Absolut relativ


Gibt es eine absolute Wahrheit oder nicht? Mit dieser Frage endete vorläufig die Diskussion zum letzten Artikel. In einer heißen Diskussion über den derzeitigen Star der Streitthemenszene, Stuttgart21, warf mir ein S21-Befürworter vor, Schuld am rauen Umgangston in der Diskussion auf beiden Seiten zu suchen. Dabei sei die Sachlage eindeutig. Gegner seien im Unrecht. Befürworter im Recht. Und Dora sei eine denkfaule Relativistin und somit eine moralische Gefahr für die Menschheit. Der Wahrheitsalarm in meinem konstruktivistisch geprägten Hirn ging sofort auf Stufe rot.

Eine absolute Wahrheit, eine Realität wäre ein universeller Maßstab, an welchem alle Weltsichten auf ihre Validität geprüft werden könnten. Ich jedoch behaupte, dass das, was wir als Wahrheit betrachten nur ein gesellschaftlicher Konsens ist.

Absolute Wahrheit
Nehmen wir mal an, es gäbe sie, die absolute Wahrheit. Im Bereich physischer Existenz funktioniert das noch ganz gut. Man kann noch so unterschiedlicher Meinung sein, auf die Existenz eines Flusses, eines Berges oder eines Menschens kann man sich einigen. Wird man spezifischer, kann schon ein Duplo oder die längste Praline der Welt die Geister spalten. Denn hier kommt Interpretation ins Spiel. Ein Messer kann Werkzeug und Waffe sein. Es kommt auf den Kontext an, zum Beispiel der Rücken eines Feindes oder einfach ein Brot. Abstrakte Begriffe ziehen uns dann vollends den Teppich der Realität unter den Füßen weg.

Absolute Moral
In unserer Diskussion kamen wir auf ein besonders brisantes Thema in der Welt des Abstrakten: Moral. Mein absolutistischer Antagonist sieht eben dort eine absolute Wahrheit jenseits kultureller Übereinkünfte. Das machte er am Beispiel der Steinigung ehebrüchiger Frauen fest. Er denkt, dass deren moralische Beurteilung nicht eine kulturelle Frage sei, was es meiner relativistischen Sichtweise nach jedoch der Fall ist. Demnach akzeptiere ich, dass eine steinigende Kultur aus ihrer eignen Perspektive moralisch richtig handelt. Das zu akzeptieren heißt noch lange nicht, es gut zu heißen.
Es gibt wiederum Kulturen, die steinigende Kulturen zur Sicherung der eigenen wirtschaftlichen Interessen niederbomben und besetzen. Dabei sterben viel mehr Menschen als je Frauen gesteinigt wurden. Ist ihr Handeln moralisch besser? Ein Absolutist behauptet, dass die Frage eindeutig zu beantworten sei. Ich kann sie nicht beantworten.

Absoluter Glaube
Moral ist oft tief in der jeweiligen Religion verwurzelt, Kirchen werden heute immer noch als moralische Institutionen geachtet. Jede Kirche hat ihren eigenen moralischen Maßstab. Die einen lassen zu, dass Ehebrecherinnen gesteinigt werden, die anderen dass sich tödliche Seuchen ungehindert verbreiten können weil sie gegen den Gebrauch von Kondomen sind. Aus der Sicht des einen ist es im Sinne Gottes und somit gut, aus der Sicht des anderen ist es Völkermord. Jede Kirche beansprucht für sich im Besitz der Wahrheit zu sein, teilt also das „absolutistische“ Weltbild. Das müssen sie, denn mit der relativistischen Sicht lässt sich schlecht Macht aufbauen. Gibt es nur eine Wahrheit, dann hat maximal eine der Kirchen recht.Welche ist es? Ich weiß es nicht. Der Streit um die Deutungshoheit der Wahrheit ist Ursache fast aller Kriege. Nur wer glaubt, im Auftrag der absoluten Wahrheit zu sein ist auch bereit sich dafür erschießen zu lassen.

Relative Toleranz
Der Wunsch nach einer höheren Wahrheit, die all dass was wir als unmoralisch empfinden verurteilt, ist groß. Der Gedanke, dass unser Sinn für’s Gute „nur“ kulturell bedingt ist, ist nicht so einfach zu schlucken. Wenn man aber akzeptiert dass es keinen allgemeingültigen Maßstab gibt und jede Kultur, jede Gesellschaft, jeder einzelne Mensch die Welt nach eigenem Ermessen beurteilt, ist man in der Lage, andere leichter zu verstehen, mit ihnen zu kommunizieren und auszukommen. Frieden basiert auf Toleranz. Dies soll jedoch kein Freischein sein, alles und jeden gut zu finden. Ich darf immer noch aus meinem eigenen Standpunkt heraus urteilen und handeln. Auch wenn ich akzeptiere, dass es in anderen Kulturen üblich ist, Kinder schon in jungen Jahren rund um die Uhr arbeiten zu lassen heißt das noch lange nicht, dass ich dies durch meinen Konsum ihrer Produkte unterstützen muss.

Keine einfachen Wahrheiten
Der mir zuvor vorgeworfene „Relativismus“ ist keine leichte Ausrede dafür, mich nicht festlegen zu wollen. Er fordert von mir ein, mich stets selbst festlegen zu müssen und keine einfachen „Wahrheiten“ zu akzeptieren. Das ist mitnichten der einfachere Weg, jedoch für mich der einzig gangbare.

PS:
Wer sich nicht damit abfinden kann, dass es eine einzige wahrhaftige Realität „da draußen“ gibt, sollte sich mal mit den radikalen Konstruktivismus anfreunden. Ich betreibe zu diesem Thema eine Facebook-Seite und freue mich über alle Mitglieder, egal ob Einsteiger oder Großkonstrukteur.

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Glauben, Wahrheit und der reinkarnierte Wurstgott.


Einer meiner Artikel hier hat eine etwas längere Diskussion ausgelöst die in religionskritische Gefilde gedriftet ist. Religionsfreunde und -gegner diskutieren hier. Ich finde das gut, wenngleich die Polemik die solchen Themen innewohnt destruktiv ist. Für mich fällt es da manchmal schwer selbst Position zu beziehen denn das widerspricht eigentlich meinem eigenen Glauben. Wem dorisches Theoretisiere auf den Nerv geht darf jetzt gerne wegklicken.

Realität ist etwas individuelles. Alles woran du glaubst ist in deiner Realität wahr.

So einfach. Was nun wenn zwei Individuen unterschiedlichen Glaubens glauben im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein? Das führt unweigerlich zu einem Paradoxon, vorausgesetzt man glaubt dass es nur eine gemeinsame Realität gibt. Beide haben jedoch in ihrer jeweiligen Wirklichkeit recht. Es ist eben nicht die selbe Wirklichkeit. Natürlich sind die Realitäten miteinander verbunden. Hau ich dir in meiner Realität eins auf die Fresse tut dir das in deiner weh. Wenn ich in deiner Realität dafür in die Hölle komm muss das in meiner aber nicht passieren. Würden gläubige Menschen das akzeptieren hätten sie keinen Grund mehr mit Andersgläubigen zu streiten. Ich finde es eh ziemlich unverschämt seine eigene Weltsicht anderen aufdrängen zu wollen.

Alles was wir uns vorstellen können existiert.

Es existiert in unserer Vorstellung. Existenz ist nicht auf materielle Dinge beschränkt. Ein Atheist kann die materielle Existenz Gottes in seiner Wirklichkeit leugnen, er kann jedoch nicht die Götter in den Köpfen anderer verneinen. Das was wir als Welt wahrnehmen ist doch eh nur eine vage Interpretation aller Sinneseindrücke die in unseren Köpfen zusammen laufen. Unser Hirn kann gar nicht mal so gut zwischen dem was wir „von außen“ wahrnehmen und was wir uns vorstellen unterscheiden. Unsere Autobiographieabteilung schreibt sich dann die Geschichte so wie sie ihr gefällt. Nicht vergessen: Jeder hat seine eigene unterschiedlich geprägte Wahrnehmung, Interpretation und somit eigene Geschichtsschreibung. Wer an eine allgemeine Wahrheit glaubt glaubt auch dass die eigene Geschichte dieser entspricht und akzeptiert keine anderen Interpretationen. Die würden die eigene in Frage stellen und somit das Kartenhaus des Ichs ins Wackeln bringen. Wer akzeptiert nicht im Vollbesitz der Wahrheit zu sein kann sich besser auf andere Menschen und deren Weltsicht einlassen.

Gefährlich sind Menschen mit mangelndem Abstraktionsvermögen die die Mannigfaltigkeit der Wahrheiten geistig nicht umfassen können oder wollen und dazu noch ein schwaches Selbstbild haben. Das sind die Zutaten der Intoleranz, Quelle von Streit und Krieg.

Aus der Schnittmenge aller Wirklichkeiten ergibt sich das, was wir Realität nennen. Es ist die Übereinkunft einer Gesellschaft über gemeinsam wahrgenommene Entitäten. Es ist der Konsens auf dem die Regeln gesellschaftlicher Systeme basieren. (Liebe Soziologen, bitte entschuldigt den laxen Umgang mit den Begriffen eures Fachs, ich versuch hier nur aus meiner laienhaften Sicht die Welt zu verstehen). Solche Regeln sind für das Zusammenleben notwendig, müssen aber jederzeit sich der gesellschaftlichen Entwicklung anpassen. Was heute noch als Wahrheit definiert wird muss es morgen nicht sein.

Ein Wunsch aus dem Hause Asemwald: Es wäre schön wenn wir uns und unsere Wahrheiten nicht immer so ernst nehmen würden.

Vielleicht ist jetzt klar warum ich nicht immer so einfach in religionskritischen Diskussionen eine Position vertreten kann. Ich akzeptiere viele. Was ich jedoch kritisieren kann ist das Handeln der einzelnen. Wenn mir jemand Schaden zufügt dann ist es egal warum. Er muss die Verantwortung für sein Handeln selbst übernehmen, es interessiert mich nicht ob er religiös motiviert war oder nicht. Und wenn eine Kirche zu schädlichem Handeln aufruft, soll sie nicht anders beurteilt werden als irgendjemand, der er es aus profaneren Gründen tut.

Schlussplädoyer: So lange jeder seiner Umwelt verantwortlich gegenüber handelt kann er von mir aus an den Osterhasen als leibliche Reinkarnation des Wurstgottes glauben. Aber bitte akzeptiert das mir der Wurstgott am Arsch vorbei geht und ich ihn für eine blöde Kanaille halte.

PS: Für alle die meine Existenz in Frage stellen (z.B. Xing): Ich glaube daran, dass ich existiere. Also existiere ich. Zumindest in meiner Realität. So lange andere Menschen an mich glauben existiere ich in deren Köpfen.

PPS: Es gibt einen schönen Witz: Ein Atheist stirbt und kommt an einen paradiesischen Ort. Dort wird er vom Teufel begrüßt der ihm viel Spaß wünscht. Ungläubig erkundet der Verstorbene die Hölle und entdeckt nur schöne Dinge. Doch dann kommt er an ein Loch in welchem Menschen in Kesseln gekocht und von Dämonen gefoltert werden. Irritiert fragt er den Teufel, was dass denn sei. Und der antwortet: Ach, das sind die Christen, die wollen das so.