Robinsonade

Vor einem Jahr habe ich von einer virtuellen Reise berichtet, die mich in die innere Mongolei führte. Um der Verschneematschung vor der Tür zu entgehen, bin ich mal wieder losgezogen. Dieses Mal gemeinsam mit meiner alten Freundin Thea, die auch mal einen Tapetenwechsel braucht.

Schnell den digitalen Globus angeschubst und Genosse Zufall das Reiseziel bestimmen lassen. Nach den üblichen Treffern in die Tiefen irgend eines Ozeans landen wir am Strand einer tropischen Insel. Prima!

Entlang einer ziemlich steilen und wolkenverhangenen Küste wandern wir mal drauf los, um rauszufinden, wo wir eigentlich sind. Theas sonderbarer aber untrüglicher Sinn für Zeitzonen verrät uns schon mal, dass wir 7 Zonen entfernt westlich von ihrer Heimat Nürtingen sind.

Isla_del_Coco-chatham_beach Thea

Die Wolken verschwinden langsam hinter dem Horizont, wo sie auch hingehören, und wir entdecken eine Bucht mit schönstem Strand. Wir verweilen bis uns das Fehlen einer Strandbar doch wieder weiter treibt.

Wir brauchen Überblick! Den soll uns der Berg verschaffen, der im Landesinneren so vor sich hin steht.

Bildschirmfoto 2017-11-30 um 19.34.13

 

Der Aufstieg führt uns durch tropische Wälder. Voll von Krabbelgetier, jedoch wie überall bislang ohne jede Spur von Menschen. Thea und ich streiten uns, wer von uns beiden jetzt Freitag sei.

Mehr als 500 Höhenmeter weiter entdecken wir das Geheimnis hinter dem Berg: Es geht wieder runter. Die Insel hört auf. Keine Stadt. Kein Dorf. Keine Strandbar. Keine Cocktails. Und schon gar keine Cocktailschirmchen oder Menschen, die sich diese im berauschten Zustand ins Auge rammen könnten. Einsame Insel.

Eigentlich perfekt für einen Piratenschatz! Nicht das wir einen dabei hätten, aber vielleicht können wir ja den eines Fremdpiraten plündern. Nur finden sollte man ihn, so ganz ohne Schatzkarte. Nichtmals eine von mir selbst gezeichnete Karte hilft uns bei der Suche. Abends beenden wir unsere Robinsonade und schauen mal, ob es in Nürtingen Cocktailschirmchen gibt.

Zurück in der Zivilisation versuchen wir anhand einer nicht von mir gezeichneten Karte herauszufinden, wo wir uns eigentlich rumgetrieben haben.

Die Kokosinsel! Welch schöner Name. Die ist laut unserer guten alten Freundin Wikipedia eine berüchtigte Schatzinsel. Mist. Beim nächsten Mal gebe ich mir mehr Mühe, wenn ich mir eine Schatzkarte zeichne.


Bock drauf, selbst mal virtuell zu reisen? Hier die Anleitung:

  • Man nehme: Google Earth Pro. Das herkömmliche Google Earth wurde ausgemustert, dafür gibts die Profiversion jetzt umsonst.
  • Zoome in Google Earth ganz weit raus, sodass du den ganzen Erdball siehst.erde
  • Jetzt die Erde richtig schnell anschucken. Dabei ist es wichtig, dass man das Programm so einstellt, dass sich die Erde ohne Unterlass weiter dreht und nicht abbremst.google-earth-einstellungen
  • Dreht sich die Erde nun wie wild, platzierst du den Mauszeiger auf der Mitte und machst die Augen zu. Wenn dir danach ist, klicke und zoome mit dem Mausrad so nah wie möglich ran. Augen auf und Überraschung! Zu 71% ist die Überraschung doof: Man ist mitten im Meer gelandet. Also: Noch mal von vorne.
  • Schau dich um, entdecke wo du bist, mach Fotos per Screenshot und schreibe eine wilde Geschichte.

 

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Küssende Saurier

Verreisen macht Spaß, kostet aber Geld, Zeit und bei Fernreisen Kerosin. Drum verreise ich gerne virtuell, per Google Earth. Um’s spannender zu machen lass ich den Zufall mitreisen. Dazu zoome ich in Google Earth weit raus, sodass ich den ganzen Erdball sehe. erde Jetzt schucke ich die Erde richtig schnell an. Dabei ist es wichtig, dass man das Programm* so einstellt, dass sich die Erde ohne Unterlass weiter dreht und nicht abbremst. google-earth-einstellungen Dreht sich die Erde nun wie wild, platziere ich den Mauszeiger auf der Mitte und mache die Augen zu. Wenn mir danach ist, klicke ich und zoome mit dem Mausrad so nah wie möglich ran.  Augen auf und Überraschung! Zu 71% ist die Überraschung doof: Man ist mitten im Meer gelandet. Also: Noch mal von vorne.

01-Gobi

Meine erste Reise geht auch ins Wasser, beim zweiten Versuch geht’s in die Innere Mongolei, in die Wüste Gobi. Zum großen Glück lande ich auf einer Piste nördlich der Stadt Erenhot. Bekannt ist dieser Ort dafür, dass auf der Transmongolischen Eisenbahn dort die Fahrgestelle der Züge getauscht werden, da die Chinesen eine andere Spurweite haben.

Da in Erenhot einige Dinosaurierknochen gefunden wurden, gibt’s dort Haufenweise Sauriermodelle. Das Highlight: eine Brücke aus zwei sich küssenden Saurier über eine Straße. (Foto: Phil MacDonald) Mein Tipp: Selbst per Google Earth verreisen, Bildschirmfoto machen und als Postkarte ins Facebook stellen. Dazu gerne noch was über den Ort oder die Region schreiben.  Das ist zwar nicht ganz so glamourös wie selbst vor Ort sein, aber eine umwelt-, geld- und zeitfreundliche Alternative.

PS: Mit dem Auto müsste ich immerhin 100 Stunden fahren, um nach Erenhot zu kommen. Mit dem Zug kommt man aber recht einfach dort hin. Einfach nach Moskau fahren, in die Transsibirische Eisenbahn umstiegen, in Ulan Ude in die Transmongolische Eisenbahn Richtung Peking umsteigen und dann in Erenhot aussteigen. Aber virtuell geht’s halt noch einfacher.

*Programm:  So hat man früher Apps genannt.

Reise nach Sardorien

Um nicht zu vergessen, dass es einst mal eine Jahreszeit gab, in der man weniger als drei Schichten Klamottur außer Haus auftragen konnte, wühle ich mich durch alte Urlaubsbilder und bin dabei auf eine schöne Reise im Jahr 2007 gestoßen:

Ich habe beschlossen zu reisen. Sechs Uhr morgens, Stuttgart, die Frisur sitzt. Kann man hier leider nicht sehen, da ich blöderweise kein Selbstporträt gemacht habe. Stellt’s euch einfach vor.

Ziel meiner Reise: Sardorien, eine nette, italienische Insel mitten im schönen Mittelmeer. Strände wie Sand am Meer gibt’s dort und mitten auf der Insel Berge mit kauzigen Ureinwohnern in landestypischer Tracht, die mit einer überschaubaren Anzahl von Zähnen madigen Käse oder Nudeln mit alten Fischeiern essen.

Im Bergland Sardoriens, Sardora in der Landessprache genannt, lerne ich eine Ureinwohnerin kennen, die in der typischen Tracht der Bergdorfbewohnerinnen stolz vor ihrem Carretto steht, auf dem sie jede Woche auf den Markt im Tal fährt, um gammlige Fischeier gegen madigen Käse zu tauschen. An ihren Skarponen, den offenen Schuhen, symbolisieren die rosa Federn, dass die Dame noch unvermählt ist.
Mit ein paar Glasperlen und leeren Versprechungen versuche ich sie zu überreden, mich durch’s Land zu führen. Das scheitert am berüchtigten Verhandlunsgeschick der Sardorinnen. Ich muss noch ein Top und zwei Paar Schuhe drauflegen. Zum Glück reise ich nie ohne adäquaten Vorrat. Man weiß ja nie, welche Farbe zur Stimmung des Tages passen könnte.

Das sardorische Nationalgericht: Baco ammuffito allo spiedo mit sugo di coglione oder salsa di scrotto. Schmeckt würzig und ist nur nach mehrjähriger Übung bekömmlich.
Wer die nicht hat, so wie ich, der müsse schnell zur Flasche greifen, sagen mir meine einheimische Begleiterin und mein Unverstand.

Die Schnapstheke ist überschaubar, doch ein Getränk sieht vielversprechend aus:

Der Bombardino hat einen harten Kampf gegen die Spießchen, doch am Ende obsiegt seine Räudigkeit.

Der Tag auf Sardorien beginnt fröhlich. Der Frühstücksschnaps, das Acqua Danno di Fegata aus dem kleinen Fass in der Mitte des Tisches wird mit einer Substanz verfeinert, die man aus dem Sekret der sardorischen Kröte entnimmt. Das verstärkt die elendsverursachende Wirkung des Alkohols und sorgt für gelassene bis heitere Stimmung.

Ich bin eher skeptisch, doch meine einheimische Begleiterin gibt mir zu verstehen, dass die finsteren Gesellen am anderen Ende der Bar ein Nichtaustrinken der braunen Brühe als Beleidigung von Vaterinsel, Sardorenehre und ihrer Mütter auffassen würden.

Ich nehme mir ein Beispiel an der stolzen Einheimischen, die sich das räudige Gesöff in einem Zug in den Hals stellt, bereute es jedoch später.

Angezogen vom Geruch des formaggio puzzolente im Caretto, den ein Einheimischer am Wegesrand mal eben abgestellt hatte, treiben sich diverse Katzen auf der Straße herum. Die freundliche weiße Katze versteckt sich vor den schwarzen gatti indiavolati, die das Ergebnis einer missglückten Teufelsbeschwörung durch einen düsteren Anhänger des Leibhaftigen in einer vergessenen und durchaus finsteren Grotte an der Ostküste Sardoriens sind. Wie ein Pesthauch verbreiten sich die finsteren Katzentiere über die Insel und fressen die gemeinen Hauskatzen mit Haut und Haaren. Nur geweihtes Katzenfutter kann ihnen Schaden zufügen, weshalb katzenfreundliche Inselbewohner selbiges auslegen. Auf dem Bild kann man sehen, wie ein Teufelskater soeben in eine solche Falle getappt ist: Der von ihm verzehrte Inhalt der blauen Dose wird ihn innerlich zum Platzen bringen. Die weiße Katze freut sich schon mal vor.

Hunde gibt es dort auch. Insbesondere faule. Da sich die Katzen gegenseitig fressen, haben sie ein leichtes Leben. Der kleine Suinocarlino auf dem Bild ist ein typischer Bewohner der Insel. Seine flinke Zunge ist nicht nur unter Hunden beliebt. Das Glöckchen um seinen Hals kündet von seinem Kommen und gilt als gutes Omen.


Sardorien ist ein schönes Land. Wer die Ureinwohner, den Sonnenbrand und die schädelspaltenden Getränke nicht scheut, sollte die Insel besuchen. Auf dieser von mir selbst erstellten Postkarte sieht man nicht nur die erste asphaltierte Straße sondern auch einen Telegraphenmast, Symbole für den Einzug der modernen Zivilisation in eine der letzten bislang unberührten Idyllen im Mittelmeer. Es bleibt zu hoffen, dass Sardorien das Schicksal Mallorcas erspart bleibt.

Zusammen mit der reiselustigen Sardorin fahre ich mit dem Schiff zurück nach Stuttgart. Auf der Straße bleiben die Passanten stehen und bewundern das exotische Wesen aus der mediterranen Inselwelt in ihrem farbenfrohem traditionellem Gewand, das sie in einem ihrer vier armadio portabile, dem sardorischen Kleiderschrankkoffer, mitgebracht hat.