Harte Fakten und der Erdbahnhof

 

Der Streit um den Erdbahnhof geht weiter, wie man auf dieser Litfasssäule im Stuttgarter Süden unschwer erkennen kann. Harte Fakten beherrschen die Diskussion, wie eh und je. So schnell wird’s in unserer Stadt nicht langweilig. Es gibt sogar eine Neuauflage der Parkbesetzung, diesmal im Rosensteinpark. Hoffentlich gibt’s auch noch mal eine Schlichtung und eine noch unverständlichere Volksabstimmung bei der man neben „ja“ und „nein“ auch mit „vielleicht“ auf die Frage antworten kann, ob nun S21 oder dessen Gegner doof seien. Ich halte euch auf dem Laufenden!

Die große Wunde

Heute ist es wohl so weit: Der Mittlere Schlossgarten Stuttgarts wird geräumt, damit Platz für die Baugrube des Erdbahnhofs Stuttgart 21 geschaffen werden kann. Dabei im Weg: Die wunderschönen alten Bäume des Parks. Die sollten eigentlich alle verpflanzt werden, das hat die Bahn als Resultat der Schlichtung versprochen. Das Versprechen werden sie brechen.

Die Bäume werden für den neuen Bahnhof geopfert. Ob das Opfer gerechtfertigt ist oder nicht, darüber sind sich die unterschiedlichen Parteien nicht einig. Aber eins ist klar: Die Zerstörung wird eine tiefe Wunde in die Mitte der Stadt schlagen, auch symbolisch. Das kann auch niemandem egal sein, der für den Neubau des Bahnhofs ist.

30.000 Bürger haben sich bei den Parkschützern eintragen lassen und heute ist der Tag, an dem es um die Wurst geht. Ich hoffe, dass viele Leute, die sich in den letzten Jahren gegen die Zerstörung des Parks ausgesprochen haben, heute kommen, um zumindest Abschied zu nehmen. Wahrscheinlich sind nur wenige bereit, aktiv gegen die Räumung vorzugehen, aber es wäre ein gutes Bild, wenn so viele Menschen wie möglich anwesend wären und zeigen, dass es uns nicht egal ist, wenn so etwas geschieht. Wir werden der Übermacht der Polizei nichts entgegensetzen zu haben, aber wir können Zeugen sein und zeigen, dass wir um unsere Bäume trauern.

Ich wünsche mir, das auch jene dort anwesend sein werden, die verantwortlich für die Zerstörung sind. Auch ihnen kann es nicht egal sein, wenn wir dieses Opfer für ihre Zukunft bringen. Auch die Landesregierung, insbesondere Kretschmann, täten gut daran. dieser Hinrichtung beizuwohnen, um zu sehen und Anteil daran zu haben, wenn der Seele der Stadt eine tiefe Wunde zugeführt wird.

Ich wünsche mir, dass alles gewaltfrei abläuft, und ebenso wünsche ich mir, dass die Rodung in letzter Sekunde verhindert werden kann.

2011

Foto: Lisa Nerz (http://lisanerz.blogspot.com/)

2012 – Das Jahr des Weltuntergangs hat angefangen. Den Weltuntergang fürchte ich nicht, die Sonne geht ja schließlich täglich unter – und am nächsten Morgen dann doch wieder auf. Auch 2011 haben meine Welt und ich gut überlebt.

Gleich im Januar hab ich beschlossen, jeden Tag zu bloggen – Ein Vorhaben, an dem ich fulminant gescheitert bin. Aber Scheitern gehört bei mir zum Programm, ich vergrößre meinen Scheiterhaufen täglich. Apropos scheitern: Am meisten hab ich mich darüber gefreut, dass die CDU-Landesregierung und ihr ekeleregender Obermotz Mappus daran gescheitert sind, wiedergewählt zu werden. Wenngleich es bis heute nicht gelungen ist, Stuttgart 21 zu stoppen, hat es der Protest geschafft, die CDU nach 58 Jahren Herrschaft vom Tron zu verjagen! Der Ausstieg Deutschland aus der Atomkraft war mir ein inneres Lachsbrötchen und die schönste Belohnung für all das Frieren auf Demos letzten Winter.

Bild: Eva Teigelkötter

Am 25. Februar wurde ich 36 und viele Gäste kamen mit Geschenken! Da ich wissen wollte, wie meine Freunde sich mich vorstellen, bat ich sie ein Porträt von mir zu zeichnen, basteln oder schreiben. In der Stuttgarter Zeitung erschien ein Artikel über die Feier!

Im April habe ich meine erste eigene Ausstellung in der XS-Gallery in Stuttgart. Viele Leute kamen und tauschten Gedanken und Lebenslügen auf Post-Its mit mir aus.

Im Mai legte das Team Dora Asemwald Racing los und fuhr die Allgäu-Orient-Rallye, kam aber nie in Jordanien an. Eine Odyssee auf Seelenverkäufern durch’s Mittelmeer führte leider nicht ins Ziel.

Im  Sommer hab ich einen neuen Ort entdeckt, der mich begeistert hat: Unser Pavillon. Der containerartige Bau wurde von Künstlern erdacht und in den Mittleren Schlossgarten gestellt, genau zwischen die Zelte, die im Schlossgarten nach dem 30.9. letzten Jahres aufgestellt wurden. Dort hab ich die Pavillonistin, Kunsttherapeutin und Künstlerin Karin Rehm kennen gelernt und wir haben uns sofort ins Herz geschlossen! Zusammen mit ihr hab ich zuerst eine Ausstellung der Schlossgarten-Fotos von Frank & Steff und Peter Franck gemacht.

Das hat so schön geklappt, dass Karin bei mir in der Galerie einstieg und wir die  Künstlergruppe Schattenwald gegründet haben, über die es dieses Jahr noch mehr zu lesen gibt.

Im November habe ich dann ein paar Arbeiten zum Thema Widerstand gegen die Übel dieser Stadt im Pavillon ausgestellt und mit Karin zusammen neue Loch 21 Projekte durchgeführt. Die Galerie ist aus ihrer Totenstarre erwacht und das Loch wird weitergegraben!

Und zu guter letzt hab ich noch eine Band mit der Sängerin Maren Katze gegründet: Katzenwald. Die ersten 2 Lieder sind schon online!
http://www.myspace.com/katzenwald 

Alles in allem war’s ein großartiges Jahr, hab tolle Menschen kennen gelernt, wilde Sachen erlebt und viel Spaß gehabt. Für’s nächste Jahr ist auch schon so einiges geplant. So werde ich zum Beispiel in einem Krimi meiner Freundin Lisa Nerz mitmachen und weiterhin die virtuelle und begehbare Welt und den Raum drum herum ergründen. Ich freue mich wenn ihr wieder hier vorbei schaut!

Eure Dora

Wer wissen will, was 2010 bei so mir ging:

https://asemwald.wordpress.com/2011/01/04/freitagseintopf-2010/

Ausflug auf’s Land

Irgendwann, wohl dieses Jahr noch, soll wohl das ganze Land befragt werden, wo in Stuttgart in Zukunft die Züge fahren sollen. Mich fragt niemand, ob in Konstanz oder Künzelsau die Stadt auf links gedreht werden soll. Ehrlich gesagt: Es interessiert mich auch nicht. Ebenso wenig interessiert es den Münsinger, wie rum in Stuttgart die Gleise liegen. Auch wenn er dafür zahlen muss, wenngleich natürlich indirekt. Trotzdem wird er gefragt. Ob er antwortet oder nicht. Ob er von der komplexen Materie Ahnung hat oder nicht. Das doofe: Ein Drittel aller Wahlberechtigten, also 2,5 Millionen müssen gegen den Erdbahnhof sein, sonst geht die Wahl automatisch zu Gunsten des Milliardenprojektes aus. Auch wenn sich viel weniger dafür entscheiden. Demokratie geht anders.

Wir haben keine Chance. Nutzen wir sie. Sagen sich auf jeden Fall ein Haufen Erdbahnhofsgegner. Das gefällt mir! Sie wollen auf’s Land ziehen und das dort hintragen, was dort zu diesem Thema verständlicherweise Mangelware ist: Information. An Infoständen im ganzen Land wollen sie mit potenziellen Wählern reden. Sie suchen auch noch Leute, die die Idee unterstützen und sich beteiligen wollen:

volksabstimmung-s21.org

Sand im Getriebe

Zugegeben, meine Einschätzung zur Zukunft des Protests gegen Stuttgart 21 in meinem letzten Artikel hatte den unliebsamen Pessimismus zu Gast. Er raubt vielen die Laune und Motivation. Eine ungünstige Ausgangslage dient gerne als Steilvorlage für vorauseilendes Scheitern. Getreu dem Motto der Zyniker: Hat ja eh keinen Sinn. Hilft es da sich die Lage schön zu reden? Den einen oder anderen mag das motivieren, man sieht sich ja selbst gerne auf der Gewinnerseite und denkt: Wer das Scheitern im Kopf hat wird auch scheitern.  Nicht das Scheitern, sondern die Furcht davor ist, was uns scheitern lässt. Ich muss mir eine schwierige Ausgangslage nicht schön reden um sie zu meistern. Aufgesetzter Optimismus ist sehr gefährlich. Man blendet einfach Probleme aus, die einen später dann zu Fall bringen können. Der alte Optimismustrick, sich selbst zum Erfolg zu überreden, funktioniert eh nur bei Angelegenheiten, die uns selbst betreffen. Man muss schon an die globale Kraft der Gedanken glauben um mit Optimismus die Welt zu verbessern. Ich glaube eher an Taten. Und die kann ich optimistisch darin, sie so gut wie mir möglich zu erfüllen, angehen. Wie ich damit auf meine Umwelt einwirke steht auf einem anderen Blatt.

Sand im Getriebe
Mal ganz konkret: Ich halte die Chance, dass Stuttgart 21 gestoppt werden kann für sehr gering. Auch befürchte ich, dass Mappus und seine Bande gewählt werden. Warum setze ich mich dann noch weiterhin ein? Ich könnte auch sagen: Ist doch eh egal, ich lass es bleiben. Vorauseilendes Scheitern durch Nichtversuch. Ebenso könnte man fragen warum jemand auf der Baustelle eine Sitzblockade macht. Der Blockeur weiß von vornherein, dass er weggetragen wird. Es geht darum Sand im Getriebe zu sein. Wenn uns die Regierung schon über den Tisch zieht, dann sollen sie es wenigstens nicht leicht haben. Und jeder kleine Widerstand summiert sich. Kein Getriebe läuft mehr wenn sich ein ganzer Sandkasten darin befindet.

Flinte im Korn
Unsere Chancen sind klein, aber vorhanden. Um so kritischer das Volk, desto weniger kann sich eine Regierung erlauben ohne dass es unbequem wird. Wahrscheinlich schafft man es nicht die Welt zu revolutionieren, aber im eigenen Umfeld besteht die Möglichkeit durchaus. Auch wenn die Gesamtlage pessimistisch scheint, kann ich meinen Optimismus im kleinen ansetzen und erreiche auch so etwas. Vielleicht sollten wir unsere Zielsetzungen überprüfen bevor wir die Flinte ins Korn werfen. Auch wenn wir Stuttgart 21 nicht stoppen können, sind wir immerhin in der Lage darauf einzuwirken was mit der Stadt passiert. Wir werden noch oft scheitern, aber eben so oft werden wir wieder aufstehen und weiterkämpfen. Und vielleicht bleiben wir ja trotzdem oben. Schön wär’s.

Wutbürger, Weichspüler und der Rest vom Protest

Die Stuttgarter Protestkultur hat im ganzen Land für Aufsehen gesorgt. Das friedliche und untypische Publikum aus allen Schichten war mal kurz ein gutes Thema für die Medien, ein neuer Geist der durch das Volk weht wurde erkannt, er kam aus Stuttgart. Der Sommer ist rum. Die Demonstranten wurden verprügelt, die Gegner geschlichtet, der Bahnhof wird vergraben, Atomkraftwerke laufen weiter. Die Krise ist rum, es geht wieder aufwärts, die Landtagswahlen kommen und die meisten werden vergessen haben, was im letzten Jahr so alles passiert ist. Die diffuse Furcht vor einer grünen Regierung wird viele, die letzten Sommer noch vom Hauch der Revolution umspült waren, ihr Kreuz an die gewohnte schwarze Stelle setzen lassen. Man mag ihn nicht, den Mappus, aber er ist gut für’s Land. So denken viele. So wählen viele.

Der Geist des Protestes
Für uns Revoluzer aus dem Stuttgarter Kessel, die den 30.9. nicht nur auf  YouTube erlebt haben, die gesehen haben, wie die Bahn sich bei der Schlichtung gewunden hat, die Mappus Verlogenheit im Untersuchungsausschuss verfolgt haben, die sich nicht nur auf den Demos treffen sondern sich auch darüber hinaus engagieren, für uns ist es nur schwer nachvollziehbar wie schnell der Geist des Sommers verschwinden konnte. Denn bei uns ist er noch da, wir bestätigen uns weiter gegenseitig, tröten und trillern zum Schwabenstreich, frieren Montags gegen das System. Wenn wir genügend an den Wechsel glauben, dann wird er schon kommen. Schön wärs. Gewählt wird in Aalen, Sigmaringen und Lörrach, nicht nur im Lehenviertel oder am Stöckach.

Selbst in meinem eigenen Umfeld treff ich immer häufiger auf Leute, die die Nase voll von dem Thema haben. Sie nervt es höchstens, dass eine Demo mal wieder die Straßen verstopft oder das im Park Müll rumliegt. Sie haben vergessen oder es interessiert sie nicht mehr warum es so wichtig ist, einer korrupten Regierung die Stirn zu zeigen. Sie verdrängen, dass Mappus dem Rechtstaat den Stiefel in den Arsch steckte als er die Wasserwerfer in die Schülerdemo schickte. Natürlich könnte man jetzt die Verdrossenheit und Ignoranz anmahnen und darüber lamentieren, dass so viele einfach nur mitgelaufen sind weil es chic war und die Sonne geschienen hat. Das bringt aber nichts. Doch wie geht es weiter?

Wie viel Druck verträgt der Protest?
Es stehen sich zwei Philosophien gegenüber: Die einen wollen mehr Druck machen. Mehr Demos, ziviler Ungehorsam und Blockaden. Sie nehmen billigend in Kauf dass sie die Unentschlossenen vor den Kopf stoßen. Sie sind nicht bereit zu verhandeln aber dazu bereit sich mit allen Mitteln gegen den Bau des Erdbahnhofs zu stellen. Ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit verdanken wir dass der Bürgerprotest in Stuttgart überhaupt erst wahr genommen wurde.

Die andere Seite sind jene die glauben, dass das Ziel des Druckaufbaus erreicht sei. Die Massen wurden für das Problem sensibilisiert, weiterer Druck bringe da nichts mehr. In ihren Augen schreckt Radikalität jene ab, die sich in der Sache noch unsicher sind. Ihr Ziel ist es, dass mit der Landtagswahl ein Regierungswechsel kommt. Und dazu wollen sie mit den Unentschlossenen reden, die man noch gewinnen kann. Vorausgesetzt man stößt sie nicht vor den Kopf. Und dazu lassen sie sich auf deren Gedankenwelt ein, hören sich die Argumente an, nehmen sie ernst. Selbst oder gerade dann wenn sie den Erdbahnhof eigentlich nicht schlecht finden, irgendwie schon verstehen dass die Polizisten sich ja wehren mussten und daran glauben, dass die Grünen genauso beschissen seien wie die aktuelle Regierung. Das ist nicht einfach, insbesondere wenn es um den 30.9. geht.

Protest als Selbstzweck
Die Druck-Fraktion wirft der Verständnis-Fraktion Weichspülermentalität und Ausverkauf der Ideale vor. Aber worum geht es hier eigentlich? Geht es darum zu beweisen, dass man sich bis zum bitteren Ende vor den Bagger wirft? Das man sich vom System nicht kleinkriegen lässt? Oder einfach darum dass man seine Wut gegen das System Gassi führen kann? Gründe zur Wut gibt es viele. Leider macht sie blind. Man vergisst dabei das eigentliche Ziel. Protest ist kein Selbstzweck. Wenn wir was verändern wollen müssen wir sachlich bleiben, aufklären, überzeugen. Als Wutbürger werden wir nicht ernst genommen. Und genau da will uns die Regierung haben. Diesen Gefallen sollten wir ihr nicht tun.

Quo vadis Protest?
Wie können wir also etwas bewegen? Wo finden wir jene, die noch überzeugt werden können? Auf welchen Kanälen können wir sie erreichen? Welche Argumente brauchen wir um die Saat des Zweifelns zu säen? Wenn jeder Gegner es schafft einem Unentschlossenen zu überzeugen dann haben wir viel erreicht. Wir müssen sie nicht auf die Straße bringen, es reicht schon wenn sie am 27. März ein Kreuzchen gegen Mappus und seinen Filz machen.

Erdbahnhof #fail

Soeben bei Kein Stuttgart21 auf Facebook entdeckt: Einer Studie des Medienbeobachtungsdienstes Ausschnitt zu Folge soll Stuttgart 21 von Twitteranten der Versager des Jahres 10 sein. Twitternutzer kennzeichnen Versager durch das Schlagwort (Hashtag) #fail in ihrem Gezwitscher. Darauf folgen die Deutsche Bahn, CDU, Apple, FDP und das iPhone. Auf Platz 10: Das Wetter.

Der Erdbahnhof und jene, die ihn um jeden Preis bauen wollen scheinen in der Zwitschergemeinde noch unbeliebter zu sein als Telefone die man zum Telefonieren am Besten nicht in der Hand halten sollte. Vielleicht weils unter der Erde noch schlechteren Empfang gibt. Oder aber weil es sich mit dem Arsch auf der Oberleitung besonders schön zwitschert.

Für alle Nichttwitterkundige:

Die bis zu 140 Zeichen langen „Tweets“, die man per Twitter verschickt werden mit sogenannten Hashtags verschlagwortet. Diese starten immer mit dem Zeichen #. So kann man einfach Meldungen zu bestimmten Themen finden. Das Gezwitscher zur Bahnhofsfrage wird zum Beispiel mit #S21 verschlagwortet, Versagensmeldungen mit #fail. Wer denkt sich die Schlagwörter aus? Alle und keiner, die setzen sich einfach durch.