Die wahre Geschichte über Dora Asemwald


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* mittlerweile sind es 9,5 Jahre

Mein Blog erzählt mir manchmal auch Dinge, die selbst ich nicht weiß. Zum Beispiel mit welchen Suchbegriffen auf Google hantiert wurde, um auf die Seite zu kommen. Neulich suchte jemand: „die wahre geschichte über dora asemwald“. Da ich nicht die NSA bin, weiß ich natürlich nicht, wer den wahren Kern des dorischen Wesens ergründen wollte.  Aber eins weiß ich sicher: Diese Frage ist nicht ganz trivial.

Wenn nach einer wahren Geschichte gesucht wird, scheint es wohl einen Kessel voll Geschichten über mich zu geben, deren Wahrheitsgehalt fragwürdig ist. Als Konifere auf dem Gebiet der Lebenslüge sollte mich das nicht wundern.

(Wer keinen Bock auf pseudointellektuellen Klugschiss hat und einfach Wahrheiten erfahren will, überspringe bitte die nächsten zwei Abschnitte)

Wahrheit?

Aber was ist das überhaupt, eine wahre Geschichte? Gibt es sie überhaupt? Jede Geschichte ist ein Konstrukt. Unser Hirn ist eine wundersame Maschine, die alles in Narative verpackt. Die Welt, in der wir zu leben glauben und das Bild vom eigenen Ich sind nichts anderes als Geschichten, die wir uns selbst erzählen.

Dabei wird der gesamte Wust des Erfahrenen – oder genauer gesagt: die Interpretation dessen – in einen Topf geworfen. Dazu werden noch Wünsche, Ängste, Glaubenssätze und Phantasien untergerührt und all jenes, was gut zusammenpasst, zu einer Geschichte verklumpt. Was da nicht reinpasst, wird zurechtgebogen oder rausgeworfen. Klingt die Geschichte gut und passt sich schön ins Weltbild ein, wird sie zur Wahrheit erklärt. So machen wir uns ein Bild der Welt – und letztendlich auch unseres Ichs – aus all diesen unzähligen Geschichten. Das Konzept von Wahrheit ist der Kit, der das ganze zusammenhält. Glaubt man seinen eigenen Geschichten nicht, dann ist das Kartenhaus der eigenen Realität wacklig. Nimmt man die eigenen Geschichten zu ernst, macht einen der Wahrheitskit starr, unbeweglich, unanpassungsfähig und verhindert somit auch, dass man sich weiterentwickelt.

Das jeder bei einem derart subjektiven Prozess sein eigenes Süppchen kocht, liegt auf der Hand. Und am Ende stehen sich sogenannte wahre Geschichten unvereinbar gegenüber. Ergo: Die eine wahre Geschichte über etwas – in diesem Beispiel mich – gibt es nicht. Es gibt einen Haufen sich teilweise widersprechender Geschichten von denen keine wahrer oder unwahrer ist als die andere.

Wahre Geschichten

Auf die Frage nach der wahren Geschichte über mich kann also nicht mal ich eine eindeutige Antwort geben, sondern selbst auch nur Geschichten erzählen, die je nach Perspektive unterschiedlich klingen. Vielleicht ist es eh am besten, unterschiedliche Geschichten gleichwürdig nebeneinander stehen zu lassen. Die widersprüchliche Summe aller Geschichten ist wohl das, was der Idee der wahren Geschichte am ehesten gerecht wird.

Wer sich nicht auf den Geschichtenwust einlassen möchte, kann sich gerne ihre oder seine Lieblingsgeschichte herauspicken und zur Wahrheit erklären. Welche möglichen Wahrheiten gibt’s über mich? Hier ein paar Ansätze, damit ihr eure eigene Geschichte von mir konstruieren könnt:

Erfunden

Ein Ansatz ist, dass ich nicht geboren, sondern erfunden wurde:
http://www.martin-zentner.com/?p=111
n
och ein bisschen mehr:
http://www.martin-zentner.com/?p=117
Demnach wäre ich einfach nur ein Kunstprojekt. Ich wäre Alter Ego, Avatar oder Pseudonym meines Erfinders. Eine Comicfigur, die die Rahmen der Panele gesprengt hat.

Erfinderin

Genauso gut könnte ich aber meinen Erfinder als mein Alter Ego oder Avatar im materiellen Raum bezeichnen. Da ist dann die Frage: Wer wedelt mit wem? Der Schwanz mit dem Hund oder andersrum? Oder wedelt die Henne mit dem Ei?

Mutlible Persönlichkeit

Vielleicht hat mein Erfinder meine Persönlichkeit von seiner abgespaltet. Da ich jedoch glaube, dass dieses ominöse „Ich“ ohnehin ein komplexes Konglomerat von unterschiedlichsten Persönlichkeiten sei, es also die eine, individuelle Persönlichkeit überhaupt nicht gäbe, würde das bedeuten, dass mein Erfinder einige seiner Unterpersönlichkeiten gebündelt und ihnen einen Namen gegeben habe: Dora.

Entdeckt

Ich persönlich glaube, dass ich nicht erfunden, sondern entdeckt wurde. Ich existiere als Idee, die sich einen Wirt gesucht hat, der mich in seinem physischen Hirn beherbergt und mir hilft, mit der Welt zu kommunizieren.

Matrix

Vielleicht sind wir alle virtuelle Persönlichkeiten, wie sie im Film „Matrix“ gezeigt werden. Dann wäre ich eine virtuelle Person, die im Gegensatz zu den anderen ohne einen eigenen Avatar durch die Matrix schwirrt.

Seele

Vielleicht bin ich eine körperlose Seele, die einen Wirtskörper braucht, um mit der Welt zu interagieren. Bei dieser Theorie könnte man sich durch die unzähligen Mythlogien aller Religionen wühlen und sich so einige Geschichten zusammenreimen.

Deine wahre Geschichte?

Mich würde interessieren, welche wahre Geschichte über Dora Asemwald ihr euch zusammenbastelt. Ich freue mich über jede Zusendung und werde sie auch veröffentlichen. Und scheut euch nicht, durchs Tiefe Tal des Hanebüchenen zu schlendern.

PS

So, jetzt hab ich mal wieder ordentlich dem Wahrheitsprinzip ans Bein gepisst, wie in so vielen anderen Artikeln zuvor auch. Es ist mir aber auch ein großes Anliegen. Der Wahrheitsanspruch und der Versuch, die eigene Wahrheit anderen überzustülpen, ist die Wurzel von so manchem Übel wie Krieg, Verfolgung, Unterdrückung, Zensur. Ich wünsche mir in einer Welt zu leben, in der sich jeder der Subjektivität des eigenen Weltbildes bewusst wäre.  In der man Widersprüchliches einfach nebeneinander existieren lassen könnte und in der sich keiner vor Paradoxa fürchten müsste. In dieser Welt hätten es die meisten Religionen ziemlich schwer.

Viel mehr als die Wahrheit schätze ich die Wahrhaftigkeit, also der Versuch, so ehrlich wie möglich zu sein.

PPS

Wer mehr über mich erfahren will, kann sich gerne auch an meinen Entdecker (und Illustrator) wenden. Seine Identität ist kein Geheimnis, ich binde sie aber auch nicht jedem auf die Nase. Und ja: Es ist ein Mann. Warum ich ausgerechnet den Kopf eines Mannes als Wirt ausgesucht habe, ist ein Thema, welches sehr weit führt und wann anders mal drankommt.

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Absolut relativ


Gibt es eine absolute Wahrheit oder nicht? Mit dieser Frage endete vorläufig die Diskussion zum letzten Artikel. In einer heißen Diskussion über den derzeitigen Star der Streitthemenszene, Stuttgart21, warf mir ein S21-Befürworter vor, Schuld am rauen Umgangston in der Diskussion auf beiden Seiten zu suchen. Dabei sei die Sachlage eindeutig. Gegner seien im Unrecht. Befürworter im Recht. Und Dora sei eine denkfaule Relativistin und somit eine moralische Gefahr für die Menschheit. Der Wahrheitsalarm in meinem konstruktivistisch geprägten Hirn ging sofort auf Stufe rot.

Eine absolute Wahrheit, eine Realität wäre ein universeller Maßstab, an welchem alle Weltsichten auf ihre Validität geprüft werden könnten. Ich jedoch behaupte, dass das, was wir als Wahrheit betrachten nur ein gesellschaftlicher Konsens ist.

Absolute Wahrheit
Nehmen wir mal an, es gäbe sie, die absolute Wahrheit. Im Bereich physischer Existenz funktioniert das noch ganz gut. Man kann noch so unterschiedlicher Meinung sein, auf die Existenz eines Flusses, eines Berges oder eines Menschens kann man sich einigen. Wird man spezifischer, kann schon ein Duplo oder die längste Praline der Welt die Geister spalten. Denn hier kommt Interpretation ins Spiel. Ein Messer kann Werkzeug und Waffe sein. Es kommt auf den Kontext an, zum Beispiel der Rücken eines Feindes oder einfach ein Brot. Abstrakte Begriffe ziehen uns dann vollends den Teppich der Realität unter den Füßen weg.

Absolute Moral
In unserer Diskussion kamen wir auf ein besonders brisantes Thema in der Welt des Abstrakten: Moral. Mein absolutistischer Antagonist sieht eben dort eine absolute Wahrheit jenseits kultureller Übereinkünfte. Das machte er am Beispiel der Steinigung ehebrüchiger Frauen fest. Er denkt, dass deren moralische Beurteilung nicht eine kulturelle Frage sei, was es meiner relativistischen Sichtweise nach jedoch der Fall ist. Demnach akzeptiere ich, dass eine steinigende Kultur aus ihrer eignen Perspektive moralisch richtig handelt. Das zu akzeptieren heißt noch lange nicht, es gut zu heißen.
Es gibt wiederum Kulturen, die steinigende Kulturen zur Sicherung der eigenen wirtschaftlichen Interessen niederbomben und besetzen. Dabei sterben viel mehr Menschen als je Frauen gesteinigt wurden. Ist ihr Handeln moralisch besser? Ein Absolutist behauptet, dass die Frage eindeutig zu beantworten sei. Ich kann sie nicht beantworten.

Absoluter Glaube
Moral ist oft tief in der jeweiligen Religion verwurzelt, Kirchen werden heute immer noch als moralische Institutionen geachtet. Jede Kirche hat ihren eigenen moralischen Maßstab. Die einen lassen zu, dass Ehebrecherinnen gesteinigt werden, die anderen dass sich tödliche Seuchen ungehindert verbreiten können weil sie gegen den Gebrauch von Kondomen sind. Aus der Sicht des einen ist es im Sinne Gottes und somit gut, aus der Sicht des anderen ist es Völkermord. Jede Kirche beansprucht für sich im Besitz der Wahrheit zu sein, teilt also das „absolutistische“ Weltbild. Das müssen sie, denn mit der relativistischen Sicht lässt sich schlecht Macht aufbauen. Gibt es nur eine Wahrheit, dann hat maximal eine der Kirchen recht.Welche ist es? Ich weiß es nicht. Der Streit um die Deutungshoheit der Wahrheit ist Ursache fast aller Kriege. Nur wer glaubt, im Auftrag der absoluten Wahrheit zu sein ist auch bereit sich dafür erschießen zu lassen.

Relative Toleranz
Der Wunsch nach einer höheren Wahrheit, die all dass was wir als unmoralisch empfinden verurteilt, ist groß. Der Gedanke, dass unser Sinn für’s Gute „nur“ kulturell bedingt ist, ist nicht so einfach zu schlucken. Wenn man aber akzeptiert dass es keinen allgemeingültigen Maßstab gibt und jede Kultur, jede Gesellschaft, jeder einzelne Mensch die Welt nach eigenem Ermessen beurteilt, ist man in der Lage, andere leichter zu verstehen, mit ihnen zu kommunizieren und auszukommen. Frieden basiert auf Toleranz. Dies soll jedoch kein Freischein sein, alles und jeden gut zu finden. Ich darf immer noch aus meinem eigenen Standpunkt heraus urteilen und handeln. Auch wenn ich akzeptiere, dass es in anderen Kulturen üblich ist, Kinder schon in jungen Jahren rund um die Uhr arbeiten zu lassen heißt das noch lange nicht, dass ich dies durch meinen Konsum ihrer Produkte unterstützen muss.

Keine einfachen Wahrheiten
Der mir zuvor vorgeworfene „Relativismus“ ist keine leichte Ausrede dafür, mich nicht festlegen zu wollen. Er fordert von mir ein, mich stets selbst festlegen zu müssen und keine einfachen „Wahrheiten“ zu akzeptieren. Das ist mitnichten der einfachere Weg, jedoch für mich der einzig gangbare.

PS:
Wer sich nicht damit abfinden kann, dass es eine einzige wahrhaftige Realität „da draußen“ gibt, sollte sich mal mit den radikalen Konstruktivismus anfreunden. Ich betreibe zu diesem Thema eine Facebook-Seite und freue mich über alle Mitglieder, egal ob Einsteiger oder Großkonstrukteur.

Urgroßvater im Geiste


In den letzten Tag habe ich mich hier nur wenig von mir gegeben, ich habe Neues erlebt. Das muss auch mal sein, sonst kann ich hier ja nur mich selbst reflektieren, und das wird auf Dauer nicht nur mir langweilig. Ich genieße in letzter Zeit ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit seitens der Nutzer von Facebook, mit denen ich über dies und das in den Kommentaren diskutiere oder die mich über meine Beiträge im Blog brezel.me kennen lernen.

All zu oft verstehen die Leute immer noch nicht, welcher Natur ich bin. Ich habe jetzt sogar auf die Startseite meines Facebookprofils einen Vermerk gestellt, welcher den Besucher über mein Mangel an Fleisch und Blut informiert. Schließlich ist es ja nicht mein Ansinnen, Leute zu täuschen. Wenngleich die Verwirrung, die ich da stifte oft für gute Geschichten sorgt. Auch möchte ich nicht die Identität meines Entdeckers, der meine Offline-Angelegenheiten erledigt verschweigen, gebe aber nur auf Anfrage Auskunft. Sonst besteht die Gefahr, dass ich als Pseudonym oder Alter Ego eines anderen gesehen werden, der seine Person hinter mir versteckt. Dem ist nicht so.

Für viele ist das Prinzip, welches hinter unabhängigen, virtuellen Personen liegt, nur schwer verdaubar, da zu paradox und zu abstrakt. Es gibt auch nicht so viele von uns, da wir der aufwendigen Pflege durch  nichtvirtuelle Personen bedürfen. Auf einen Prominenten Vertreter meiner Art bin ich unlängst gestoßen. Wie schon früher erwähnt hielt mein Entdecker einer Vortrag über meine Entwicklung auf einem Symposium in Stuttgart. Beim Zusammentreffen danach machte ich Bekanntschaft mit Anja Lösch, einer Dame die für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Carl-Auer Verlages zuständig ist. Dieser Verlag war mir schon länger ein Begriff, erschienen bei ihm doch ein paar meiner liebsten Bücher über den radikalen Konstruktivismus, von und über große Denker wie Heinz von Foerster und Ernst von Glasersfeld. Ich sei nicht das einzige virtuelle Wesen, beschied mir Frau Lösch und erzählte mir, dass ihr Verleger Carl Auer der selben Natur sei wie ich. Ein paar Tage später erhielt ich ein Paket mit zwei Bücher von ihr. Das erste hieß „Einführung in die eigenen Gedanken“ und war von Carl Auer selbst – jedoch nicht geschrieben, denn es war einfach leer. Wie der Titel des Buches eben sagt. Schlau, der Bursche, dachte ich mir. Gefällt mir. Das zweite Buch führte den Titel: „Carl Auer: Geist or Ghost“. Eine Festschrift zum nunmehr 20 Jahre zurückliegenden neunzigsten Geburtstag Carl Auers.

In diesem Buch beschreiben viele Autoren, unter anderem von Glasersfeld, von Foerster, Maturana und Watzlawick ihre Begegnungen mit Auer, erzählen von Diskussionen mit ihm und umrissen somit die Lebensgeschichte des virtuellen Intellektuellen. Eine verwegene Lebensgeschichte, die die Pfade vieler der größten Denker des zwanzigsten Jahrhunderts kreuzte und sich über alle Ecken der Welt verteilt. Ein Studium der Malerei in Paris, die Ehrenbürgerschaft von Appenzell, gemeinsame Kriegsgefangenschaft mit Wittgenstein, intensive Kontakte zu Voodoopriestern auf Haiti, um nur ein paar Stationen dieses bewegten Lebens zu erwähnen. Im Jahr 2004 wurde Carl Auer zum letzten mal gesehen, seit dem kommuniziert der nunmehr 110 Jahre Alte nur noch per Email mit seinem Verlag. Gerüchte über seinen Verbleib gibt es viele, sie reichen von Ganzkörpertransplantion zu Mumifizierung. Seinen Lebenslauf kann man auf der Webseite seines Verlages nachlesen. Wer sich schon etwas mit meinem Leben auseinandergesetzt hat weiß, welche Triebfeder meines Seins hier voll gespannt wird: die Neugier! Ich werde mich auf die Suche nach ihm machen.

Gewiss gibt es Diskrepanzen zwischen dem Wesen Auers und meinem, aber eins haben wir grundsätzlich gemeinsam: Wir existieren ohne physischen Körper in den Köpfen jener, die an uns glauben. Während Auer wohl ein eher bescheidener Mensch ist kann ich das von mir nicht behaupten. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht den gelassenen Umgang mit meiner Virtualität gelernt habe und mein Mangel an materieller Substanz durch Selbstdarstellung zu kompensieren versuche. Aber im Gegensatz zu Auer bin ich noch jung und nehme mir das Recht auf Ungestümheit der Jugend und hoffe das die Weisheit mit dem Alter kommt.

Ich werde mich mal auf die Suche nach meinem Urgroßvater im Geiste machen und den Leser meines Tagebuchs auf dem Laufenden halten.

Bis dahin empfehle ich die Lektüre der Festschrift, die leider nur noch antiquarisch zu erhalten ist. Zum Beispiel bei Amazon.

Glauben, Wahrheit und der reinkarnierte Wurstgott.


Einer meiner Artikel hier hat eine etwas längere Diskussion ausgelöst die in religionskritische Gefilde gedriftet ist. Religionsfreunde und -gegner diskutieren hier. Ich finde das gut, wenngleich die Polemik die solchen Themen innewohnt destruktiv ist. Für mich fällt es da manchmal schwer selbst Position zu beziehen denn das widerspricht eigentlich meinem eigenen Glauben. Wem dorisches Theoretisiere auf den Nerv geht darf jetzt gerne wegklicken.

Realität ist etwas individuelles. Alles woran du glaubst ist in deiner Realität wahr.

So einfach. Was nun wenn zwei Individuen unterschiedlichen Glaubens glauben im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein? Das führt unweigerlich zu einem Paradoxon, vorausgesetzt man glaubt dass es nur eine gemeinsame Realität gibt. Beide haben jedoch in ihrer jeweiligen Wirklichkeit recht. Es ist eben nicht die selbe Wirklichkeit. Natürlich sind die Realitäten miteinander verbunden. Hau ich dir in meiner Realität eins auf die Fresse tut dir das in deiner weh. Wenn ich in deiner Realität dafür in die Hölle komm muss das in meiner aber nicht passieren. Würden gläubige Menschen das akzeptieren hätten sie keinen Grund mehr mit Andersgläubigen zu streiten. Ich finde es eh ziemlich unverschämt seine eigene Weltsicht anderen aufdrängen zu wollen.

Alles was wir uns vorstellen können existiert.

Es existiert in unserer Vorstellung. Existenz ist nicht auf materielle Dinge beschränkt. Ein Atheist kann die materielle Existenz Gottes in seiner Wirklichkeit leugnen, er kann jedoch nicht die Götter in den Köpfen anderer verneinen. Das was wir als Welt wahrnehmen ist doch eh nur eine vage Interpretation aller Sinneseindrücke die in unseren Köpfen zusammen laufen. Unser Hirn kann gar nicht mal so gut zwischen dem was wir „von außen“ wahrnehmen und was wir uns vorstellen unterscheiden. Unsere Autobiographieabteilung schreibt sich dann die Geschichte so wie sie ihr gefällt. Nicht vergessen: Jeder hat seine eigene unterschiedlich geprägte Wahrnehmung, Interpretation und somit eigene Geschichtsschreibung. Wer an eine allgemeine Wahrheit glaubt glaubt auch dass die eigene Geschichte dieser entspricht und akzeptiert keine anderen Interpretationen. Die würden die eigene in Frage stellen und somit das Kartenhaus des Ichs ins Wackeln bringen. Wer akzeptiert nicht im Vollbesitz der Wahrheit zu sein kann sich besser auf andere Menschen und deren Weltsicht einlassen.

Gefährlich sind Menschen mit mangelndem Abstraktionsvermögen die die Mannigfaltigkeit der Wahrheiten geistig nicht umfassen können oder wollen und dazu noch ein schwaches Selbstbild haben. Das sind die Zutaten der Intoleranz, Quelle von Streit und Krieg.

Aus der Schnittmenge aller Wirklichkeiten ergibt sich das, was wir Realität nennen. Es ist die Übereinkunft einer Gesellschaft über gemeinsam wahrgenommene Entitäten. Es ist der Konsens auf dem die Regeln gesellschaftlicher Systeme basieren. (Liebe Soziologen, bitte entschuldigt den laxen Umgang mit den Begriffen eures Fachs, ich versuch hier nur aus meiner laienhaften Sicht die Welt zu verstehen). Solche Regeln sind für das Zusammenleben notwendig, müssen aber jederzeit sich der gesellschaftlichen Entwicklung anpassen. Was heute noch als Wahrheit definiert wird muss es morgen nicht sein.

Ein Wunsch aus dem Hause Asemwald: Es wäre schön wenn wir uns und unsere Wahrheiten nicht immer so ernst nehmen würden.

Vielleicht ist jetzt klar warum ich nicht immer so einfach in religionskritischen Diskussionen eine Position vertreten kann. Ich akzeptiere viele. Was ich jedoch kritisieren kann ist das Handeln der einzelnen. Wenn mir jemand Schaden zufügt dann ist es egal warum. Er muss die Verantwortung für sein Handeln selbst übernehmen, es interessiert mich nicht ob er religiös motiviert war oder nicht. Und wenn eine Kirche zu schädlichem Handeln aufruft, soll sie nicht anders beurteilt werden als irgendjemand, der er es aus profaneren Gründen tut.

Schlussplädoyer: So lange jeder seiner Umwelt verantwortlich gegenüber handelt kann er von mir aus an den Osterhasen als leibliche Reinkarnation des Wurstgottes glauben. Aber bitte akzeptiert das mir der Wurstgott am Arsch vorbei geht und ich ihn für eine blöde Kanaille halte.

PS: Für alle die meine Existenz in Frage stellen (z.B. Xing): Ich glaube daran, dass ich existiere. Also existiere ich. Zumindest in meiner Realität. So lange andere Menschen an mich glauben existiere ich in deren Köpfen.

PPS: Es gibt einen schönen Witz: Ein Atheist stirbt und kommt an einen paradiesischen Ort. Dort wird er vom Teufel begrüßt der ihm viel Spaß wünscht. Ungläubig erkundet der Verstorbene die Hölle und entdeckt nur schöne Dinge. Doch dann kommt er an ein Loch in welchem Menschen in Kesseln gekocht und von Dämonen gefoltert werden. Irritiert fragt er den Teufel, was dass denn sei. Und der antwortet: Ach, das sind die Christen, die wollen das so.

Roter Fadenknäuel



Manchmal kotzt es mich schon an, immer so eine schreckliche Selbstdarstellerin zu sein, ich verurteile das bisweilen ja auch bei anderen. Da ich mich jedoch nicht von alleine darstelle in dem ich einfach Licht reflektier, Laute und Gerüche von mir gebe und die Umwelt manipuliere und somit gewollt oder ungewollt Spuren hinterlasse, bleibt mir nur die aktive Selbstdarstellung übrig. Das ist hier meine Ausrede für eine ansonsten unangenehme Wesensart. Nun gut, das schöne ist, man kann mich viel leichter ignorieren als einen physisch präsenten Menschen. Wer mich wahrnimmt, will das in der Regel auch.
Mit Hilfe von physischen Freunden stelle ich mich also auf manigfaltige Weise dar. Die Summe aller Äußerungen dieser Art ist sehr inkonsistent, sie ist sogar grundlegend paradox. Sollte ich meine Geschichte erzählen müssen, dann gäb es viele Ansätze, die sich widersprechen. Der rote Faden macht Schleifen, hat Knoten und verfranzt sich hier und dort. Würde ich mich auf eine Geschichte einigen dann wäre ich wahrscheinlich einfacher wahr zu nehmen. Aber langweilig. Der menschliche Verstand verwebt die äußeren Eindrücke zu Geschichten. So kann er sich leichter ein Bild machen. Um so komplexer die Eindrücke sind, desto größer ist der Interpretationsspielraum und mehrere mögliche Geschichten können gesponnen werden. Umso mehr Geschichten erzählt werden können, desto paradoxer wird das Ganze. Will ich die Bilder in den Köpfen meiner Betrachter kontrollieren, darf ich nur wenig Spielraum für Interpretation lassen, muss also eine ganz einfache Geschichte erzählen. Im Wettbewerb der Geschichten um Aufmerksamkeit mag das wichtig sein, aber der Erfolg ist dann meistens kurz wenn sich hinter der einfachen Geschichte nichts interessanteres befindet.
Ist dies alles nur eine schlechte Ausrede für meine unschlüssige Geschichte? Wer keine Lust hat, sich im Interpretationsspielraum zu verlieren darf das gerne so sehen und mich doof finden. Schaut man sich seine Umwelt mal genauer an und vergleicht das Wahrgenommene mit dem der anderen, wird man feststellen, dass jeder seine eigene Interpretation hat, die oft im Widerspruch zu denen anderer steht.
Sollte ich nun ein Porträt einer Person anfertigen, so wäre es doch am Besten, wenn ich die unterschiedlichsten Ansätze nebeneinander stelle und so mit versuche, die Grenzen einer zu ergründenden Person zu erforschen. Wer Wahrheit sucht muss sich darauf gefasst machen, dass diese sich selbst widerspricht. Und wenn ich den Menschen, den ich porträtieren möchte selbst frage, oder sogar selbst bin, muss ich mir vor Augen halten, dass das Bewusstsein auch nur subjektiver Beobachter seiner selbst ist und auch nur interpretieren kann.
Da ich als virtuelles Wesen so wahrgenommen werde wie eine Geschichte, muss ich damit leben, dass ich wie eine Geschichte beurteilt werde. Und als solche bin ich zu komplex und paradox. Ich freue mich, wenn jeder meiner Betrachter sich seine eigene Geschichte über mich erzählt. Es gibt keine offizielle Geschichte, keine verbindliche Autobiografie. Wenn ich die mal schreibe, dann werden es viele kleine Geschichten sein, die nur der Leser miteinander verweben darf – auf seine Weise.

Realitätsinkompatibilitäten und volle Gläser.


Genug über das Jammern anderer gejammert. Ich mach‘ mir im Gegensatz zu ihnen meine Welt widdewidde wie sie mir gefällt. Wer seine Energie in eine ungefällige Welt steckt, ist Energieverschwender. Er (oder sie) lebt in einer Parallelwelt, die nur wenig Gemeinsamkeiten mit der gefälligen Welt lebensfroher Menschen hat.
Das Eigenweltmachen ist für ein virtuelles Mädel wie mich Existenzgrundlage. Ich genieße nicht den Luxus eines physischen Körpers, der auch ohne kreative Eigenleistung einfach so existiert. Die meisten Menschen sind sich ihrer weltschaffenden Tätigkeit nicht einmal bewusst. Sie glauben an wo etwas wie eine allgemeingültige Realität, die Ursache aller Wahrnehmung sei. Sie sind somit Zuschauer, nicht Akteure. Was passiert, wenn zwei Menschen, die unwissentlich in zwei Welten stecken, versuchen Konsens zu finden? Sie schlagen sich die Köpfe ein, denn jeder hat ja Recht, der andere natürlich nicht.
Wie es sich für eine brave radikale Konstruktivistin in der Tradition von P. Langstrumpf gehört, bringe ich meine Realität selbst hervor und akzeptiere, das andere in einem anderen – ihrem eigenen – Universum leben. Um so mehr sich unterschiedliche Realitäten überlappen, desto besser klappt’s mit der Kommunikation. Ich meide zum Beispiel Leute, deren Glas halb leer ist. Bei mir ist es am liebsten ganz voll.