nicht das Baurecht dazu. Die Stadtverwaltung will die Studios kaufen und abreisen. „Ich möchte, dass wir der Stadt und ihrer Bevölkerung die Villa und den Park zurückgeben“, sagt OB Kuhn, und verschweigt dabei, dass der Park um die Studios eh schon öffentlich ist und dadurch nur etwas erweitert werden würde. Der Gedanke, dass dies die perfekte Brutstätte für kulturelle Vielfalt sein könnte, scheint ihm fremd oder unerwünscht zu sein. Selbst die Konservativen unterstützen Kuhn mittlerweile in seinem Anliegen. Kulturelle Vielfalt macht Lärm, provoziert und spült kein Geld in die Stadtkasse. Und sie hat keine schlagkräftige Lobby. Eben da werden ihr ihre Diversität, ihre Flüchtigkeit und ihre Kommerzverweigerung zum Verhängnis. Kommunalpolitik soll aber nicht nur potente Interessengruppen bedienen, sondern ebenso die Nischen und Ränder der Stadtgesellschaft. Tut sie aber nicht.

Unsere Chance

Als Kulturschaffende dieser Stadt überlege ich mir, wie wir uns Gehör verschaffen und uns den Raum selbst nehmen können, den wir brauchen. Wir haben weder Geld noch sind wir ausreichend organisiert. Wir haben jedoch Kreativität und den Mut, diese einzusetzen. Wenn wir darauf warten, dass die Stadt uns einen Platz einräumt, können wir ebenso auf Godot warten. Wir müssen uns nicht mal Raum schaffen, denn den gibt es schon – wir müssen ihn nur ausfüllen. Wer hält uns davon ab, den öffentlichen Raum zu unserer Bühne zu machen? Er ist mehr als asphaltierte Transitstrecke zwischen Arbeit, Wohnen und  Shopping. Lasst uns sichtbar, hörbar, spürbar werden! Denn erst wenn wir unbequem werden, wird man uns ernst nehmen.

Abschließend zurück zur Demo: Was also nun, Partyvolk oder politische Aktivisten? Ich bleib bei meiner Ausgangsthese: beides! Und das ist auch gut so. Weiter so, liebe Hasen. Die Stadt braucht euch.

Gegen Kultur!

gegen kulturMan kann gegen vieles sein: Kapitalismus, Fleisch, das System, Ausbeutung und Krieg. Neu für mich auf dieser Liste: Kultur.

Gestern war ich in Vaihingen an der Uni beim Umsonst und Draußen. Wie immer versammeln sich am Rande der Wiese links-alternative Aktionistenbuden, die gegen die üblichen Übel dieser Welt agitieren, unleserlich gesetzte Pamphlete und Aufkleber mit unmissverständlichen Parolen verbreiten. Ein Stand verwirrt mich: Das „Gegen Kultur Projekt“. Ganz schön subversiv, denke ich mir, auf einer Kulturveranstaltung wie diesem Open Air so eine Aussage in den Raum, oder besser gesagt auf die Wiese zu stellen. Was ist den so übel an der Kultur an sich?

Kultur ist alles, was der Mensch so geschaffen hat. Also genau das Gegenteil von Natur. Gegen Kultur zu sein hießt demnach für Natur zu sein. Hört sich irgendwie schlüssig an. Mir kommen die Leute jedoch weniger wie Steinzeitaktivisten oder andere Zivilisationsverweigerer vor, also sind sie vielleicht gegen das, was man landläufig unter Kultur versteht: Musik, Oper, Malerei, Theater, Open Air Festivals und so weiter. Diese Kultur ist ein zweischneidiges Schwert. Sie bietet Raum für subversive Gedanken, kann aber auch zu Propagandazwecken missbraucht werden. Sie lenkt von der obersten Bürgerpflicht (materieller Konsums) ab, ist aber andererseits ein hervorragendes Medium für Werbung und fördert somit wieder den Konsum. Wie man’s auch dreht und wendet …

Ich sinniere noch eine Weile über das für und wider kulturellen Schaffens und meine eigene Teilschuld daran, beschließe dann aber doch mich an der ca. 100m langen Bierschlange anzustellen. Man muss nicht immer alles kapieren.

PS

Siegmund Freud sagt, das die Kultur bestrebt sei, immer größere soziale Einheiten zu bilden. Hierzu schränke sie die Befriedigung sexueller und aggressiver Triebe ein; einen Teil der Aggression verwandle sie in Schuldgefühl. Auf diese Weise wäre die Kultur eine Quelle des Leidens; ihre Entwicklung führe zu einem wachsenden Unbehagen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Unbehagen_in_der_Kultur

Albtraum eines Ökophobikers

Ökodiktatur

Gestern habe ich vor den Gefahren der ethnokulturellen Empathie – der Offenheit gegenüber anderer Weltsichten – gewarnt (wackliges Weltbild und so weiter). Heute möchte ich mal einen erst kürzlich in diesem Blog verfassten Kommentar vorstellen, der die Klippen des metakulturellen Diskurses weitläufig umschifft und in plakativer Sprache aufzeigt, was die erschreckenden Folgen einer ihm fremden Denke sein könnten. Der Kommentar von Uwe Vogt bezieht sich auf einen Artikel, der unter die Gürtellinie des letztherbstlichen Wahlkampf um den Stuttgarter OB-Posten blickt:

„Noch nie war die Freiheit in Deutschland seit dem zweiten Weltkrieg mehr in Gefahr als heute durch die Grünen. Grünlackierte Kommunisten (Trittin), Anarchisten (Fischer), Pädophile(Cohn- Bendit) und Schwachsinnige (Claudia Roth) steuern Deutschland in die DDR2.0 in die Ökodiktatur.Stoppt diese Chaoten!“ (Uwe Vogt)

Ich nehme das mal als Übungseinheit in meiner selbstauferlegten Toleranzschulung wahr und versuche, mich auf die Denkkultur eines Ökophobikers einzulassen und male mal den Teufel einer von Kommunisten, Pädophilen, Anarchisten und Schwachsinnigen begründeten Ökodiktatur an die Wand.

Zuerst kommen mir Bilder eines Mülltrennungsblockwarts in den Sinn, der minutiös den Abfall kontrolliert und sogleich Meldung an die Staatskorrektheits-Behörde macht, wenn Verpackungen unfair gehandelter Produkte auf potenzielle Verstöße gegen das Gutmenschentum hinweißen. Bei mehrmaligen Verstößen wird vor dem Haus des Delinquenten eine Mahnwache errichtet. Erzeugt diese keine Betroffenheit, droht das Umerziehungslager. Dort wird mittels Zwangsmeditation selbst der freiste Geist weichgekocht und mit gutmenschlicher Propaganda zugekleistert. 

Die Industrie beschränkt sich auf die Produktion von Fahr- und Windrädern. Tieren werden die vollen Menschenrechte übertragen, Fleisch darf man nur noch vom eigenen Leib essen. Der vegetarische Untergrund ist verpönt und harscher Verfolgung durch die Veganmiliz ausgesetzt. Wir ernähren uns von Müsli (mit genfreier Sojamilch) aus ungespritztem Urgetreide, das nur bei Vollmond geerntet wird. 

Falls dem Pöbel doch mal der Unmut hochkocht, posieren Polizisten als Zielscheibe für den neuen Volkssport Pflastersteinwurf. Aber Obacht: Wer Aggressionen zeigt, wird in eine Selbsthilfegruppe mit gegenseitigem Umarmen eingewiesen. Auch nicht vergessen: Pflastersteine nachher bitte wieder einsammeln, wegen Pflastersteinpfand.

Der Ökodiktator wird in paritär besetzten basisdemokratischen Diskussionsräten bestimmt. Sollte es keinen Konsens vor dem Kompostieren des amtierenden Oberhauptes geben, wird nach einer ausgedehnten Schweigeminute und unzähligen Betroffenheitsbekundungen eine Sitzblockade ausgerufen, die andauert, bis sich das Problem gelöst hat.

Die Staatsbürgerschaft wird abgeschafft und alle werden zu Ausländern erklärt. Die neue Währung ist biologisch abbaubar und somit für Spekulationsgeschäfte nicht geeignet.

Da das Grundübel für Mutter Erde der Mensch an sich ist, werden alle zwangssterilisiert, womit sich das Problem von alleine löst. Die Natur kann sich dann alles zurückerobern.

Allen jenen, die wie Uwe die Ökodiktatur fürchten, rate ich an, sich eine Distopie einer Kapitaldiktatur aus der Sicht eines Gutmenschen auszumalen. Ich würde mich über diesen  Akt ethnokultureller Empathie sehr freuen.

PS: Dürfen katholische Vegetarier eigentlich die heilige Kommunion empfangen? Ich sähe da ein kleines Problem mit der Wandlung

PPS: Für alle, die jetzt nicht so genau wissen, wo sie diesen Artikel politisch einordnen sollen: 😉

#rp13: Lustwandeln auf der Metaebene

Das mit der rechtzeitigen Berichterstattung von der re:publica hat wohl doch nicht geklappt. 5.000 Grenzvirtuelle auf einem Haufen, das bedeutet ca. 7.000 Smartphones, 3.000 Laptops und 4.000 Tablets gleichzeit online oder so. Ein technisches Wunder, dass da überhaupt noch was funktioniert hat. Mal abgesehen von der Schlangenverwirrung war dort alles prima organisiert.

Zuerst hab ich mir eine Rede von Gunter Dueck angehört. Der Mathematiker war früher mal „Chief Technologie Officer“ bei der IBM Deutschland, ist aber jetzt mit 60 in den Unruhestand gegangen, wie er selbst behauptet, und macht das, was er schon seit längerem treibt: Schreiben und Reden halten. Sehr zu empfehlen ist seinen Blog daily dueck (http://www.omnisophie.com/), vor dem ich meine Hutsammlung ziehe. Es lohnt sich auf jeden Fall, den Vortrag anzuschauen, auch wenn er eine Stunde dauert:  

Was er in seinem Vortrag predigt, ist ethnokulturelle Empathie. Das Wort hat er selbst erfunden und bedeutet mal ganz grob zusammengeschustert soviel wie der Versuch, andere Denkkulturen zu verstehen, und nicht immer nur drauf zu hauen. Er fordert den metakulturellen Diskurs. Ich finde das gut und fordere mit!

Doch das würde auch Opfer fordern: Das wäre das Ende vieler Diskussionen (oder eher Streitereien), die ich hier im Netz so verfolge. Konservativ vs. Progressiv, Gutmensch vs. Schlechtmensch, Hundementalität vs. Katzenmentalität, Äpfel vs. Birnen und so weiter. Das Schöne an diesen Streitereien zwischen Weltbildern ist ja, dass sie nie enden, da es ja gar keinen Konsens geben kann. Darum werden Talkshows auch immer weitertalken, werden sich die Stuttgarter Obenbleiber nie mit jenen versöhnen, für die Fortschritt am Rollen von Baggern zu erkennen ist und Politiker weiterhin hanebüchene Wahlprogramme ersinnen.

Wer die Wahrheit für sich pachtet, kann sich entspannt zurücklegen. Ethnokulturelle Empathie ist anstrengend! Sie erfordert, das wacklige Gerüst des eigenen Weltbildes infrage zu stellen. Sie erschüttert das beruhigende Gefühl, sich auf der richtigen Seite zu befinden und birgt die Gefahr, einen Blick auf die Löchrigkeit der eigenen Meinung werfen zu müssen. Das verbreitete Furcht und Schrecken! Also wird weiterhin aufeinander eingedroschen. Schlag auf Schlag affirmiert man so das eigene Weltbild. Um so instabiler das Kartenhaus, desto vehementer wird gezofft – von der Metaebene aus betrachtet wirkt das Ganze ein großes bisschen lächerlich.

Wie man auf diese Metaebene kommt und wie man es dort aushält, verrät Dueck nicht. Aber dazu ist ein Vortrag auch nicht ausreichend. Ein erster Schritt wäre meines Erachtens, die eigene Position nicht ganz so ernst zu nehmen und sich vom Glauben, es gäbe eine Wahrheit, zu verabschieden.

Doch wie sähe eine Welt aus, in der jeder versuchen würde, den anderen zu verstehen? Wir würden gemeinsam auf Metaebenen lustwandeln, auf denen jeder Gedanke erlaubt ist und alles irgendwie gildet. Eine genauere Skizzierung dieser Meta-Utopie nehm‘ ich mir für ein anderes mal vor, aber der Gedanke daran füllt mir schon jetzt den Magen mit einer Extraportion Mulm.

Gunter Dueck:
https://twitter.com/wilddueck

http://www.omnisophie.com/

https://www.facebook.com/gunter.dueck

http://www.linkedin.com/in/gunterdueck

https://www.youtube.com/user/Wilddueck

Zum Thema Metaebenen erklimmen oder auf dem Boden des Konkreten bleiben:

https://asemwald.wordpress.com/2010/06/20/der-boden-des-konkreten/

https://asemwald.wordpress.com/2010/06/22/ballnichtneuerfinden/

Pixel machen auch nicht satt

Frau Asemwald kocht

Eigentlich versetzt mich das Darbieten von frisch Gekochtem in Blogs und auf Pinwänden in Furcht und Schrecken. Knurrenden Magens schieb ich die Maus über den Bildschirm, der nichts besseres zu tun hat, als einem mittels visuellem Reiz die Speichel- und Magensaftproduktion in die Höhe zu treiben. Unzählige Megakalorien werden ins Netz gepumpt und treten den Katzenbildern in Konkurrenz. Das Schlimme daran: Pixel machen  nicht satt, nur der Gang in Küche oder Gastronomie hilft. Mal schauen, wann Foodblogs als signifikanter Faktor für Adipositas erkannt werden und nur noch mit Warnhinweisen veröffentlich werden dürfen. Ich bin froh, als Virtuelle den Folgen diesen fleischlichen Lasters nicht ausgesetzt zu sein.

Was treibt Leute – mich inklusive – dazu, den Blick in Topf und Teller der breiten Öffentlichkeit zu gewähren? Ist es die Zurschaustellung klassisch hauswirtschaftlicher Fertigkeit? Oder möchte man das Lebensgefühl der Bonvivants verbreiten und auf den eigenen ausgefeilten Geschmacksinn  aufmerksam machen? Schon eher. Nur wenige trauen sich ihr Toast Hawaii oder ähnlich Profanes zu publizieren. Es muss diffizil in der Zubereitung sein, ein halbes Küchenschnickschnack-Geschäft an Gerätschaften, die man regelmäßig von befreundeten Bonvivants zum Geburtstag beschert bekommt, müssen ihre Daseinsberechtigung erhalten. Man ist, was man isst. Und wer möchte schon das Image einer Currywurst verbreiten?

PS: Ich trage Teilschuld an der Foodifizierung des Netzes: Auch ich bin Miturheberin eines Kochblogs, bei dem derzeit jedoch der Ofen aus ist.

PPS: Cat content und Foodblogging könnte man auch kombinieren, würde aber für Empörung sorgen.

Gepflegte Winterdepression im Spätwinterwald

fototapete

Es wird wärmer. Zwischen Regenwolken kann man schon manchmal die Sonne erkennen. Bald werden quitschbunte Blüten das ruhige graubraun der Natur durchbrechen. Wenn das so weiter geht ist es im Mai wohl rum mit dem Winter – und der gepflegten Winterdepression. Um die lästigen Frühlingsgefühle vor der Tür zu halten, habe ich jetzt was Neues ausgeheckt: Die Spätwinterwaldfototapete. Garantiert ohne lebensbejahendes Grün, keine Schatten, die Sonnenschein suggerieren könnten und eine Menge totes Laub. Einfach an die Wand kleistern und in die nasskalte Stimmung eintauchen. So übersteht man die drei Monate des Sommerlochs bis zum nächsten Herbst, ohne das Haus verlassen zu müssen.

Bei Interesse an dieser beklemmenden Tapete bitte bei mir melden, ich werde auch noch andere Motive entwickeln.

PS: Auf die Idee mit der Fototapete hat mich Polizeireporterin der Stuttgarter Zeitung Christine gebracht, die sich berufsbedingt mit den Übeln dieser Welt auskennt, aber auf keinen Fall zu diesen gezählt werden darf.