Gegen den Strich

Es herrscht Verständnislosigkeit seitens einiger, warum so viele Menschen in Stuttgart oder im Wendland auf die Straße oder Gleise gehen. Unlängst kam in einer Diskussionsrunde zwischen Stuttgart 21 Gegnern und Befürwortern der Vergleich mit der Situation vor der Wahl Hitlers 1933 auf. Damals instrumentalisierten die Nazis die Leute auf der Straße um an die Macht zu kommen, heute sein es die Grünen und Linken, die ähnliches vorhaben. Sie würden versuchen, mit einer lauten Minderheit auf der Straße der schweigenden Mehrheit das Wasser abzugraben. Ich war damals zum Glück nicht dabei, muss aber auch nicht dabei gewesen sein um das Nazivergleichen innewohnende Hinkebein zu erkennen. Anstelle mich darüber gerechtfertigt zu echauffieren, möchte ich mal ergründen, welcher Geist dieses Kind gezeugt hat.

Ziviler Ungehorsam
Viele Menschen bürsten das System gegen den Strich in dem sie sich nicht an die Regeln halten. Sie blockieren Straßen und Gleise, machen Lärm, folgen nicht den Weisungen der Polizei und stellen demokratisch legitimierte Entscheidungen in Frage. Sie nennen das zivilen Ungehorsam und berufen sich auf ihr Recht auf freie Meinungsäußerung und riskieren dabei sogar verprügelt zu werden. Für jemanden, der seiner Obrigkeit, dem Staat, volles Vertrauen schenkt, ist dieses Handeln nicht nachvollziehbar – es sei denn eine andere Macht hat ihre Finger im Spiel. Irgend wer muss die Leute ja auf die Straße holen, um so gegen die demokratisch legitimierte Regierung anzustinken.

Konformes Unverständnis
Dieses Denkmuster geht automatisch davon aus, dass Menschen einer Obrigkeit hörig sein müssen. Die Option, dass sie unaufgefordert das System hinterfragen, sich selbst eine Meinung bilden und aus freien Stücken zum Widerstand entscheiden sieht es nicht vor. Wer Nonkonformität aus eigener Erfahrung nicht kennt, kann sie nicht verstehen und muss somit zum Schluss kommen, dass die Systemgegner instrumentalisiert seien. Das macht vielen Angst. Sie fürchten eine radikale Minderheit, die außerparlamentarisch die Macht den Gewählten aus der Hand reisen will. Daher der Nazivergleich.

Selbstkritik
Dagegen spricht jedoch die Heterogenität der Gegner. Es gibt bestimmt einige, die ihren Wortführern blind folgen. Doch denen stehen Unzählige gegenüber, die zwar im gleichen Demonstrationszug mit den anderen laufen, aber grundsätzlich unterschiedliche Weltanschauungen haben. Der Bereitschaft, für eine Sache auf die Straße zu gehen, liegt meist in eine kritischen Grundhaltung gegenüber dem System und den Mächtigen zu Grunde. Diese Kritik gilt auch den eigenen Reihen. Diese Selbstkritik entzweit zwar den Widerstand, ist aber dem kritischen Denkmuster immanent und somit ein notwendiges Übel. Würde ein Sprecher der Gegner mit seinem Handeln ins Klo greifen müsste er sich dem vollen Ausmaß der Kritik stellen.

Unrechtssystem
Ein Akteur der Stuttgart 21 Seite hat zumindest geduldet oder gar veranlasst, dass eine Schülerdemo blutig niedergeschlagen wurde. Trotzdem haben sich viele seiner Anhänger hinter ihn gestellt und sein Handeln gerechtfertigt. Sie vertrauen ihm blind, versuchen die Schuld bei den Opfern zu suchen. Mal ganz platt gesagt: Hätte Gegnersprecher Gangolf Stocker den schwarzen Block in ein Junge Unions-Treffen geschickt und die ordentlich vermöbeln lassen hätten ihn die anderen Gegner dafür aus der Stadt gejagt. Und sage keiner, dass im Gegensatz dazu die Polizeiaktion am 30.9. legal war. Ein Rechtssystem, welches Polizeigewalt in diesem Maße rechtfertigt, hat für mich keine Rechtfertigung. Ich bin nicht bereit, das Handeln der Regierung unhinterfragt hinzunehmen. Doch diese Denkweise scheint nicht Serienausstattung zu sein. Leider.

Provokation oder Beschränktheit
Ich hoffe es handelt sich bei all diesen Instrumentalisierungsvorwürfen und Nazivergleichen nur um hirnlos dahergeplapperte Provokation. Das gilt auch für dummes Geschwätz auf Seite der Gegner. Ich respektiere jede Meinung die Resultat kritischen Denkens ist, auch wenn ich sie nicht teile. Wer meine Fähigkeit zur kritischen Meinungsbildung verneint kann mir den Buckel runter rutschen. Wer nicht in der Lage ist, das bestehende System zu hinterfragen wird selbst zum Mitläufer. Da kann man nur hoffen, dass er jemand Anständigen hinterher läuft …

Ich fordere Zukunft!

Heute beleuchte ich mal ein Grundübel unserer Zeit: Zukunftsverweigerung. Angst vor Fortschritt, festhalten an Altem. Das ist ja bekanntlich gerade ein großes Thema, insbesondere in der Stuttgarter Bahnhofsszene. Betrachten wir mal den technologischen Fortschritt. Ich erfreue mich vieler technologischen Errungenschaften, sie machen mein Leben leichter. Es ist immens wichtig, Geld in die Forschung und Entwicklung neuer Technologien zu stecken. Doch leider gibt es viele Menschen, die das anders sehen und Geld in veralteten Krempel investieren. Viel Geld. Ein besonders erschreckendes Beispiel ist die Atomkraft. Sie ist extrem gefährlich und produziert Müll, der über tausende von Generationen die Welt versauen wird. Eigentlich gibt es ja schon viel fortschrittlichere Methoden Energie zu erzeugen. Die produzieren kein Müll und können nicht ganze Landstriche in Schutt und Asche legen.

Doch blöderweise sind derzeit Neandertaler an der Regierung, die Unsummen Steuergeld in veraltete, gefährliche Kraftwerke stecken, diese somit subventionieren und damit neuen, sicheren und sauberen Technologien das Wasser abgraben. Sie lösen sogar bestehende Verträge zur Restlaufzeit der Strahlungsschleudern und mauscheln das alles am Bundesrat vorbei. Und dann wundern sie sich, dass Fortschrittsfreunde sich an Gleise ketten um Sand im Getriebe der Atomindustrie zu sein.

Liebe Fortschrittsfreunde: Wehrt euch gegen die Zukunftsverweigerer unseres Regimes, die die Welt auf Jahrtausende versauen um einer geldgeilen Lobby von Neandertalern in den Arsch zu kriechen und uns in die Steinzeit zurück katapultieren wollen. Es tut mir leid, in solch polemischen Worten argumentieren zu müssen, aber als Freundin der Zukunft platz mir hier der Kragen.

Nebelwerferstrategie

Das mein kurzer Artikel über das „tu ihn unten rein“-Hemdchen Wellen schlägt hätte ich nicht gedacht. Hat er aber. Nicht lange nach dem ich ihn „in den Blog rein getan“ hab, hat eine Redakteurin der taz angerufen, von der Welt haben sich auch welche gemeldet, die Bildzeitung hat das Foto einfach rauskopiert und so weiter und so fort. 8.715 mal wurde Artikel bei mir angeklickt und wohl gelesen. Es wurde hitzig debatiert.

Die einen echauffieren sich über Frauenfeindlichkeit, andere werfen den EchauffeurInnen Prüderie und Humorlosigkeit vor. Ein sinnloses Unterfangen, da sich über Humor noch weniger streiten lässt als über Geschmack. Das Diskussionsniveau ist das übliche gegenseitige ans-Bein-Gepisse. Viele Proler distanzieren sich, sehen darin sogar eine gezielte Diskreditierung ihren Oben-Ohne-Initiative. Alles in allem: Riesengeschiss um eine Randnotiz.

Nebelwurf
So sehr mich das Hemdchen zum Fremdschämen animiert muss ich eingestehen: Mit der Sache hat das nichts zu tun. Zur Erinnnerung: Die Sache ist das Immobilienprojekt Stuttgart21. Das vergisst man manchmal. Es geht um Verkehrspolitik, Stadtentwicklung, Korruption, Geldverschwendung und andere Klopse, die aufgrund ihrer innewohnenden Komplexität viel schwerer zu verdauen sind als humoristische Irrfahrten einzelner T-Shirthändler. Da ist es viel einfacher, sich eine Meinungs zu bilden, da bedarf es keiner Politopis damit die Fakten auf den Tisch kommen. Etwas gekalauert sag ich mal: Hier liegen die nackten Tatsachen auf dem Hemd.

Diese Nebenkriegsschauplätze lenken ab. Solange sich die Leute über Mumpitz die Köppe einschlagen, kann die S21-Bande ruhigen Blutes ihr Projekt vorantreiben. Das gilt auch für die Klärung einzelner Teilaspekte bei den Schlichtungsgesprächen. Da wird über die potenzielle Leistungsfähigkeit einzelner Streckenabschnitte diskutiert wenn noch nicht mal geklärt ist, wer das ganze überhaupt bezahlen soll oder überhaupt kann. Diese Nebelwerferei ist Strategie, und sie geht leider auf.

Mücken und Elefanten
Doch wozu aus einer Mücke einen Elefanten machen, wenn davon schon eine ganze Herde rumsteht? Solange die Urheber des schwarzen Donnerstags nicht nur frei herumlaufen sondern auch noch das Land regieren ist mir ein solches Hemdchen nicht mehr als eine belustigende Randnotiz wert. Ebenso wenig interessiert mich welche Seite die größeren Demos oder Facebookgruppen zu Stande kriegt, wer wie viele Aufkleber klebt und wieder abkratzt. Was zählt ist die nächste Wahl, und somit die Chance das gesamte Regime in die wohlverdiente Opposition zu schicken. Bitte nicht davon ablenken lassen!

Auf der Suche nach dem Fortschritt

In der letzten Zeit höre ich doch bisweilen dass unser Widerstand gegen das Immobilienprojekt Stuttgart21 uns ins Mittelalter zurück katapultieren würde. Die Chinesen würden über uns lachen und uns wirtschaftlich überflügeln. Wir verpassen die Zukunft, wenn wir uns gegen den Fortschritt stellen.

China ist uns wirklich in einigen Punkten überlegen. Der Staat hat die Presse viel besser im Griff, Großprojekte werden umgesetzt, nicht diskutiert, Demonstrationen werden gleich richtig klein geschlagen. Naja, im letzten Punkt holt die Mappusregierung ja auf. Vielleicht wird das ja noch was mit dem Fortschritt chinesischer Prägung.

Ich fliege da morgen mal hin und schau mir das an. Ich weiß nicht wie abgeschottet das Internet da ist, aber ich versuche mal von dort aus zu berichten.

Geld verbrennen leicht gemacht

Schon mal davon geträumt im Säulengang des Königsbau zu stehen, mit Geld beregnet zu werden und dieses dann verbrennen zu müssen, bevor es auf dem Boden aufkommt? Nein? Hab ich auch noch nicht. Wem diese Phantasie jedoch zusagt , der kann das jetzt im „Stuttgart 21“-Spiel auf den iPhone virtuell erleben. Aber Obacht: Es regnet auch „… es stimmt aber auch“-Flyer, doch die muss man verschonen, sonst verliert man eines seiner drei neuen Herzen Europas. Hat man keines mehr, dann hat man den Anschluss an die Zukunft, äh ne, das Spiel verloren. Leider kann man keine Abkratzprämie kassieren oder das Geld anstelle zu verbrennen in die eigene Tasche schieben. Für Version 2 ist noch Entwicklungspotenzial.

http://www.stuttgart21-game.de/

P.S.: Inkonsequenterweise gibt es das Spiel für lau.

Erschienen auf brezel.me

Tu IHN unten rein!

Letzten Samstag auf dem Schlossplatz: Große Veranstaltung der Freunde des geplanten Tiefbahnhofes. Um gegen die grün bebuttonte Gegnerschaft Flagge zu zeigen gab’s auch Merchandise. Ein Shirt hat mich jedoch verwirrt: „Tu IHN unten rein! Stuttgart 21“. Wer ist „IHN“? Und meinen die hinten oder vorne?

Foto von Martin Anner

Erschienen auf brezel.me

Nachtrag (10. Oktober 2012)

Jennifer Roth, damals Mitglied der IG Bürger für Stuttgart 21, in einem Facebookkommentar:

„Es begab sich zu einer Zeit, als die IG Bürger neue Shirts mit dem bekannten S21-Logo haben wollte. Zu diesem Zweck wurden beim einem T-Shirt Hersteller diverse Probe-Shirts geordert, die die verschiedenen Aufdruck-Arten verdeutlichen sollten. Der gute Mann wusste, für wen dieser Auftrag laufen sollte und hat sich mit selbigem Spruch einen Spaß erlaubt. Es gab EIN T-Shirt davon, welches auf einer Sitzung der IG rumging, bekichert, ABER einstimmig beschlossen wurde, dass es NICHT rausgegeben wird. Leider gelangte das gute Stück dann dank eines übereifrigen Mitstreiters doch an den Stand und hing dort. Eine Dame hat es später gekauft und das Geschrei war natürlich groß. der T-Shirt Hersteller hat den „Hype“ dann aufgegriffen und eigenmächtig auf seiner ebay-Seite weitere Shirts vertrieben, die er hergestellt hatte, OHNE dass die IG Bürger jemals den Auftrag dafür erteilt hätte! Meines Wissens nach wurde auch versucht, dagegen vorzugehen, war aber wohl nicht von Erfolg gekrönt. Ich habe noch ein Bild auf meinem alten Handy von diesem EINEN Shirt, weil ich davon ausging, dass es ohnehin wegkommen im Sinne von vernichtet oder weggeräumt wurde. hätte man verhindern können, ist aber passiert. Jedoch ist DAS die Wahrheit dahinter, die aber keiner hören/lesen will. Lieber schießt man sich darauf ein. dass am Bahnhof schon ein lebensgroßer Protestpimmel rumlief und dabei einen Kinderwagen schob, wird hingegen als bunt und kreativ abgetan, was ich persönlich auch geschmacklos fand. Beide Seiten schenken sich diesbezüglich nichts.“

Oben ohne im Leuze 21

Bild gefunden bei facebook, veröffentlicht von Fridunanth Nocnarat

Was tun, wenn der neue Bahnhof fertig unter die Erde gebracht ist, aber die bis dahin neuen Magnetschwebebahnen partout nicht unter die Erde wollen? Bauruine 21? Nein! Wir bauen endlich ein mit Bundesmittel finanziertes Spaßbad im Westen der Republik. Mineralwasser gibt es zur Genüge. Die zusammengerechnet 17 gefühlten oberirdischen Bahnen des alten Leuzes wird keiner vermissen, denn die acht neuen Durchgangsbahnen im Leuze 21 lassen ein Drittel mehr Schwimmer zu! Dank sechs Meter Höhenunterschied ist die Gegenstromanlage gleich eingebaut. Das schummrige unterirdische Licht sorgt für angenehme Grottenstimmung: Wellness pur! Im Kinderbereich „Aqua Fun“ sorgen Wasserwerfer für knüppeldick Spaß. Im hinteren Teil bekommt das alte Motto „oben ohne“ gleich eine ganz neue Bedeutung. Ich pack schon mal die Badehose ein.

Bild gefunden bei facebook, veröffentlicht von Fridunanth Nocnarat

Artikel erschienen auf brezel.me

Der überwachte Staat

Gewalttätige Chaoten greifen die Polizei an, die sich mit Wasserwerfern, Schlagstöcken und Tränengas wehren müssen – so hätten das einige am 30.9. gerne gehört. Zu dumm dass es ganz anders gelaufen ist. Aber die Wahrheit interessiert hier keinen, die Wahrheit wird gemacht. Die großen Medien bestimmen, wie das Geschehene interpretiert wird. Die öffentlich rechtlichen machen Personalpolitik nach Parteibuch, für die privaten gilt: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Und es ist nicht das Brot vom Leser.
Um besonders eindrückliche Bildbeweise zu bekommen hilft es natürlich ein paar Provokateure in die Reihen der Gegner einzuschleusen (siehe Hamburger Abendblatt). Bilder randalierender Staatsfeinde jagen den unbescholtenen Bürgern die nötige Angst ein um sie in die Arme einer Law-and-Order-Regierung zu treiben. So funktioniert die Diffamierung der andersdenkenden Masse auf der Straße, so wird Meinung gemacht, so wird Politik gemacht. Oder besser gesagt: wurde.

Die Rechnung ohne den Wirt
Dummerweise hatten die Demonstranten statt Pflastersteinen etwas viel gefährlicheres in den Händen: Kameras. Die Strategen hinter dem Übergriff am 30.9. haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. In diesem Fall heißt der Wirt YouTube. Lange bevor PR-Berater die Chance hatten, das Geschehene umzudeuten war es schon online und drang ins öffentliche Bewusstsein ein. Behauptungen, die Demonstranten hätten Pflastersteine geworfen konnten nur noch hartgesottene Jünger der Regierung beeindrucken und mussten schnell zurück genommen werden. Plötzlich verschwanden Videos aus dem Internet, nur um an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Das Netz vergisst nichts. Eine Hand voll Medien kann man beeinflussen, ein ganzes Netz davon nicht mehr.

Pandorische Büchse
Hier zeigt sich, dass die Politik-PR alter Schule den Zug verpasst hat. Ein Paradigmenwechsel hat sich vollzogen. Das Internet erzeugt eine digitale Öffentlichkeit, die sich weder kontrollieren noch unterdrücken lässt. Das Meinungsmonopol der großen Medien ist gebrochen. Die Staatsgewalt kann nicht mehr unbeobachtet eingreifen, wenn alles live im Netz übertragen wird. Statt dem orwellschen Überwachungsstaat haben wir den überwachten Staat. Kein Wunder, dass Diktaturen alles dran setzen, das Internet zu bekämpfen. Dafür ist es bei uns bereits zu spät. Pandora hat ihre Büchse bereits geöffnet.

Unterschiedliche Betrachtungswinkel
Im Gegensatz zu professionellen Medien erfüllen die unzähligen kleinen Kanäle keine journalistischen Standards. Sogenannte Bürgerjournalisten, die neue Publikationsmöglichkeiten wie Blogs nutzen sind selten ausgebildete Journalisten und erheben gar nicht erst den Anspruch auf Objektivität oder gesicherte Quellen. Doch wen interessieren qualitative Standards, wenn diese ebenso durch eine Meinung gefärbt sind und einer eigenen Agenda dienen? Ich habe heute die Möglichkeit über das Internet zwischen vielen offiziellen und inoffiziellen Kanälen zu vergleichen und mache mir dann ein Bild aus unterschiedlichen Betrachtungswinkeln. Dabei bemerke ich, wie weit die Interpretationen auseinander liegen. Wenn ich das Berichtete selbst erlebt habe, was in Stuttgart derzeit öfters passieren kann, dann erschrickt es mich, wie fern davon das öffentlich erzeugte Bild bisweilen ist. Als Medienkonsument muss ich selbst über die Glaubwürdigkeit verschiedener Medien urteilen. Und das geht heute besser durch Vergleichsmöglichkeiten.

Virale Kommunikation
Das Medium verändert den Konsumenten. Nicht jeder Medienkonsument produziert selbst Inhalte in dem er blogt, twittert oder Videos online stellt. Er gibt jedoch Informationen in sein digitales soziales Netzwerk weiter und kommentiert diese oft noch. Durch seine Wahl und seine Meinung wird der Nutzer zum Redakteur und Kommentator, trägt damit zur digitalen Öffentlichkeit bei. Das hat er früher am Stammtisch getan, der ist jetzt jedoch global vernetzt. Informationen können sich dadurch viral verbreiten. Und das ist nicht mehr steuerbar. Es gibt kein Information- und Meinungsmonopol mehr, Journalismus ist nicht mehr das, was er einmal war.

Digitale Öffentlichkeit
Die Kommunikation zwischen Regierung und Bürger muss und wird sich wandeln. Aber nicht nur eine größere Transparenz wird das Resultat dieses Wandels sein, es werden auch neue Techniken entwickelt werden, die digitale Öffentlichkeit zu manipulieren. PR-Agenturen spezialisieren sich zunehmend auf Social Media und nutzen dazu Techniken wie Astroturfing, dem Vortäuschen einer Bürgerbewegung im Netz. Ebenso wird der Astroturfingvorwurf genutzt, um Bürgerbewegungen zu diffamieren.Die digitale Öffentlichkeit ist das neue Schlachtfeld der Medien um die Meinungshoheit. Nur wer sich diese sich im konstanten Wandel befindende Welt versteht, kann in ihr erfolgreich kommunizieren und differenziert konsumieren. Wir befinden uns in einer Übergangszeit wo das alte Weltbild auf das neue stößt. Das diese Schlacht nicht nur im virtuellen Raum ausgefochten wird, hat uns der 30.9. im Stuttgarter Schlosspark gezeigt.

Quellen:

Der 30.9. und Stuttgart21 in den Medien:

Polizeieinsatz 30.9., Polizeiversion:
http://org.polizei-bwl.de/ppstuttgart/Seiten/Stuttgart21Video.aspx

Polizeigewalt in Stuttgart, YouTube:
http://www.youtube.com/results?search_query=stuttgart+polizeigewalt

Politiker Peter Hauk versucht, die Geschichte umzudeuten:
http://www.youtube.com/watch?v=ju3cCKqz9bg

Gewerkschaft der Polizei im SWR:
http://www.youtube.com/watch?v=4Lx0O0k1l9w

Stuttgart21 live ins Netz gestreamt von Gegnern:
http://www.cams21.de/

Bestzung und Räumung eines Hauses aus Besetzersicht, Mitschnitt eines Livestreams:
http://bambuser.com/channel/tilman36/broadcast/1094091

Kritischer Internetfersehsender zu Stuttgart21:
http://www.fluegel.tv/

Artikel über eingeschleuste Provokateure:
http://www.abendblatt.de/hamburg/article1665966/Wir-werden-von-der-Politik-verheizt-Polizisten-erzaehlen.html

Und dazu die taz:
http://www.taz.de/1/zukunft/umwelt/artikel/1/wie-scharfe-kampfhunde/

Neue Kommunikationsformen:

Bürgerjournalismus:
http://de.wikipedia.org/wiki/Graswurzel-Journalismus

Virale Kommunikation (im Marketing):
http://de.wikipedia.org/wiki/Virales_Marketing

Grundlagen zur viralen Kommunikation: 
http://de.wikipedia.org/wiki/Internet-Ph%C3%A4nomen
http://de.wikipedia.org/wiki/Mem

Definition Astroturfing:
http://de.wikipedia.org/wiki/Astroturfing

Astroturfing bei Stuttgart21:
http://www.sueddeutsche.de/politik/streit-um-stuttgart-astroturfing-geheimkampf-um-botschaften-im-netz-1.1008550

Astroturfing der Atomlobby:
http://www.zeit.de/2008/17/Atomlobby

Antiastrosurfing:
http://www.thenewpr.com/wiki/pmwiki.php?pagename=AntiAstroturfing.HomePage

Der Kessel kocht: Flambiertes Pfefferspraysteak

Hier kommt unser erstes Rezept, passend zum 30.9.:

Originalbeitrag auf Der Kessel kocht

Flambiertes Pfefferspraysteak

Herzlich willkommen in der Kesselküche. Hungrig nach der Demo? Kein Problem!

Fallende Blätter und Bäume im Stadtpark sorgen für wohlige Herbststimmung. Die nimmt man sich an Besten mit nach Hause. Schnell noch ein paar Wurfkastanien für die Tischdeko im Park sammeln. Aber Obacht: Nicht von der Polizei erwischt werden, sonst gibt’s Sprühregen.

Herbstlich dekoriert, die Wurfgeschosse stets griffbereit.
Herbstlich dekoriert, die Wurfgeschosse stets griffbereit.

Heute gibt’s flambiertes Pfefferspraysteak, Aber erst mal Zutaten besorgen:


Zutaten:
4 Filetsteaks
1 Zwiebel
1 EL grüner Pfeffer
3 EL Öl zum Braten
4 Msp- Salz
4 cl Cognac
Pfefferspray, wahlweise grob geschroteter Pfeffer

Nicht vergessen: Katze füttern! Sonst stiehlt sie das Fleisch vom Tisch.

Ist die Katze gesund, frisst sie der Hund.

Die Steaks abwaschen und trocken tupfen. Ordentlich mit Pfefferspray reizen.

Pfefferspray verletzt das Fleisch nicht, es reizt es nur.

Wenn kein Spray zur Hand, dann Pfefferkörner grob auf’s Fleisch schroten.

Pfeffermühlen können, wenn ausreichend dimensioniert, auch der Deeskalation dienen.

Zwiebel in kleine Würfel schneiden, dunkel anbraten und zur Seite stellen.

Steaks in sehr heißem Öl 2 Minuten auf jeder Seite anbraten und salzen.

Wer kein Blut sehen will muss das Fleisch länger anbraten.

Zwiebel wieder zugeben und den grünen Pfeffer gleich dazu.

Nun den Cognac leicht erwärmen und auf die Steaks geben.

Den Cognac schon weggesoffen? Ein räudiger Schnaps aus Doras Sammlung brennt auch.

Das Ganze anzünden und ausbrennen lassen. Vorsicht: Kein Benzin ins Feuer gießen!

Der Cognac oder Ersatzschnaps sollte mindestens 40% Alkohol haben, sonst brennt er nicht.

Dazu passt hervorragend ein Demogratin, aber das ist bekanntlicherweiße manchmal etwas schwierig. Uns ist es misslungen, wir mussten es trotzdem essen. Wir hatten keine Wahl.

Demogratin can sometimes be a little bit difficult.
Birgit hat mich, die Autorin, noch ein bisschen mit Pfefferspray deeskaliert. Jetzt muss ich sagen: Das Demogratin war vorzüglich.

Das kleine Krokodil

Als ich angefangen hab aus meinem Leben zu schreiben hab ich politische Themen mal ganz außen vor gelassen. Ich muss ja nicht zu allem mein Senf dazugeben, dachte ich mir. Fälschlicherweise. Da ist wohl ein Wasserwerfer über die Senftube gerollt und der ganze Senf kam raus.

Wenn eine Stadt aus dem politischen Tiefschlaf gerissen wird wie es in Stuttgart geschehen ist, kann man sich ja dagegen kaum erwehren. Es sei denn man hat Tomaten auf den Augen und in den Ohren. Anfangs hab ich mich der Sache noch durchaus humorvoll angenommen, hab Löcher geplant und Lachgeschichten geschrieben. Doch mein alter Antagonist Ernst hat die Situation genutzt und mir den Witz geraubt. Fast. Ernst ist ein großer, düsterer Typ. Er ist der Komplize des kleinen Despoten, der vor kurzem die Macht in unserem Land an sich gerissen hat. Der wurde wahrscheinlich schon als Kind nicht richtig ernst genommen, drum hat er sich mit Ernst angefreundet und beschlossen eines Tages es allen zu zeigen. Wenn er erstmal oben wär, dann würden sie ihn fürchten, ihn endlich ernst nehmen, niemand würde mehr über ihn lachen. Plötzlich war er oben, alle fürchten ihn. Fast alle. Nicht jedoch die fröhliche bunte Truppe die vor seinem Palast aufmarschierte und ihm und seinen Hofstaat beim Mauscheln störte. Den wird das Lachen noch vergehen, dachte sich der kleine Despot und schickte seine wildesten Hunde auf die Meute los. Die bunte Truppe aber wehrte sich nicht (von ein paar Kastanien abgesehen), sie erduldete den Angriff. Sie floh nicht, sondern wurde immer größer und droht nun den Palast zu stürmen.

Dem kleinen Despot ist viel missglückt, aber eines hat er geschafft: Sein Verbündeter, der düstere Schatten Ernst, hat sich in die bunte Truppe eingeschlichen und verdirbt deren Seele. Wut, Trauer, Empörung, Hass und Verzweiflung haben Fuß in den Herzen jener gefasst, die ihre Machtlosigkeit gegenüber der Bande des Despoten zu spüren bekamen.

Genug der verkitschten, krummen Bilder. Ich hätte ja auch von Schnappus, dem kleinen Krokodil erzählen können dass sich wünscht eines Tages alle anderen Tiere im Zoo beißen zu können. Kann sich denn keine Prinzessin dazu erbarmen Schnappi zu küssen sodass er sich in eine Kröte verwandelt? Die ist noch kleiner und beißt nicht.

Ich bemerke wie die Wut mir meine Lebensfreude und somit meine Kraft raubt. Doch die brauch ich noch für den Tag an dem wir das kleine Krokodil zurück in sein Gehege jagen. Wenn wir wütend kämpfen dann spielen wir nach seinen Regeln. Und die kennt es besser. Wenn wir es wirklich treffen wollen müssen wir das treiben, was es fürchtet wie der Vampir den Knoblauch: Humor. So lange wir das kleine Krokodil nicht ernst nehmen und uns die Freude nicht rauben lassen haben wir die Chance, dass sich das Rumpelstilzchen selbst in den Boden rammt. Jetzt ist aber wirklich genug mit krummen Bildern.

Hier mein Plädoyer: Köpfe nicht hängen lassen. Empörung, Verzweiflung und Betroffenheit in eine Kiste stecken und ganz tief vergraben. Die Welt schaut auf uns mit Bewunderung ob unserer friedlichen Kreativität, und genau die ist es, die die schwarze Bande fürchtet.

Der neue Graben

Freunde und Helfer für's Grobe: Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit
Freunde und Helfer für's Grobe: Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit

Überall zu lesen, und natürlich auch zu erleben: Durch die einst friedliche Stadt Stuttgart geht nun ein tiefer Graben. Auf der einen Seite die Befürworter des Großbauprojekts Stuttgart21, auf der anderen Seite dessen Gegner. Die einen glauben der Regierung, der Bahn und deren Gutachter, die anderen den Gegengutachtern, die die Fehler des Projekts anmahnen. Welche der beiden Seiten Recht hat liegt für beide Seiten natürlich klar auf der Hand, wird sich aber eigentlich erst in ferner Zukunft zeigen. Versuche, den Graben zu überbrücken scheiterten stets daran, dass kein Kompromiss zwischen beiden Seiten möglich ist. Entweder oder. K21 oder S21. Die einen demolieren, die anderen demonstrieren. Die einen blockieren, die anderen tragen sie wieder weg, im großen Ganzen friedlich, egal ob Protestler oder Polizist.

Staatsgewalt
Bis vor kurzem jedenfalls. Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) nennt sich jene Bande, die kastanienwerfenden Jugendlichen, langhaarigen Berufsdemonstranten und arbeitslosen Rentnern ein Lektion zum Thema „Staatsgewalt“ lehrten. Moderner Medientechnik sei Dank, dass auch die Nichtanwesenden auf allen Kanälen miterleben konnten was einem widerfährt, wenn man sich dem Fortschritt entgegen stellt. Ein Bild entstand, welches nur schwer vereinbar mit den Idealen unserer Gesellschaft und unseres Rechtsstaates ist und somit einer bald erhofften Wiederwahl der Regierenden im Landtag im Wege steht. Es sei denn, man schafft es mit vereinten Kräften das Bild umzudrehen, die Opfer zu Tätern zu machen.

Der neue Graben
Hier verläuft der neue Graben, besser gesagt die tiefe Schlucht. Die einen betrachten die blutige Niederschlagung der Blockade (so nennt man es, wenn so etwas im Iran oder in China passiert) als ein Verbrechen, für welches die Schläger sowie jene, die sie geschickt haben zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Die anderen sehen im Verhalten der BFE Notwehr und die Notwendigkeit, einen demokratisch mit allen Mitteln juristischer Kunst durchgesetzten Beschluss umzusetzen. Die Kinder wären von ihren Eltern und Lehrern instrumentalisiert worden und als „lebendige Schutzschilde“ gegen die gerechtfertigt gewalttätigen Einheiten gehetzt worden. So liest und hört man es jedenfalls in Kommentaren jener, die dem Ministerpräsident die Treue halten. Anstelle von Entschuldigungen oder Reue wird zum medialen Gegenschlag gerufen.

Verboten: Auf Polizeiauto sitzen. Erlaubt: Knüppel ins Gesicht?

David gegen Goliath
Im Gegensatz zu den Gegnern waren außer den Polizisten wohl kaum Anhänger der Wasserwerferpolitik anwesend. Sie müssen darauf vertrauen wie MP Mappus die Situation für sie beurteilt. Ich war selbst dabei, muss mir also kein mediales Bild vom Geschehenen machen, hab mein eigenes: David gegen Goliath, nur dass David seine Schleuder zu Hause vergessen hatte. Ich versuch ja immer nachzuvollziehen, was in den Köpfen auf der anderen Seite des Grabens so vorgeht. Das hier kapier ich aber einfach nicht: Was treibt einen Menschen dazu, diesen staatlich verordneten Amoklauf gut zu heißen, die Schuld bei Eltern und Lehrern zu suchen? Bis vor kurzem dachte ich es gäbe einen gesellschaftlichen Konsens über Friede, Freude und Eierkuchen. Vielleicht bin ich aber doch eine zu naive Gutmenschin.

Protestalltag: Die einen blockieren, die anderen tragen weg. Noch sind die Knüppel im Sack.

In meiner Welt ist es unentschuldbar unbewaffnete (mal abgesehen von Wurfkastanien) Demonstranten durch den Einsatz exzessiven unmittelbaren Zwangs (Knüppel, Wasserwerfer, Reizgas, Fäuste) in die Flucht und in die Fresse zu schlagen. Der Mangel an Reue des Ministerpräsidenten lässt darauf schließen, dass er das zumindest billigend in Kauf genommen hat, es ihm eigentlich am Arsch vorbei geht solange es nicht seine Auge ist, das raushängt. Auf welchem Planet lebt eigentlich ein Mensch, der so etwas gut findet? Der ein Regime unterstützt, welches Politik mit dem Schlagstock durchsetzt? Nicht auf meinem.

Ich bin zu tiefst erschrocken, wie viele Bürger dem Geschwätz unserer Regierung Glauben schenken. Das ist noch viel schlimmer als mit anzusehen, wie Mappus versucht seinen Arsch zu retten. Über den Graben, der uns trennt will ich keine Brücke schlagen, sonst könnte jemand vom Gesindel der anderen Seite in meine Welt kommen.

Ich frage mal die Christen von der CDU: Wie vereinbart ihr die Lehre Jesu Christi mit dem Vorgehen im Park und an eurer Parteispitze? Schaut in eure eigenen Reihen und passt auf, dass man euch das C im Namen nicht aberkennt.

Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?

Ich geh ja ganz gern mal im Schlosspark spazieren, aber das ist ja jetzt nicht mehr ganz so sicher. Letzten Donnerstag bin ich da auf eine Bande schwarz gekleideter, vermummter Randalierer gestoßen die alles vermöbelt haben was sich ihnen in den Weg gestellt hat, egal ob jung oder alt. Ihre Kumpels in den gelben Westen haben dann alles was da so an Grünzeug rumstand zu Kleinholz verarbeitet. Irgendjemand hat wohl die Polizei gerufen, die hat aber auch nur doof zugeschaut. Ob Stuttgarts Ruf als sichere und kinderfreundliche Stadt so noch lange aufrecht erhalten werden kann, wag ich mal anzuzweifeln.

Wenn ich mich genau entsinne sieht man diese Typen auch immer auf jeder Demo. Wenn man sie fragt, warum sie da seien, antworten sie gerne mal: „Ich tu hier nur meine Arbeit.“. Jetzt ist alles klar: Hier handelt es sich um die oft beschworenen gewaltbereiten Berufsdemonstranten! Also, liebe Kinder, Rentner und andere Bürger. Gebt acht vor den schwarzen Männern und Frauen mit Helmen! Die sind bewaffnet und demonstrieren das auch gerne.

Zuvor erschienen auf brezel.me

Grundrecht auf alberne Verkleidung

Das Berufsdemonstrantentum ist was für harte Knechte (und KnechtInnen?, äh Mägde). Sich auf kalten Kreuzungen den Arsch abfrieren, in zugigen Baumhäusern schlafen, nervzerreibende Vuvuzelaübstunden, von Politikern verunglimpft und Polizisten durch die Gegend gezerrt werden und das ganze für ’ne warme Parkschützersuppe und einem Nachschlag Idealismus ohne Sahne reiht sich nicht gerade in die Liste der Traumjobs zwischen Lokomotivführer und Topmodel ein. „Democracy can sometimes be a little bit difficult“, hat der OB schon erkannt. Vor allen Dingen, wenn man sich dazu wie der im obigen Film gezeigte Bauzaunbesucher noch eines pikanten Teilaspektes des Themas „Oben bleiben“widmet. Man mag mich Schönwetterdemonstrantin schimpfen, aber ich übe mein Grundrecht auf Versammlungsfreiheit dann doch lieber mit einem Button auf der Jacke aus.

Zuvor erschienen auf brezel.me

Wenn zwei sich streiten ärgert sich die dritte.

Ich hab mich ja unlängst mal über das Erwachen Stuttgarts freudig zu Wort gemeldet. Dooferweise sind neben politischem Bewusstsein und lokaler Identität auch unschönere Dinge um den Schlaf gebracht worden: Polemik, Ignoranz und Intoleranz. Sachlichkeit geht in den endlosen gegenseitigen Beschimpfungen im Netz wie im Stadtpark unter. Ich ertappe mich ja auch bisweilen dabei wie mich die Gefühle am Schopf packen und mit mir Achterbahn fahren. In der Masse steigert man sich dann so richtig schön rein. Die wiederaufkeimende Hoffnung vieler, doch etwas ausrichten zu können befeuert den Widerstand, die wackelnde Sicherheit der Unumkehrbarkeit scheucht die Befürworter auf. Und was dabei rauskommt ist beschämend für Gegner wie Befürworter. Selten hab ich so viel unreflektierten Unsinn gelesen und gehört wie in der letzten Zeit.

Wenngleich hier das aktuelle Thema der Stadt, Stuttgart21, Anlass meiner Schelte ist, kann man das gerne auf jede öffentliche Meinungsverschiedenheit anwenden.

Ignoranz
Besonders ärgern mich Verallgemeinerungen. Es gibt nicht „die“ Gegner oder „die“ Befürworter. Nur weil ein paar von den Anderen etwas machen was einem nicht passt, wird gleich auf alle geschlossen. Das ist Ignoranz. Und nur weil „die Anderen“ verallgemeinern, heißt das noch lange nicht, dass es einem selbst zusteht. Ich sehe mich nicht als eine von den Gegnern, ich bin ein Gegner. Und das nur so lange, bis mich jemand sachlich und respektvoll vom Gegenteil überzeugt.

Intoleranz
Es wird eingefordert, was man anderen nicht gönnt. Wer selbst auf sein Demonstrationsrecht pocht, sollte bitte die Anderen auch ungestört auf die Straße gehen lassen. Und wer sich zum Grundgesetz bekennt, darf die Demonstrationen nicht verurteilen, auch wenn sie Geld kosten und die Stadt bisweilen lahm legen. Ich hab auch immer öfter das Gefühl dass einige jener, die für mehr Demokratie auf die Straße gehen, nicht ansatzweise verstanden haben, was Demokratie eigentlich bedeutet. Noch mal zur Erinnerung: Freiheit ist die Freiheit Andersdenkender.

Polemik
All zu oft werden die Diskutanten beleidigend und unsachlich. Es ist eben einfacher, sein Gegenüber persönlich anzugreifen als sich sachlich mit ihm auseinander zu setzen. Das geschieht – wie alles zuvor Genannte – auf beiden Seiten. Wer beleidigend wird zeigt, dass er sachlich nichts auf der Pfanne hat und das kompensieren muss.

Respekt
Manchmal wird bei all der Diskussion vergessen, weshalb man eigentlich diskutiert. Geht es darum, seine Argumente sachlich darzulegen um andere von der Richtigkeit des eigenen Standpunktes zu überzeugen? Oder geht es einfach nur darum abzukotzen und rumzupöbeln? Eine Diskussion ohne gegenseitigen Respekt entbehrt ihrer Grundlage. Man muss nicht Kommunikationswissenschaft studiert haben um zu wissen, dass was zählt ist, was beim anderen ankommt und nicht das, was man sagt.

Contenance
Wenn mich die Wut packt, dann halt ich erst mal inne, bevor ich meine Meinung Gassi führe. Meistens auf jeden Fall. Das ist nicht einfach, aber wichtig. Zum Glück gibt es noch einige Kollegen Gegner, die trotz größter Wut im Bauch nie die Sachlichkeit, den Respekt, die Toleranz oder die Contenance verlieren. Mit Polemik vergraulen wir nur jene, die am Zweifeln sind. Wir haben gute Argumente, wir haben es nicht nötig unter die Gürtellinie zu schlagen, auch wenn es die anderen manchmal tun.

Stille Email

Meine zuvor erwähnte Protesthaltung ist bisweilen recht anstrengend. Ich muss mich stets über unzählige Kanäle informieren: Neue Artikel in der Stuttgarter Zeitung, Berichte in der Tagesschau, das Getwittere der bei Abriss Aufständigen, Parkschützernewsletter und dann wird ja auch noch wie wild diskutiert. Dabei heizt man sich ganz schön auf. Seit der gewaltsamen Räumung und Zerstörung des Protest-Baumhauses ist die Stimmung am Kippen. Alle warten darauf, dass die Kettensägen kommen; eine komische Mischung aus Fatalismus und Wut breitet sich aus. Man traut der Bahnhofsbande mittlerweile alles zu, Paranoia liegt in der Luft. Und alle sind miteinander vernetzt, jede Information verbreitet sich binnen Minuten durch die ganze Stadt. Jede Information, egal ob wahr, erahnt oder erfunden. Um so krasser die Botschaft, desto schneller geht’s.

Heute hat eine anonyme Parkschützerin (es gibt derzeit 25.000 davon) einfach mal behauptet aus „sicherer Quelle“ zu wissen, dass 15.000 Polizisten den Park abriegeln werden, eine Abholzgenehmigung vorliege und alle „Großhexler der Region“ seien geordert. Sofort wurde das als gesicherte Nachricht der Parkschützerorganisation weitergegeben und verbreitete panische Stimmung unter den Baumfreunden. Blinder Alarm? Vielleicht, vielleicht auch nicht? Vielleicht einer von der anderen Seite, der Panik schüren will? Möglich ist alles. Was passiert im Ernstfall, wenn die letzten drei Ernstfälle Fehlalarme waren?

Ich wittere ein allgemeines Problem:

Wenn eine Information in die Erwartungshaltung passt und die Gemüter erhitzt, wird sie unhinterfragt weitergeleitet. Keinen schert es einen Teufel ob die Quelle glaubwürdig ist oder wie hanebüchen die Aussage ist. Es ist erschreckend wie leichtgläubig viele sind und noch erschreckender, dass sie den ganzen Unfug weiterverbreiten. Dank dem neuaufgelegten Stille-Email-Spiel wird die Kacke dann noch ordentlich gequirlt. Kein Tag, an dem nicht irgend ein Hoax durch’s Facebook gescheucht wird. Und dann liest man den ganzen Unfug auch noch in Blogs!

Bitte liebe Kollegen Multiplikatoren, bevor ihr irgendwelche Informationen in den digitalen Raum rausvuvuzeliert: Innehalten, Quelle anschauen und am besten auch nennen, gesunden Menschenverstand einschalten. Ich habe zum Beispiel ein Problem mit Hiobsbotschaften, die jemand Anonymes aus angeblich sicherer aber nicht genannter Quelle erfahren hat. Und ich hoffe mal ganz schwer, dass es sich hier auch nur wieder um eine Ente gehandelt hat. Wenn nicht, dann sehen wir uns ja im Park …

Protestteppich

(Foto: Fritz Mielert / Parkschützer) http://www.robinwood.de/blog/welt-retten/

Oh, große Tagebuchpause durch Urlaub und andere Ablenkungen. Egal, hier bin ich wieder! Meine zur Schau getragene Protesthaltung gegen den bislang leider halbwegs erfolgreichen Versuch, meine liebe Heimatstadt mit dem Bagger zu fressen hat mich etwas in Beschlag genommen. Jeden Abend ein kleines Vuvuzela-Ständchen, mehrmals die Woche großen Spaziergang durch die Stadt mit 50.000 partiell Gleichgesinnten, das braucht schon Zeit. Und jetzt gibt’s ja auch noch das Baumhaus im Schlosspark. Da sind mutige junge Leute und brauchen auch Hilfe. Ich hab denen meinen Teppich aus der Galerie geschenkt damit der Wind nicht so durch den Boden ihres Hauses zieht. So kann sich der gute Teppich noch aktiv am Protest beteiligen und muss nicht ein nutzloses Dasein zusammengerollt in der Ecke der Küche fristen.

Manche Leute haben mich schon angemotzt, ich würde das mit meinem Protestantentum etwas übertreiben, es gäbe schließlich noch ein Leben außerhalb der Bahnhofsverhinderei. Gibt es natürlich. Aber es gibt Zeiten, in denen muss man seine Leidenschaft bündeln und für etwas Größeres einsetzen. Das mag nerven, weckt aber vielleicht auch ein paar Leute auf. Und Aufwecken ist gut. Es sei denn der Wecker weckt einen zu früh auf. Also liebe genervten Freunde, anstelle zu lamentieren solltet ihr euch mal lieber schlau machen was in eurer Stadt so geht, euch eine Meinung bilden und gegebenenfalls dafür auch auf die Straße gehen. Es ist eure Stadt!

Geheimnisvoller Fernsehturm

Vor kurzem wurde ich gefragt, woher der Name Stuttgart 21 wohl komme? Hat es was mit dem 21. Jahrhundert zu tun? Wird es 21.000.000.000 € kosten oder 21 Jahre lang gebaut werden? Würde alles passen, die Geschichte ist jedoch eine andere. Da ich keine hieb- und stichfesten Fakten habe muss ich darauf hinweißen, dass der folgende Artikel spekulativ ist. Er ist jedoch so interessant, dass ich ihn euch nicht vorenthalten will:

1967 trafen sich ertmals eine Gruppe von einflussreichen Personen aus Politik, Wirtschaft, Medien und andere Wichtigtuer im Stuttgarter Fernsehturm um über die weitere Entwicklung der prosperierenden Autostadt zu diskutieren. Sie nannten sich die Fernsehturm-Gruppe und tagten seit dem einmal jährlich. Diese Fernsehturm-Konferenzen waren nie eine offizielle Veranstaltung, die Presse schwieg darüber und keins der dort jährlich verabschiedeten Protokolle ist je an die Öffentlichkeit gekommen. Die sorgfältig ausgewählten Gäste, stets hochrangige Vertreter mächtiger Institutionen, planten seither dort die Entwicklung unserer Stadt schon lange bevor sie in der Öffentlichkeit diskutiert wurde.

Unlängst verschaffte mir eine gute Bekannte Einblick in einige der geheimen Protokolle. Selbstredend kann ich die Namen meiner Informanten hier nicht preisgeben. Ich kann hier nur wiedergeben, was ich bei meinem kurzen Einblick in die Papiere vor die Augen bekam.

Vorab muss ich erzählen, dass die Fernsehturm-Gruppe Zugang zu einem bislang nicht bekannten Großbunker aus den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges hatte, der sich weit unterhalb des Rathauses befindet. 1972 richteten sie dort ein Forschungslabor ein, welches den Institutionen der Gruppe ermöglichte, jenseits neugiereiger Blicke der Öffentlichkeit und staatlicher Kontrollen zu forschen. Hier konnten sie problemlos Methoden anwenden, die ethisch fragwürdig waren oder Technologien einsetzen, die noch unter Verschluss gehalten werden mussten. Das sogenannte Institut für Zukunftsfragen prosperierte und wurde zum Mekka schwäbischen Tüftlertums im Grenzbereich.

Der Bau der S-Bahn unter Stuttgart in den Siebzigern machte es einfach, den Bunker unauffällig auszubauen. Doch als die S-Bahn fertig gestellt war, musste auch der weiter Ausbau der Bunkeranlage gestoppt werden. Die drohte jedoch im Verlauf der nächsten Jahre an ihre Grenzen zu stoßen. Bei der 20. Konferenz am 12. Juni 1986 wurde das Projekt „Stuttgart20“ zum weiteren Ausbau des Labors  in die Wege geleitet.

Im Lauf des folgenden Jahres wurde jedoch klar, dass die geplanten Umbauarbeiten nicht unbemerkt geschehen konnten. Die Vibrationen der Baumaschinen und der entstehende Aushub wären nicht zu tarnen gewesen. Dies war das bestimmende Thema bei der 21. Konferenz. Eine Lösung wurde jedoch gefunden. Im Protokoll „Stuttgart 21“ wurde beschlossen, eine massive städtebauliche Maßnahme im Untergrund von Stuttgart als Tarnung des eigentlichen Ausbaus des Labors vorzunehmen: Der Bau eines unterirdischen Fernbahntunnels. Der Vertreter der Bahn in der Gruppe sollte nun ein solches Vorhaben forcieren. Da ein Projekt dieser Größenordnung und die einhergehenden Entscheidungsfindungen nicht ganz unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden konnte wurde in den nächsten Jahren viel diskutiert und geplant. 1994 wurde dann das Projekt „Stuttgart 21“ öffentlich vorgestellt.

Das der Projektname der Konferenz auch zum offiziellen Namen wurde liegt Gerüchten zufolge an einem Fehler, der der damaligen Sekretärin des Gruppenvorsitzenden unterlaufen ist. Ich konnte die Information leider nicht zurückverfolgen. Es scheint, als hätte die Dame nie existiert.

Interne Querelen um Auftragsvergaben und Finanzierungen haben das Projekt danach ausgebremst, sodass der Baubeginn erst im Februar 2010 stattfinden konnte. Der Ausbau des Instituts für Zukunftsfragen war längst überfällig. Um so ärgerlicher für die Gruppe, dass die Akzeptanz der Bevölkerung geringer ausfiel als geahnt. Wenngleich man rechtlich den Boden geebnet hatte drohen nun die politischen Verhältnisse zu entgleisen. Dieses Jahr wurden zum ersten mal in der Geschichte der Gruppe zwei Konferenzen ausgerichtet und ein permanenter Krisenstab einberufen, der das Bauvorhaben forcieren soll bevor einzelne Politiker dem Druck ihrer Wähler oder der Bund dem Kostendruck nachgeben würden.

Leider haben weitere Recherchen zu dem Thema nicht viel ergeben. Meine Gesprächspartner waren eher schweigsam und ängstlich. Ich habe darauf verzichtet Namen zu nennen. Ich möchte auch nochmals darauf hinweißen, dass es sich bei diesem Artikel nicht um gesicherte Fakten handelt und davon abraten, auf eigene Faust weiter zu recherchieren da die Fernsehturm-Gruppe die Mittel hat, jeden zum Schweigen zu bringen. Ich weiß, dass ich hiermit mein Glück herausfordere. Ich habe mich jedoch so gut wie möglich abgesichert. Im Fall meines Verschwindens ist mein Notar dazu bevollmächtigt, einen ganzen Stapel Unterlagen herauszurücken die vielleicht rechtlich nicht relevant aber für manche verdammt peinlich sind.

„Die da oben“ diskutieren

Auf meinen letzten Artikel haben ich Zuschriften bekommen, die ich hier nochmals veröffentlichen möchte:

OB Wolfgang Schuster schreibt:

Sehr geehrte Frau Asemwald,

was kümmern Sie sich um Stuttgart 21? Bitte gehen Sie zurück in Ihren Asemwald, und wenn es dort unter Ihrem Block wackelt, sind wir es! Dann werden wir gerade unterwegs sein von der City zum Flughafen, und wenn wir unterirdisch versehentlich Ihren Keller streifen, holen wir uns dort die ganzen K21-, Kein-Stgt21- und Loch21-Aufkleber heraus und verkleben damit Ihre ganze Asemwaldhütte, dass Sie nicht mehr heraus schauen und nicht sehen können, welche Bäume eingehen, welcher Acker einbricht, wo das Wasser versiegt und dass wir sowieso in allem siegen!
Denn was haben Sie schon? Sie haben wenn es hoch kommt 20.000 Stuttgarter hinter sich, aber wir haben die Millionen, das sind unsere Millionen, die Sie bezahlt haben. Na, was sagen Sie jetzt?
An Ihrer Stelle würd ich jetzt auch blöd glotzen, Sie denken die Wahl im März macht uns Sorge? Wir haben vom Stgt21-Etat 42 Millionen herausreserviert für eine ordentliche CDU-Wahlkampagne!!!! Mit sowas gewinnt man immer!

So, und jetzt gehen Sie bitte in Ihren Asemwald zurück, 
mit freundlichen Grüßen
OB Wolfgang Schuster

Wolfgang Drexler schreibt:

Hallo Wolfgang,

des hätt i net denkt, dass Du so direkt argumentiera kosch, so einen intelligenten OB könnt mr au in Esslinga braucha.

Mol eine Frage:
 Soll des Bähnle jetzt au zum Flughafa fahra? I han denkt nach Ulm? Jetzt ben i ganz durcheinander komma, warum sagt mir des koiner?
 Derf i mein Dienstwaga trotzdem behalta? 
Ond noch ebbes… dei blonde Sekretärin… moinsch da lauft was? Kannsch ihr einen Gruß saga von mir?

Bis bald, Dein Wolfgang

PS.: Mach dir koine Sorgen wegen den 20.000 Demonstranten, des send älles bezahlte Kommunisten aus der Ostzone… oder wie des jetzt hoisst…

Hans F. schreibt:

Grüß Gott Wolfgang und Wolfgang (SPD),

hier spricht der Geist von Hans, ihr könnt mich auch Filbi nennen.
Könnt ihr net des ganze Pack in den Nesenbach schmeissen? 
Also mir hätten des 1946 anders gemacht.

Euer Filbi
 der Direkt-Verurteiler

OB Wolfgang Schuster schreibt:

Was…. der Hans!!!!
Du läbsch jetzt wieder? 
Des muß i meiner Frau verzähla!!!

Wolfgang Drexler schreibt:

Jetzt hen die beim Ausgraben zum neua Bahnhof den Filbi ausbuddelt!!!
 Hoffentlich nimmt der mir mein Dienschtwaga nett weg!

Stefan Mappus schreibt:

ihr hen älle net richtig ufbasst, des isch jetzt mei baustella. mir den so als wenn mir des zügle bis ulm fahra lasset. mir gaots eher drom, a saumässige schnellverbindung nach Berlin zum baua, na kao is angela maol ablösa ond trotzdem em Ländle wohna, weils en Berlin koine Kumpel gibt. Ond nao em Tunnel direkt bis Pforza, sonscht krieg i en schtugart bagga voll. die hen mi frier schon emmer verhaua. also Buaba machet weider…..

Angela Merkel schreibt:

Sehr geehrter Herr Mappus,

Ihre Ambitionen auf meinen Posten fallen mir heute nicht zum ersten Mal auf. Doch kann ich meine Wählerinnen und Wähler beruhigen: Mit Emporkömmlingen aus dem Schwäbischen hat mein Ziehvater Helmut Kohl schon seine Erfahrungen gemacht. Ich erinnere an den kometenhaften Niedergang des Lothar Späth. Seien Sie versichert, die entsprechenden Schritte Ihre Person betreffend wurden bereits eingeleitet.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Angela Merkel

Riidiger Grube schreibt:

Meine Herren! Bitte!

Wie oft denn no… ch!

Wir haben das doch schon sooft geübt! Stuttgart Einundzwanzig ist ein Gesamteuropäisches Projekt. Wir haben doch die Vereinbaahrung, dass wir bei der Öffentlichkeitsarbeit Immer Hochdeutsch schw ..schprechen!

Also Herr Mappus, Herr Drexler, Herr Schuster. Bitte halten Sie sich an die Vereinbarungen..

Riidiger Grube,
Der Chef von dem Ganzen

Dora Asemwald schreibt:

Lieber Herr Grube, ihre hanseatischen Wurzeln sind wohl während ihrer diversen Tätigkeiten im Schwabenland verschwabt worden.

Riidiger Grube schreibt:

Entschuldigung,

Ich werde von diesen Schwäbischen Geldeseln, doch am Tag 5 mal angerufen.
Das färbt schon ab.(Die verstehen einen doch auch nicht, wenn man Hochdeutsch spricht) Zumal ich ja auch schon länger im Süden ein Häusle hab.

Eddi Stoiber schreibt:

Servus beinander, hier ist der Ed,

Ja, mi leggst am Oarsch! Wos is den bei eich los? Es is grad 4 Johr her, da samma in 10 Minuten, ohne dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, fast nach Rom, ähh, Charles de Gaulle, oder sonstwo hin g’fahrn. Und jetzt wida so a Theater, nur weil ihr in 8 Minuten nach Heathrow, ähh, an den Flughafen Franz-Josef-Strauß, – wohie auch immer fahrn miast.

Also, wir hätt’n es in 10 Minuten mit dem Transrapid, äh ,äh vom Bahnhof München durch den Tunnel nach Stuttart, äh in zehn Minuten, schneller am Gate in Franfurt.
Ihr wisst scho!

Oba es hod net sei solln: nach oiner von 1,85 auf mehr als 3 Milliarden Euro g’stiegenen Kostenprognose ham sich die Deppen von Bund und Land im März 2008 darauf g’einigt dös Projekt nimma zum baun. Formal hams dös G’schäft dann am 14. April 2008 beendet und I hob mi saumässig blamiert. Saupreißn dreckige, hoit…

Sackl Zement nochamoi, machts weida! Blamierts eich net!!! Spart eich die Blamage jetzt und haut’s Geld zum Fensta aussi, solangs no geht. Abgwählt werds eh!

Und wenn in 20 Johr ois fixundfertig is, hobs as g’schafft:Ihr hobs a Denkmal, wos bisher nur der Franz-Josef mit seim Flughafen g’schafft hat un dann ist der Hauptbahnhof im Grunde genommen näher an Bayern, an die bayerischen Städte herangwachsen – weil das ja klar ist, weil aus dem Hauptbahnhof viele Linien aus Bayern zamalaffa. Host mi?

Außerdem: I hob glesen, da Filbinger hot sie g’meldt. I bin ja g’spannt wann der Franz-Josef anfängt zu grollen. Lang schaut der sie des Kasperlheater bei eich nimma oh, so mei Gfui..

Bleibts tapfer,

Euer Edmund Stoiber
(der Mann mit dem Transrapid)

P.S. grod hob I in da Süddeutschen Zeidung g’lesen, wenn ihr zum grabn ofangst, dann kummst’s Wasser in die Tunnel eina. Woist was: dann fahrt’s doch mit dem U-Boot.
Dös is vielleicht a Fortschritt! In 8 Minuten, mit dem U-Boot nach äh, äh,.
Die bayrische Gebirgsmarine kann helfen! Verlasst eich auf mi!

Lothar Späth schreibt:

Mir könnet also gelassen in die Zukunft schauen. Bald wird alles unterirdisch.
Euer Lothar :-)

Wachgedroht

Stuttgart21 ist das Beste, was uns Stuttgartern je passieren konnte. Verwegene These, bedenkt man, dass ausgerechnet ich sie hier mal in den Raum stelle. Ich hol mal aus:

Vor nicht all zu langer Zeit galt Stuttgart für viele als dröge Provinzstadt: Kehrwoche, Häuslesbauer und alle schwäbischen Klischees. Den Blödsinn kann ich nicht mehr hören, in anderen Städten nennt man die Idioten halt anders. Das Schlimmste an Stuttgart aus meiner Sicht war jedoch das bescheidene Selbstwertgefühl. Manche haben sich ja regelrecht für ihre Heimatstadt entschuldigt. Oder sind in überzogenen Trotzpatriotismus geflohen und haben Fernsehtürme auf Omadeckchen gestickt die dann so aussahen wie das pseudoironische Spießerzeug, dass es in Berlin schon fünf Jahre vorher gab, mit Berliner Fernsehturm halt. Apropos Fernsehturm: Wir waren die ersten! Das war auch mal mit dem deutschen HipHop so. War. Trends wurden seit dem hier weniger gesetzt. Jetzt haben wir aber etwas, was die anderen nicht haben: Stuttgart21! Oder besser noch: Die Androhung von Stuttgart21.

Kaum versucht eine Bande aus Politikern und Unternehmern mittels Bahnhofsvergrabung unter dem Deckmäntelchen der Stadtentwicklung und allgemeiner Zukunft eine Menge Geld und Bagger durch die Gegend zu schicken erwacht auch schon, was lange in der Tiefe der Stuttgarter Seele geschlummert hat. Nach jahrelangem tatenlosen Zuschauen, wie Immobilienfritzen wie Rudi Häussler eine Bausünde nach der anderen in die Stadt geklatscht haben entdecken wir Stuttgarter endlich etwas total ungeahntes: Unsere Stadt! Die ist nicht nur dazu da, den Daimlerangestellten ein Dach über dem Kopf zu bieten. Nein,  sie ist unser Lebensraum. Wir leben hier eigentlich schon, wohnen ja nicht nur.

Bislang hat man darauf vertraut, dass die Jungs im Rathaus das schon wuppen. Doch damit scheint für viele Schluss zu sein. Als plötzlich klar wurde, dass Stuttgart21 nicht nur eine feuchte Investorenphantasie war sondern blutiger Ernst, als der erste Bagger im Geleit von 800 Polizisten zum Bahnhof fuhr und ein Bauzaun errichtet wurde, da sind wir aufgewacht. Anstelle der üblich paar Tausend Montagsdemonstranten an die man sich schon gewöhnt hatte gehen jetzt jede Woche Zehntausende auf die Straße. Und das nicht nur einmal die Woche. Jeden Tag um 19 Uhr herrscht Lärm in der ganzen Stadt, Künstler haben den Bahnhof als Performancebühne entdeckt, der Bauzaun ist die längste Freiluftgalerie weit und breit geworden.

Ein tiefer Spalt geht durch die Stadt: Die Befürworter von S21, die der Bahn und der Regierung zutrauen, das Projekt zum Wohle der Stadt durchzuführen und die Gegner, die nach unzähligen Mauscheleien und gebrochenen Versprechen das Vertrauen verloren haben. Die Gegner kann man ganz leicht erkennen: Aufkleber und Buttons sind überall zu sehen. Ein gemeinsames Gefühl sich für die Stadt einzusetzen entsteht auf allen Seiten und etwas wundersames geschieht: Die Stadt wird wahrgenommen. Wir kämpfen um sie und ihre Zukunft, diskutieren, informieren und engagieren uns. Identität entsteht. Wir sind Stuttgarter. Keiner muss sich dafür schämen. Das ganze Land schaut auf uns und ist verwundert, dass ausgerechnet die Schwaben zu so etwas in der Lage sind. Wir sind wieder wer!

Ich möchte meine eingangs ketzerisch formulierte These relativieren: Die Androhung von Stuttgart21 ist das Beste, was uns je passieren konnte. Von der Durchführung kann ich das nicht behaupten. Sollte der Bahnhof vergraben werden wird es trotzdem noch viel zu kämpfen geben. Die Stadt wird sich wandeln, neue Räume entstehen. Wir werden diesmal nicht mehr zulassen, dass Investoren anstelle von Bürgern der Zukunft ein Gesicht geben. Wir sind erwacht und lassen uns nicht mehr verarschen. Nie war ich so froh, eine Stuttgarterin zu sein.

Visionen gesucht

Das Stuttgart eine Zukunftsstadt ist, haben auch die Kollegen vom norddeutschen Rundfunk erkannt und unser neustes Konzept präsentiert: Stuttgart22, die Tieferlegung des Flughafens. Nicht nur das dann auf den Fildern noch mehr Kraut angebaut werden kann, wir können uns sogar den Transrapid sparen! Dann starten Sie – nicht nur – im Grunde genommen am Hauptbahnhof Ihren Flug. Das bedeutet natürlich, dass der Hauptbahnhof im Grunde genommen näher an Baden-Würtemberg heranwächst. Oder so ähnlich.

Wem das zu viel Zukunft ist, kann bei der Hobbythek erfahren, wie man sich ein Stuttgart21 bastelt:

Mein Traum: Stuttgart23, die Tieferlegung des Fernsehturms und Stuttgart24, der Deckel auf dem Kessel. Unten bleiben! Und natürlich noch meine Alternative: Loch21, das tiefste Loch der Welt, mitten in Suttgart als Touristenattraktion. Der Aushub macht aus unserem Monte Scherbelino den Austragungsort zukünftiger Winterolympiaden. Grab mit!

Welche Visionen für unsere schöne Stadt habt ihr? Oder geht ihr wie Altkanzler Schmidt zum Arzt, wenn ihr Visionen habt?

Zuerst erschienen auf brezel.me