Wutbürger, Weichspüler und der Rest vom Protest

Die Stuttgarter Protestkultur hat im ganzen Land für Aufsehen gesorgt. Das friedliche und untypische Publikum aus allen Schichten war mal kurz ein gutes Thema für die Medien, ein neuer Geist der durch das Volk weht wurde erkannt, er kam aus Stuttgart. Der Sommer ist rum. Die Demonstranten wurden verprügelt, die Gegner geschlichtet, der Bahnhof wird vergraben, Atomkraftwerke laufen weiter. Die Krise ist rum, es geht wieder aufwärts, die Landtagswahlen kommen und die meisten werden vergessen haben, was im letzten Jahr so alles passiert ist. Die diffuse Furcht vor einer grünen Regierung wird viele, die letzten Sommer noch vom Hauch der Revolution umspült waren, ihr Kreuz an die gewohnte schwarze Stelle setzen lassen. Man mag ihn nicht, den Mappus, aber er ist gut für’s Land. So denken viele. So wählen viele.

Der Geist des Protestes
Für uns Revoluzer aus dem Stuttgarter Kessel, die den 30.9. nicht nur auf  YouTube erlebt haben, die gesehen haben, wie die Bahn sich bei der Schlichtung gewunden hat, die Mappus Verlogenheit im Untersuchungsausschuss verfolgt haben, die sich nicht nur auf den Demos treffen sondern sich auch darüber hinaus engagieren, für uns ist es nur schwer nachvollziehbar wie schnell der Geist des Sommers verschwinden konnte. Denn bei uns ist er noch da, wir bestätigen uns weiter gegenseitig, tröten und trillern zum Schwabenstreich, frieren Montags gegen das System. Wenn wir genügend an den Wechsel glauben, dann wird er schon kommen. Schön wärs. Gewählt wird in Aalen, Sigmaringen und Lörrach, nicht nur im Lehenviertel oder am Stöckach.

Selbst in meinem eigenen Umfeld treff ich immer häufiger auf Leute, die die Nase voll von dem Thema haben. Sie nervt es höchstens, dass eine Demo mal wieder die Straßen verstopft oder das im Park Müll rumliegt. Sie haben vergessen oder es interessiert sie nicht mehr warum es so wichtig ist, einer korrupten Regierung die Stirn zu zeigen. Sie verdrängen, dass Mappus dem Rechtstaat den Stiefel in den Arsch steckte als er die Wasserwerfer in die Schülerdemo schickte. Natürlich könnte man jetzt die Verdrossenheit und Ignoranz anmahnen und darüber lamentieren, dass so viele einfach nur mitgelaufen sind weil es chic war und die Sonne geschienen hat. Das bringt aber nichts. Doch wie geht es weiter?

Wie viel Druck verträgt der Protest?
Es stehen sich zwei Philosophien gegenüber: Die einen wollen mehr Druck machen. Mehr Demos, ziviler Ungehorsam und Blockaden. Sie nehmen billigend in Kauf dass sie die Unentschlossenen vor den Kopf stoßen. Sie sind nicht bereit zu verhandeln aber dazu bereit sich mit allen Mitteln gegen den Bau des Erdbahnhofs zu stellen. Ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit verdanken wir dass der Bürgerprotest in Stuttgart überhaupt erst wahr genommen wurde.

Die andere Seite sind jene die glauben, dass das Ziel des Druckaufbaus erreicht sei. Die Massen wurden für das Problem sensibilisiert, weiterer Druck bringe da nichts mehr. In ihren Augen schreckt Radikalität jene ab, die sich in der Sache noch unsicher sind. Ihr Ziel ist es, dass mit der Landtagswahl ein Regierungswechsel kommt. Und dazu wollen sie mit den Unentschlossenen reden, die man noch gewinnen kann. Vorausgesetzt man stößt sie nicht vor den Kopf. Und dazu lassen sie sich auf deren Gedankenwelt ein, hören sich die Argumente an, nehmen sie ernst. Selbst oder gerade dann wenn sie den Erdbahnhof eigentlich nicht schlecht finden, irgendwie schon verstehen dass die Polizisten sich ja wehren mussten und daran glauben, dass die Grünen genauso beschissen seien wie die aktuelle Regierung. Das ist nicht einfach, insbesondere wenn es um den 30.9. geht.

Protest als Selbstzweck
Die Druck-Fraktion wirft der Verständnis-Fraktion Weichspülermentalität und Ausverkauf der Ideale vor. Aber worum geht es hier eigentlich? Geht es darum zu beweisen, dass man sich bis zum bitteren Ende vor den Bagger wirft? Das man sich vom System nicht kleinkriegen lässt? Oder einfach darum dass man seine Wut gegen das System Gassi führen kann? Gründe zur Wut gibt es viele. Leider macht sie blind. Man vergisst dabei das eigentliche Ziel. Protest ist kein Selbstzweck. Wenn wir was verändern wollen müssen wir sachlich bleiben, aufklären, überzeugen. Als Wutbürger werden wir nicht ernst genommen. Und genau da will uns die Regierung haben. Diesen Gefallen sollten wir ihr nicht tun.

Quo vadis Protest?
Wie können wir also etwas bewegen? Wo finden wir jene, die noch überzeugt werden können? Auf welchen Kanälen können wir sie erreichen? Welche Argumente brauchen wir um die Saat des Zweifelns zu säen? Wenn jeder Gegner es schafft einem Unentschlossenen zu überzeugen dann haben wir viel erreicht. Wir müssen sie nicht auf die Straße bringen, es reicht schon wenn sie am 27. März ein Kreuzchen gegen Mappus und seinen Filz machen.