Fünf Hektar Zukunft

Wie soll die Stadt der Zukunft aussehen? Städteplaner, Futurologen und neugierige Stadtbewohnerinnen wie ich stellen sich diese Frage. Visionen dazu hab ich selbst schon zuhauf. Und wie das so mit Visionen ist, scheitern sie meist an dem, was man gemeinhin als Realität bezeichnet. Städte wachsen meist seit Jahrhunderten vor sich hin und sind ziemlich widerstandsfähig, was Veränderungen betrifft. Nur selten kommt es vor, dass man auf einer Tabula Rasa ganz von vorne anfangen kann, ohne sich mit etwaigem Bestand rumärgern zu müssen. Krieg, Naturkatastrophen und Großbauprojekte bieten die Chance, bei Null anzufangen.

In der Stuttgart wird derzeit versucht, den Hauptbahnhof zu vergraben. Sollte das eines Tages mal gelingen, dann werden 85 Hektar (ca. 120 Fußballfelder) Fläche zur städtischen Bebauung frei. Am erhofften Rosensteinquartier wird schon seit 1993 rumgeplant, die ersten Häuser sollten 2025 gebaut werden. Falls der Bahnhof 2021 in Betrieb gehen sollte. Falls. Doch daran glaubt nicht einmal mehr die Bahn*.  Man merkt: Stadtplanung ist nichts für Ungeduldige.

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Wenn ich mir Stadtplanung nach Stuttgarter Art so anschaue, dann graust es mir schon mal im Voraus. Die architektonische Monokultur im Europaviertel zeigt, was uns so blüht. Okay, es gibt viele Menschen, denen es dort schon irgendwie gefällt, die das Rumlungern in Shopping Malls  für „urban lifestyle“ halten und denen ein warmer Starbuckspappbecher in der Hand ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Ich darf da nicht immer von mir und meinem Umfeld ausgehen, das man am ehesten in die Schublade „Alternativ“ stecken könnte. Ich hätte am liebsten kleinteilige, individuelle Bebauung mit vielen Nischen für Kunst und Kultur. Gute Stadtplanung trägt allen Bürgern Rechnung, ermöglicht ein gesundes Miteinander unterschiedlichster Lebensentwürfe. Auch wenn diese unter freien Marktbedingungen wenig Chancen haben, sich zu entfalten.

rosenstein

Um den städtebaulichen Wünschen der Bürger Rechnung zu tragen, gibt es ein informelles Bürgerbeteiligungsverfahren. Damit das Rosensteinquartier auch Platz für „alternative“ Konzepte bieten kann, fordern die  „Stadtisten“ dafür symbolische 5 der 85 Hektar und haben dazu eine Agenda beim Beteiligungsverfahren eingereicht. Damit das Ganze an Gewicht gewinnt, rufen sie soziale und kulturelle Gruppen und Initiativen dazu auf, die Agenda mitzuunterzeichnen. Aber auch jeder einzelne kann die Agenda hier ideel unterstützen:

Agenda RO5ENSTEIN

Mir ist es lieber, jetzt den Mund aufzumachen, als im Nachhinein zu lamentieren, wie doof das neue Viertel sei. Auch wenn ich wahrscheinlich schon ziemlich alt sein werde, wenn es Gestalt annehmen wird. Die Stadt wurde zu lange von den Interessen meistbietender Investoren geprägt.


Noch ein paar Anmerkungen

  • Ich betrachte die Forderungen nach fünf Hektar als symbolisch. 50.000 Quadratmeter Alternativenghetto inmitten steriler Europaviertel-Style-Wohnanlagen machen mir etwas Angst. Da hätte ich es lieber geschnitten als am Stück. Ich wünsche mir eine ordentliche Durchmischung, städtebaulichen Pluralismus.
  • Das Rosensteinquartier ist Teil des Rahmenplans Stuttgart 21. Darum passt es vielen Gegner des Projekts nicht, sich in die Planung einzubringen. Ich bin auch gegen das Projekt, akzeptiere aber zähneknirschend, dass damit angefangen wurde, es umzusetzen. Sollte es je fertig werden, möchte ich, dass dort ein lebenswertes Viertel entsteht.
  • Das neue Viertel soll nach „urbanen, sozialen und ökologischen Gesichtspunkten“ entwickelt werden. Das geht aber nur, wenn das 2015 eingeführte Konzeptverfahren angewandt wird. Und das kostet die Stadt viel Geld. Geld, dass sie am Ende der Bahnhofstieferlegung vielleicht gar nicht mehr hat. Dann gilt wieder das bisherige Stuttgarter Stadtplanungsverfahren „Wer zahlt, bestimmt“.

Der Soundtrack des Fortschritts

kommunalomat

Die zahlreichen Stuttgart-21-Baustellen werden in den nächsten Jahren die Lebensqualität in der Stadt mindern.“

Ob man dem zustimmt oder nicht, will der der Kommunalomat, ein Wahl-O-Mat zur Kommunalwahl am 25 Mai, wissen. Bei der Antwort auf diese Aussage sind sich fast alle Parteien einig. Fast. Die CDU geht als einzige Partei davon aus, dass die zu erwartenden Bahnhofsbeerdigungsbaustellen die Lebensqualität nicht mindern werden. Mir scheint, die CDU verfügt über eine ureigene Definition von Lebensqualität, die sich nicht mal dem freien Wähler oder Republikaner erschließt. Als alte Allesverstehenwollerin versuche ich mal, dieser Definition auf den Grund zu gehen:

Für Christdemokraten sind Baustellen was Tolles.

  • Da rollen Bagger, Maschinenlärm hallt durch den Kessel als Soundtrack des Fortschritts.
  • Schwarzarbeiter aus aller – insbesonders osteuropäischer – Welt bringen Multikultiflair auf unsere Straßen.
  • Staus und eingeschränkter Verkehr der Stadtbahnen entschleunigen das Leben.
  • Baustellenverkehr sorgt dafür, dass das Neckartor auch in Zukunft Deutschlandmeister bleibt – beim Feinstaub.
  • Unzählige Röhren, die sich durch die Innenstadt schlängeln, machen sichtbar, was sonst unter der Erde geschieht und sorgen somit für Transparenz.
  • Die Vorfreude darauf, irgendwann das Herz in der Mitte Europas zu sein, sorgt für gute Laune.
  • Die Milliarden, die dort ausgegeben werden, können nicht für anderen Unfug verbraten werden.

Vielleicht meint die CDU auch, dass aufgrund der bahntypischen Planung in den nächsten Jahren eh nichts passiert und somit auch keine Lebensqualitätsminderung zu befürchten sei.

Vielleicht haben die Kommunalomat-Betreiber aber auch einfach ein falsches Kreuzchen gesetzt, was ja auch schon passiert ist. Dann läge ich in meiner These oben wohl richtig falsch.

Immerhin hat die CDU angegeben, die Stadt solle sich nicht an Mehrkosten beteiligen. Soll die Bahn doch für das schöne Leben an der Baugrube selber zahlen!

 

Hauptbahnhof womöglich für immer geschlossen.

Heut morgen mach ich mein Zeitloch auf und finde diesen schönen Artikel aus dem Jahr 2063. Offensichtlich werden wir auch in Zukunft die gleichen Probleme haben:

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Turners wutbürgerliche Wahlhelfer

Vor dem Stuttgarter Rathaus drängen sich die Leute. Ein Meer aus Plakaten und Protestschildern flutet den Marktplatz. Vor der dort aufgerichteten Bühne sitzen im abgesperrten Bereich Mitglieder der altkonservativen Parteien und warten. Plötzlich dröhnen wilde Rhythmen über den Platz, ein Konzert aus Trillerpfeifen und Gebrüll versucht dagegen anzustinken, als sich die Menge teilt und der „Star“ des Nachmittags in schwerem Geleit durch die Menge zur Bühne schreitet: Mutti kommt! Angela Merkel unterstützt den parteilosen OB-Kandidaten Sebastian Turner in seinem Wahlkampf. Wie die Prognosen stehen, droht die erste Landeshauptstadt in die Hand eines Grünen zu fallen, und dass nachdem sie schon den Ministerpräsidenten stellen. Aus CDU-Sicht ein Gau, bei dem Mutti persönlich eingreifen muss. Es fängt an, wie aus Eimern zu schütten, Schirme verdecken jegliche Sicht auf die Bühne, als jemand anfängt zu reden. Um mich herum wird gelärmt (Lügenpack! Lügenpack!), sodass ich auch nicht hören kann, wer da was von sich gibt. Die Stimmung ist verbittert und aggressiv, die letzten Nachrichten über den Bau des Erdbahnhofs sind Thema vieler Plakat: Zugentgleisungen und ein nicht erfülltes Brandschutzkonzept, was seit der Schlichtung eigentlich niemanden überraschen sollte.

Ich suche einen besseren Platz um zu verstehen, was da vorne passiert. Turner hat das Mikrophon ergriffen und redet mit lauter Stimme gegen den Lärm an. Nach dem üblichen Geschwalle über die Wichtigkeit der Bildung als Zukunftsweg, die wohl jeder Kandidat in seinem Programm stehen hat, aber trotzdem keiner in die Hand nimmt, schießt er sich auf Kuhn ein, dem er unterstellt, mit der Citymaut dem Bürger an die Freiheit und an’s Portemonnaie zu gehen. Eins ist klar: Sein Wahlkampf hat den Namen Kampf verdient. Er baut auf die Furcht der Leute, ein Grüner würde Stuttgarts Wirtschaft und somit Wohlstand und Arbeitsplätze ruinieren und die Freiheit der Bürger eindosen. Wahlkämpfe, bei denen Furcht vor den anderen geschürt wird, sind mir zuwider.

Merkel übernimmt. Ihre etwas leisere Stimme geht wieder im Lärm unter, ich verstehe bruchstückhaft etwas von Zukunftstauglichkeit, Bahnprojekt, Wirtschaft und so. Am Ende erklingt die deutsche Nationalhymne, um zu unterstreichen, dass sich hier niemand geringeres als DIE Bundeskanzlerin für Turner ausgesprochen hat. Ende der Veranstaltung. Die einen packen ihre Transparente ein, die anderen empören sich über die Schande für Stuttgart, die Kanzlerin in dieser Form empfangen zu haben.

Für Turner scheint es ein gelungener Tag. Das Schreckgespenst der renitenten Wutbürger, die die Zukunft der Stadt sabotieren wollen, hat sich selbst an die Wand gemalt. Die Medien berichten über die Protestbewegung, die nicht bereit ist zuzuhören und ihrer Wut freien Lauf lässt. Das bringt die Stimmen jener, die von der Protestkultur die Nase voll haben.

„Der haben wir gezeigt, dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist!“, sagt ein anderer Marktplatzbesucher zu mir. Ich frage mich, was das bringt? Ausgebuht werden gehört zum täglichen Programm in ihrer Position. Müssen wir ihr (oder vielleicht auch uns selbst) vor Augen führen, dass es immer noch Demonstranten in Stuttgart gibt? Wenn es etwas gibt, was sie wirklich trifft, dann ist es das Wahlergebnis von Turner, der kaum Aussichten hat, die grüne Gefahr zu bannen.

Mir war von vornherein klar, dass es sich viele nicht entgehen lassen, der Kanzlerin mal persönlich die – bestimmt durchaus berechtigte – Wut ins Gesicht zu brüllen, doch denke ich dabei auch an das Bild, dass wir Bahnhofsgegner dabei abgegeben haben. Es ist absolut okay, eine miese Rede mit Buh-Rufen statt Beifall zu quittieren, aber man sollte schon dem zuhören, was man verurteilt. Diesen Respekt sollte man auch seinem politischen Gegner zollen. Wie können wir die mangelnde Dialogbereitschaft der Regierung anprangern, wenn wir selbst alles niederbrüllen? Wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn die Sympathien der Bevölkerung für die Protestbewegung durch solches Verhalten weiter schwinden. Das wollte Turner, und das hat ihm sein Publikum willfährig erfüllt. Der „Widerstand“ darf sich nicht unfreiwillig zum Wahlhelfer Turners machen. Auch wenn es verdammt gut tun mag, mal die Sau raus zu lassen. Protest ist kein Selbstzweck, er sollte einer Sache dienen. In diesem Fall hat er Turner gedient.

Kurzer Einwurf: Ich möchte mal darauf hinweisen, dass das dort geballte Wutbürgertum nicht repräsentativ für alle Bahnhofsgegner und Turner-Kritiker steht, auch wenn die Medien dieses Bild zeichnen werden.

Mir hätte es besser gefallen, hätten Turner und Merkel in Ruhe ihre Reden halten können. In seine Angriffe auf Kuhn wirkt Turner unsouverän. Wer wirklich was auf dem Kasten hat, muss sich nicht über das Abwerten anderer positionieren. Sein aggressiver Wahlkampfstil schreckt mich ab. Dass er jetzt den Bahnhofsstreit für seinen Wahlkampf instrumentalisiert  (gegen grüne Verschleppung und Mehrkosten …), widerspricht seiner Ansage, den „Krieg“ in der Stadt beenden zu wollen. Noch besser hätte mir gefallen, Frau Merkel hätte allein vor den geladenen Gästen geredet und der Platz wäre ansonsten leer gewesen.

Am Sonntag in einer Woche wird Stuttgart zeigen, ob sein Wahlkampf aufgegangen sein wird. Insgesamt war die Veranstaltung so hässlich wie das Wetter, für Muttis Gäste wie für die Protestbewegung.

Mutti kommt!

„Grundeis ist das sich auf dem Grund fließender Gewässer bildende Eis. Es wächst von der Gewässersohle aus in das Wasser hinein und bildet mitunter bizarre Unterwasser-Skulpturen.“ (Wikipedia). Des weiteren gehen dort gern Ärsche drauf. Insbesondere jener der Oldschool-Konservativen, die im Süden Deutschlands schlimmstenfalls mal mit den Sozen koalieren mussten.

Bürgerlich, christlich und konservativ können auch andere: MP Kretschmann erfüllt, was die CDU versprochen und Mappus in die Tonne getreten hat. Um das neue Bürgertum zurückzugewinnen, wurde der parteilose Werber Turner ins Rennen geschickt, der mit rommelscher Weltoffenheit den Krieg um Stuttgart 21 beenden will. Brezelbackend und kinderkuschelnd flutet er die Stadt mit Plakaten. Über 500 Wahlkampftermine bestreitet der Bürger, der Bürgermeister werden will, um den GAU zu verhindern: Nach dem Landtag auch das Rathaus an die Öko-Konservativen zu verlieren. Auch die Totalverbrezelung der Plakatwände half ihm nicht, im ersten Wahlgang die Mehrheit zu holen. Da Bettina Wilhelm das Handtuch geschmissen hat, muss Turner ordentlich Gas geben. Seine Hoffnung: Bei 46,7% Wahlbeteiligung ist noch Luft nach oben für den zweiten Wahlgang am 21. Oktober.

Zu Hilfe eilt die Mutti der Nation: Die Kanzlerin kommt! Am Freitag auf den Marktplatz.  Und macht somit den Wahlkampf zur Chefsache. Der Vorsitzende der baden-württembergischen CDU, Thomas Strobl, malt schon mal seinen persönlichen Teufel an die Wand: „Mit einem Grünen in der Villa Reitzenstein und einem Grünen als Oberbürgermeister im Stuttgarter Rathaus stirbt ‚Stuttgart 21’“. Das könnte man auch als Abwahl-Versprechen verstehen. Die Einführung der City-Maut und Grundsteuererhöhung sind weitere Schreckgespenste, die die Grünen längst als „blanken Unsinn“ enttarnt haben. Mal schauen, ob Kuhn alle Autos kompostiert, den Daimler in eine Biogasanlage transformiert und alle Schulen zu Baumschulen umwandelt.

Apropos Furcht und Schrecken: Was mir viel mehr Angst einjagt, sind all die schönen Bauprojekte, bei denen noch mehr leerstehende Bürogebäude für ein fortschrittliches Stadtbild sorgen sollen. Die sind für jene, die sie abschreiben, sicher recht wirtschaftlich. Neue Einkaufszentren ermöglichen tageslichtfreies Shopping für jene Yuppiezombies, die sich die Mieten in den neugeschaffenen Vierteln leisten können. Wirtschaftsnähe mag im Industriegebiet fein sein, die Stadt gehört ihren Bürgern.

Die deutlichste Duftmarke des Angstschweißes rieche ich bei der CDU, die mit Stuttgart den Kern der drittgrößten Metropolregion Deutschlands verliert, und dass nicht an den Altrivalen SPD, sondern an die Grünen, die ihnen auf bürgerlichem Terrain die Wähler abluchsen. Auf dem Land mögen Kirche und CDU noch unangefochten herrschen, aber die Städte vergrünen zunehmend. Kein Wunder, dass Mutti persönlich erscheint, doch das hat bei Mappus schon nicht geholfen.

Roboter und Trim-Dich-Pfade

Diesen Sonntag: OB-Wahl in Stuttgart, erster Wahlgang. Egal ob an Laternenmasten oder in den Medien, der Wahlkampf geht in den Endspurt. Es scheint, es gäbe nur vier Kandidaten: Kuhn, Turner, Wilhelm und Rockenbauch. Genauer gesagt gibt es vier Kandidaten, die Werbebudgets haben. Die restlichen neun gehen unter. Das die Medien Weltkriegsbeschwörern wie Ossenkopp (BüSo) und Komödianten wie Markus Vogt alias Häns Dämpf (Die Partei) nicht so viel Platz einräumen wollen, kann ich ja verstehen. Aber es gibt auch ein paar Übersehene, die es mit ihrem Kandidatentum durchaus ernst meinen, die waschechte Programme haben, die sich nicht hinter denen der „großen Vier“ verstecken müssen. Ich finde es grundsätzlich bekloppt, in welchem Maße Geld demokratische Prozesse lenkt, weshalb ich hier mal den Blick auf den parteilosen Dr. Ralph Schertlen lenke, der nicht durch Dauerbegrinsung vom Straßenrand, sondern durch sein Programm mein Interesse geweckt hat. Seinen handgestrickten Werbemitteln sieht man an, dass hier kein Wahlwerbeprofi am Werk ist, sein Hirnschmalz hat der Kandidat offensichtlich eher in den Inhalt seines Programms gesteckt.

Schwäbisch, bodenständig, ideologiefrei, fortschrittlich und ehrlich, so charakterisiert sich der gebürtige Bad Cannstatter selbst. Klingt nicht gerade glamourös, aber was sagt die alte Schwabenweisheit? Wir können alles außer Glamour. Oder so ähnlich. Als Chef einer Verwaltung mit 20.000 Menschen ist Extravaganz nicht die geforderte Kernkompetenz. Ideologie hat schon Karl Marx als „Gebäude, das zur Verschleierung und damit zur Rechtfertigung der eigentlichen Machtverhältnisse dient“ erkannt, brauchen wir also auch nicht. Fortschrittlich? Hilfe! Gern genutztes Schlagwort zur Verschleierung und Rechtfertigung von Großprojekten. Schertlen ist – urschwäbisch! – Ingenieur, und er erkennt die Bahnhofstieferlegung als Rückschritt, hat dafür viel interessantere Ideen wie die Nord-Ost-Umfahrung Stuttgarts. Wie alle anderen hat er eingesehen, dass unsere Stadt nicht alleine auf die Autoindustrie setzen kann. Er bevorzugt Roboter. Robotik hört sich nach Science Fiction an, ist es aber nicht. Es ist Zukunft. Fortschritt bedeutet für Schertlen bessere Bildung, nicht noch mehr Bagger und Kräne. Als alter Sportvereinsmeier will er den Breitensport fördern, Trimm-Dich-Pfade intakt halten, Turnhallen reparieren und somit was für Körper und Geist der Bürger bieten. Und der Röhre will er eine neue Heimat geben! Keine große Vision, aber eine umsetzbare. Gefällt mir, um’s mal in Facebookdeutsch zu sagen.

Was ich richtig klasse finde, ist seine Idee des „1000 Akkuschrauber-Programm“, bei dem Jugendliche gemeinsam sich in ihrem Stadtviertel einbringen können, Skateboard-Rampen bauen und dergleichen. Wenngleich er keine Chance hat, gewählt zu werden (was für alle außer Turner und Kuhn meines Erachtens gilt), fände ich es schön, wenn sein Programm wenigstens mal angeschaut werden würde und die eine oder andere Idee aufgegriffen würde. Demokratie lebt wie gesagt von Vielfalt, Ralph Schertlen liefert ein bislang wenig beachteten Beitrag dazu.

schertlen.de

PS: Hoffentlich steinigen mich jetzt nicht die Kollegen von der Oben-Bleiben-Front, wenn ich über Alternativen zu Hannes Rockenbauch schreibe. In meiner Protestbewegung ist Vielfalt erlaubt, und ich fürchte auch nicht, dass Underdogs wie Schertlen und Loewe dem „Widerstand“ an Schlagkraft rauben. Für mich gilt im ersten Wahlgang: Alles ausser Turner! (und Ossenkopp, der zum Glück keine Chance hat).

Wem schwäbische Sekundärtugenden Angst machen und wer’s lieber ein bisschen „alternativ“ haben will, sollte sich Jens Loewe anschauen:

http://www.jens-loewe.de/ 

Harte Fakten und der Erdbahnhof

 

Der Streit um den Erdbahnhof geht weiter, wie man auf dieser Litfasssäule im Stuttgarter Süden unschwer erkennen kann. Harte Fakten beherrschen die Diskussion, wie eh und je. So schnell wird’s in unserer Stadt nicht langweilig. Es gibt sogar eine Neuauflage der Parkbesetzung, diesmal im Rosensteinpark. Hoffentlich gibt’s auch noch mal eine Schlichtung und eine noch unverständlichere Volksabstimmung bei der man neben „ja“ und „nein“ auch mit „vielleicht“ auf die Frage antworten kann, ob nun S21 oder dessen Gegner doof seien. Ich halte euch auf dem Laufenden!

2011

Foto: Lisa Nerz (http://lisanerz.blogspot.com/)

2012 – Das Jahr des Weltuntergangs hat angefangen. Den Weltuntergang fürchte ich nicht, die Sonne geht ja schließlich täglich unter – und am nächsten Morgen dann doch wieder auf. Auch 2011 haben meine Welt und ich gut überlebt.

Gleich im Januar hab ich beschlossen, jeden Tag zu bloggen – Ein Vorhaben, an dem ich fulminant gescheitert bin. Aber Scheitern gehört bei mir zum Programm, ich vergrößre meinen Scheiterhaufen täglich. Apropos scheitern: Am meisten hab ich mich darüber gefreut, dass die CDU-Landesregierung und ihr ekeleregender Obermotz Mappus daran gescheitert sind, wiedergewählt zu werden. Wenngleich es bis heute nicht gelungen ist, Stuttgart 21 zu stoppen, hat es der Protest geschafft, die CDU nach 58 Jahren Herrschaft vom Tron zu verjagen! Der Ausstieg Deutschland aus der Atomkraft war mir ein inneres Lachsbrötchen und die schönste Belohnung für all das Frieren auf Demos letzten Winter.

Bild: Eva Teigelkötter

Am 25. Februar wurde ich 36 und viele Gäste kamen mit Geschenken! Da ich wissen wollte, wie meine Freunde sich mich vorstellen, bat ich sie ein Porträt von mir zu zeichnen, basteln oder schreiben. In der Stuttgarter Zeitung erschien ein Artikel über die Feier!

Im April habe ich meine erste eigene Ausstellung in der XS-Gallery in Stuttgart. Viele Leute kamen und tauschten Gedanken und Lebenslügen auf Post-Its mit mir aus.

Im Mai legte das Team Dora Asemwald Racing los und fuhr die Allgäu-Orient-Rallye, kam aber nie in Jordanien an. Eine Odyssee auf Seelenverkäufern durch’s Mittelmeer führte leider nicht ins Ziel.

Im  Sommer hab ich einen neuen Ort entdeckt, der mich begeistert hat: Unser Pavillon. Der containerartige Bau wurde von Künstlern erdacht und in den Mittleren Schlossgarten gestellt, genau zwischen die Zelte, die im Schlossgarten nach dem 30.9. letzten Jahres aufgestellt wurden. Dort hab ich die Pavillonistin, Kunsttherapeutin und Künstlerin Karin Rehm kennen gelernt und wir haben uns sofort ins Herz geschlossen! Zusammen mit ihr hab ich zuerst eine Ausstellung der Schlossgarten-Fotos von Frank & Steff und Peter Franck gemacht.

Das hat so schön geklappt, dass Karin bei mir in der Galerie einstieg und wir die  Künstlergruppe Schattenwald gegründet haben, über die es dieses Jahr noch mehr zu lesen gibt.

Im November habe ich dann ein paar Arbeiten zum Thema Widerstand gegen die Übel dieser Stadt im Pavillon ausgestellt und mit Karin zusammen neue Loch 21 Projekte durchgeführt. Die Galerie ist aus ihrer Totenstarre erwacht und das Loch wird weitergegraben!

Und zu guter letzt hab ich noch eine Band mit der Sängerin Maren Katze gegründet: Katzenwald. Die ersten 2 Lieder sind schon online!
http://www.myspace.com/katzenwald 

Alles in allem war’s ein großartiges Jahr, hab tolle Menschen kennen gelernt, wilde Sachen erlebt und viel Spaß gehabt. Für’s nächste Jahr ist auch schon so einiges geplant. So werde ich zum Beispiel in einem Krimi meiner Freundin Lisa Nerz mitmachen und weiterhin die virtuelle und begehbare Welt und den Raum drum herum ergründen. Ich freue mich wenn ihr wieder hier vorbei schaut!

Eure Dora

Wer wissen will, was 2010 bei so mir ging:

https://asemwald.wordpress.com/2011/01/04/freitagseintopf-2010/

Ein Ort für bewegte Bürger

Der Volksentscheid hat ergeben: Das Land Baden-Württemberg soll nicht aus der Finanzierung des Großbauprojektes Stuttgart 21 aussteigen. Für die Bahn bedeutet das der Startschuss, mit dem Projekt richtig loszulegen. Viele Gegner fassen dies als Legitimation für den Bau des Bahnhofs auf, auch wenn seine Finanzierung noch nicht geklärt ist. Andere wollen bis aufs Letzte Park und Bahnhof verteidigen. Währenddessen wird das neue Stuttgart geplant. Vor lauter Bahnhof hat keiner bemerkt, dass jetzt schon ganze Häuserblöcke wie im Gerberviertel abgerissen werden, um Shoppingcenter und Büroleerstand hinzuklotzen..Das Gebiet, auf dem heute noch Gleise liegen, wird neu geplant und keiner interessiert sich so richtig dafür. Wenn das neu gefundene politische Bewusstsein in Radikalisierung oder Rückzug verläuft, haben wir nichts gewonnen.
Plattform für Aktive
Es gibt auch einen dritten Weg: Unsere Stadt braucht eine Bürgerbewegung, die sich jenseits der Bahnhofsfrage für eine bürgerfreundliche Stadtentwicklung engagiert. Und diese Bewegung muss offen und sichtbar sein. Sie braucht einen Ort, der als Anlaufstelle und Dialogzentrum für Bürger dient, die die Zukunft ihrer Stadt nicht den Großinvestoren überlassen wollen. Ein solchen Ort gibt es schon, doch der steht auf verlorenem Boden: „Unser Pavillon“ steht derzeit dort, wo ab Januar die Bagger rollen werden. Der containerartige Bau dient als Informations- und Ausstellungsplattform dieser neuen Bürgerbewegung und ist nicht nur Anlaufstelle für Aktivisten und Künstler, sondern auch interessierte Passanten. Bislang wurde der von Stadt und Land nur geduldete Pavillon mit viel persönlichen Engagement und Herzblut von ein paar Leuten ehrenamtlich betrieben. Doch um den Pavillon an einem neuen Ort auf einer soliden, legalen Basis weiter zu betreiben, bedarf es der weiteren Unterstützung von uns allen. Dazu sollen auch Gespräche mit der Stadt über finanzielle Unterstützung und einen geeigneten Standort geführt werden. Das Team vom Pavillon sucht deshalb engagierte Leute, die sich an der Weiterentwicklung des Pavillonkonzepts beteiligen wollen.
Frische Ideen braucht das Land
Ich persönlich würde mir ja wünschen, wenn insbesondere junge Leute dem Aufruf folgen würden. Sie sind es, die die Früchte ihrer Arbeit ernten können, denn es handelt sich um langfristige Prozesse. Sie müssen neue Wege finden, wie Bürger in die Stadtentwicklung besser integriert werden können. Und dazu brauchen wir frische Ideen und die Bereitschaft, das Gewohnte auf den Kopf zu stellen und unkonventionelle Lösungen zu suchen. Wenn wir uns auf die Ideen der Politik verlassen, haben wir nichts dazu gelernt. Als engagierter Bürger reicht es nicht, alle paar Jahre ein Kreuzchen zum machen. Sonst kommt das nächste Stuttgart 21 bestimmt.
Noch ein Hinweis: Es eilt! Wenn ihr Interesse habt, dann meldet euch so schnell wie möglich beim Pavillon:

Noch ein paar Infos rund ums Thema:

  • Eine interessante Bürgerbewegung in Stuttgart nennt sich „Meisterbürger“. Ein Bürgernetzwerk, dass sich zum Ziel setzt mitzuregieren, anstatt regiert zu werden.
    http://meisterbuerger.org/
  • Hier informiert die Stadt darüber, wo gerade gebaut wird:
    http://stuttgart-baut.de/
  • Das größte städtebauliche Projekt im Zuge von Stuttgart 21 ist das Rosensteinviertel. Auf der Webseite steht zu oberst: „Wir gestalten unsere Stadt von morgen“. Derzeit befindet sich das Projekt in der „Inspirationsphase“. Diesen Mittwoch, dem 14. Dezember, startet eine Veranstaltungsreihe bei der es die Möglichkeit zur Diskussion geben soll. Es lohnt sich den vorgesehenen Beteiligungsprozess genau unter die Lupe zu nehmen.
    http://www.rosenstein-stuttgart.de/
  • Das passiert, wenn Investoren die Stadt gestalten:
    http://www.das-gerber.de/

Hier der Aufruf von der Facebookseite von „Unser Pavillon“:
https://www.facebook.com/unser.pavillon

Aufruf zur Mitwirkung

Die junge Bürgerbewegung in Stuttgart hat keinen Grund zur Resignation, sie muss jetzt mit frischer Kraft weitergehen, dazu haben wir einen Auftrag und eine historische Verpflichtung! Wir wissen, dass es um mehr als einen Bahnhof geht und daher haben wir als Bürgerbewegung, die knapp die Hälfte der Stuttgarter Bevölkerung vertritt, einen legitimen Anspruch auf eine dauerhafte, prominente Präsenz im öffentlichen Raum.

Lasst uns diese Chance nutzen und ein starkes Projekt mit unserer geballten Kompetenz initiieren: Aus dem Projekt Unser Pavillon können wir ein gemeinsames, längerfristiges und finanziertes Projekt heraus entwickeln! Das geht jedoch nur, wenn sich genügend Menschen zusammentun und ihre Kräfte bündeln.

Daher unsere Frage: Wer kann sich vorstellen bei einem zukünftigen Projekt in Anknüpfung an das aktuelle Pavillon-Projekt mit einem neuen, gemeinsam erarbeiteten Konzept aktiv dabei zu sein?

Und noch zu guter Letzt: Das Hemdchen, das ich auf dem Bild trage, hat meine Freundin, die Künstlerin Karin Rehm erfunden. Ich werde es bald zum Kauf in ähnlicher Form feilbieten. Karin hat mir auch dabei geholfen, diesen Text zu formulieren. Sie ist Urpavillonistin, hat ihn mit eigenen Händen mit aufgebaut und unzählige Mal dort „Dienst geschoben“.

Gartenbilder

Die Ausstellung „Bilder aus dem Schlossgarten“ in „Unser Pavillon“ war wunderbar. Danke an die Fotografen Frank, Steff und Peter, an Karin vom Pavillon, an die Compagnia Sackbahnhof, die die Ausstellung mit ordentlich Musik angefeuert haben und an alle Gäste, die mit uns diesen schönen Abend gefeiert haben!

https://www.facebook.com/galerie.dora.asemwald

PS: Pandora Büchse war auch unter den Gästen, vielleicht seht ihr sie ja im Film.

 

 

 

 

 

 

Ausflug auf’s Land

Irgendwann, wohl dieses Jahr noch, soll wohl das ganze Land befragt werden, wo in Stuttgart in Zukunft die Züge fahren sollen. Mich fragt niemand, ob in Konstanz oder Künzelsau die Stadt auf links gedreht werden soll. Ehrlich gesagt: Es interessiert mich auch nicht. Ebenso wenig interessiert es den Münsinger, wie rum in Stuttgart die Gleise liegen. Auch wenn er dafür zahlen muss, wenngleich natürlich indirekt. Trotzdem wird er gefragt. Ob er antwortet oder nicht. Ob er von der komplexen Materie Ahnung hat oder nicht. Das doofe: Ein Drittel aller Wahlberechtigten, also 2,5 Millionen müssen gegen den Erdbahnhof sein, sonst geht die Wahl automatisch zu Gunsten des Milliardenprojektes aus. Auch wenn sich viel weniger dafür entscheiden. Demokratie geht anders.

Wir haben keine Chance. Nutzen wir sie. Sagen sich auf jeden Fall ein Haufen Erdbahnhofsgegner. Das gefällt mir! Sie wollen auf’s Land ziehen und das dort hintragen, was dort zu diesem Thema verständlicherweise Mangelware ist: Information. An Infoständen im ganzen Land wollen sie mit potenziellen Wählern reden. Sie suchen auch noch Leute, die die Idee unterstützen und sich beteiligen wollen:

volksabstimmung-s21.org

Zwischen den Zelten

Es wurde ja auch höchste Zeit! Das Brachliegen meiner Galerie war mir eh ein Dorn im Auge, jetzt hab wieder was am Start. Diesmal geh ich aus dem Haus, in den Stuttgarter Schlossgarten. Dort steht „Unser Pavillon“, der einst als Camera Obscura den Bahnhof abbildete, jedoch zum Veranstaltungs- und Ausstellungsort für den kreativen Widerstand gegen den angedrohten Erdbahnhof mutierte. Heute ist da immer was los, nette Freiwillige kümmern sich um Besucher, hören sich Schimpftiraden jener an, die lieber eine Baugrube als die Zelte im Park hätten. Genau der richtige Ort und die richtigen Leute, um eine schöne Ausstellung zu machen.

Ausgestellt werden Fotos von Peter Franck und Frank Bayh & Rosenberger-Ochs, die die Zeltstadt im Park dokumentiert haben.

Montag, 5. September um 19:30
Unser Pavillon, Mittlerer Schloßgarten, Stuttgart

https://www.facebook.com/frankundsteff
https://www.facebook.com/peter.franck1

https://www.facebook.com/event.php?eid=107044349400516
https://www.facebook.com/pages/Unser-Pavillon/115978998485163

Atomkraft Plus: Der Schlichterspruch der „Ethikkommission“

Wie kopflose Hühner rennen die „neuen Atomkraftgegner“ der Proatomparteien durch die Gegend. Nach Fukushima sind es nicht nur die üblichen fusselbärtigen Verdächtigen, die auf die Straße gehen, sondern auch potenzielle Wähler, die ihre Stimme von der Atomfrage abhängig machen.

Die Regierung hat gelernt: Heftigen Widerstand des Volkes schlichtet man am besten weg. Man nehme einen von den Gegner respektierten alten Hasen und Querdenker aus den eigenen Reihen der in langen Diskussionen um das Thema eiert und stellt am Schluss dann fest, dass eine Alternative eh nicht möglich sei. Danach haben die meisten das Gefühl, dass ja über alles gesprochen worden sei und übersehen dabei, dass das Ergebnis nichts mit dem Gesprochenen zu tun hat, da es sich gar nicht darauf bezieht.

Beim Stuttgarter Erdbahnhof wurde mit Geißler geübt. Jetzt kommt der Ernstfall. Bei der Atomindustrie geht es um viel mehr Geld, aber auch höhere Risiken. Atommüll strahlt immer noch wenn Tiefbahnhöfe von Archäologen ausgegraben werden. Diesmal macht Klaus Töpfer (CDU) den Geißler. Der ehemalige Umweltminister ist ein veritabler Umweltschützer der sich schon für einen zügigen Atomausstieg stark gemacht hat. An seiner Seite in der  „Ethikkommission für eine sichere Energieversorgung“ steht Matthias Kleiner, Präsident der Deutschen Forschungsgesellschaft. Der hat zuvor schon in Frage gestellt hat, dass wir bis zum Jahr 2050 vollkommen auf Kernenergie verzichten können.

Hier der Schlichterspruch: Auf Grund der ethischen Bedenken, die während der Schlichtung gegenüber der Atomkraft aufgekommen sind, ist ein Atomausstieg zwingend notwendig. Dieser kann jedoch nicht von heute auf morgen geschehen, da zuerst eine alternative Energieversorgung gewährleistet werden muss. Um die Überbrückungszeit so sicher wie möglich zu gestalten brauchen wir Atomkraft Plus. Das bedeutet: Absicherung der Kraftwerke gegenüber Flugzeugen, Erdbeben und Tsunamis, mehr Redundanz bei den Kühlsystemen und ein Stresstest der beweisen soll, dass die Kraftwerke sicher sind.

Danach kann man ja bis zum Ende des Moratoriums über die ethische Tragweite der Atomkraft, Verantwortung, Restrisiken und anderes Gutmenschen-Gedöns diskutieren. Wenn die Atomlobby erfolgreich ist, wird die Schlichtung noch eine europäische Lösung fordern. In diesem Fall steigen wir aus wenn das Uran alle ist.

Ende des Dornröschenschlafes

Gibt gerne ihren Senf dazu, auch politisch: Frau Asemwald

Ende letzten Jahres wurde ich von der Journalistin Feride Mehmetaj für das Magazin „Reutlinger Bühne“ interviewt. Es ging um die Frage, warum ich als ursprünglich apolitische Bloggerin durch Stuttgart 21 meine politische Seite entdeckt habe. Da dies ja prototypisch für viele ist, die durch die Protestbewegung aus dem politischen Dornröschenschlaf gerissen wurden, will ich das Interview hier mal veröffentlichen. Dazu muss noch bemerkt werden dass das Interview vor dem Ende der „Schlichtung“ stattfand.

Warum jetzt ein politisches Thema?

Weil es was bringt! Ich hab meine Meinung lang genug an der Leine gelassen weil ich nicht dachte dass ich irgendetwas damit bewegen kann. Stimmt nicht. Wenn auch nur eine Stimme unter tausenden, sie wird gehört.

Und warum gerade Stuttgart 21

Weil es mich was angeht. Es geht um die Zukunft meiner Stadt.

Dein Zuhause ist ja eigentlich das world wide web. Wie oft fährt denn eine virtuelle Figur mit der Bahn oder spaziert durch die Stuttgarter Innenstadt?

Das Internet ist für mich ein Verkehrsmittel. Ich lebe in den Köpfen jener, die mich kennen. Das hindert mich nicht daran, durch die Stadt zu spazieren.

Was nervt an der derzeitigen Debatte, unabhängig vom eigenen Standpunkt zum Projekt?

Die Schwanzvergleiche. Wer hat die größte Facebookgruppe, die meisten Aufkleber, die prominentesten Fürsprecher? Das tut nichts zur Sache.

Warum ist das so?

Das Bahnhofsthema ist zu komplex, da streitet man sich lieber über peinliche T-Shirts. Das kapiert jeder. Die Sachthemen überlassen sie der Schlichtungsrunde.

Und was kommentierst du dann?

Ich interessiere mich eher für dass, was mit der Stadt und den Menschen geschieht. Zur Leistungsfähigkeit von Bahnabschnitten hab ich nichts zu sagen.

Was sind deine drei stärksten Gründe gegen den Bau des neuen Bahnhofs?

Das kann man nicht so einfach in einzelne Gründe zerlegen. Ich bin ja generell für Erneuerung, finde die Idee Raum in der Stadt zu schaffen indem man Gleise vergräbt nicht schlecht. Wenn man es richtig macht und der Nutzen den Kosten an Geld und Belastung der Stadt gerecht wird. Und genau davon konnte mich noch keiner überzeugen, auch nicht bei der Schlichtung. Die Bahn und das Land haben nach Gutsherrenart das Projekt durchgedrückt, haben Alternativpläne ungeprüft vom Tisch gefegt. Sie haben getrickst, getäuscht und gelogen.

Auch wenn’s schwer fällt, Dora: Fallen dir auch Gründe FÜR den Bau ein?

Wenn die das Projekt ordentlich geplant hätten, wär es bestimmt zukunftsweisend. Ich finde es auch nicht so toll dass die an sich enge Stadt durch ein Gleisfeld durchtrennt wird. Wenn wir aber Gleisfelder durch Investorenviertel wie das Europaviertel ersetzen bringt das gar nichts. Immerhin haben die Proteste bewirkt, dass die Stadt Gleisflächen gekauft hat um genau das zu verhindern. Aber ich trau denen nicht.

Du hast ein eigenes Projekt gestartet. Es heißt Loch 21. Was hat es genau damit auf sich? Echte Alternative oder nur Gag?

Das Arbeitsplätzeargument ging mir auf die Nerven. Pyramidenbau schafft auch Arbeitsplätze. Die gibt es aber schon. Ein CDU-Landtagsabgeordneter forderte mal, man möge ein Loch am Bahnhof graben um den Gegnern zu zeigen, dass S21 unumkehrbar sei. Das haben die dann mit dem Nordflügel gemacht, ich fand die Idee mit dem Loch aber lustig und habe sie weitergedacht.  Viele mochten die Idee und haben mitgemacht, Bilder gemalt, Lieder geschreiben. Kürzlich wurde das Loch sogar im Hamburger Abendblatt erwähnt. Die haben geglaubt, dass ich die Comicfigur Dora dafür erfunden hätte.

Die Resonanz auf deinen Blog ist sicher riesig. Erzähl uns doch mal von den Superlativen: Was war das schlimmste, lustigste oder überraschendste das du zu hören bekommen hast?

Am krassesten war die Resonanz auf einen an sich harmlosen Artikel in dem ich ein peinliches T-Shirt von der Pro-Stuttgart 21 Demo gezeigt hab.  Da hat mich sofort die taz angerufen weil die das auch bringen wollten. Und viele andere auch. Das kam dann in allen möglichen großen Medien und wurde ein Politikum. Ich fand das etwas übertrieben, hab mich aber natürlich über die erhöhte Aufmerksamkeit gefreut. Ansonsten find ich es immer wieder lustig wenn ich von Jungs beflirtet werde denen das kleine Detail meiner Virtualität entgangen ist. Aber das ist eine andere Geschichte …

Wie gehst du mit Kritik um, die ja derzeit in Sachen „Stuttgart 21“ oftmals aus dem Bauch heraus und damit weniger gelassen daher kommt?

Erst versuch ich’s mit Sachlichkeit, dann appelliere ich an die Tassen im Schrank und den Anstand. Wenn das nichts bringt ignorier ich’s. Geißler ist da mein Vorbild.

Wie schätzt du Heiner Geißler als Schlichter ein?

Wenngleich er eine unmögliche Aufgabe hat, hat er genau das mit der sachlichen Ebene hingekriegt. Ich finde jeder sollte seinen inneren Geisler haben. Der mischt sich dann ein wenn man unverständlichen Blödsinn daherschwätzen will.

Dein innerer Geißler?

Der schläft manchmal, aber man kann ja nicht immer Sklave der Vernunft sein.

Werden Demonstrationen auch in Zukunft ausreichen um sich Gehör zu verschaffen oder brauchen Gegner wirkungsvollere Aktionen?

Die Bahn interessiert es einen Scheiß wie viele Leute auf der Straße sind. Die bauen. Eine wirkungsvollere Aktion wird die Wahl sein. Ohne politische Unterstützung wird es für die schwerer. Und irgendjemand muss die Rechnung ja bezahlen.

Und was ist mit „zivilen Widerstand“?

Solange er intelligent ist und niemand dabei zu Schaden kommt ist das schon in Ordnung. Man muss nicht Autos anzünden um Aufmerksamkeit zu bekommen. Humor ist unsere stärkste Waffe. Ihn kann man im Gegensatz zu Gewalt nicht verurteilen.

Hat sich die Protestkultur gewandelt?

Dank der Vernetzung durch das Internet ist doch so ein koordinierter Widerstand erst möglich geworden. Das wurde unterschätzt. Als die Regierung versucht hat den Polizeiangriff am 30.9. zu vertuschen war längst alles auf Youtube zu sehen. In der Transparenz und der Vernetzung liegt unsere große Chance Licht in die vermauschelten Ecken zu bringen.  Wir brauchen den überwachten Staat statt den Überwachungsstaat.

Was sagt eigentlich deine weibliche Intuition? Kommt Stuttgart 21 oder glaubst du die zahlreichen Gegner zwingen das Projekt in die Knie?

Das wird sich noch eine Weile hinziehen und dann Mangels Finanzierung vor die Hunde gehen. Bauruine 21. Hoffentlich wird bis dahin nicht all zu viel kaputt gemacht.

Sand im Getriebe

Zugegeben, meine Einschätzung zur Zukunft des Protests gegen Stuttgart 21 in meinem letzten Artikel hatte den unliebsamen Pessimismus zu Gast. Er raubt vielen die Laune und Motivation. Eine ungünstige Ausgangslage dient gerne als Steilvorlage für vorauseilendes Scheitern. Getreu dem Motto der Zyniker: Hat ja eh keinen Sinn. Hilft es da sich die Lage schön zu reden? Den einen oder anderen mag das motivieren, man sieht sich ja selbst gerne auf der Gewinnerseite und denkt: Wer das Scheitern im Kopf hat wird auch scheitern.  Nicht das Scheitern, sondern die Furcht davor ist, was uns scheitern lässt. Ich muss mir eine schwierige Ausgangslage nicht schön reden um sie zu meistern. Aufgesetzter Optimismus ist sehr gefährlich. Man blendet einfach Probleme aus, die einen später dann zu Fall bringen können. Der alte Optimismustrick, sich selbst zum Erfolg zu überreden, funktioniert eh nur bei Angelegenheiten, die uns selbst betreffen. Man muss schon an die globale Kraft der Gedanken glauben um mit Optimismus die Welt zu verbessern. Ich glaube eher an Taten. Und die kann ich optimistisch darin, sie so gut wie mir möglich zu erfüllen, angehen. Wie ich damit auf meine Umwelt einwirke steht auf einem anderen Blatt.

Sand im Getriebe
Mal ganz konkret: Ich halte die Chance, dass Stuttgart 21 gestoppt werden kann für sehr gering. Auch befürchte ich, dass Mappus und seine Bande gewählt werden. Warum setze ich mich dann noch weiterhin ein? Ich könnte auch sagen: Ist doch eh egal, ich lass es bleiben. Vorauseilendes Scheitern durch Nichtversuch. Ebenso könnte man fragen warum jemand auf der Baustelle eine Sitzblockade macht. Der Blockeur weiß von vornherein, dass er weggetragen wird. Es geht darum Sand im Getriebe zu sein. Wenn uns die Regierung schon über den Tisch zieht, dann sollen sie es wenigstens nicht leicht haben. Und jeder kleine Widerstand summiert sich. Kein Getriebe läuft mehr wenn sich ein ganzer Sandkasten darin befindet.

Flinte im Korn
Unsere Chancen sind klein, aber vorhanden. Um so kritischer das Volk, desto weniger kann sich eine Regierung erlauben ohne dass es unbequem wird. Wahrscheinlich schafft man es nicht die Welt zu revolutionieren, aber im eigenen Umfeld besteht die Möglichkeit durchaus. Auch wenn die Gesamtlage pessimistisch scheint, kann ich meinen Optimismus im kleinen ansetzen und erreiche auch so etwas. Vielleicht sollten wir unsere Zielsetzungen überprüfen bevor wir die Flinte ins Korn werfen. Auch wenn wir Stuttgart 21 nicht stoppen können, sind wir immerhin in der Lage darauf einzuwirken was mit der Stadt passiert. Wir werden noch oft scheitern, aber eben so oft werden wir wieder aufstehen und weiterkämpfen. Und vielleicht bleiben wir ja trotzdem oben. Schön wär’s.

Protestdevotionalie

Dieses Wochenende war ich mal wieder auf der Sudoku oder so ähnlich, der Messe für Design, Firlefanz und nette Sachen im alten Theaterhaus in Wangen. Ich geb zu, jetzt ist etwas spät um drüber zu schreiben, ist ja schon rum. Wie immer: prima Zeug um seine Wohnung und sich selbst zu dekorieren. In der Abteilung Erinnerungsstücke gab’s, wie einst vor 20 Jahren, mal wieder Mauerstücke. Nicht jedoch vom antiimperialistischen Schutzwall, der die neuen von den gebrauchten Bundesländern trennte sondern ein anderes Gemäuer, dass hier zu Lande mindestens genau so sehr die Gefühle aufwühlt: Der Nordflügel des denkmalgeschützten Hauptbahnhofes. Der Denkmalschutz hat doch nicht ganz so funktioniert, jetzt kann sich ein jeder die von Felix Fuchs gestaltete Karte mit Protestdevotionalie kaufen und in die Andachtsecke stellen.

Wer die Dekumo verpasst hat, kann sie ja wo oder wann anders besuchen: dekumo.de

Erschienen auf brezel.me

Übergestülpte Fremdzukunft

Zu meinem letzten Artikel über Argumente für Stuttgart21 kam ein Kommentar von Maria Lehmann, der mein Hirn trotz Hitze in Bewegung gesetzt hat. Sie verglich das Zukunftsversprechen von S21 mit den „blühenden Landschaften“ Helmut Kohls. Ich versuche mich mal der Sache ohne Anti-S21-Polemik zu nähern, sodass es vielleicht auch für jemanden interessant ist, der diese Diskussion nicht verfolgt oder gar nicht von hier ist. S21 ist jedoch ein gutes Beispiel für eine allgemeine Beobachtung die ich gemacht habe.

„Dieses Projekt steht für Zukunft. Wer dagegen ist, ist gegen die Zukunft.“

Doch welche Zukunft? Richtig müsste es heißen: „ist gegen diese Zukunft“. In dem man die eigene Vision zur offiziellen, zur einzig richtigen Zukunft erklärt verallgemeinert man die Aussage und kann den Gegner auch allgemeine Zukunftsfeindlichkeit bescheinigen. Dummer retorischer Trick. Und viele fallen drauf rein. Ich fühle mich durch solche logischen Taschenspielerein beleidigt. Manchmal frag ich mich welche Zukunft sich deren Gestalter eigentlich überhaupt vorstellen? Welcher Vision oder Utopie folgen sie? Oder ist für sie der Weg das Ziel weil ihnen das erschaffen der Zukunft an sich von Nutzen ist? Manchmal hab ich das Gefühl von blindem Aktionismus. Hauptsache man macht irgendwas. Dann wird auch irgendwas passieren. Und wenn’s nicht klappt dann waren die Bedingungen unerwartet und man muss nachbessern, das kostet halt leider noch mehr Geld das man nicht hat. Aber wer will das halb fertige Projekt denn aufgeben, dann wäre der bisherige Weg mit seinen Kosten ja umsonst gewesen. Und wer weiß wie schlimm es geworden wäre wenn man gar nicht erst angefangen hätte? Und wenn dann andere dagegen sind liegt es daran, dass sie alles so behalten wollen wie es ist und sich gegen den Fortschritt stellen. Am besten nicht drauf hören, jedes große Projekt hatte seine Gegner und als es dann da war konnten sie auch nichts mehr dagegen machen. Schlimmer noch ist wenn Gegner Alternativen vorschlagen, denn damit drohen sie einem das Zukunftsmonopol streitig zu machen und womöglich die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Das gilt es zu verhindern, der wer die Zukunft baut kann sie auch lenken, am besten in die eigene Tasche. Den Gegner sollte man gar nicht erst ernst nehmen, ihm ja keinen Spalt in der Tür lassen sodass er dann seinen Fuß reinstecken kann. Gleich als zukunftsfeindliche Spinner diffamieren, die aus Spaß am Protest protestieren. Und wenn das Volk das dann immer noch nicht gut findet macht man halt Werbekampagnen und argumentiert irgendwas vor sich hin. Es ist auch egal, was man da sagt, da man das Projekt eh schon so weit vorangetrieben hat dass ein Abbrechen sehr teuer wäre. Und da das Volk eh nicht direkt befragt werden muss ist es eigentlich eh egal. Man verspricht einfach blühende Landschaften. Und wenn die dann nicht so richtig zum blühen kommen sind ja schon längst andere an der Macht die dass dann ausbaden müssen.

Ich werd doch wieder polemisch. Es ist nicht einfach sachlich bei der Sache zu bleiben wenn die sachlichen Argumente fehlen. Hätte die Vision von Stuttgart21 Hand und Fuß müssten keine so schwachsinnigen Werbekampagnen auf die Leute losgelassen werden. Und was die blühenden Landschaften betrifft: Ich finde es auch ohne sie schön dass wir wieder ein deutscher Staat sind. Es würde mir bei S21 leichter fallen es zu akzeptieren wenn die Kommunikation etwas ehrlicher wäre. Ich hasse es für dumm verkauft zu werden.

Ich hätte gerne eine Vision eines zukünftigen Stuttgarts das nicht nur noch mehr charakterlose Shopingmalls und Wohngebiete mit 70% gewerblicher Nutzung vorsieht. Für ein Stuttgart das den neu geschaffenen Raum im Sinne der Bürger nutzt und nicht von einem kleinen Klüngel auf dem Reisbrett entworfen wird wäre ich gerne bereit Opfer zu bringen, seien es Geld, Baustellenbelästigung oder Bäume. Ich bin nicht gegen die Zukunft. Alles was ich will ist mitgestalten.

Schon fertig: Stuttgart 21

Von den Katalanen können wir noch einiges lernen: Während wir uns wegen Stuttgart 21 an die Gurgel gehen, hat die Stadt Santa Perpètua de Mogoda das Projekt kurzerhand umgesetzt. Statt Zügen halten hier Motorräder, Montagsdemos sind stets feucht-fröhlich

Dabei wurde garantiert über den Bau einer Durchgangs- oder Kopftheke gestritten, aber am Ende blieb die Cerveceria über der Erde. Das neue Herz Europas schlägt in Katalanien.
Hier könnt ihr bedenkenlos (!) und unpolitisch Facebook-Fan von Stuttgart 21 werden.

P.S. Diesen Beitrag hat übrigens unsere Edelkommentatorin und Gastautorin Dora Asemwald geschrieben. We like it!