Straßenrandkulturgut

fernseher-karotteStraßenrandgerümpel oder medienkritisches Mahnmal gegen die Konsumgesellschaft? Manchmal macht eine Karotte den Unterschied.

Wenn wir es schon nicht schaffen, den Müll ordentlich zu entsorgen (oder genauer gesagt umzusorgen, weil wir die Müllsorge eigentlich nur an die Deponie weiterreichen), können wir ihn wenigstens in Kulturgut transformieren. Vandalismusscheue Straßenkünstler können ihrem kreativen Drang nachgehen, die Straße wird zur Galerie mit wechselnder Ausstellung. Mal schauen, wann Finissage für die Karotte ist …

Gegen Kultur!

gegen kulturMan kann gegen vieles sein: Kapitalismus, Fleisch, das System, Ausbeutung und Krieg. Neu für mich auf dieser Liste: Kultur.

Gestern war ich in Vaihingen an der Uni beim Umsonst und Draußen. Wie immer versammeln sich am Rande der Wiese links-alternative Aktionistenbuden, die gegen die üblichen Übel dieser Welt agitieren, unleserlich gesetzte Pamphlete und Aufkleber mit unmissverständlichen Parolen verbreiten. Ein Stand verwirrt mich: Das „Gegen Kultur Projekt“. Ganz schön subversiv, denke ich mir, auf einer Kulturveranstaltung wie diesem Open Air so eine Aussage in den Raum, oder besser gesagt auf die Wiese zu stellen. Was ist den so übel an der Kultur an sich?

Kultur ist alles, was der Mensch so geschaffen hat. Also genau das Gegenteil von Natur. Gegen Kultur zu sein hießt demnach für Natur zu sein. Hört sich irgendwie schlüssig an. Mir kommen die Leute jedoch weniger wie Steinzeitaktivisten oder andere Zivilisationsverweigerer vor, also sind sie vielleicht gegen das, was man landläufig unter Kultur versteht: Musik, Oper, Malerei, Theater, Open Air Festivals und so weiter. Diese Kultur ist ein zweischneidiges Schwert. Sie bietet Raum für subversive Gedanken, kann aber auch zu Propagandazwecken missbraucht werden. Sie lenkt von der obersten Bürgerpflicht (materieller Konsums) ab, ist aber andererseits ein hervorragendes Medium für Werbung und fördert somit wieder den Konsum. Wie man’s auch dreht und wendet …

Ich sinniere noch eine Weile über das für und wider kulturellen Schaffens und meine eigene Teilschuld daran, beschließe dann aber doch mich an der ca. 100m langen Bierschlange anzustellen. Man muss nicht immer alles kapieren.

PS

Siegmund Freud sagt, das die Kultur bestrebt sei, immer größere soziale Einheiten zu bilden. Hierzu schränke sie die Befriedigung sexueller und aggressiver Triebe ein; einen Teil der Aggression verwandle sie in Schuldgefühl. Auf diese Weise wäre die Kultur eine Quelle des Leidens; ihre Entwicklung führe zu einem wachsenden Unbehagen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Unbehagen_in_der_Kultur

Absolut relativ

Gibt es eine absolute Wahrheit oder nicht? Mit dieser Frage endete vorläufig die Diskussion zum letzten Artikel. In einer heißen Diskussion über den derzeitigen Star der Streitthemenszene, Stuttgart21, warf mir ein S21-Befürworter vor, Schuld am rauen Umgangston in der Diskussion auf beiden Seiten zu suchen. Dabei sei die Sachlage eindeutig. Gegner seien im Unrecht. Befürworter im Recht. Und Dora sei eine denkfaule Relativistin und somit eine moralische Gefahr für die Menschheit. Der Wahrheitsalarm in meinem konstruktivistisch geprägten Hirn ging sofort auf Stufe rot.

Eine absolute Wahrheit, eine Realität wäre ein universeller Maßstab, an welchem alle Weltsichten auf ihre Validität geprüft werden könnten. Ich jedoch behaupte, dass das, was wir als Wahrheit betrachten nur ein gesellschaftlicher Konsens ist.

Absolute Wahrheit
Nehmen wir mal an, es gäbe sie, die absolute Wahrheit. Im Bereich physischer Existenz funktioniert das noch ganz gut. Man kann noch so unterschiedlicher Meinung sein, auf die Existenz eines Flusses, eines Berges oder eines Menschens kann man sich einigen. Wird man spezifischer, kann schon ein Duplo oder die längste Praline der Welt die Geister spalten. Denn hier kommt Interpretation ins Spiel. Ein Messer kann Werkzeug und Waffe sein. Es kommt auf den Kontext an, zum Beispiel der Rücken eines Feindes oder einfach ein Brot. Abstrakte Begriffe ziehen uns dann vollends den Teppich der Realität unter den Füßen weg.

Absolute Moral
In unserer Diskussion kamen wir auf ein besonders brisantes Thema in der Welt des Abstrakten: Moral. Mein absolutistischer Antagonist sieht eben dort eine absolute Wahrheit jenseits kultureller Übereinkünfte. Das machte er am Beispiel der Steinigung ehebrüchiger Frauen fest. Er denkt, dass deren moralische Beurteilung nicht eine kulturelle Frage sei, was es meiner relativistischen Sichtweise nach jedoch der Fall ist. Demnach akzeptiere ich, dass eine steinigende Kultur aus ihrer eignen Perspektive moralisch richtig handelt. Das zu akzeptieren heißt noch lange nicht, es gut zu heißen.
Es gibt wiederum Kulturen, die steinigende Kulturen zur Sicherung der eigenen wirtschaftlichen Interessen niederbomben und besetzen. Dabei sterben viel mehr Menschen als je Frauen gesteinigt wurden. Ist ihr Handeln moralisch besser? Ein Absolutist behauptet, dass die Frage eindeutig zu beantworten sei. Ich kann sie nicht beantworten.

Absoluter Glaube
Moral ist oft tief in der jeweiligen Religion verwurzelt, Kirchen werden heute immer noch als moralische Institutionen geachtet. Jede Kirche hat ihren eigenen moralischen Maßstab. Die einen lassen zu, dass Ehebrecherinnen gesteinigt werden, die anderen dass sich tödliche Seuchen ungehindert verbreiten können weil sie gegen den Gebrauch von Kondomen sind. Aus der Sicht des einen ist es im Sinne Gottes und somit gut, aus der Sicht des anderen ist es Völkermord. Jede Kirche beansprucht für sich im Besitz der Wahrheit zu sein, teilt also das „absolutistische“ Weltbild. Das müssen sie, denn mit der relativistischen Sicht lässt sich schlecht Macht aufbauen. Gibt es nur eine Wahrheit, dann hat maximal eine der Kirchen recht.Welche ist es? Ich weiß es nicht. Der Streit um die Deutungshoheit der Wahrheit ist Ursache fast aller Kriege. Nur wer glaubt, im Auftrag der absoluten Wahrheit zu sein ist auch bereit sich dafür erschießen zu lassen.

Relative Toleranz
Der Wunsch nach einer höheren Wahrheit, die all dass was wir als unmoralisch empfinden verurteilt, ist groß. Der Gedanke, dass unser Sinn für’s Gute „nur“ kulturell bedingt ist, ist nicht so einfach zu schlucken. Wenn man aber akzeptiert dass es keinen allgemeingültigen Maßstab gibt und jede Kultur, jede Gesellschaft, jeder einzelne Mensch die Welt nach eigenem Ermessen beurteilt, ist man in der Lage, andere leichter zu verstehen, mit ihnen zu kommunizieren und auszukommen. Frieden basiert auf Toleranz. Dies soll jedoch kein Freischein sein, alles und jeden gut zu finden. Ich darf immer noch aus meinem eigenen Standpunkt heraus urteilen und handeln. Auch wenn ich akzeptiere, dass es in anderen Kulturen üblich ist, Kinder schon in jungen Jahren rund um die Uhr arbeiten zu lassen heißt das noch lange nicht, dass ich dies durch meinen Konsum ihrer Produkte unterstützen muss.

Keine einfachen Wahrheiten
Der mir zuvor vorgeworfene „Relativismus“ ist keine leichte Ausrede dafür, mich nicht festlegen zu wollen. Er fordert von mir ein, mich stets selbst festlegen zu müssen und keine einfachen „Wahrheiten“ zu akzeptieren. Das ist mitnichten der einfachere Weg, jedoch für mich der einzig gangbare.

PS:
Wer sich nicht damit abfinden kann, dass es eine einzige wahrhaftige Realität „da draußen“ gibt, sollte sich mal mit den radikalen Konstruktivismus anfreunden. Ich betreibe zu diesem Thema eine Facebook-Seite und freue mich über alle Mitglieder, egal ob Einsteiger oder Großkonstrukteur.