Knarre im Hosenbund

Im Anschluss einer Demo stürzen ein paar aufgebrachte Demonstranten einen Bauzaun ein und stürmen eine Baustelle. Viele folgen ihnen und besetzen den Ort. Einige Leute entdecken den Vandalen in sich und machen Randale. Plötzlich rennt einer mit einer Knarre im Hosenbund durch die Gegend! Ein paar Leute versuchen den Burschen aufzuhalten, fordern ihn auf die Waffe abzulegen, es wird gerangelt.

Wäre es ein bewaffneter Autonomer gewesen, der mit seiner Waffe ein Blutbad hätte anrichten können, dann wären jene, die sich ihm in den Weg gestellt hatten civilcouragierte Helden gewesen. Zum Glück war es kein amoklaufender Psychopath, sondern ein Zivilpolizist, der als solcher dann auch erkannt wurde. Weniger Glück für jene, die versuchten ihn aufzuhalten. Ihnen droht eine Anklage wegen versuchtem Totschlag.

In all der aufgeheizten Diskussion über die Besetzung des Grundwasser-Management für die Baustelle von Stuttgart 21 geht die Frage unter, wieso ein bewaffneter Zivilpolizist sich unter die Besetzer und Randalierer mischt. Mir machen Menschen Angst, die mit Waffen rumrennen, ohne dass ich erkennen kann, dass sie Polizisten sind. Ich kann ja nicht davon ausgehen, dass jeder, der eine Waffe trägt, ein Polizist ist. Leider wird jeder Versuch, das Geschehene zu hinterfragen, als Bagatellisierung der durchaus bescheuerten Besetzung inclusive Vandalismus ausgelegt. Und so werden wichtige Fragen von der Presse der Polarisierung geopfert. Denn nur weil die Vandalen im Unrecht sind, rechtfertigt das nicht das Verhalten anderer.

Nachtrag: 
Mein nächsten Mal nicht provozieren lassen, einfach zu den uniformierten Freunden und Helfern gehen und panisch berichten, dass da so ein Verrückter mit ner Knarre durch die Gegend rennt.

Und noch ein Nachtrag zum Video:
Der Freund und Helfer in Lederjacke wurde angeblich vor dem Filmausschnitt von ein paar Leuten vermöbelt, was natürlich überhaupt nicht in Ordnung wäre, egal ob Zivilpolizist oder Demonstrant. Ich war nicht dabei, hab’s nicht gesehen und kann kein Urteil abgeben. Andere, die vor Ort waren, haben aber auch nicht alles gesehen. Drum sag ich einfach mal: Knarren im Hosenbund sind keine gute Idee.

Sitzblockade im Landtag

Jetzt sind die Grünen endlich an der Regierung, doch das Großbauprojekt Stuttgart 21 wird immer noch gebaut! So empören sich viele, zum Beispiel die Radikalinskis unter den Bahnhofsgegnern. Oder die Grünengegner – sie prangern gebrochene Wahlversprechen an. Ja was erwarten die denn? Das die Grünen Sitzblockaden im Landtag veranstalten? Das sie der Rechtsstaatlichkeit einen Tritt in den Hintern verpassen, Hauptsache oben bleiben? Ich kann mich nicht erinnern, dass ein Grüner Wahlversprechen abgegeben hätte, die sich außerhalb des gesetzlichen Rahmens bewegen würden. Natürlich muss die Polizei auch bei einer grünen Regierung Sitzblockaden auflösen. Doch genau daraus versuchen ihnen populistische Medien wie die Bild einen Strick zu drehen.  „Auch grüner Ministerpräsident lässt Blockade räumen“ ruft sie empört ihren Lesern entgegen. „Für die Grünen-Regierung räumten 100 Einsatzkräfte die Baustelle …“ schreiben sie weiter. Werden auch Strafzettel im Auftrag der Grünen-Regierung ausgestellt? Wer die Unwissenheit seiner Leser über die Funktionsweise des Landes nicht nur ausnützt, sondern auch noch schürt, macht sich der Volksverdummung und Hetze schuldig. Das ist unverantwortlich und eine Schande für den Journalismus.

Die Grünen sind an der Regierung und sie nutzen alle rechtsstaatlichen Mittel, die ihnen zur Verfügung stehen, um die Übel des drohenden Erdbahnhofs vom Land abzuwenden. Nicht mehr, nicht weniger. Für die außerparlamentarische Opposition sind andere da.

Neues von der Spalterin

Auf den Artikel „Spalter!“ folgte einiges an Kritik, die für Außenstehende teilweise etwas kryptisch klingen mag. Kein Wunder: Einige Kommentare bezogen sich nicht auf meinen Artikel. Ich will hier mal ein bisschen Licht ins Dunkel bringen, dabei aber keine Namen nennen, weil das der Diskussion nicht zuträglich wäre. Ich möchte mich auch zu einigen Vorwürfen zum Thema Kritik äußern. In einem anderen Artikel („Schisma“) habe ich meine Erkenntnisse aus der Kritik zusammengefasst um eine Grundlage für das Finden von gangbaren Lösungswegen zu schaffen. Alles hier gesagte ist meine persönliche Einschätzung und erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit noch Objektivität. Die gibt es in dieser Sache nicht.

Ich war, wie das bei Facebook leider möglich ist, ungefragtes Mitglied einer geheimen Gruppe, die ich hier mal der Anonymität halber die Judäische Volksfront nennen will. Diese planten und führten eine Aktion durch, die ich im Nachhinein hinterfragt und in einer anderen geschlossenen Gruppe verurteilt habe. Das hatte meinen gerechtfertigten Rauswurf wegen Geheimnisverrat zur Folge, ich habe aber die Erwähnung der fragwürdigen Aktion auch wieder gelöscht. Der darauf hin entstandene Artikel hat davon nichts erwähnt, wurde jedoch von den Mitgliedern der Judäischen Volksfront wohl (teilweise zu Recht) auf sich bezogen empfunden und somit als Affront gesehen. Da ich einige Mitglieder dieser Volksfront persönlich sehr schätze habe ich weiterhin darauf verzichtet, Ross und Reiter zu nennen. Nichts desto trotz hagelte es Kommentare, in denen mitunter versucht wurde, die Aktion zu rechtfertigen. Wenn man nicht möchte, dass etwas an die Öffentlichkeit gerät, dann ist das wohl der Falsche Weg. Und wenn alles im Lot wäre, warum dann die Angst, das etwas thematisiert wird? Auf jeden Fall war mein Artikel keine explizite Replik auf das Verhalten der Judäischen Volksfront, wurde dadurch aber ausgelöst. Das Thema geisterte schon viel länger in meinem Kopf und in Gesprächen mit anderen rum. Die Reaktionen aus der Judäischen Volksfront bestätigen meine Beobachtungen.

Ich freue mich über die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem, was ich hier so von mir geb. Andere Meinungen sehe ich als Chance meinen Horizont zu erweitern. Wer diesen Blog hier verfolgt weiß, dass ich keine Diskussion gescheut habe. Voraussetzung für einen konstruktiven Dialog ist jedoch die Bereitschaft, dem anderen zuzuhören, darüber nachzudenken und eine reflektierte Antwort zu geben. Vorgekautes aus dem großen Schrank der Parolen ignoriere ich auch mal, da es niemanden weiterbringt. Außerdem: Beleidigungen sollten bitte halbwegs geistreich sein. Einige Kommentare zu meinem letzten Artikel unterstellten diesem Inhalte, deren Abwesenheit nur jemand bemerkt hätte, der ihn gelesen hat. Diese Form des Kommentars ist Zeitverschwendung und diskreditiert seinen Verfasser. Ich bin mir auch sicher, dass nicht jeder diesen Artikel über seine zugegebenermaßen lange Strecke aufmerksam liest. Kommentare, die auf Ignoranz des Kommentierten schließen lassen, kann ich bei bestem Willen nicht ernst nehmen.

Ich habe übrigens schon oft bemerkt, dass jene die interne Kritik für illegitim halten, gerne über die nachlassende Demobegeisterung anderer herziehen. Da werden zwei Maßstäbe an ein und das selbe angesetzt.

Ich hoffe, dass die Diskussion etwas an Sachlichkeit gewinnt.

Schisma

Mein letzter Artikel hat offensichtlich eine Menge Leser bewegt. Die einen waren dankbar, dass jemand die Kritik an der Entwicklung des Widerstands gegen das Stuttgarter Großprojekt Stuttgart 21 endlich mal auf den Tisch bringt, andere echauffierten sich. Auch wenn es hier um ein lokales Problem geht, kann man alles Gesagte auf andere Bewegungen anwenden.

In den Kommentaren wurde einerseits über meine Motivation, andererseits über die Auswirkung des Artikels spekuliert. Dabei haben sich zwei interessante und eine in Kauf genommene Positionen herauskristallisiert: Die einen sind der Meinung, dass das Gesagte mal gesagt werden musste, da ihrer Ansicht nach die Bewegung wachgerüttelt gehört. Die anderen sehen darin ein Fall von Selbstzerfleischung des Widerstands, der sich nur mit dorischer Profilierungssucht erklären lässt. Die S21-Befürworter sahen sich in ihrer Protestkritik bestätigt.

Zu meiner Profilneurose: Wollte ich mich profilieren, dann hätte ich mich voll und ganz auf eine Seite geschlagen und auf die andere eingedroschen. Das hätte vielen gefallen, sie hätten mich vielleicht sogar dafür bewundert und wären mir gefolgt. Meine Feinde wären klar identifizierbar gewesen und ich hätte die volle Unterstützung meiner Seite gehabt. Hab ich aber nicht. Stattdessen hab ich einen Eklat produziert, viele Leute haben mir den Rücken zugekehrt, mich persönlich angegriffen und zur Persona non grata erklärt. Manche pflegen ein rebellisches Image, fühlen sich erst wohl wenn sie keiner mehr mag. Sie provozieren auch gegen ihre eigene Meinung. Um des Provozierens willens. Wer diesen Blog kennt, kann sich selbst ein Bild von mir machen.

Natürlich profiliere ich mich in meinen Texten. Sonst würde ich keinen Blog unter eigenem Namen schreiben. Jeder, der seine Meinung öffentlich verbreitet, schärft damit sein Profil. Egal ob in Facebookkommentaren oder auf der Montagsdemobühne. Wenn das Gesagte ins eigene Weltbild passt, dann wird das toleriert und „gefällt mir“ gedrückt, respektive „oben bleiben“ geschrien. Wenn nicht, dann gibt’s was auf die Mütze. Der Vorwurf, nur aus Wichtigtuerei einen kontroversen Kommentar zu veröffentlichen, nehme ich keinem ab, der selbst aktiv an der Kommunikation teilnimmt. Handelt es sich bei diesem Vorwurf um den Versuch, sich vor der sachlichen Diskussion zu drücken in dem man das Gegenüber diskreditiert? Nicht immer.

Es gibt auch eine andere Interpretation: Zwei Weltsichten prallen aufeinander. Das ist man ja schon gewohnt, wenn es um die Bahnhofsfrage und die zugrunde liegenden Wertvorstellungen geht. Irritierend ist es, wenn sich innerhalb einer Gruppierung ein Schisma auftut. Jede Seite ist weiterhin im vermeintlichen Besitz der Wahrheit und kann die Kritik der anderen Seite nicht nachvollziehen. Das Resultat: Endlose Diskussionen, die daran scheitern, dass man von unterschiedlichen Grundannahmen ausgeht.

Wenn die andere Position dadurch so fremd wird, dass man deren Sachlichkeit nicht mehr anerkennen kann, ist es schon nachvollziehbar, dass man den Urheber in Frage stellt. Offensichtlich ist das bei meiner These für einige der Fall. Anstelle wie wild weiter zu diskutieren muss ich mal inne halten und überlegen, welche unterschiedlichen Annahmen dem Schisma zu Grunde liegen. Wo unterscheidet sich meine Sichtweise von der meiner neuen Opponenten? Da ich immer nur von mir selbst ausgehen kann ist das keine triviale Frage. Aber ich will mich mal an ihr versuchen. Bitte korrigiert mich, wenn ich total daneben liege. Oder legt mir selbst eure Sichtweise dar.

Streitbar ist das Thema Zweck. In wie fern heiligt er die Mittel?

Wenn die Gegenseite mit unlauteren Mitteln strategisch gegen den Widerstand vorgeht, würde man den Kampf verlieren, wenn man stets sauber bleibt. Man muss selbst strategisch handeln um überhaupt eine Chance zu haben. Dazu gehört auch, dass man im Verborgenen handelt und notfalls auch manipuliert. Das ist nicht schön, aber leider notwendig. Gemessen an den Mauscheleien der Tunnelparteien ist das alles Pillepalle. Außerdem profitiert keiner davon, man tut es ja für eine gute Sache, nicht für die eigene Tasche. Die unterschiedliche Motivation ist Basis einer unterschiedlichen moralischen Wertigkeit des Handelns beider Parteien. Wer mit dem Zeigefinger auf die eigenen kleinen Tricksereien zeigt, sollte lieber bei der Gegenseite die großen Sauereien suchen. Letztendlich geht es darum, die Stadt vor den Eigeninteressen korrupter Politiker und Unternehmer zu schützen.

Dieses halbwegs utilitaristische Handlungsprinzip ist nachvollziehbar, soll es doch den größtmöglichen Nutzen nach sich ziehen. Ich gebe jedoch zu bedenken: Wer trickst oder verheimlicht macht sich unglaubwürdig. Eine große Stärke des Protests war doch, dass er offen und ehrlich war. Das Gemauschel der Mächtigen war eben jener Grund, der die Leute auf die Straße gebracht hat. Wenn Aktionen hinter verschlossenen Türen geplant und deren Teilnehmer zur Verschwiegenheit angemahnt werden, dann werden andere stutzig. Man darf sich halt nicht erwischen lassen. Das ist aber leider nicht zu vermeiden, wenn zu viele Menschen beteiligt sind, die obendrein selbst noch Zweifel hegen. Es gilt abzuwägen: Rechtfertigt der Nutzen einer Aktion das potenziell verspielte Vertrauen? Rechtfertigt es unter Umständen die Einschüchterung Beteiligter um deren Geschlossenheit zu garantieren?

Andere sagen ja, ich sage nein.

Nun kann es ja mal passieren, dass man im Eifer des Gefechts in der Wahl der Mittel über das Ziel hinaus schießt. Ist es dann gerechtfertigt, im Nachhinein die Aktion zu verurteilen, schlimmstenfalls sogar außerhalb der Gruppe? Es wäre dabei ja nichts gewonnen, nur Unfriede gesät und unter Umständen dem Gegner eine Blöße gegeben. Jeder soll auf seine Weise politisch aktiv sein, niemand hat das Recht, über andere zu urteilen. Wenn einem die Mittel nicht passen, dann muss man ja nicht mitmachen.

Die Freiheit des einzelnen oder Gruppen von ihnen so zu handeln wie sie wollen wiegt schwer. Dem potenziellen Kritiker bleibt nur die Möglichkeit sich schweigend zu distanzieren. Die Gefahr besteht darin, dass ein kontroverser Diskurs innerhalb der Bewegung unmöglich gemacht wird. Kritische Meinungsäußerungen werden als Verurteilung verurteilt, sind nicht erwünscht. Kommunikation dient dann nur noch dem gegenseitigen Schulterklopfen und der Schmähung des Feindes. Oder sie entfällt.

Es gibt bestimmt noch viele andere Punkte wo grundsätzliche Ansichten divergieren. Zum Beispiel die Frage ob es legitim ist, zur Vereinfachung der hochkomplexen Thematik alles schwarzweiß zu zeichnen und auf „wir“ und „die“ zu reduzieren, aber das führt jetzt zu weit, ich glaube ich habe das Grundprinzip des Problem ausreichend erörtert.

Doch wie findet man nun eine Lösung? Sollen nun alle den Mund halten und jeder für sich selbst so vor sich hinprotestieren, oder sollten wir riskieren in internen Auseinandersetzungen das gemeinsame Ziel aus den Augen zu verlieren? Gibt es überhaupt eine Lösung, oder ist sie überhaupt erwünscht? Ich weiß es nicht, mach mir aber Gedanken dazu und freue mich über jeden konstruktiven Beitrag. Egal ob von der Juchtenkäfer-Volksfront, den naiven Gutmenschen oder den Erdbahnhofsfreunden. In der Diskussion sind wir alle gleich.

Ich kann hier nur für mich sprechen. Ich beobachte mein Umfeld, beurteile, verurteile, kritisiere und gebe meinen Senf dazu – öffentlich. Das ist der Sinn dieses Blogs. Ich lasse mich nicht in eine Kiste stecken und versuche allen Seiten gegenüber im selben Maße kritisch zu bleiben. Ich habe eine Position, doch die bestimme ich jeden Tag aufs neue. Also Obacht, liebe Volksfronten: Ich bin eine potenzielle Spalterin, unkontrollierbar und geschwätzig. Wen ihr was zu verbergen habt, dann verbergt es vor mir.

Spalter!

Wie bei vielen ist bei mir in der letzten Zeit – genau gesagt seit der Landtagswahl – die Protestfreude etwas eingeschlafen. Wir haben es nicht nur geschafft, die Laufzeitverlängerung eines störanfälligen Landesvaters abzuwenden, sondern sogar dessen Antipode ins Amt gewählt. Aber eine Altlast einer geistig im Wirtschaftswunder steckengebliebenen Regierung haben wir immer noch an der Backe hängen: Der Erdbahnhof namens Stuttgart 21, ein Größenwahnprojekt, dessen Nutzen jenseits unspezifischer Wachstumträume unüberschaubare Kosten entgegen stehen. Damit hat alles angefangen, das war der gemeinsame Nenner des Protestes, der sich in allgemeine Systemkritik ausgeweitet hat. Eine Schlichtung und viele Blockaden später hat sich am grundsätzlichen Problem nichts, am Widerstand jedoch einiges geändert.

Das Volk wurde anfangs laut, weil es keiner hören wollte. Mit kreativem Engagement breiter Schichten wurde so viel Rabatz gemacht, dass sich kein noch so ignoranter Politiker mehr davor verschließen konnte. Deutschlandweit wurde der Stuttgarter Bahnhof durch die Medien gejagt und hat vielen Politikern die Karriere versaut. Es schien, als hätte der Protest Erfolg gehabt. Hat er aber nicht. Der Bahnhof soll immer noch gebaut werden. Aber noch kann er gestoppt werden. Theoretisch auf jeden Fall. Ob es wirklich geht und mit welchen Mitteln ist eine kontroverse Frage, die einst vereinte Erdbahnhofsgegner heute entzweit. Ob Montagsdemos, Sitzblockaden, ziviler Widerstand, Parkbesetzung oder Schwabenstreich, die Mittel des Protests sind mannigfaltig. Doch welche davon heiligt der Zweck? Darüber könnte man diskutieren, streitet aber viel lieber.

Jeder hat sein eigenes Maß, ich kann hier nur von meinem sprechen. Ich frage mich zum Beispiel stets, wie ich reagieren würde wenn der politische Gegner das selbe täte. Tut er vielleicht sogar. Aber das rechtfertigt nicht, dass ich es ihm gleich tue. Wer „Lügenpack“ ruft, darf selbst nicht versuchen, die anderen zu täuschen. Wer Offenheit fordert, sollte nicht im Verborgenen mauscheln. Auch wenn es dem Zweck diente. Viel zu oft bemerke ich, dass die gefühlte moralische Überlegenheit als Rechtfertigung für fragwürdiges Handeln herhalten muss. Nur weil man sich im Recht wähnt, hat man nicht mehr Rechte. Man wird schnell selbst zu dem, wogegen man auf die Straße geht.

youtube=http://www.youtube.com/watch?v=7aBwSZTiqqI

Dabeisein ist alles
Ich halte es für notwendig, das eigene Handeln stets kritisch zu hinterfragen. Das schwächt nur auf den ersten Blick das Vertrauen in dessen Angemessenheit, aber nicht alle wagen einen zweiten Blick. Wer hinterfragt oder gar kritisiert, wird oft als Spalter beschimpft. Zweifel sind nicht erwünscht. Man befürchtet, dass die Bewegung dadurch Schaden nehmen könnte, denn nur gemeinsam sei man stark. Eine solche geschlossene Gesellschaft kann sehr stark sein. Religiöse Vereinigungen basieren darauf. Sie formulieren Dogmen und vertreten sie unreflektiert, aber standhaft. Klare Regeln geben Halt, Orientierung und Sicherheit, machen vermeintlich unangreifbar. Man ist Teil von etwas Größerem, einer Bewegung. Und es gibt nur zwei Möglichkeiten: Man ist aus vollem Herzen dabei oder man ist raus. Mangelnde Reflektion des eigenen Verhaltens lässt vergessen, worum es eigentlich geht. Dabeisein ist alles. Widerstand wird zum Selbstzweck.

Parolen und Rituale festigen das Gemeinschaftsgefühl, helfen dem Individuum in der Gruppe aufzugehen. Sie vereinheitlichen und zementieren Meinung, sind derer Vielfalt Feind. Hört sich schlimm an, ist jedoch notwendig wenn es darum geht, einen sichtbaren Widerstand zu formieren. Leider. Es ist ein schmaler Grat zwischen der Stärke geschlossener Reihen und der Freiheit der Gedanken. Es ist verlockend aber gefährlich sich als Teil eines Größeren mitreißen zu lassen. Das Gefühl mit Zehntausenden durch die Straßen zu ziehen und mit der Vuvuzela dem einenden Feind entgegenzutröten ist berauschend – und macht mir Angst. Angst vor meiner eigenen Anfälligkeit in der Masse aufzugehen und mitzuschwimmen. Angst vor dem Gefühlstsunami, der über mich schwappt und mein kritisches Denken wegschwemmt. Alle Alarmglocken gehen an.

Schwindender Protest
Nicht alle haben ein solches Alarmsystem. Aus Widerstand wird Lebenssinn, Kritik ist nicht mehr erwünscht, Kommunikation mit Andersdenkenden wird zunehmend schwieriger. Es bedarf nicht vieler Fanatiker, um gemäßigtere Bahnhofsgegner zu vergrätzen. Und die bleiben dann fern, die Bewegung wird zur geschlossenen Gesellschaft. Nach außen scheint es, als ob der Widerstand verschwinden würde. Und das ist ein großer Irrtum. Nur weil viele Leute nicht mehr gegen das Großprojekt auf die Straße gehen, heißt das noch lange nicht, dass sie sich damit abgefunden haben. Und nicht alle wollen einen Bahnhof zu ihrem Lebensinhalt machen.

Ich freue mich, das Leute ihre Zeit und Energie in den Protest stecken, Gruppen bilden, Aktionen durchführen – solange diese nicht all zu tief in die Illegalität eintauchen und die Verantwortung für das Handeln getragen wird. Angst wird es mir nur, wenn es sektiererische Züge annimmt, der Protest zum Selbstzweck wird und Andersdenkende auch in den eigenen Reihen angefeindet werden. Es ist notwendig, die eigene Position aus einem anderen Blickwinkel zu hinterfragen, die eingeforderten ethischen Grundsätze auch an sich selbst anzulegen. Sonst verlieren wir das gemeinsame Ziel aus den Augen: Den Erdbahnhof zu verhindern.

Oben bleiben leicht gemacht

Verrückte Welt! Mappus geht, Kretschmann kommt. Riecht nach Wandel, ist es auch. Und weil’s so schön ist geht’s gleich weiter. Anti-S21-Protesturvater Gangolf Stocker zieht sich aus dem Aktionsbündnis gegen den Erdbahnhof zurück. Differenzen mit dem auf radikal gebürsteten von Herrmann seien wohl ein Grund dafür. Das Bündnis der Obenbleiber hat jetzt unverhofft Ersatz gefunden, und der hat einiges auf der Pfanne! Verkehrsminister Peter Ramsauer sitzt nicht nur am Geldhahn für Bundesmittel, er zeigt sich sogar willens, ihn abzudrehen. Wofür sich unzählige Sitzblockierer erfolglos einen kalten Arsch geholt haben, schafft der CSU-Mann auch ohne Links: Bundesmittel werden einfach umverteilt, die Neubaustrecke nach Ulm wird somit nicht mehr finanziert, die Bahnhofsvergraberei verliert jeglichen Restsinn. Manchmal kann es so einfach sein, wenn man nur die richtigen Kumpels in der Regierung hat. Herzlich willkommen im Aktionsbündnis, lieber Peter. Und nicht vergessen: Oben bleiben!

Das Gesicht des Landes

Landesvater Mappus: Sein Aussehen ist das kleinste Problem.

Väter kann man sich nicht aussuchen. Man hat sie. Ob sie es wollen oder nicht. So geht es auch Baden-Württemberg: Landesvater Stefan Mappus wurde nicht gewählt, er war einfach plötzlich da. Und jetzt polarisiert er: In seiner kurzen Amtszeit hat er einiges hingekriegt. Gleich zum Start hat er den zu atomfeindlichen Umweltminister Röttgen zum Rücktritt aufgefordert. Als Vorkämpfer für Atomkraft hat er sich einen Namen gemacht. Den Schwulen Stuttgarts wollte er kein Grußwort („warme Worte“) zu ihrer „frivolen, karnevalesken Zurschaustellen sexueller Neigungen“ beim Christopher Street Day schreiben. Den Fehdehandschuh der Erdbahnhofsgegner hat er aufgenommen, ihren Protest mit Wasserwerfern beantworten lassen. Unter Bemühung eines Notstandsgesetzes kaufte er im Alleingang für 4.700.000.000 € Anteile der EnBW, auf Pump und organisiert durch einen alten Parteifreund. Die Dividende sollte Zinsen decken. Das war vor Japan. In den eigenen Reihen sorgte er auch für Aufsehen als er kurz vor der Wahl verkündete, dass der Stuttgarter OB Schuster, der nicht zufriedenstellend arbeiten würde, nicht mehr zur nächsten Wahl antreten werde. Schuster wusste davon nichts. Wie so viele Male zuvor musste unser Landesvater zurückrudern, Kreide fressen und sich entschuldigen. Seine Unterstützung für Plagiatsminister zu Guttenberg hat seinem Image nicht gutgetan und dann gehen zwei Wochen vor der Wahl auch noch mehrere Atommeiler in die Luft. Schlechte Zeiten für Atom-Mappus.

Optisch benachteiligt
Kein Wunder, dass seine Gegner ihm nicht gerade wohlgesonnen sind. Wo er auch auftritt erwarten sie ihn mit Trillerpfeifen und Gebrüll („Mappus weg!“). Seine Anhänger sind dem kämpferischen  „Macher“ mit seiner hau drauf Methode in einer Mischung aus Furcht und Bewunderung treu ergeben. Für Karikaturisten ist er eine Steilvorlage. Nicht nur inhaltlich, auch optisch tritt er in die Fußstapfen von Atomminister Franz Josef Strauß. Kein anderer Politiker wird so hässlich und häufig karikiert wie der in Natura schon unvorteilhaft aussehende Ministerpräsident. Schau ich mir all die Bilder im Internet und auf Plakaten bei den Demos an, bekomme ich das Gefühl, sein Aussehen wäre das Schlimmste, was er zu bieten hat. Zugegeben, es ist immer einfacher eine hässliche Fratze zu zeigen als sich mit dem Inhalt auseinander zu setzen. So lässt sich viel leichter ein griffiges Feindbild vermarkten.

Die schlechten Argumente überwiegen
Der Satire sei diese Überzeichnung zugestanden, doch wenn sie überhand nimmt verschwinden die wahren Argumente im Hintergrund. Kein deutscher Politiker hat in so kurzer Zeit so oft die Grenze meines Anstandsgefühls überschritten wie dieser rüpelhafte Landesvater. Wenn er bei der Wahl verhindert werden soll, dann muss man die Unentschlossenen überzeugen. Und das geschieht nicht mit dem Hinweis auf Mappus vermeintliche optische Nähe zum vierbeinigen Schinkenlieferant. Letztendlich dient diese Form der Darstellung nur dem persönlichen Ablassen von Frust. Und dazu ist sie legitim, zu mehr nicht.

Der Wahltag naht
Falls ihr also Menschen begegnet, die immer noch in Erwägung ziehen einer mappusfreundlichen Partei ihre Stimme zu geben, dann fangt erst mal mit Argumenten an, an dann erst mit seiner Optik. Hier ein Spickzettel:

  • Rücktrittsforderung Röttgen
  • Laufzeitverlängerung
  • Christopher Street Day
  • „Fehdehandschuh“, Polizeieinsatz 30.9.
  • Alleingang beim EnBW-Kauf
  • Angriff auf OB Schuster
  • Unterstützung von zu Guttenberg
  • Und weil’s so schlimm war nochmal: 30.9.
  • Für Erdbahnhofsgegner: Stuttgart21

Wem das nicht reicht, darf gerne das Thema „Umweltministerin Gönner und die AKW-Sicherheit“ auspacken.

Und zu guter Letzt, nach all diesem vor Vernunft triefenden Moralisiere noch ein herzliches: „Mappus weg!“

Wem noch mehr Punkte für den Spickzettel einfallen, der kommentiere sie bitte am Fuße dieses Artikels. Und nicht vergessen: Am 27.3. ist Wahltag! Lasst uns Landesvater Mappus das Sorgerecht entziehen.

Schöne Frauen und der tote Winkel des Rechtsstaats

Damit wir nicht vergessen, welch inoffizieller Staatsform unser Ländle seit dem 30.9. gefühlt angehört, erinnern uns ein paar Damen und Herren stets daran. Bei Demos gegen den unliebsamen Erdbahnhof kleiden sie sich in Memoriam an die schwarze Bande, die im Auftrag der Regierung und zum Wohle der Bahn AG im toten Winkel des Rechtsstaates unliebsame Protestler vermöbelt haben. Eine von ihnen ist Hannelore, die mir das hier gezeigte Bild zum Geburtstag angefertigt hat. Sie hat sich digital verdort und mir somit ihre greifbare Existenz dazu geliehen, mal mit dabei zu sein.

Wenn Hannelore sich mal nicht gegen die Machenschaften unseres rüpelhaften Landesvaters und seiner Tunnelfreunde einsetzt, trifft man sie auf Vernissagen in unetablierten Galerien, die einen viel schöneren Untergrund ergeben als ein verbuddelter Hauptbahnhof. Mit ihrer Kamera dokumentiert sie alles und schafft somit ein schönes Abbild der lebendigen Stuttgarter Kunstszene. Um so größer meine Freude, dass sie bei meinen Ausstellungen stets zu Gast war. Schaut die Bilder durch, vielleicht findet ihr ja mich auf einem 😉

https://picasaweb.google.com/HanneloreKober
http://picasaweb.google.com/KarinKober
http://picasaweb.google.com/LoriaKober
http://www.youtube.com/user/HanneloreKober
http://www.google.com/profiles/HanniKober

Weil Hannelore so eine schöne Frau ist, muss ich sie hier zeigen. Das Foto habe ich aus ihrer eigenen Webgalerie gemopst.

Ende des Dornröschenschlafes

Gibt gerne ihren Senf dazu, auch politisch: Frau Asemwald

Ende letzten Jahres wurde ich von der Journalistin Feride Mehmetaj für das Magazin „Reutlinger Bühne“ interviewt. Es ging um die Frage, warum ich als ursprünglich apolitische Bloggerin durch Stuttgart 21 meine politische Seite entdeckt habe. Da dies ja prototypisch für viele ist, die durch die Protestbewegung aus dem politischen Dornröschenschlaf gerissen wurden, will ich das Interview hier mal veröffentlichen. Dazu muss noch bemerkt werden dass das Interview vor dem Ende der „Schlichtung“ stattfand.

Warum jetzt ein politisches Thema?

Weil es was bringt! Ich hab meine Meinung lang genug an der Leine gelassen weil ich nicht dachte dass ich irgendetwas damit bewegen kann. Stimmt nicht. Wenn auch nur eine Stimme unter tausenden, sie wird gehört.

Und warum gerade Stuttgart 21

Weil es mich was angeht. Es geht um die Zukunft meiner Stadt.

Dein Zuhause ist ja eigentlich das world wide web. Wie oft fährt denn eine virtuelle Figur mit der Bahn oder spaziert durch die Stuttgarter Innenstadt?

Das Internet ist für mich ein Verkehrsmittel. Ich lebe in den Köpfen jener, die mich kennen. Das hindert mich nicht daran, durch die Stadt zu spazieren.

Was nervt an der derzeitigen Debatte, unabhängig vom eigenen Standpunkt zum Projekt?

Die Schwanzvergleiche. Wer hat die größte Facebookgruppe, die meisten Aufkleber, die prominentesten Fürsprecher? Das tut nichts zur Sache.

Warum ist das so?

Das Bahnhofsthema ist zu komplex, da streitet man sich lieber über peinliche T-Shirts. Das kapiert jeder. Die Sachthemen überlassen sie der Schlichtungsrunde.

Und was kommentierst du dann?

Ich interessiere mich eher für dass, was mit der Stadt und den Menschen geschieht. Zur Leistungsfähigkeit von Bahnabschnitten hab ich nichts zu sagen.

Was sind deine drei stärksten Gründe gegen den Bau des neuen Bahnhofs?

Das kann man nicht so einfach in einzelne Gründe zerlegen. Ich bin ja generell für Erneuerung, finde die Idee Raum in der Stadt zu schaffen indem man Gleise vergräbt nicht schlecht. Wenn man es richtig macht und der Nutzen den Kosten an Geld und Belastung der Stadt gerecht wird. Und genau davon konnte mich noch keiner überzeugen, auch nicht bei der Schlichtung. Die Bahn und das Land haben nach Gutsherrenart das Projekt durchgedrückt, haben Alternativpläne ungeprüft vom Tisch gefegt. Sie haben getrickst, getäuscht und gelogen.

Auch wenn’s schwer fällt, Dora: Fallen dir auch Gründe FÜR den Bau ein?

Wenn die das Projekt ordentlich geplant hätten, wär es bestimmt zukunftsweisend. Ich finde es auch nicht so toll dass die an sich enge Stadt durch ein Gleisfeld durchtrennt wird. Wenn wir aber Gleisfelder durch Investorenviertel wie das Europaviertel ersetzen bringt das gar nichts. Immerhin haben die Proteste bewirkt, dass die Stadt Gleisflächen gekauft hat um genau das zu verhindern. Aber ich trau denen nicht.

Du hast ein eigenes Projekt gestartet. Es heißt Loch 21. Was hat es genau damit auf sich? Echte Alternative oder nur Gag?

Das Arbeitsplätzeargument ging mir auf die Nerven. Pyramidenbau schafft auch Arbeitsplätze. Die gibt es aber schon. Ein CDU-Landtagsabgeordneter forderte mal, man möge ein Loch am Bahnhof graben um den Gegnern zu zeigen, dass S21 unumkehrbar sei. Das haben die dann mit dem Nordflügel gemacht, ich fand die Idee mit dem Loch aber lustig und habe sie weitergedacht.  Viele mochten die Idee und haben mitgemacht, Bilder gemalt, Lieder geschreiben. Kürzlich wurde das Loch sogar im Hamburger Abendblatt erwähnt. Die haben geglaubt, dass ich die Comicfigur Dora dafür erfunden hätte.

Die Resonanz auf deinen Blog ist sicher riesig. Erzähl uns doch mal von den Superlativen: Was war das schlimmste, lustigste oder überraschendste das du zu hören bekommen hast?

Am krassesten war die Resonanz auf einen an sich harmlosen Artikel in dem ich ein peinliches T-Shirt von der Pro-Stuttgart 21 Demo gezeigt hab.  Da hat mich sofort die taz angerufen weil die das auch bringen wollten. Und viele andere auch. Das kam dann in allen möglichen großen Medien und wurde ein Politikum. Ich fand das etwas übertrieben, hab mich aber natürlich über die erhöhte Aufmerksamkeit gefreut. Ansonsten find ich es immer wieder lustig wenn ich von Jungs beflirtet werde denen das kleine Detail meiner Virtualität entgangen ist. Aber das ist eine andere Geschichte …

Wie gehst du mit Kritik um, die ja derzeit in Sachen „Stuttgart 21“ oftmals aus dem Bauch heraus und damit weniger gelassen daher kommt?

Erst versuch ich’s mit Sachlichkeit, dann appelliere ich an die Tassen im Schrank und den Anstand. Wenn das nichts bringt ignorier ich’s. Geißler ist da mein Vorbild.

Wie schätzt du Heiner Geißler als Schlichter ein?

Wenngleich er eine unmögliche Aufgabe hat, hat er genau das mit der sachlichen Ebene hingekriegt. Ich finde jeder sollte seinen inneren Geisler haben. Der mischt sich dann ein wenn man unverständlichen Blödsinn daherschwätzen will.

Dein innerer Geißler?

Der schläft manchmal, aber man kann ja nicht immer Sklave der Vernunft sein.

Werden Demonstrationen auch in Zukunft ausreichen um sich Gehör zu verschaffen oder brauchen Gegner wirkungsvollere Aktionen?

Die Bahn interessiert es einen Scheiß wie viele Leute auf der Straße sind. Die bauen. Eine wirkungsvollere Aktion wird die Wahl sein. Ohne politische Unterstützung wird es für die schwerer. Und irgendjemand muss die Rechnung ja bezahlen.

Und was ist mit „zivilen Widerstand“?

Solange er intelligent ist und niemand dabei zu Schaden kommt ist das schon in Ordnung. Man muss nicht Autos anzünden um Aufmerksamkeit zu bekommen. Humor ist unsere stärkste Waffe. Ihn kann man im Gegensatz zu Gewalt nicht verurteilen.

Hat sich die Protestkultur gewandelt?

Dank der Vernetzung durch das Internet ist doch so ein koordinierter Widerstand erst möglich geworden. Das wurde unterschätzt. Als die Regierung versucht hat den Polizeiangriff am 30.9. zu vertuschen war längst alles auf Youtube zu sehen. In der Transparenz und der Vernetzung liegt unsere große Chance Licht in die vermauschelten Ecken zu bringen.  Wir brauchen den überwachten Staat statt den Überwachungsstaat.

Was sagt eigentlich deine weibliche Intuition? Kommt Stuttgart 21 oder glaubst du die zahlreichen Gegner zwingen das Projekt in die Knie?

Das wird sich noch eine Weile hinziehen und dann Mangels Finanzierung vor die Hunde gehen. Bauruine 21. Hoffentlich wird bis dahin nicht all zu viel kaputt gemacht.

Die Entwicklung neuer Stadtquartiere im Herzen der City

Architekturfotografie ist meistens das selbe: Ein toller Architekt tobt sich aus, baut irgendwas repräsentatives in die Landschaft, was das dreifache der geplanten Summe kostet. Der Fotograf kommt, wartet bis ihm das Licht gefällt, sucht sich ein paar günstige Blickwinkel und drückt ab. Die schicksten Bilder werden prämiert. Manchmal läuft’s auch anders: Ein Architekt tobt sich aus, plant irgendwas repräsentatives unter die Landschaft, was das vielfache der geplanten Summe kosten wird. Bürger kommen und bauen eine Zeltstadt in die zu unterbauende Landschaft, die Fotografen kommen und drücken ab.

Mit ihrer Bilderserie über die Zeltstadt im Stuttgarter Schlosspark kamen die Fotografen Frank und Steff unter die drei Finalisten in der Kategorie Architektur beim Sony World Photography Award. Dort wurden 105.000 Arbeiten aus 162 Ländern eingereicht. Als Finalist werden die Bilder dann überall auf der Welt ausgestellt.

Name der Serie ist „Die Entwicklung neuer Stadtquartiere im Herzen der City“. Er wurde von den Bauherren des unliebsamen Tiefbahnhofes gestohlen und umfunktioniert. Die Arbeit wird auch im Rahmen des Fotografennetzwerkes „Gegenlicht21“ ausgestellt, das sich künstlerisch gegen das geplante Großbauprojekt Stuttgart21 auflehnt.

Hier die Beschreibung der Serie:

With the beginning of the construction works on the new train station in Stuttgart, Germany („Stuttgart21“), which is meant to become the biggest construction site in all of Europe, the resistance amongst the people against the project grew stronger and stronger. As a result some of the opposers built up a camp in the city’s park to avoid construction work there. The series title, which means „the development of new urban districts in the heart of the city“ is a slogan of the principals of the project. By establishing the campsite this development has already begun.

Ich gratuliere den beiden ganz herzlich und wünsche Ihnen dass sie den ersten Platz bekommen. Außerdem freut es mich, dass dadurch der Widerstand gegen den Erdbahnhof in die Welt getragen wird. Die beiden wurden übrigens noch in einer zweiten Kategorie ausgewählt, doch dazu später.

Alle Finalisten des Wettbewerbs: http://www.freelens.com/foto/sony-world-photography-awards-2011-die-vorauswahl

Weltmeister im Niveaulimbo

Nicht auszurotten: Das legendäre Tuihnuntenreinhemdchen, jetzt auf Amazon zu bestellen.

Manche Dinge sind nicht totzukriegen. Zum Beispiel Zombies. Oder aber das elendige Tuihnuntenreinhemdchen. Das kann man jetzt auf Amazon bestellen, in schwarz und nicht minder mieser Typographie. Ich habe in meinem Shirtshop natürlich auch nachgelegt und ein passendes Hemdchen kreiert. Das Hemdchen kostet schlappe 100 €, da schlechter Geschmack und Geld gute alte Kumpels sind.

Geschmacklos und teuer kann ich auch: Das offizielle Tuihnuntenreinhemdchen aus meiner Shirtboutique.

Ich hab mal den Hemdchenhändler „Styletex23“ besucht und bin über etwas unglaubliches gestoßen! Er hat es geschafft, ein Hemdchen zu finden und anzubieten, welches im Niveaulimbo noch ein paar Zentimeter tiefer daherkommt.

Schlägt Tuihnuntenrein im Niveaulimbo.

Ich erkläre das Hemd zum Weltmeister im Fremdschamhervorrufen. Ich will nicht wissen, wer so was kauft, lustig findet oder gar trägt. In meiner Lebenslüge ist kein Platz für solche Menschen, ich will sie einfach ignorieren.

Der geballte Gärtnerbock

Der Untersuchungsausschuss des Baden-Württembergischen Landtages sollte die Ereignisse des 30. Septembers im Stuttgarter Schloßpark aufklären. Da der Bock zum Gärtner gemacht wurde, war am Ende natürlich niemand für die Bürgervermöblung verantwortlich. Der lokale und großartige Internetsender Fluegel.tv hat alles mitgeschnitten und ins Netz gestellt. Wer ab und an mal live reingeschaut hat, hat sich ein gutes Bild der beteiligten Politiker bekommen. Die Überheblichkeit des CDU-geführten Ausschusses gegenüber jenen, die die Opfer des Polizeiübergriffes vertraten, spricht Bände. Es wäre toll, wenn sich jene, die noch nicht ganz sicher sind, wen sie wählen sollen, das wahre Gesicht der CDU dort sehen könnten.

Insgesamt 55 Stunden sind schon für Ausschuss-Freaks zu viel, das schaut sich keiner an, der sowieso nicht so an der Sache interessiert ist. Da hilft nur eins: Schneiden! Die aussagekräftigsten Szenen zusammenstellen und einfach unkommentiert auf die Leute loslassen. Fluegel.tv ist jedoch ein Haufen Freiwilliger, die weder Zeit noch Geld haben, all das selbst zu machen. Darum brauchen die eure Hilfe. Auf ihrer Webseite kann man dabei helfen die relevanten Stellen zu markieren. Es wird zwar geschrieben dass man damit bis zum 13. Januar fertig sein soll, aber ich habe soeben erfahren dass das Ganze verlängert wird. Es ist auch wichtig dass die einzelnen Videos von mehreren Leuten geschaut werden, sodass unterschiedliche Perspektiven entstehen. Zu viele Köche machen da mal ausnahmsweise den Brei besser.

Wenn die Sache geschnitten und eingedost ist werde ich sie euch hier auf jeden Fall präsentieren

Noch ein Tipp: Den ungeschnittenen, geballten Mappus zu analysieren ist nur was für Hartgesottene.

fluegel.tv

Über diesen großartigen Sender, der damit angefangen hat den damals noch stehenden Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofes per Webcam zu überwachen, werde ich später mal noch mehr schreiben.

Sand im Getriebe

Zugegeben, meine Einschätzung zur Zukunft des Protests gegen Stuttgart 21 in meinem letzten Artikel hatte den unliebsamen Pessimismus zu Gast. Er raubt vielen die Laune und Motivation. Eine ungünstige Ausgangslage dient gerne als Steilvorlage für vorauseilendes Scheitern. Getreu dem Motto der Zyniker: Hat ja eh keinen Sinn. Hilft es da sich die Lage schön zu reden? Den einen oder anderen mag das motivieren, man sieht sich ja selbst gerne auf der Gewinnerseite und denkt: Wer das Scheitern im Kopf hat wird auch scheitern.  Nicht das Scheitern, sondern die Furcht davor ist, was uns scheitern lässt. Ich muss mir eine schwierige Ausgangslage nicht schön reden um sie zu meistern. Aufgesetzter Optimismus ist sehr gefährlich. Man blendet einfach Probleme aus, die einen später dann zu Fall bringen können. Der alte Optimismustrick, sich selbst zum Erfolg zu überreden, funktioniert eh nur bei Angelegenheiten, die uns selbst betreffen. Man muss schon an die globale Kraft der Gedanken glauben um mit Optimismus die Welt zu verbessern. Ich glaube eher an Taten. Und die kann ich optimistisch darin, sie so gut wie mir möglich zu erfüllen, angehen. Wie ich damit auf meine Umwelt einwirke steht auf einem anderen Blatt.

Sand im Getriebe
Mal ganz konkret: Ich halte die Chance, dass Stuttgart 21 gestoppt werden kann für sehr gering. Auch befürchte ich, dass Mappus und seine Bande gewählt werden. Warum setze ich mich dann noch weiterhin ein? Ich könnte auch sagen: Ist doch eh egal, ich lass es bleiben. Vorauseilendes Scheitern durch Nichtversuch. Ebenso könnte man fragen warum jemand auf der Baustelle eine Sitzblockade macht. Der Blockeur weiß von vornherein, dass er weggetragen wird. Es geht darum Sand im Getriebe zu sein. Wenn uns die Regierung schon über den Tisch zieht, dann sollen sie es wenigstens nicht leicht haben. Und jeder kleine Widerstand summiert sich. Kein Getriebe läuft mehr wenn sich ein ganzer Sandkasten darin befindet.

Flinte im Korn
Unsere Chancen sind klein, aber vorhanden. Um so kritischer das Volk, desto weniger kann sich eine Regierung erlauben ohne dass es unbequem wird. Wahrscheinlich schafft man es nicht die Welt zu revolutionieren, aber im eigenen Umfeld besteht die Möglichkeit durchaus. Auch wenn die Gesamtlage pessimistisch scheint, kann ich meinen Optimismus im kleinen ansetzen und erreiche auch so etwas. Vielleicht sollten wir unsere Zielsetzungen überprüfen bevor wir die Flinte ins Korn werfen. Auch wenn wir Stuttgart 21 nicht stoppen können, sind wir immerhin in der Lage darauf einzuwirken was mit der Stadt passiert. Wir werden noch oft scheitern, aber eben so oft werden wir wieder aufstehen und weiterkämpfen. Und vielleicht bleiben wir ja trotzdem oben. Schön wär’s.

Wutbürger, Weichspüler und der Rest vom Protest

Die Stuttgarter Protestkultur hat im ganzen Land für Aufsehen gesorgt. Das friedliche und untypische Publikum aus allen Schichten war mal kurz ein gutes Thema für die Medien, ein neuer Geist der durch das Volk weht wurde erkannt, er kam aus Stuttgart. Der Sommer ist rum. Die Demonstranten wurden verprügelt, die Gegner geschlichtet, der Bahnhof wird vergraben, Atomkraftwerke laufen weiter. Die Krise ist rum, es geht wieder aufwärts, die Landtagswahlen kommen und die meisten werden vergessen haben, was im letzten Jahr so alles passiert ist. Die diffuse Furcht vor einer grünen Regierung wird viele, die letzten Sommer noch vom Hauch der Revolution umspült waren, ihr Kreuz an die gewohnte schwarze Stelle setzen lassen. Man mag ihn nicht, den Mappus, aber er ist gut für’s Land. So denken viele. So wählen viele.

Der Geist des Protestes
Für uns Revoluzer aus dem Stuttgarter Kessel, die den 30.9. nicht nur auf  YouTube erlebt haben, die gesehen haben, wie die Bahn sich bei der Schlichtung gewunden hat, die Mappus Verlogenheit im Untersuchungsausschuss verfolgt haben, die sich nicht nur auf den Demos treffen sondern sich auch darüber hinaus engagieren, für uns ist es nur schwer nachvollziehbar wie schnell der Geist des Sommers verschwinden konnte. Denn bei uns ist er noch da, wir bestätigen uns weiter gegenseitig, tröten und trillern zum Schwabenstreich, frieren Montags gegen das System. Wenn wir genügend an den Wechsel glauben, dann wird er schon kommen. Schön wärs. Gewählt wird in Aalen, Sigmaringen und Lörrach, nicht nur im Lehenviertel oder am Stöckach.

Selbst in meinem eigenen Umfeld treff ich immer häufiger auf Leute, die die Nase voll von dem Thema haben. Sie nervt es höchstens, dass eine Demo mal wieder die Straßen verstopft oder das im Park Müll rumliegt. Sie haben vergessen oder es interessiert sie nicht mehr warum es so wichtig ist, einer korrupten Regierung die Stirn zu zeigen. Sie verdrängen, dass Mappus dem Rechtstaat den Stiefel in den Arsch steckte als er die Wasserwerfer in die Schülerdemo schickte. Natürlich könnte man jetzt die Verdrossenheit und Ignoranz anmahnen und darüber lamentieren, dass so viele einfach nur mitgelaufen sind weil es chic war und die Sonne geschienen hat. Das bringt aber nichts. Doch wie geht es weiter?

Wie viel Druck verträgt der Protest?
Es stehen sich zwei Philosophien gegenüber: Die einen wollen mehr Druck machen. Mehr Demos, ziviler Ungehorsam und Blockaden. Sie nehmen billigend in Kauf dass sie die Unentschlossenen vor den Kopf stoßen. Sie sind nicht bereit zu verhandeln aber dazu bereit sich mit allen Mitteln gegen den Bau des Erdbahnhofs zu stellen. Ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit verdanken wir dass der Bürgerprotest in Stuttgart überhaupt erst wahr genommen wurde.

Die andere Seite sind jene die glauben, dass das Ziel des Druckaufbaus erreicht sei. Die Massen wurden für das Problem sensibilisiert, weiterer Druck bringe da nichts mehr. In ihren Augen schreckt Radikalität jene ab, die sich in der Sache noch unsicher sind. Ihr Ziel ist es, dass mit der Landtagswahl ein Regierungswechsel kommt. Und dazu wollen sie mit den Unentschlossenen reden, die man noch gewinnen kann. Vorausgesetzt man stößt sie nicht vor den Kopf. Und dazu lassen sie sich auf deren Gedankenwelt ein, hören sich die Argumente an, nehmen sie ernst. Selbst oder gerade dann wenn sie den Erdbahnhof eigentlich nicht schlecht finden, irgendwie schon verstehen dass die Polizisten sich ja wehren mussten und daran glauben, dass die Grünen genauso beschissen seien wie die aktuelle Regierung. Das ist nicht einfach, insbesondere wenn es um den 30.9. geht.

Protest als Selbstzweck
Die Druck-Fraktion wirft der Verständnis-Fraktion Weichspülermentalität und Ausverkauf der Ideale vor. Aber worum geht es hier eigentlich? Geht es darum zu beweisen, dass man sich bis zum bitteren Ende vor den Bagger wirft? Das man sich vom System nicht kleinkriegen lässt? Oder einfach darum dass man seine Wut gegen das System Gassi führen kann? Gründe zur Wut gibt es viele. Leider macht sie blind. Man vergisst dabei das eigentliche Ziel. Protest ist kein Selbstzweck. Wenn wir was verändern wollen müssen wir sachlich bleiben, aufklären, überzeugen. Als Wutbürger werden wir nicht ernst genommen. Und genau da will uns die Regierung haben. Diesen Gefallen sollten wir ihr nicht tun.

Quo vadis Protest?
Wie können wir also etwas bewegen? Wo finden wir jene, die noch überzeugt werden können? Auf welchen Kanälen können wir sie erreichen? Welche Argumente brauchen wir um die Saat des Zweifelns zu säen? Wenn jeder Gegner es schafft einem Unentschlossenen zu überzeugen dann haben wir viel erreicht. Wir müssen sie nicht auf die Straße bringen, es reicht schon wenn sie am 27. März ein Kreuzchen gegen Mappus und seinen Filz machen.

Gegnerschwanzvergleich

Liebes Tagebuch,

heute wollte ich eigentlich meinen gestern schon erwähnten Artikel zum Thema Protest in Stuttgart veröffentlichen, bin aber noch nicht zu frieden damit. Inspiration für den Text war der Streit, ob es nun gut sei wenn Stuttgart 21 Gegner ihrer Wut freien Lauf lassen wie zum Beispiel jene, die vor der CDU-Zentrale Radau gemacht hatten. Die einen sagen es würde die Wut zum Ausdruck bringen und klar machen, dass man weiterhin Druck machen wolle. Andere, ich inklusive, finden sowas total beschissen, da wir damit jenen vor den Kopf stoßen, die bei der nächsten Wahl noch nicht sicher sind, was sie wählen sollen. Dafür wird uns vorgeworfen Weichspüler zu sein. Nur noch mehr Druck und somit Eskalation könnte noch was richten. Meine Haltung würde als Ausrede benutzt, nicht mehr so aktiv zu sein.

Ich muss niemanden beweisen dass ich ein waschechter Gegner sei. Darum geht es nicht. Mein Weg ist es nicht, mittels „zivilem Ungehorsam“ der Maschinerie entgegen zu stehen. Ich will nicht am Gegnerschwanzvergleich  teilnehmen, ich führe keine Strichlisten wie oft ich auf der Demo war. Mich kotzt es aber an, wenn andere mir sagen wie ich Widerstand zu leisten habe und behaupten, ich sei nicht radikal genug. Andererseits beurteile und verurteile ich auch das Verhalten von Rabauken, aber die schaden meines Erachtens der Sache.

Ich merke dass das Thema ganz schön vertrackt ist. Mal schauen ob ich dazu noch was Brauchbares geschrieben bekomme.

Ansonsten freue ich mich darauf nächste Woche mal wieder zu verreisen. Ich fliege eine Woche nach Marokko. Dort finde ich hoffentlich die Sonne, die sich hier ja in der letzten Zeit nur noch selten blicken lässt.

 

 

Machenlasser

„Das ist ein Macher, der nimmt die Sache in die Hand“. Voll Bewunderung reden einige über die Alphatiere und -tierchen in der Politik. Dann ist es auch mal egal, wenn das eigenständige „Machen“ nicht so ganz so den Regeln entspricht. Immerhin passiert was, man kommt voran. Arbeitsplätze entstehen, Bahnhöfe verschwinden unter der Erde, Demonstranten im Sprühregen und Geld in den Taschen des Filzes. „Der fragt nicht lange, der lässt sich nichts zerreden.“ Rücksichtslosigkeit wird als Stärke gewertet. Macher müssen nicht beliebt sein, sie müssen einfach machen. Ihnen verzeiht man auch, wenn sie mal über die Stränge schlagen. Nur so lässt sich erklären wie aggressive Unsympathen den Weg unter Billigung des Volkes nach oben schaffen.

Warum fragt eigentlich niemand, was ein Macher eigentlich so macht? Machen alleine ist doch kein Selbstzweck. Die größten Verbrecher der Geschichte waren alles Macher. „Ein starker Mann (warum eigentlich nicht Frau?), der zeigt wo’s lang geht“. Gut für Leute, die weder wissen wo’s lang geht, noch dazu bereit sind sich einen eigenen Kopf zu machen. Wo Macher sind, muss es auch Machenlasser geben. Die wollen nicht gefragt werden. Sie hätten wahrscheinlich auch nichts zu sagen. Außer vielleicht „Jawohl!“.

Wer blind folgt, überlässt den Mächtigen unkontrollierte Macht. Und die korrumpiert. Machtstrukturen ziehen sich wie ein Geschwür durchs Land. Es kann schnell und entschlossen regiert werden. Die Frage ist jedoch in wessem Sinne? Macht braucht Kontrolle, Regierungen brauchen kritische Bürger. Untertanen die die Verantwortung gerne auf „Macher“ abwälzen und glauben dass es ausreicht alle paar Jahre die Mächtigen per Stimme zu legitimieren haben nicht verstanden was Demokratie bedeutet.

Tipp: Wer gerne Macher wählt, sollte sich doch bitte die Mühe machen und herausfinden, was der Entsprechende eigentlich überhaupt macht. Und über wie viele Leichen er dabei geht.

Apropos Scheiterhaufen: Einer Partei, die ununterbrochen seit Gründung eines Landes an der Macht ist sollte die Erfahrung des Scheiterns bei der Wahl mal ganz gut tun. In der Opposition können sich die Macher mal ein paar Gedanken machen, was sie in Zukunft so alles machen wollen. Wenn’s dem Wähler gefällt werden sie ja wieder in die Macht gewählt.

Erdbahnhof #fail

Soeben bei Kein Stuttgart21 auf Facebook entdeckt: Einer Studie des Medienbeobachtungsdienstes Ausschnitt zu Folge soll Stuttgart 21 von Twitteranten der Versager des Jahres 10 sein. Twitternutzer kennzeichnen Versager durch das Schlagwort (Hashtag) #fail in ihrem Gezwitscher. Darauf folgen die Deutsche Bahn, CDU, Apple, FDP und das iPhone. Auf Platz 10: Das Wetter.

Der Erdbahnhof und jene, die ihn um jeden Preis bauen wollen scheinen in der Zwitschergemeinde noch unbeliebter zu sein als Telefone die man zum Telefonieren am Besten nicht in der Hand halten sollte. Vielleicht weils unter der Erde noch schlechteren Empfang gibt. Oder aber weil es sich mit dem Arsch auf der Oberleitung besonders schön zwitschert.

Für alle Nichttwitterkundige:

Die bis zu 140 Zeichen langen „Tweets“, die man per Twitter verschickt werden mit sogenannten Hashtags verschlagwortet. Diese starten immer mit dem Zeichen #. So kann man einfach Meldungen zu bestimmten Themen finden. Das Gezwitscher zur Bahnhofsfrage wird zum Beispiel mit #S21 verschlagwortet, Versagensmeldungen mit #fail. Wer denkt sich die Schlagwörter aus? Alle und keiner, die setzen sich einfach durch.

Protestdevotionalie

Dieses Wochenende war ich mal wieder auf der Sudoku oder so ähnlich, der Messe für Design, Firlefanz und nette Sachen im alten Theaterhaus in Wangen. Ich geb zu, jetzt ist etwas spät um drüber zu schreiben, ist ja schon rum. Wie immer: prima Zeug um seine Wohnung und sich selbst zu dekorieren. In der Abteilung Erinnerungsstücke gab’s, wie einst vor 20 Jahren, mal wieder Mauerstücke. Nicht jedoch vom antiimperialistischen Schutzwall, der die neuen von den gebrauchten Bundesländern trennte sondern ein anderes Gemäuer, dass hier zu Lande mindestens genau so sehr die Gefühle aufwühlt: Der Nordflügel des denkmalgeschützten Hauptbahnhofes. Der Denkmalschutz hat doch nicht ganz so funktioniert, jetzt kann sich ein jeder die von Felix Fuchs gestaltete Karte mit Protestdevotionalie kaufen und in die Andachtsecke stellen.

Wer die Dekumo verpasst hat, kann sie ja wo oder wann anders besuchen: dekumo.de

Erschienen auf brezel.me

Schlichtungsspiel

Es wird ja die ganze Zeit gemunkelt, was Papa Geißler morgen zum Abschluss der Schlichtung in Sachen Stuttgart 21 so sagen wird. Ein Blick in meine Kristallkugel hat gezeigt, was passieren wird.

In Ermangelung eindeutiger Fakten verkündet Geißler morgen sein salomonisches Urteil: Unentschieden. Ein Fußballspiel soll darüber entscheiden ob oben bleiben oder oben ohne. Auf der einen Seite unter Trainer Gangolf Stocker die Gegner, Rüdiger Grube leitet die Befürworter.

Am Anfang gleich Aufruhr. Özdemir hat den Mannschaftsbus verpasst, wird schnell noch mit dem Hubschrauber eingeflogen. Anpfiff, doch nichts geht: Puttenat von Flügel TV verwickelt die Spieler in eine Podiumsdiskussion. Schiedsrichter Geißler schickt ihn vom Feld, das Spiel geht los. Es steht 1:0 für die Befürworter, da das erste Tor schon seit 15 Jahren geplant und somit demokratisch legitimiert ist. In der 12. Minute geht’s gleich zur Sache: Um gegnerische Treffer zu verhindern lässt Trainer Grube das eigene Tor abbauen. Rockenbauch schreitet ein und besetzt das Tor. Am Spielfeldrand: Christian List läuft sich schon mal warm. Walter Sittler nutzt die Chance und macht eine Minute lang Lärm, der Gegner-Fanblock macht mit. In der 34. Minute will Von Hermann nicht mehr mitspielen und kettet sich am Torpfosten an. Die Balljungen machen aus Solidarität Sitzblockade im Strafraum. Stürmer Mappus kommt von rechts und vertreibt die Jungs mit dem Gartenschlauch. Hooligans vom schwarzen Block stürmen das Feld und helfen ihm dabei. Das gibt gelbe Karte, Elfmeter, Tor! Das Spiel ist wieder ausgeglichen. List läuft sich weiter warm, das Spiel geht weiter.

In der zweiten Halbzeit machen die Befürworter ordentlich Druck, doch in der 56. Minute versucht Nils Schmid das Spiel zu unterbrechen um das Publikum zu fragen, wer gewinnen soll. Die sind zu jedoch zu sehr damit beschäftigt zu streiten, wer mehr Leute im Stadion hat und wer das peinlichste Fan-Shirt trägt. Bräuchle fordert wegen dreckigem Rasen die gegnerischen Fans auf, das Stadion zu verlassen. Das Spiel geht weiter, doch meiner Kristallkugel geht der Saft aus. Mist! Jetzt wissen wir erst nicht, wie’s ausgeht.

Erschienen auf brezel.me

Mehr Transparenz bitte!

Die Jungs von BFE-TV filmen wie ihre Kollegen Parkschützer vermöbeln.

Heute beginnt der parlamentarische Untersuchungsausschuss zum umstrittenen Polizeieinsatz im Stuttgarter Schlossgarten am 30. September. Es wurden Aufnahmen der Polizei und vom SWR gezeigt, anschließend tagt das Gremium unter Ausschluss der Öffentlichkeit. So weit, so gut.

Was ist mit all den Aufnahmen, die Demonstranten gemacht haben und auf YouTube gestellt haben? Viele Geschehnisse wie die Knüppelattacke des glatzköpfigen Polizisten sind nur dort zu sehen. Wie kann es angehen, dass hauptsächlich das Material der Polizei ausgewertet wird, welche doch selbst auf der Anklagebank sitzt? Wahrscheinlich sind denen Privataufnahmen nicht offiziell genug. Gute Ausrede. Und auf welcher politischen Seite der SWR steht ist ja auch hinlänglich bekannt.

Wackliges Vertrauen
Ich frage mich auch warum das Gremium hinter verschlossenen Türen tagt. Hier besteht doch ein großes Interesse in der Öffentlichkeit. Warum übertragen die das nicht einfach live wie die Schlichtung? So könnten sie dem Vorwurf, dass sich die verantwortlichen Politiker aus der Affäre mauscheln schnell entgegentreten. Aber dann könnten sie ja nicht mehr mauscheln. Sollten die Verantwortlichen sich dort aus der Verantwortung stehlen wird das eh schon wacklige Vertrauen der Bürger in die Arbeit der Regierung vollends verloren gehen. Und da es keiner mit ansehen konnte, wird der Zweifel am Untersuchungsausschuss haften bleiben.

Die Leute gehen auf die Straße weil sie das Vertrauen in ihre gewählten Vertreter verloren haben. Den Ruf des Lügenpacks hat sich unsere Regierung redlich verdient. Das einzige was da noch helfen kann ist Transparenz. Die Schlichtung mit Heiner Geißler ist ein gutes Beispiel dafür. Die nüchterne Übertragung durch Phoenix oder Flügel TV erlaubt es dem Zuschauer sich unabgelenkt durch suggestive Bildregie ein Bild der Situation zu machen. Die Interpretation der Medien des geschehenen wird immer weniger gewünscht, da sie nicht neutral zur Sache stehen. Die Leute wollen sich ein eigenes Bild machen.

Uninszenierte Transparenz
Das Internet macht es möglich. Flügel TV zeigt, dass Fernsehen auch ohne große Mittel produziert werden kann. Die mangelnde Inszenierung der Low-Budget-Übertragung macht sie sogar noch glaubwürdiger. Viele Leute sind stark inszenierte Infotainmentformate wie Anne Will satt, die durch ihre Bildregie und Einspieler mit dramatischer Musik die Objektivität dem Unterhaltungswert opfern. Die Hoheit über politische Information darf nicht in den Händen weniger großer Medien bleiben. Demokratie bedeutet auch demokratische Medien. Dank dem Internet kann heute jeder Journalist sein. Die Qualität selektiert sich von alleine aus, denn wer schlecht berichtet wird einfach nicht mehr angeklickt.

Das Internet revolutioniert den Informationsfluss und somit auch die Art und Weise wie Regierungen mit den Volk kommuniziert. Kein Wunder also dass der Staat mit allen Mitteln versucht das Netz zu kontrollieren. Das geht zum Glück nicht so einfach. Die Zeiten des Gemauschels in dunklen Kammern sind hoffentlich bald vorbei. Mal schauen wann das unsere Regierung auch kapiert. Transparenz und Ehrlichkeit könnten doch auch als Chance genutzt werden das Vertrauen der Bürger wieder zurück zu gewinnen. Zeit zum Umdenken!