Braune Suppe


braune Suppe

Ich „entfreunde“ mich eigentlich nie bei Facebook. Ich mag Menschen mit all ihren Eigenheiten, selbst wenn ihre Weltsicht mit meiner wenig zu tun hat. Das erweitert meinen Horizont. Letzte Woche jedoch habe ich fast reflexhaft jemanden aus meinem Facebookleben verbannt, nachdem ich durch einen unschönen Beitrag einen Blick auf die Pinwand eines Facebookkontaktes aufmerksam wurde. Dort fand ich eine Litanei von fremdenfeindlichen Artikeln, stets gefolgt von affirmativen Kommentaren. Die Artikel empörten sich über eine vermeintliche „Islamisierung“ und „Überfremdung“ unserer Gesellschaft, sie schürten Angst und leiteten diese in blanken Hass über. Diese braune Suppe negativer Gefühle überschwappte mich und lies mich erst einmal sprachlos zurück.

Ich fragte mich, wie solche Menschen zu mir kommen und welche anderen Personen wir gemeinsam kennen. Nicht die Bedrohung durch Migration, sondern die durch ein Großbauprojekt war der gemeinsame Nenner, den wir teilen. Ohne groß nachzudenken beendete ich den Kontakt. Ich „entfreundete“ mich.

Im Nachhinein frage ich mich jedoch, ob ich nicht lieber den Kontakt gesucht hätte. Wenn ich selbst kommentiert hätte und auf die menschenverachtende Natur dieser Artikel hingewiesen hätte. Wenn ich versucht hätte, die Angst dieser Menschen nachzuvollziehen und ihnen gesagt hätte, dass ihre Angst von rechtsradikalen Organisationen gezielt geschürt würde, um ihre hasserfüllte Weltsicht zu verbreiten. Ich hätte in die tiefsten Abgründe der menschlichen Natur hinabsteigen müssen, auf die Gefahr hin, selbst zu verzweifeln. Habe ich den Schwanz eingezogen? Hätte es überhaupt einen Sinn gehabt? Wo ist die Grenze zwischen Engagement für eine gute Sache und Selbstschutz? Und überhaupt: Was machen wir eigentlich gegen die schleichende Rechtsradikalisierung unserer Gesellschaft? Nazis kann man nicht mehr nur an Glatzen und Springerstiefeln erkennen. Sie sind mitten unter uns und vergiften unsere Gesellschaft, in dem sie Feindbilder kreieren und Ängste verunsicherter Menschen schüren.

Viele belassen es dabei, sich darüber zu empören und sich für die Empörung gegenseitig auf die Schulter zu klopfen. Man zeigt Einigkeit darin, die Braunen Kacke zu finden, was wohl ein gutes Gefühl auslöst. Leider ist das sinnlos. Davon wird die Welt nicht weniger braun. Doch was kann man machen, wenn man über rechtsradikales Gedankengut im eigenen erweiterten Umfeld stolpert? Dagegenpöbeln hilft nichts, sondern verfestigt nur noch das angst- und hasserfüllte Weltbild der anderen. Wie können wir anderen die Angst nehmen? Wie können wir ihre Abwehr gegen rechtes Gedankengut stärken? Ich weiß es nicht. Wie geht ihr mit solchen Situationen um?

 

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Für unsere Bosheit an die Pinwand genagelt


tardar-christDas Katzenbildverbreitungsnetzwerk Internet hat eine Königin: Tardar Sauce, besser bekannt als Grumpy Cat. Die zwergwüchsige Vierkurzbeinerin ist die Meisterin des grimmigen Dreinblickens, was ihre Fotos als perfekte Zutat für Bildchen mit dummen Sprüchen (sogenannte Meme) macht, die die Pinwände von Facebook und anderen Katzenverbreitungsplattformen wie Tumblr verstopfen. Grundthema der Grumpy-Cat-Meme sind schlechte Laune, Misanthropie, Hass auf die Welt, Tod und Teufel. Kurzum: Tardar steht sinnbildlich für alles Schlechte dieser Welt. Das arme Vieh wird an die Pinwand genagelt, um all die Boshaftigkeit der Menschheit auf sich zu nehmen. So was ähnliches ist schon mal mit unseren Sünden passiert …

Grumpy Cat Meme selbst erstellen: http://www.quickmeme.com/Grumpy-Cat/

Klugschiss-PS: 

Meme wurden 1976 von Atheisten-Papst Richard Dawkins in seinem Buch „Das egoistische Gen“ beschrieben und als solche benannt (Wer Fegefeuer und Hölle nicht scheut, dem sei die Lektüre sehr empfohlen!). Im letzten Kapitel überträgt Dawkins seine zuvor aufgestellten Thesen auf Gedanken und Ideen, die ebenso einem evolutionärem Prozess unterlägen wie Gene, in dem er die drei Zutaten dieses Prozesses auf Kommunikation überträgt: Replikation, Mutation, Selektion. Gedanken werden beim Verbreiten repliziert, durch Übertragungsfehler mutieren sie, wie man vom Stille Post spielen her kennt und werden dann selektiert, in dem nur das weiter gegeben wird, was interessant oder lustig genug ist. Ein gutes Beispiel ist die Verbreitung von Witzen und Gerüchten.

Mit diesem Modell kann man die Entstehung von Kultur grob erklären, und wer darüber mehr wissen will, sollte Susan Blackmores Buch „Die Macht der Meme“ lesen, das eine ganz gute Einführung in die Theorie gibt.

Das Internet mit seiner dezentralen Netzstruktur ist ein idealer Nährboden für Meme. Internet-Phänomene wie Katzen- und Witzbilder, die sich viral, also sehr schnell und weit verbreiten und in unzähligen Varianten modifiziert werden, bezeichnet man auch als Meme. Das Grumpy-Cat-Mem ist ein derzeit sehr erfolgreiches Exemplar.

Literatur: 

Richard Dawkins: Meme, die neuen Replikatoren. In: Das egoistische Gen. (Original: The Selfish Gene. Oxford University Press, 1976). Jubiläumsausgabe 2007, S. 316–334. ISBN 3-499-19609-3.

Susan BlackmoreDie Macht der Meme. Heidelberg, Berlin: Spektrum Akademischer Verlag, 2000, ISBN 3-8274-1601-9.

Vortrag von Susan Blackmore über Meme:
http://www.ted.com/talks/susan_blackmore_on_memes_and_temes.html

Kurze Zusammenfassung: http://www.bertramkoehler.de/memetik.htm

Hier ein paar dorische Klugschisse dieses Blogs, die sich mit Memen beschäftigen und tief ins Reich des Hanebüchenen führen:

https://asemwald.wordpress.com/2008/06/10/dorische-lebensformen-im-el-dorado-der-immateriellen-realitat/

https://asemwald.wordpress.com/2008/09/10/reise-in-die-welt-des-ungesunden-menschenverstandes/

Meme, die grad rumgehen: http://knowyourmeme.com/

offizielle Grumpy Cat Seite:
http://www.grumpycats.com/

auf Facebook:
https://www.facebook.com/TheOfficialGrumpyCat

Virtuelle Identität


Dieser Artikel ist zuvor in der Kontext Wochenzeitung erschienen, ist hier aber noch mal mit Links zu Quellen und weiterführenden Artikeln versehen. 

Die Musik, die wir hören, die Kleider, die wir tragen, die Bars, in die wir gehen – all das ist Teil unserer Identität, so nimmt man uns wahr. Weltweit und sofort, Internet sei Dank. Wir erschaffen unser Abbild in der virtuellen Welt, unsere Identität erweitert sich in soziale Netzwerke wie Facebook. Vor welche Herausforderungen stellt das unsere Gesellschaft, die kaum noch hinter den Entwicklungen des Internets herkommt?

Wenn Mark Zuckerberg, Gründer und Chef von Facebook, die neuesten Entwicklungen verkündet, lauscht die Welt. Kein Wunder: das soziale Netzwerk, bei dem sich vor Kurzem erst über 500 Millionen Menschen innerhalb von 24 Stunden einloggten, verändert unsere Gesellschaft nachhaltig. „Timeline“ nennt sich das neueste Feature, das auf der Konferenz F 8 im September vorgestellt wurde. Facebook will nichts weniger, als das Leben aller Nutzer von der Geburt bis zum Tod zu dokumentieren und in einem virtuellen Tagebuch zusammenzufassen.

Da kommt einiges zusammen, denn jeder Schritt auf Facebook hinterlässt Spuren, bildet unsere virtuelle Identität. Zum Glück kann man Unliebsames aussortieren und sich somit seine eigene Biografie zusammenschustern. Das Verlockende daran: befreit von der Last des physischen Körpers, kann sich dort jeder selbst neu erfinden. Wie nah das digitale Bild dem greifbaren ist, entscheiden wir zuerst mal selbst, denn Onlineprofile sind geduldig.

Kaum jemand ist ehrlich, wenn es ums eigene Gewicht beim Netzflirt geht. Schwierig wird es erst, wenn man den geschützten Raum des Webs verlässt und das Profil dem Vergleich mit der Realität standhalten muss. Manche wollen gar nicht erst ein Abbild ihrer selbst erstellen, sie genießen den Schutz der Anonymität. Sei es, um sich vor der Verantwortung ihres Handelns zu drücken oder sich vor Repressalien zu schützen.

Der Innenminister möchte ein digitales Vermummungsverbot

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hat im Anschluss an die Anschläge in Norwegen der Anonymität im Netz den Kampf angesagt. Es müsse gelingen, die geltende Rechtsordnung auch auf die digitale und virtuelle Welt zu übertragen, sonst versinke das Netz „ins Chaos der Gesetzlosigkeit“. Klarnamenzwang fürs Internet? Das lässt sich technisch nicht umsetzen und würde den unbescholtenen Surfer in falscher Sicherheit wiegen. Friedrich bedient dabei lediglich die Ressentiments jener, denen die Freiheit des Internets Angst einflößt und liefert einen weiteren Vorwand, die Meinungsfreiheit im Netz zu beschneiden.

Anonymität bietet auch Schutz. Niemand würde sich in einer Selbsthilfegruppe für heikle Themen mit seinem Klarnamen outen, insbesondere wenn regelmäßig Datenlecks vermeintlich Privates in die Öffentlichkeit spülen. In Ländern, die Andersdenkende verfolgen, ist die Anonymität für kritische Geister unabdingbar. Das kann natürlich auch nach hinten losgehen, wie die Geschichte der vermeintlichen Bloggerin Amina Arraf, die mit ihrem Blog „A Gay Girl in Damascus“ international für Aufsehen sorgte. Ihre klischeebehafteten Berichte aus dem unterdrückten Syrien bedienten genau das, was die Öffentlichkeit hören wollte.

Als sie vermeintlich entführt wurde, flog die Geschichte auf: Amina entpuppte sich als die Erfindung des 40-jährigen Langzeitstudenten Tom MacMaster aus dem schottischen Edinburgh.

Viele Jugendliche werden Opfer einer Cybermobbig-Attacke

Anonymität begünstigt verantwortungsloses Handeln. Unter falschem Namen kann man nach Lust und Laune pöbeln und belästigen. Sogenannte Trolle machen sich einen Sport daraus, Web-Foren und Diskussionen zu stören. Kommentarschlachten zu kontroversen Themen wie dem Großprojekt Stuttgart 21 nehmen teilweise groteske Formen an. Hässlich wird es, wenn gezielt Einzelne angegriffen werden. Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker-Krankenkasse waren 32 Prozent der befragten Zwölf- bis 20-Jährigen bereits Opfer einer Cybermobbing-Attacke.

In einigen Fällen führte das zum Selbstmord von Jugendlichen, die dem virtuellen Druck nicht standgehalten haben. Die Anonymität im Netz muss verschwinden, so Randi Zuckerberg, die Marketingchefin von Facebook. Nutzer würden sich unter Nennung ihres eigenen Namens besser benehmen. Doch was ist, wenn sie unter fremden Namen agieren?

Eine große Gefahr für virtuelle Identitäten ist deren Diebstahl. So hat eine Hackergruppe namens The Script Kiddies am diesjährigen US-amerikanischen Unabhängigkeitstag den Twitterkanal von „Fox News Politics“ gekapert und verbreitet, US-Präsident Obama sei einem Attentat zum Opfer gefallen.

Pflicht zum Klarnamen schützt vor Schaden nicht

Viel beliebter bei Identitätsdieben ist jedoch der Missbrauch geknackter Nutzerkonten, um unter fremder Flagge mal ordentlich in Onlinekaufrausch zu verfallen. Ärgerlich für das Opfer: er oder sie muss für die Taten des Hackers erstmal geradestehen. Wie einfach es ist, in die Identität anderer zu schlüpfen, hat letztes Jahr der Hacker Eric Butler gezeigt. Eine von ihm erstellte Software erlaubte es auch Laien, ungeschützte WLAN-Netzwerke nach Zugangsdaten zu diversen Onlineplattformen abzuhorchen. Vor so etwas kann eine Klarnamenpflicht nicht schützen.

Google-Manager Eric E. Schmidt warnte letztes Jahr davor, dass die Gesellschaft grundsätzlich nicht auf die durch technische Entwicklungen ausgelösten kommenden Veränderungen vorbereitet sei. Nur der Verzicht auf Anonymität kann Missbrauch verhindern, jeder müsse für seine Aktivität im Netz verantwortlich gemacht werden können. Wie uneigennützig diese Warnung ist, sei dahingestellt: Google verdient sein Geld mit zielgenau platzierter Werbung, und für die ist Anonymität Gift.

Nutzerdaten sind die neue Währung im Netz. Umso genauer sie und somit das Konsumverhalten aufgeschlüsselt sind, desto wertvoller sind sie für Werbetreibende. Jeder Klick wird registriert und analysiert, das Bild potenzieller Kunden wird immer schärfer. Das hilft dabei, stets die passenden Werbebanner einzublenden. So kann man zum Beispiel ehemaligen Käuferinnen von Umstandsmode später Babynahrung anbieten. Die Konsumdaten werden derzeit noch anonym gespeichert, der Nutzer identifiziert sich über Cookies, kleine Dateien, die Internetseiten im Webbrowser ablegen.

Keine Kontrolle über den Großteil unserer digitalen Spuren

Auch außerhalb des Netzes werden Daten gesammelt: Laut Paypal-Chef Scott Thompson soll der Geldbeutel bis 2015 ausgedient haben. Das ist eine mutige Ansage, aber nicht ganz unwahrscheinlich, bedenkt man, wie schnell sich elektronische Zahlungsmittel ausbreiten. Google testet derzeit sein neues Angebot Google Wallet. Man bezahlt einfach mit dem Handy, das sich mittels NFC-Technologie (Near Field Communication) per Funk mit der Kasse kurzschließt. So werden wir beim Offline-Shoppen ebenso gläsern wie im Netz.

Wir können viel über unsere virtuelle Identität herausbekommen, doch was im Internet genau von uns bekannt ist, weiß niemand. Haben wir unser digitales Selbst überhaupt im Griff? Auf Plattformen wie Facebook können wir – technisches Know-how vorausgesetzt – noch entscheiden, wie unser eigenes Profil aussieht und wer es sehen kann. Doch ist das nur die Spitze des Eisbergs, über den Großteil unserer digitalen Spuren haben wir keine Kontrolle.

Die Abbildung der greifbaren Welt in der virtuellen schreitet voran. Smartphones wissen per GPS, wo sich ihr Nutzer gerade befindet und geben Tipps, was die Umgebung so zu bieten hat. Wir können überall auf die digitale Version unserer Welt zugreifen, sehen, welche Cafés sich in der Umgebung befinden, und lesen, was andere von ihnen halten. Onlinealben voll fremder Urlaubsfotos zeigen uns den besuchten Ort durch andere Augen, und wir können schauen, welche Bekannten sich gerade in der Gegend befinden. Unsere Bewegungsprofile erweitern unsere virtuelle Identität, binden sie an die physische Welt und machen uns noch gläserner.

Facebook scannt alle hochgeladenen Porträts biometrisch

Derzeit wird das Internet auf das neue Protokoll IPv6 umgestellt, welches die Anzahl der möglichen Internetadressen von zirka vier Milliarden auf 10 hoch 38 erhöht und es somit jedem Toaster erlaubt, uns online seinen Röststatus mitzuteilen. Einen riesigen Schritt zur Verschmelzung von materiellem und virtuellem Raum wird die biometrische Gesichtserkennung auslösen. Ein schnelles Foto, und Menschen aus Fleisch und Blut lassen sich mit ihren virtuellen Alter Egos abgleichen, egal unter welchem Fantasienamen sie im Netz unterwegs sind. Technisch ist das möglich, es wird an Flughäfen und bei der Strafverfolgung schon eingesetzt.

Facebook scannt beim Hochladen alle Bilder biometrisch und markiert auf Wunsch die abgebildeten Personen. Durch Gesichtserkennung mit der Handykamera könnten wir Leute auf der Straße biometrisch abgleichen und identifizieren. Da sträubt sich heute noch der Datenschutz dagegen, aber es ist letztendlich nur eine Frage der Zeit, bis das technisch Machbare auch eingesetzt wird.

In nicht allzu ferner Zukunft werden wir Geräte haben, welche die Realität um ihr virtuelles Abbild erweitern. Eine Kamera wird unsere Umwelt aufnehmen, das Gesehene identifizieren und virtuelle Zusatzinformationen anbieten. Die sogenannte Augmented Reality ist das Portal zwischen zwei Welten, die sich immer schneller annähern. Und so wie die Realitäten ineinander übergehen, verschmelzen wir mit unseren virtuellen Identitäten. Die Frage nach Anonymität wird sich spätestens dann kaum noch stellen.

Selbst Science-Fiction-Autoren beißen sich die Zähne aus

Wie lebt es sich in einer Welt, in der uns alles und jeder mit Informationen zuballert, in der nicht mehr klar ist, was greifbar und was virtuell ist, in der es kaum noch Raum für Geheimnisse gibt, in der Revolutionen über Facebook verabredet werden? Und welche Gegenbewegung wird all das auslösen? An diesen Fragen nach den Folgen für unsere Gesellschaft beißen sich selbst Science-Fiction-Autoren die Zähne aus. Die Entwicklung ist unvorhersehbar und schreitet schneller voran, als dass wir uns an sie adäquat anpassen können. Die Kluft zwischen jenen, die damit aufwachsen, und denen, die einst gelernt haben, sich ohne Handy erfolgreich zu verabreden, wird immer größer.

Während die Alten sich der Entwicklung verweigern und den Verfall ihrer Kultur anprangern, nutzen die Jungen die neuen Medien ohne Vorbehalt und schaffen ihre eigene, neue Kultur, die Außenstehenden nicht nachvollziehbar ist und ihnen Angst einflößt. Wird unsere Gesellschaft dadurch überfordert und unmenschlicher werden, oder ist es die Chance auf eine bessere Welt? Wir können davon halten, was wir wollen, aufhalten können wir es nicht – aber kritisch beobachten und schauen, wie wir verantwortungsvoll damit umgehen können, und dann das Beste draus machen.

Die Bloggerin Dora Asemwald ist ein virtuelles Wesen, erfunden von einer Person, die keine Repressalien fürchten muss und auch offen ihren Namen jedem nennt, der sich dafür interessiert. Asemwald wurde aus dem Wunsch geboren, die Grauzone zwischen der greifbaren und der virtuellen Realität zu erforschen.


Kokain und Dschungelcamp


Über das Treiben im virtuellen Raum mehr oder minder bekannter Stuttgarter wurde gestern bei den Stuttgarter Nachrichten berichtet. So auch über mich, da ich wohl auch zur lokalen Prominenz zähle. Ich bin da in illustrer Gesellschaft: Playmate des Jahres „Mia Gray“ Michaela Grauke, Fußballerbruder und Partyveranstalter Rômulo Kurányi, Ballettänzer Eric Gauthier und lokale Politiker, die über Facebook wahlkämpfen.

Promi, das klingt nach Skandal, Kokain, Dschungelcamp und Absturz! Vom glitzernden Sternchen auf den roten Teppichen der Welt bis zur besoffenen Bestie auf dem heimischen Teppich in YouTube. Ich lass mir das mal zu Kopf steigen.

Hier mein Senf, der veröffentlicht wurde:

Dora Asemwald, virtuelle Stuttgarterin
Freunde:768 (Stand: 1. März 2011)

Wie wichtig sind für Sie Facebook und Twitter? Als Schreiberin ist Facebook das wichtigste Werkzeug, um meine Geschichten zu verbreiten. Privat ist Facebook – auf Grund meiner persönlichen Umstände – ein unverzichtbares Medium, um Kontakt zur Welt zu halten. Twitter ist ein Zusatzkanal, der schön schnell und unkompliziert ist.

Wie oft schauen Sie bei Facebook vorbei? Wie oft posten Sie auf Twitter? Viel zu oft! Ich lasse mich gerne von Facebook ablenken. Getwittert wird immer, wenn ich was in meinem Blog veröffentliche, also täglich (Lüge!). Ansonsten bin ich dort eher ruhig.

Seit wann sind Sie bei Facebook und Twitter? Bei Facebook bin ich seit 2007, Twitter nutze ich seit zwei Jahren.

Was würden Sie niemals posten? Persönliches. Man sollte nur posten, was jeder wissen darf. Das Internet vergisst nichts und alle Daten können irgendwann von jedem gefunden werden. Wenn ich in meinem Blog Persönliches erzähle, dann nur Dinge, die die Öffentlichkeit erfahren darf. Ich vertraue nie den Privatsphäreeinstellungen. Sinnlose Kettenbriefe nerven mich, so etwas leite ich nie weiter.

Schonmal was Lustiges passiert? Lustig ist, wenn neue Facebook-Kontakte mir nicht glauben wollen, dass ich ein virtuelles Wesen bin. Insbesondere Männer überlesen das offenbar. Ihnen gefallen wohl meine Profilbilder. Ich muss sie dann enttäuschen…

Posten und twittern Sie alles selbst? Alles Handarbeit. Ich halte nichts davon, persönliche Posts von anderen schreiben zu lassen.

Stuttgart – Die virtuelle Welt ist ein Dorf und der Stuttgarter Talkessel findet sich schon längst auch im Social Web wieder. Auch viele bekannte Stuttgarter tummeln sich auf Facebook oder teilen ihre Erlebnisse über den Kurznachrichtendienst Twitter mit ihren Followern.

Wir haben uns auf die virtuellen Spuren der Stuttgarter Promis gemacht und wollten von ihnen wissen, wie wichtig die Netzwelt für sie ist. Die spannenden Antworten von VfB-Spieler Timo Gebhart,  der Politikerin Muhterem Aras und vielen anderen gibt es in unserer Bildergalerie!

Doragenese 2: Frau Asemwald geht ins Netz


Auf Dauer war es mir zu blöd in Skizzenbüchern zu versauern. Virtuelle Figuren müssen wahrgenommen werden, und dazu taugt das Internet. Damals wurde Social Media noch Web2.0 genannt, schien mir aber genau das Richtige zu sein um mein virtuelles Leben auszugestalten.

Angefangen hab ich mal mit OpenBC (OpenBC heißt jetzt Xing, sonst ändert sich nix). Mir war von Anfang an bewusst dass dies ein virtuellenfeindliches Pflaster ist und hab erstmal verschwiegen, welcher Natur ich bin (zu recht, wie ich später erfahren musste). Als mich dann aber die ersten Fremden angeschrieben haben – meistens einsam wirkende Männer – offenbarte ich ihnen meine Natur um klar zu stellen, dass ich als Flirtobjekt ziemlich ungeeignet sei. Das hat jedoch die meisten nicht abgeschreckt. Wie mir später noch klar wurde haben mir einige das einfach nicht geglaubt weil sie es einfach nicht glauben wollten.

Auf jeden Fall ging der Plan auf: Außerhalb der Skizzenbücher konnte ich plötzlich eine neue Welt erkunden. Fremde Menschen nahmen mit mir Kontakt auf und meine Geschichte fing an sich zu verbreiten. Um all das zu dokumentieren habe ich einen Blog angefangen. Damals kannten mich noch nicht so viele Leute, ich hab keine Ahnung ob außer ein paar engen Freunden das überhaupt jemand gelesen hat.

Das hat sich geändert. Heute weiß ich dass mein Tagebuch von einigen gelesen und sogar kommentiert wird. Dora Asemwald gefällt das.

Als sich Second Life im Internet ausbreitete war mir klar dass ich mir das mal anschauen muss. Ich war zuerst erschrocken wie schäbig dort alles aussieht. Alles war überfüllt mit Schmuddelerotik, die anderen Avatare sahen aus wie Pornodarsteller. Hät ich nicht so schnell einen weiteren Avatar namens Dora kennen gelernt die sich dort richtig gut auskannte wär ich wohl sofort wieder abgehauen. So hab ich mir die Sache mal genauer angeschaut und festgestellt, dass die Plattform zwar ganz nett war aber für die Masse gänzlich ungeeignet. Das Interface (Tastatur, Maus) ist der Aufgabe sich in einer dreidimensionalen virtuellen Welt intuitiv zu bewegen nicht gewachsen. Ich hab mich gefreut dass ich einen animierten Avatar hatte, das war es aber auch. Weitere Kontakte über ein paar Chats hinaus konnte ich hier keine knüpfen.

Auch Spaß hat das verkleiden gemacht. Ich muss mal wieder in meine SL-Avatarhaut schlüpfen und schauen, was da so los ist.

Eine eigene Webseite kam als nächstes. Um es genau zu sagen: eine Landingpage die auf meinen Blog führte. Ich habe sie stets überarbeitet und sie ist immer wirrer geworden.

Das Prinzip ist ganz einfach: Wer mich ergründen will muss erst mal den roten Faden suchen und soll sich verirren und so auf dem Irrweg seine eigene Sichtweise auf mich erlangen.

Xing war ganz nett, aber zu businessmäßig. Friendster hatte keine deutschen Nutzer außer meinem Entdecker, der dort schon ganz von Anfang an war. MySpace jedoch setzte sich auch hier durch, ich hab mich dort durch die Welt der Musik geschlagen und sogar nette Musiker kennengelernt.

Als ich kurz darauf Kulveen aus Amerika kennenlernte hat sie mich zu einer viel interessanteren Plattform eingeladen: Facebook. Man konnte dort stets seinen Senf zu allem dazu geben und Gruppen gründen. Das hat Spaß gemacht. Zwar war ich wieder die einzige Deutsche weit und breit, Kulveens Kommilitonen fanden jedoch Interesse an mir und sammelt sich auch in meiner ersten Fangruppe: Friends of the Asemwald. Heute ist Facebook neben meinem Blog mein Hauptmedium.

Links zu dorischen Seiten im Net

Fortsetzung folgt …

< Teil 1

Pandorische Büchse aus dem Paralleluniversum


Letzte Woche war so einiges los. Auf einem Symposium (Innovationsforum 10) für Social Media wurde ein Vortrag über mich gehalten (Die Diashow zum Vortrag kann man dort runderladen: www.innovationsforum10.de, getwittert wurde auch: #if10) . Meine Lebensgeschichte war das Thema, oder genauer gesagt der Teil meines Lebens welches ich als virtuelle Figur seit meinem Erscheinen vor fünf Jahren geführt habe. Dort waren 150 Marketer die wahrscheinlich nicht mit meiner Autobiographie gerechnet hatten, sie aber eine halbe Stunde über sich ergehen lassen mussten. Einige hat es dann doch interessiert, sie haben mich zu meiner Freude auf Facebook kontaktiert. Ich werde die Präsentation mal an anderer Stelle vorstellen.

Die Hauptfrage des größtenteils von Social Media unberührten Publikums war: Ist Social Media ein Hype? Wird da mal wieder eine neue Sau durchs Dorf gejagt? Ich sag mal: Nein.

Meine These: Social Media ist ein pandorische Büchse.

Wir erleben hier nur den Anfang, zukünftige Generationen werden ein materiell-virtuelles Doppelleben führen. Ich fang am besten mal ganz vorne an um diese These zu stützen.

Direkte und indirekte Kommunikation

In den Anfangstages des Internets nutzten es die meisten um per Chat oder Email direkt miteinander zu kommunizieren. Foren ermöglichten es nicht nur Inhalte im Netz zu publizieren sondern auch zu kommentieren. Blogs kamen Ende der 90er auf und erlaubten Nutzern selbst zu publizieren. Microbloggingsysteme wie Twitter haben das ganze noch schneller und einfacher gemacht. Auch Statusmeldungen auf Social Media-Plattformen erfüllen die selbe Funktion: Man wirft etwas in den virtuellen Raum und wer zuhören will hört zu. Die Kommunikation ist nicht mehr direkt, sie geht ungerichtet ins Netz. Nutzer generieren den Inhalt, Web 2.0. Die virtuelle Öffentlichkeit entstand.

Avatare und Profile

Das Erstellen eines Avatars als digitale Repräsentation eines Kommunizierneden wurde ursprünglich in Spielen eingeführt. Anfang der Achtziger Jahre kamen die MUDs (Multiuser Dungeons) auf in denen viele Spieler gemeinsam in Echtzeit virtuelle Räume ergründen mussten. Hier wurde nie der Anspruch einer authentischen Abbildung der Teilnehmer gestellt. Das änderte sich mit dem Aufkommen der ersten Flirtplattformen. Das dort erstellte Profil entsprach meistens dem erwünschten Bilds des Flirtwilligen. Ob dreidimensional animierte Traumfigur oder Bewerbungsmappenprofil bei Xing, es handelt sich jeweils um ein Abbild – mit unterschiedlichem Abstraktionsgrad vom physischen Original. Seit den ersten Flirtplattformen wurde das Netz für soziale Interaktion genutzt, Social Media entstand. (Mehr dazu im Artikel Avatar – Profil 1:1)

Soziale Netzwerke

Ziel der Flirtplattformen war jedoch stets zwei Menschen zusammen zu bringen. Als im Jahr 2003 die Plattform Friendster es ermöglichte, sich soziale Netzwerke aufzubauen schoss die Zahl der Nutzer in bislang ungeahnte Höhen. MySpace folgte in der Bugwelle des Erfolges von Friendster und 2004 ging Facebook ins Netz. Soziale Netzwerke im materiellen Leben fanden plötzlich ihr Pendant im Netz.

Kommunikation im Netzwerk

Facebook verband den Aufbau virtueller sozialer Netzwerke mit direkter und indirekter Kommunikation. Nun gab es die Möglichkeit kurze Meldungen an eine virtuelle Pinwand zu hängen und mit Freunden zu chatten. Spielchen wie kleine Umfragen animierten die Nutzer sich zu äußern und die Äußerungen anderer zu kommentieren. Der virtuelle soziale Raum wurde mit Kommunikation gefüllt. Das Abbild des einzelnen ist damit nicht mehr nur das angelegte Profil sondern die Summe aller Äußerungen. Die virtuellen Abbilder wachsen über sich hinaus. Kommunikative Phänomene wie Small-Talk finden plötzlich ihr virtuelles Pendant, ein hoch komplexes soziales System mit eigenen Kommunikationsregeln entsteht im Paralleluniversum.

Die Welt im Netz

Google Earth versucht die Welt virtuell nachzubauen, Navigationssysteme berechnen im virtuellen Raum die beste Route zum nächsten Restaurant. Nicht nur Menschen, sondern auch Orte werden ins Paralleluniversum abgebildet. Da der Zugang zu diesem Universum nicht mehr ortsgebunden ist kann überall die lokale virtuelle Welt ergründet werden. Meldet sich ein Nutzer bei einer Plattform wie Foursquare oder Gowalla an einem Ort an ist auch seine Position im Netz abgebildet und somit verfügbar. Diese Plattformen sind heute noch in Deutschland sehr wenig verbreitet, werden aber kommen.

Kurz zusammengefasst: Folgende Faktoren machen den heutigen virtuellen Raum aus.

– direkte Kommunikation (Skype, Email, ICQ, …)
– Avatar oder Profil als digitales Abbild eines Menschen
– Nutzergenerierter Inhalt (Blogs, Flickr, Youtube)
– Aufbau sozialer Netzwerke (Friendster, MySpace, Facebook, LinkedIn, Xing)
– Indirekte Kommunikation: Foren, Statusmeldungen, öffentliche Kommentare, Tweets
– räumliche Abbildung der Welt (Google Earth, Panoramio, Navigationssysteme)
– mobile Internetnutzung (UMTS, iPhone, Blackberry)
– räumliche Abbildung der Nutzer (Foursqaure, Gowalla)

Fazit

Das virtuelle Paralleluniversum wächst in seiner Komplexität dank steter technischer Erweiterung und rapide wachsender Nutzerzahlen. Die Voraussetzung zum Aufbau komplexer sozialer Systeme sind gegeben und werden genutzt, denn der Mensch ist ein soziales Wesen. Die einzige Bremse sind derzeit Datenschutzrechtliche Bedenken und die Angst zum gläsernen Menschen zu werden. Schaut man sich aber den bedenkenlosen Umgang mit diesen Medien jener an, die damit aufwachsen, muss man feststellen das wie immer gilt: Was technisch machbar ist wird irgendwann auch gemacht.

Social Media mag ein Schlagwort sein, doch das wofür es steht wird die Zukunft auf lange Sicht prägen. Die Plattformen werden kommen und gehen und sich weiterentwickeln, sie werden jedoch nicht mehr verschwinden. Wir haben die Büchse der Pandora geöffnet.

Feedbackjunkie


Die Diskussion über die Abstraktionsbereitschaft der Menschheit hat noch ein paar Wendungen genommen auf die ich an anderer Stelle mal eingehen werde. Aber was mich daran freut: Es wird diskutiert. Genau das ist, was ich am Internet als Medium so mag. Man kann seinen Senf dazu geben und den anderer probieren. So können verschiedene Perspektiven aufgezeigt werden, die Meinungshoheit der klassischen Journalisten ist gebrochen. Das bringt – wie ja hinlänglich diskutiert – Vor- und Nachteile.

Wenn ich morgens im Café meine Tageszeitung lese vermisse ich schon die Kommentare, die „Gefällt mir“-Buttons, die Links. Manchmal kommen Diskussionen mit Tischnachbarn auf, aber selten. Von Angesicht zu Angesicht sind die meisten dann doch zu zurückhaltend. Außerdem muss ich dann reagieren, kann nicht einfach weiterscrollen.

Kommentare freuen auch den Autoren. Wenn sie ausbleiben dann freut sich der weniger. Oder er fürchtet die Kritik. Ich gebe zu dass ich ein Feedbackjunkie bin. Ich checke andauernd ob und wie die Welt auf mein Geschreibsel reagiert. Wenn etwas unkommentiert durchgeht frag ich mich ob es überhaupt einer gelesen hat und wenn ja, ob es nicht einfach zu belanglos war. Ich muss aufpassen dass ich mich dann nicht all zu sehr nach der Reaktion des Lesers richte sonst schreib ich nur noch das von dem ich glaube dass es gut ankommt. Dann kann ich den Leser nicht mehr überraschen und es wird – wenngleich gefällig – auch langweilig. Wie immer: Die Mischung macht’s.

Manchmal ist es besonders schön wenn man mal was Neues ausprobiert und es funktioniert. Wenn’s nicht klappt sollte man sich nicht in den Arsch beißen.

PS: Mir kommt da eine Idee: Kommentare auf Post-Its in Café-Zeitungen kleben.