Drohender Halbmond über der Dorfkirche

terror-in-der-provinzDa protestieren ein Sack voll Leute durch Dresden und ein paar andere Städte gegen die Islamisierung des Abendlandes und der Rest fragt sich: Welche Islamisierung? Circa vier Millionen Muslime leben in Deutschland, was so ungefähr jeder zwanzigste Einwohner Deutschlands ist. Muslime, nicht Islamisten. Da Empörung das Faktenverarbeitungszentrum im Hirn lahmlegt, interessiert das aber keinen der Protestierer, für die jeden Tag der Halbmond aufgeht. Es geht um eine gefühlte Bedrohung, nicht eine tatsächliche. Damit die lodernde Flamme der Empörung auch schön warm gibt, gießen die einen oder anderen ein paar Kanister Benzin ins Feuer. So zum Beispiel der baden-württembergische Innenminister Reinhold Gall, der vor islamistischen Anschlägen in der Provinz warnt. Wie soll ich mir das vorstellen? Selbstmordattentäter in der Dorfkirche? Mit einer entführten Cesna in die nächste Raiffeisenbankfiliale donnern? Möglich ist alles. Damit die blühenden Fantasien besorgter Politiker auch ohne Umweg ins Unterbewusstsein ländlicher Xenophobiker getragen werden, titeln die Stuttgarter Nachrichten „Politiker fürchten Anschläge von Islamisten in der Provinz“. Was im Rest des Artikels so steht, ist dann auch egal. Lesen eh nur die wenigsten. Der Titel hat schon die entsprechende Drohkulisse aufgebaut.

Cui Bono? Wem nutzt die Aussage der Politiker und der Artikel darüber? Hilft die Information den Provinziellen, sich vor drohenden Islamisten zu schützen? Ich lass meine Fantasie zu diesem Thema mal in der inneren Garage. Auch nach längerem Hirnen kann ich leider nur einen Nutznießer erkennen: Die Kreuzritter gegen alles, was irgendwie fremd ist. Da Pegida-Unterstützung für Nicht-AFDler und Medien ein No-Go ist, muss man’s halt hinten rum machen.

PS:
Das ist kein Aufruf zur Selbstzensur von Medien, die ja nur berichten, was ihnen die Politker erzählen. Ich wünsche mir aber, dass bei der Wahl des Titelsatzes doch mal darüber nachgedacht wird, welchen Effekt es haben könnte. Reisserisch ist nicht immer die beste Wahl, auch wenn sich Empörung so gut verkauft wie Katzenbilder.

Politikererwichtigungstricks und geteilte Mäntel

St-Martin-Dora

Alter Politikertrick, um mal wieder in die Medien (wie diesem Blog zum Beispiel) zu gelangen: Der Versuch, eine Debatte loszutreten. In diesem Fall ein Landespolitiker der Linken, dessen Namen ich zur Strafe mal nicht nennen werde, der im Feiern des grundsozialistischen Sankt-Martins-Fest das Aufdrängen christlicher Traditionen auf muslimische Kinder empfände. Das behauptet zumindest die Rheinische Post. Wahrscheinlich hofft er auf empörte Schreie aus der eher rechten Konservativecke – und die kommen so sicher wie das Amen in der Kirche – an der er sich profilieren kann. Die Debatte über kulturelle Identität eines Landes kann sich jeder halbwegs Behirnte selbst ausmalen und ist so überflüssig wie ein Furunkel im Genitalbereich. Und ebenso lästig.

Säkularisierung ist eine prima Angelegenheit und bei uns noch lange nicht so weit fortgeschritten, wie es mir Recht wäre. Forderungen, die wie diese so nah der satirischen Grenze hausen, verhohnepipeln ernst gemeinte Anstrengungen, Staat und Kirche von einander fern zu halten.

Das einzig Positive daran, was ich mir ausmalen kann, sind humoristische Nachahmungstäter, die die Abschaffung christlicher Namen (Martin heißt ab jetzt Sonne, Mond oder Sterne), christlicher Ortsbezeichnungen (St. Petersburg heißt wieder Leningrad) oder religiös-diskriminierenderBackwaren wie Christstollen. Und was ist mit dem Sankt Nimmerleins-Tag?

Und wenn wir schon mal bei der ollen Politikererwichtigungsmethode der empörten Forderungen sind (und ich weiß wiederhole ich mich): Wenn ihr schon Debatten lostretet, dann wenigstens solche, die zu irgend etwas außer ein paar erbärmlichen Erwähnungen eures Namens in der Presse führen. Oder versucht euch in Satire. Oder tut ihr das vielleicht nicht schon, und ich bin bloß zu blöd und fall drauf rein?

Und nein, ich verlinke nicht auf den Artikel, der hier als Quelle diente. Den kann sich jeder ergoogeln.

Die Linke fand den Demenzanfall eines ihrer Schäfchen übrigens nicht lustig:

Dies sei eine Einzelmeinung, zu der es keine Beschlussvorlage der Partei gebe, sagte Landesgeschäftsführer Sascha Wagner am Mittwoch im Deutschlandfunk in Köln. Die Sankt-Martins-Umzüge seien ein breit verankertes Brauchtumsfest in der deutschen Gesellschaft. „Wenn Sankt Martin heute noch leben würde, wäre er sicherlich ein Mitglied der Linken“, sagte Wagner.

Nachtrag

Na gut. Dann halt doch ein Stellungsname-Artikel, sonst heißt es, ich würde einseitig auf die Linken eindreschen, was mir fern liegt:

http://www.dielinke-nrw.de/nc/politik/presse/pressemitteilungen_der_linken_nrw/detail_archiv_nrw/zurueck/pressemitteilungen/artikel/wir-teilen-gern-auch-maentel-im-herbst-1/

Und noch ne Replik:

http://www.rp-online.de/politik/nrw/auch-muslime-wollen-sankt-martin-behalten-1.3795807