Den Kopf aus dem Sand ziehen.

Die Nachrichten überschlagen sich. Reaktor eins schmilzt, zwei brennt, drei raucht und vier wird gerade gelöscht. Oder so ähnlich. Beim nächsten hektischen Blick ins Internet schmilzt gerade Block zwei, der dritte ist ruhig, dafür kommt jetzt der fünfte ins Spiel. Gaddafi droht damit, die Rebellen zu massakrieren, tausende Japaner werden noch vermisst und die CDU war ja eigentlich schon immer Kernkraftgegner. Schuldige werden gesucht, Szenarien ausgemalt, die Gefahr für Deutschland, das übrigens nicht für das Flugverbot über Libyen, das alle immer Lybien nennen, ist, wird ausgelotet. Experten mutmaßen und wissen genau, was die Japaner angeblich verschweigen und wenn es keine echten Experten mehr zu fassen gibt, fragt man irgendjemand, der schon mal in Japan war oder jemanden dort kennt. Betroffenheit der Nichtbetroffenen auf allen Kanälen. Währenddessen tobt der Wahlkampf an der heimischen Front.

Endzeitstimmung
Anfangs habe ich alle zehn Minuten die Nachrichten auf meinem Internet-Telefon durchstöbert und mich von Hiobsbotschaften per Liveticker berieseln lassen. Irgendwann war meine Kapazität für abstrakte Schrecken ausgelastet, mein Interesse sank und somit die Nachrichtencheckfrequenz. Jede einzelne Geschichte hätte gereicht, mich zu irritieren, doch alle auf einmal ergeben einen eigenartigen Brei der nach diffuser Weltbedrohung schmeckt. Das wissen die Medien auch, drum würzen sie ordentlich ihre Zutaten. Katastrophenbilder remixed zum Musikvideo und alte Horror-Berichte aus Tschernobyl sorgen für Endzeitstimmung. Einerseits weckt das auf – was dringend notwendig war, andererseits schürt es Panik. Das Hamstern von Jodtabletten in Deutschland muss für die wirklich Betroffenen in Japan befremdlich wirken. Doch am schlimmsten sind unsere aufgescheuchten Politiker, die aus der Angst Lobbys oder Wähler zu vergrätzen kopflos durch die Gegend rennen. Ich freu mich ja um jedes Atomkraftwerk, dass still gelegt wird, aber einen schnellen und sauberen Umstieg auf alternative Energie bekommen wir nur hin, wenn wir abseits politischem Kalküls einen gangbaren Weg finden.

Konsens
Die Grundvoraussetzung dafür ist der gesellschaftliche und politische Konsens, dass der Ausstieg gewollt wird und so schnell wie möglich umgesetzt werden muss. Dafür müssen wir unschöne Dinge wie höhere Strompreise, Windkraftwerke, Überlandleitungen und Pumpspeicherkraftwerke in Kauf nehmen. Wir dürfen uns auch nicht davon irritieren lassen, dass an unseren Grenzen weiterhin Kerne gespalten werden. „Wenn wir keine Atomkraft mehr erzeugen, dann machen es die anderen.“ Ein gern gehörtes Argument, mit dem auch Drogendealer ihre Taten rechtfertigen. Die derzeit gestellte grundsätzliche Frage ist: Sind wir für billigen Strom bereit, das relativ geringe Risiko eines unermesslich großen Schaden zu tragen? Ich frage jedoch zuerst: Sind wir überhaupt in der Lage, das Risiko zu tragen? Können wir über das Wohl tausender kommender Generationen entscheiden, denen wir ein strahlendes Erbe hinterlassen? Ich glaub kaum.

Das Mediengetöse hat viele von uns dazu veranlasst, den Kopf aus dem Sand zu ziehen. Noch nie war die Bereitschaft so groß einen neuen, unbequemeren Weg zu gehen. Und wir müssen schnell handeln, denn die Halbwertszeit von Erinnerungen ist geringer als die von Uran. Und währenddessen greift Gaddafi trotz selbst erklärtem Waffenstillstand die Rebellen wieder an.

Brückentechnologie auf dem Rücken der Opfer

Ich bin wütend. Seit ein paar Tagen verfolge ich nun wie wohl viele hier die Geschehnisse in Japan. Ebenso verfolge ich die Reaktionen in der Politik. Und da schlagen mir andauernd Floskeln ins Gesicht, die mich in die innere Kernschmelze treiben. Halten die uns für so blöd oder sind sie es selbst?

Brückentechnologie
Ja wohin soll die Brücke denn gehen und wie lange soll sie noch werden? Neckarwestheim II soll bis 2036 laufen. Wie viel Atommüll soll denn unter dieser Brücke vergraben werden?

Restrisiko
Klinkt harmlos, ist es aber nicht. Ganz allgemein: Jeder sollte nur ein solches Risiko eingehen, für dessen Folgen er einstehen kann. In Anbetracht der Halbwertzeit der Strahlung ist niemand dazu in der Lage. Auch nicht die CDU oder FDP.

Atomkraftwerke sind übrigens die einzigen Kraftwerke die nicht versichert sein müssen. Wer würde auch schon einen GAU versichern?

Tsunamis in Deutschland
Das hinterhältige an Atomunglücken ist, dass sie einen überraschen. Ein zweites Tschernobyl schloss man aus, weil aus Tschernobyl gelernt wurde. Das hat Fukushima nichts gebracht. Und jetzt lernt man aus Fukushima. Kein Tsunami soll unseren Kraftwerken den Garaus machen. Wenn hier der Kern – ohne Tsunami – mal schmilzt können andere dann wiederum für ihre Kraftwerke daraus lernen.

Die Lichter
Die sollen angeblich ausgehen, wenn wir uns zu schnell von der Atomkraft trennen. In Japan gehen sie gerade aus.

Der Rücken der Opfer
Auf dem treiben die Atomgegner jetzt angeblich ihren Wahlkampf. Komischerweise sind es die Atomfreunde, die gerade damit versuchen von ihrer misslichen Lage abzulenken.

Aussetzung der Laufzeitverlängerung
Aussetzen heißt nicht abschaffen. Es muss nur bis zur nächsten Wahl ausgesetzt werden.

Kreide
Die frisst Landesvater Mappus immer, wenn die Wähler drohen, ihn abzuwählen. Den Trick hat er vom Wolf gelernt, der so die sieben Geißlein in die Irre geführt hat. Nicht vergessen: Mappus forderte den Rücktritt von Umweltminister Norbert Röttgen, weil der nicht so lange die Laufzeit verlängern wollte.

Keine neue Atomdebatte
Die wollen die die Atomfreunde nicht. Brauchen wir auch nicht. Die Debatte ist schon alt, aber leider immer noch aktuell.

Sicherheitsüberprüfungen
Die  sollen jetzt plötzlich an deutschen Kraftwerken gemacht werden. Wurden die bislang nicht gemacht?

Sicherheitsmängel
Über die hat die EnBW schon vor über drei Jahren das Baden-Württembergische Umweltministerium informiert. Interessiert hat es dort keinen. Mal schauen wie Umweltministerin Gönner die Klage von Greenpeace abwälzt.

CO2
Davor und dem Klimawandel soll Atomkraft schützen. Das ist zwar auch bei Wasser-, Wind- und Sonnenenergie der Fall, aber die sind nicht so profitabel.

Energieunabhängigkeit
Die will man sich von bösen gaddafiesken Diktatoren bewahren, weshalb man kein Solarstrom aus der Wüste haben darf und weiter strahlen muss. Aber woher kommt eigentlich das Uran?

Landtagswahlen
Um die alleine geht es laut Atomfreunden angeblich den Gegnern. Es stimmt, dass Atom-Mappus ein politischer GAU ist, aber es gibt schlimmere Dinge wie man in Japan grad sieht. Ich freue mich über die Gelegenheit, die Nuklearregierung abzuwählen.

Panikmache
Die sollen jene betreiben, die jetzt politischen Vorteil aus dem Unglück schlagen wollen. Wenn nicht ein drohender GAU, was dann soll das Gefühl von Panik auslösen?

Wenn ich irgendwo panischen Angstschweiß rieche, dann bei den Atomparteien die die Rechnung ihrer Politik fürchten.

Abwarten
Hat Frau Merkel von Papi Kohl gelernt. Bei ihm nannte man es aussitzen. Hat lange funktioniert. Aber Obacht: Der nächste „Zwischenfall“ kommt bestimmt.

Tipp: Kopf im Sand schützt vor Strahlung nicht.

Zwischenfall
Bei kaputten Atomkraftwerken wird immer vom Zwischenfall geredet. Zwischen was ist der eigentlich? Ein kleine Haltestelle zwischen zwei GAUs?

Unsere Atomkraftwerke sind sicher.
Sagt Frau Merkel. (Das war die Rente auch.). Sie sind sicher ein gutes Geschäftsmodell für die Energieindustrie.

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