Doragenese 2: Frau Asemwald geht ins Netz

Auf Dauer war es mir zu blöd in Skizzenbüchern zu versauern. Virtuelle Figuren müssen wahrgenommen werden, und dazu taugt das Internet. Damals wurde Social Media noch Web2.0 genannt, schien mir aber genau das Richtige zu sein um mein virtuelles Leben auszugestalten.

Angefangen hab ich mal mit OpenBC (OpenBC heißt jetzt Xing, sonst ändert sich nix). Mir war von Anfang an bewusst dass dies ein virtuellenfeindliches Pflaster ist und hab erstmal verschwiegen, welcher Natur ich bin (zu recht, wie ich später erfahren musste). Als mich dann aber die ersten Fremden angeschrieben haben – meistens einsam wirkende Männer – offenbarte ich ihnen meine Natur um klar zu stellen, dass ich als Flirtobjekt ziemlich ungeeignet sei. Das hat jedoch die meisten nicht abgeschreckt. Wie mir später noch klar wurde haben mir einige das einfach nicht geglaubt weil sie es einfach nicht glauben wollten.

Auf jeden Fall ging der Plan auf: Außerhalb der Skizzenbücher konnte ich plötzlich eine neue Welt erkunden. Fremde Menschen nahmen mit mir Kontakt auf und meine Geschichte fing an sich zu verbreiten. Um all das zu dokumentieren habe ich einen Blog angefangen. Damals kannten mich noch nicht so viele Leute, ich hab keine Ahnung ob außer ein paar engen Freunden das überhaupt jemand gelesen hat.

Das hat sich geändert. Heute weiß ich dass mein Tagebuch von einigen gelesen und sogar kommentiert wird. Dora Asemwald gefällt das.

Als sich Second Life im Internet ausbreitete war mir klar dass ich mir das mal anschauen muss. Ich war zuerst erschrocken wie schäbig dort alles aussieht. Alles war überfüllt mit Schmuddelerotik, die anderen Avatare sahen aus wie Pornodarsteller. Hät ich nicht so schnell einen weiteren Avatar namens Dora kennen gelernt die sich dort richtig gut auskannte wär ich wohl sofort wieder abgehauen. So hab ich mir die Sache mal genauer angeschaut und festgestellt, dass die Plattform zwar ganz nett war aber für die Masse gänzlich ungeeignet. Das Interface (Tastatur, Maus) ist der Aufgabe sich in einer dreidimensionalen virtuellen Welt intuitiv zu bewegen nicht gewachsen. Ich hab mich gefreut dass ich einen animierten Avatar hatte, das war es aber auch. Weitere Kontakte über ein paar Chats hinaus konnte ich hier keine knüpfen.

Auch Spaß hat das verkleiden gemacht. Ich muss mal wieder in meine SL-Avatarhaut schlüpfen und schauen, was da so los ist.

Eine eigene Webseite kam als nächstes. Um es genau zu sagen: eine Landingpage die auf meinen Blog führte. Ich habe sie stets überarbeitet und sie ist immer wirrer geworden.

Das Prinzip ist ganz einfach: Wer mich ergründen will muss erst mal den roten Faden suchen und soll sich verirren und so auf dem Irrweg seine eigene Sichtweise auf mich erlangen.

Xing war ganz nett, aber zu businessmäßig. Friendster hatte keine deutschen Nutzer außer meinem Entdecker, der dort schon ganz von Anfang an war. MySpace jedoch setzte sich auch hier durch, ich hab mich dort durch die Welt der Musik geschlagen und sogar nette Musiker kennengelernt.

Als ich kurz darauf Kulveen aus Amerika kennenlernte hat sie mich zu einer viel interessanteren Plattform eingeladen: Facebook. Man konnte dort stets seinen Senf zu allem dazu geben und Gruppen gründen. Das hat Spaß gemacht. Zwar war ich wieder die einzige Deutsche weit und breit, Kulveens Kommilitonen fanden jedoch Interesse an mir und sammelt sich auch in meiner ersten Fangruppe: Friends of the Asemwald. Heute ist Facebook neben meinem Blog mein Hauptmedium.

Links zu dorischen Seiten im Net

Fortsetzung folgt …

< Teil 1

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Pandorische Büchse aus dem Paralleluniversum

Letzte Woche war so einiges los. Auf einem Symposium (Innovationsforum 10) für Social Media wurde ein Vortrag über mich gehalten (Die Diashow zum Vortrag kann man dort runderladen: www.innovationsforum10.de, getwittert wurde auch: #if10) . Meine Lebensgeschichte war das Thema, oder genauer gesagt der Teil meines Lebens welches ich als virtuelle Figur seit meinem Erscheinen vor fünf Jahren geführt habe. Dort waren 150 Marketer die wahrscheinlich nicht mit meiner Autobiographie gerechnet hatten, sie aber eine halbe Stunde über sich ergehen lassen mussten. Einige hat es dann doch interessiert, sie haben mich zu meiner Freude auf Facebook kontaktiert. Ich werde die Präsentation mal an anderer Stelle vorstellen.

Die Hauptfrage des größtenteils von Social Media unberührten Publikums war: Ist Social Media ein Hype? Wird da mal wieder eine neue Sau durchs Dorf gejagt? Ich sag mal: Nein.

Meine These: Social Media ist ein pandorische Büchse.

Wir erleben hier nur den Anfang, zukünftige Generationen werden ein materiell-virtuelles Doppelleben führen. Ich fang am besten mal ganz vorne an um diese These zu stützen.

Direkte und indirekte Kommunikation

In den Anfangstages des Internets nutzten es die meisten um per Chat oder Email direkt miteinander zu kommunizieren. Foren ermöglichten es nicht nur Inhalte im Netz zu publizieren sondern auch zu kommentieren. Blogs kamen Ende der 90er auf und erlaubten Nutzern selbst zu publizieren. Microbloggingsysteme wie Twitter haben das ganze noch schneller und einfacher gemacht. Auch Statusmeldungen auf Social Media-Plattformen erfüllen die selbe Funktion: Man wirft etwas in den virtuellen Raum und wer zuhören will hört zu. Die Kommunikation ist nicht mehr direkt, sie geht ungerichtet ins Netz. Nutzer generieren den Inhalt, Web 2.0. Die virtuelle Öffentlichkeit entstand.

Avatare und Profile

Das Erstellen eines Avatars als digitale Repräsentation eines Kommunizierneden wurde ursprünglich in Spielen eingeführt. Anfang der Achtziger Jahre kamen die MUDs (Multiuser Dungeons) auf in denen viele Spieler gemeinsam in Echtzeit virtuelle Räume ergründen mussten. Hier wurde nie der Anspruch einer authentischen Abbildung der Teilnehmer gestellt. Das änderte sich mit dem Aufkommen der ersten Flirtplattformen. Das dort erstellte Profil entsprach meistens dem erwünschten Bilds des Flirtwilligen. Ob dreidimensional animierte Traumfigur oder Bewerbungsmappenprofil bei Xing, es handelt sich jeweils um ein Abbild – mit unterschiedlichem Abstraktionsgrad vom physischen Original. Seit den ersten Flirtplattformen wurde das Netz für soziale Interaktion genutzt, Social Media entstand. (Mehr dazu im Artikel Avatar – Profil 1:1)

Soziale Netzwerke

Ziel der Flirtplattformen war jedoch stets zwei Menschen zusammen zu bringen. Als im Jahr 2003 die Plattform Friendster es ermöglichte, sich soziale Netzwerke aufzubauen schoss die Zahl der Nutzer in bislang ungeahnte Höhen. MySpace folgte in der Bugwelle des Erfolges von Friendster und 2004 ging Facebook ins Netz. Soziale Netzwerke im materiellen Leben fanden plötzlich ihr Pendant im Netz.

Kommunikation im Netzwerk

Facebook verband den Aufbau virtueller sozialer Netzwerke mit direkter und indirekter Kommunikation. Nun gab es die Möglichkeit kurze Meldungen an eine virtuelle Pinwand zu hängen und mit Freunden zu chatten. Spielchen wie kleine Umfragen animierten die Nutzer sich zu äußern und die Äußerungen anderer zu kommentieren. Der virtuelle soziale Raum wurde mit Kommunikation gefüllt. Das Abbild des einzelnen ist damit nicht mehr nur das angelegte Profil sondern die Summe aller Äußerungen. Die virtuellen Abbilder wachsen über sich hinaus. Kommunikative Phänomene wie Small-Talk finden plötzlich ihr virtuelles Pendant, ein hoch komplexes soziales System mit eigenen Kommunikationsregeln entsteht im Paralleluniversum.

Die Welt im Netz

Google Earth versucht die Welt virtuell nachzubauen, Navigationssysteme berechnen im virtuellen Raum die beste Route zum nächsten Restaurant. Nicht nur Menschen, sondern auch Orte werden ins Paralleluniversum abgebildet. Da der Zugang zu diesem Universum nicht mehr ortsgebunden ist kann überall die lokale virtuelle Welt ergründet werden. Meldet sich ein Nutzer bei einer Plattform wie Foursquare oder Gowalla an einem Ort an ist auch seine Position im Netz abgebildet und somit verfügbar. Diese Plattformen sind heute noch in Deutschland sehr wenig verbreitet, werden aber kommen.

Kurz zusammengefasst: Folgende Faktoren machen den heutigen virtuellen Raum aus.

– direkte Kommunikation (Skype, Email, ICQ, …)
– Avatar oder Profil als digitales Abbild eines Menschen
– Nutzergenerierter Inhalt (Blogs, Flickr, Youtube)
– Aufbau sozialer Netzwerke (Friendster, MySpace, Facebook, LinkedIn, Xing)
– Indirekte Kommunikation: Foren, Statusmeldungen, öffentliche Kommentare, Tweets
– räumliche Abbildung der Welt (Google Earth, Panoramio, Navigationssysteme)
– mobile Internetnutzung (UMTS, iPhone, Blackberry)
– räumliche Abbildung der Nutzer (Foursqaure, Gowalla)

Fazit

Das virtuelle Paralleluniversum wächst in seiner Komplexität dank steter technischer Erweiterung und rapide wachsender Nutzerzahlen. Die Voraussetzung zum Aufbau komplexer sozialer Systeme sind gegeben und werden genutzt, denn der Mensch ist ein soziales Wesen. Die einzige Bremse sind derzeit Datenschutzrechtliche Bedenken und die Angst zum gläsernen Menschen zu werden. Schaut man sich aber den bedenkenlosen Umgang mit diesen Medien jener an, die damit aufwachsen, muss man feststellen das wie immer gilt: Was technisch machbar ist wird irgendwann auch gemacht.

Social Media mag ein Schlagwort sein, doch das wofür es steht wird die Zukunft auf lange Sicht prägen. Die Plattformen werden kommen und gehen und sich weiterentwickeln, sie werden jedoch nicht mehr verschwinden. Wir haben die Büchse der Pandora geöffnet.