Radikale Empathie!


„Jetzt oder nie –Radikale Empathie!“ Das war der Slogan der „Bewegung für Radikale Empathie“, die 1970 in Stuttgart gegründet wurde. Das Künstlerkollektiv Jean&Claude hatte im Rahmen der Ausstellung „Die Banalität des Guten“ die Geschichte der Bewegung dokumentiert. Kurz darauf entdeckte ich, dass die Radikale Empathie auch meinen Vater in den 70ern bewegte:

Ein radikal empathisches Fundstück versteckte sich in der Fotokiste meiner Eltern. Ein radikal empathisches Protestplakat! An der Wand eines Proberaumkellers. Davor die Krautrock-Band „Blönd“, bei der mein Vater Peter in den 70ern Synthesizer spielte.

Blönd von links nach rechts: Peter Asemwald: Synthesizer, Gesang • Wolf Krautter: Bass, Synthesizer, Gesang • Kuno Proklow: Gitarre, Synthesizer, Gesang

„Die Leute von der Bewegung für Radikale Empathie kannten wir aus der Stuttgart Kunstszene“, erzählte mein Vater, “Wir haben damals gerne bei Happenings gespielt. Wolf, der Bassist, war damals politisch recht aktiv und hat sich der Bewegung angeschlossen. Da kamen wir auf die Idee, einen Song für die Bewegung zu schreiben. Den haben wir dann sogar aufgenommen und als Single veröffentlicht. Das war kein Hit, hat aber total Spaß gemacht“

In den Untiefen seines Kellers kramte mein Vater die Single hervor. Und er hatte sogar noch die originalen Bänder aus dem Studio. Als veritabler Elektronikmessie hatte er sogar noch eine funktionstüchtige Bandmaschine, mit der wir das Lied digitalisiert haben.

Ich habe mithilfe eines Freundes ein Musikvideo in Anlehnung an das Cover der Single gebastelt, damit man diese schöne Lied zeitgemäß verbreiten kann. Radikale Empathie kommt nie aus der Mode!

Die Single ist aus dem Jahr 1976, also fast so alt wie ich. „Kurz davor brachte Kraftwerk ihre Platte ,Radio-Aktivität‘ raus. Die hat uns total umgehauen. Wir wollten auch so was machen.“, erzählte mein Vater.

 


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Die Banalität des Guten auf Facebook

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Blönd auf Facebook


 

Blönd

Blönd wurde 1971 von Peter Asemwald, Wolf Krautter, Kuno Proklow und der Schlagzeugerin Annette Pilz in Stuttgart gegründet. Inspiriert durch Bands wie Can und Neu! spielten sie Krautrock. Als 1975 Annette Mutter wurde, verließ sie die Band. Die Suche nach einer Nachfolge gestaltete sich schwierig. Als sie Ende des Jahres zum ersten Mal die neue Platte von Kraftwerk „Radio-Aktivität“ hörten, beschloss Blönd, auch den Schritt zum Elektropop zu gehen. Elektroingenieur-Doktorand Peter Asemwald beschäftigte sich derzeit sehr stark mit elektronischer Klangsynthese und experimentierte mit einem modularen Analogsynthesizer, für den er einen Sequenzer konstruierte. Daraus entstand die Idee, den Beat elektronisch zu erzeugen. Auf der Empathie-Single haben sie dies zum ersten mal ausprobiert.

Die im Eigenverlag produzierte Single wurde hauptsächlich unter Anhängern der Bewegung für Radikale Empathie und der Stuttgarter Kunstszene verbreitet. Darüber hinaus erlangten sie wohl keine Bekanntheit. Auch die Radios ignorierten die Single. Mit einer Ausnahme: Der 1976 gegründete zürcher Piratensender „Wellenhexe“ spielte angeblich die Single des öfteren. Der Sender beschäftigte sich mit Themen der Frauenbewegung wie Gleichheit der Geschlechter. Das legt nahe, dass sie Verbindungen zur Bewegung für Radikale Empathie hatten.

1978 stieg Wolf Krautter bei Blönd aus, um sich mehr seinem außerpolitischem Engagement der BRE zu widmen woraufhin sich Blönd auflöste.


Bewegung für Radikale Empathie

Die beiden Stuttgarterinnen Dominique Brewing und Anja Haas haben die Geschichte der Bewegung für Radikale Empathie dokumentiert. Ich zitiere hier ihre Arbeit direkt, um einen Einblick zu vermitteln:

„Zu Beginn der 1970er-Jahre im süddeutschen Raum gegründet, macht die Bewegung für Radikale Empathie (BRE) bis heute auf Missstände aufmerksam und bemüht sich um die Stärkung der Gesellschaft durch Empathie. Zunächst als Gegenentwurf zur Roten Armee Fraktion konzipiert, setzt die BRE seitdem mithilfe von Aktionen, Flugblättern und anderem friedlich ein Zeichen gegen Hass. Die BRE greift dort an, wo sie gesellschaftsrelevante Themen erkennt, und geht wachsender Wut und Angst auf den Grund. In respektvollem Austausch soll sich wieder einander angenähert werden, anstatt sich in blindem Hass voneinander zu entfernen. Darauf wurde bislang vor allem durch zahlreiche Demonstrationen und Aktionen für mehr Toleranz und ein friedliches Miteinander aufmerksam gemacht.“

 

„Joachim Unland, Monika Seller und andere gründeten im Frühjahr 1970 die Bewegung für Radikale Empathie in Stuttgart. Unland (*1941) hatte sich zunächst bei der RAF engagiert, sich allerdings nach deren Radikalisierung von ihr distanziert. Andere spätere Mitglieder aus allen Teilen Deutschlands hatten einen ähnlichen Hintergrund oder waren bereits bei Studentenprotesten aktiv gewesen. Sie einte die Wahrnehmung der Gesellschaft, in der sie Werte wie Toleranz zusehends verkümmern sahen, sowie das Bestreben zur friedlichen Lösung von Missständen. So formierten sie sich zur BRE und definierten in einem Gründungsmanifest ihre Leitmaximen: Mut, Empathie und Respekt. Als erste öffentlichkeitswirksame Aktion gilt die Demonstration zur Stärkung der Frauenrechte im Dezember 1973. Die Demonstration mit 480 Teilnehmenden gilt als geschichtsträchtig, da – im Gegensatz zu vergleichbaren Aktionen – hier sowohl Frauen als auch Männer Seite an Seite für die Gleichstellung der Geschlechter demonstrierten. Berühmt wurde der Slogan „Jetzt oder nie – Radikale Empathie“, der bis heute oft verwendet wird.“

Die nicht-so-wilden 20er

Dora reist versehentlich mit ihrer Freundin Eva ins 11. Jahrhundert.


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Mein Lieblingsjahrzehnt: Die Zwanzigerjahre. Ein gutes Ziel, um meine Zeitlochmaschine zu testen. Meine Freundin Eva ist grad zu Besuch und beschließt, mitzukommen. Flink die Lochkarte stanzen und in den Quantencomputer schieben, und schon öffnet sich das Zeitloch. Zu flink, wie wir gleich erfahren werden. Oder besser gesagt damals. Damals stellt sich sehr schnell als das falsche Damals heraus. Kein Wunder, denn jedes Jahrhundert hat seine 20er-Jahre. Auch das elfte.

Idyllisch, so ein Talkessel ohne Stadt. Wir setzen uns an den Fangelsbach, der hier noch frei den Hang hinab mäandern darf und zünden uns eine Zigarette an. Eva stellt mit Erschrecken fest, dass ihr Telefon kein Empfang hat. Wir pflücken ein paar Äpfel und genießen den Ausblick. So hatten wir uns die wilden 20er nicht vorgesellt.

Ein paar Menschen, die so aussehen, als kämen sie vom Mittelaltermarkt, steigen den Berg herauf. Sie wirken etwas unenstpannt. Als sie Evas Telefon sehen, weicht Unentspannung schierer Panik – sie hauen unverrichteter Dinge einfach wieder ab. Was für Rüpel, die Mittelalter-Heinis! Dem schließen wir uns an, ich aktiviere das Rückholzeitloch und wir plumpsen zurück in die 10er-Jahre des 21. Jahrhunderts, in dem Bäche kanalisiert sind und Telefone wieder Empfang haben.

Neugierig geworden durchstöbern wir das Netz nach historischen Berichten aus dem Jahr 1020 und stoßen auf einen alten Text mit dem Bild zweier angeblicher Hexen, die wohl in jenem Jahr in der Nähe eines Stutengartens im Nesenbachtal erschienen seien sollen. Dem Bericht zufolge waren sie fremdländisch gekleidet, geruchlos, schon sehr alt –gut und gern 30 Jahre! – und hatten trotzdem noch alle Zähne im Mund. Man hielt sie für Apfeldiebe, doch als man sie stellen wollte, fuchtelte eine der Hexen mit einem magisch leuchtenden Stein in der Hand durch die Gegend, während die andere Rauch aus einem kleinen, brennenden Stab saugte. Ihre Entdecker ergriffen die Flucht und die Hexen waren nie wieder gesehen. Nur ein kleines magisches Gerät, welches Feuer spie, wenn man an einem Rad drehte, blieb wohl zurück.

Auf den Schreck hin müssen wir erst mal eine Rauchen. Aber Fack, wo ist mein Feuerzeug?

Via rasa


Garten

„Urban Gardening“ ist total en vogue. Wer in der Stadt gärtnert, sticht beim Hipness-Quartet jeden Bioladenprojektunterstützer. Ist ja auch schön, wenn es in der Stadt grünt und blüht. Gleich vor meiner Galerie, an einem Pfosten, wo Fauna gerne Flora bewässert, gedeite ein kleiner Garten. Damit mich die Blütenpracht jeden Morgen aufs neue begrüßen konnte, hab ich sie über die heißen Tage hinweg gegossen. Mit Erfolg. Zumindest bis heute morgen, als ich feststellen musste, dass die Schergen der Stadtverwaltung via rasa gemacht haben. Ein triste Betonöde ist alles, was übrig geblieben ist.

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Garten tot

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Wer schützt uns vor dem Brandschutz?


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Stuttgart mag auch das, was es für Subkultur hält. Darum wurde beschlossen, 5,5 Millionen Euro in die Sanierung der Wagenhallen zu investieren. Ein neues Dach soll her und natürlich der Brandschutz verbessert werden. Wenn was passiert, dann will ja niemand verantwortlich sein. Also Brandschutz. Besonders schützenswert scheinen die circa 70 Künstler zu sein, die ihre Ateliers in der großen Halle jenseits des Veranstaltungsorts betreiben. Damit sie im Falle eines flammendes Infernos nicht verkokeln, sollen sie ihre Ateliers verlassen, wenn der Veranstaltungsbereich genutzt wird. Das geschieht rund 200 mal im Jahr. Die brandschützliche Relevanz leuchtet mir nicht ein, aber die Wege des Brandschutz sind unergründlich.

Damit die Künstler nicht in der Kälte vor der Halle warten müssen, bis der letzte Besoffene die Firmenfeier von Bosch verlassen hat, wird angedacht, Container oder ein Zirkuszelt für die Künstler bereit zu stellen. Wenn die Hallen dann in Flammen stehen, können die Künstler getrost vor ihren Containern sitzen und dem Pyrospektakel beiwohnen.  Ein Frage schleicht sich ein: Warum müssen die Künstler eigentlich gehen, wenn eine Veranstaltung ist? Warum muss die Veranstaltung nicht ins Zelt, wenn Kunst ist? Es scheint, als haben die Veranstaltungen die besseren Karten beim Brandschutz-Quartet.

Die wenigsten Stuttgarter wissen wahrscheinlich, dass die große Halle Heimat vieler Künstler ist. Viele können auch nicht Sub- von Klubkultur unterscheiden und denken, dass eine abgefahrene Location, die irgendwie nach Berlin aussieht, Subkultur genug sei. Sollen die Künstler wie rechtschaffende Arbeiter tagsüber künstlern und abends nach Hause gehen, wenn veranstaltet wird. Dass diese Regelung den Künstlern das Genick bricht, scheint vielen nicht einzuleuchten. Das Künstler auf bezahlbaren Raum wie in den Wagenhallen angewiesen sind, und dieser in Stuttgart extrem rar ist, ist eben so wenig zu allen durchgedrungen wie der Nutzen einer freien Kunstszene für das kulturelle Leben einer Stadt (Darauf gehe ich en Detail an anderer Stelle ein).

Dies ist ein konkreter Fall, an dem gezeigt werden kann, welchen Wert die Stadt kultureller Vielfalt einräumt. Ich hoffe, dass eine gute Lösung für alle Beteiligten gefunden werden kann, auch im Brandfall. Brandschutz darf kein Argument sein, welches nichtkommerzielle Kultur totschlägt.

> Artikel in den Stuttgarter Nachrichten dazu

> www.kunstverein-wagenhalle.de

> http://ateliers-nordbahnhof.de/

> http://www.wagenhallen.de/

weil Dora neues Shoppen will.


weil-dora-neues-shoppen-will

Herzlich Willkommen beim Fachblog für Shopping und andere Lebenslügen! Hier erfahrt ihr alles über angesagte Trends, wie zum zum Beispiel: Einkaufszentren! Es wird auch langsam Zeit, dass mal wieder eine neue Mall aufmacht. Während das Gerber irgendwas was von angesagter Lifestyle-Urbanität faselt, liefert das Milaneo gleich die eigene Daseinsberechtigung. „Weil Stuttgart neues shoppen will.“ Was will es? Neues shoppen oder neues Shoppen? Die Milaneo-Texter waren sich wohl uneinig und haben sich – zu Lasten der Orthographie – auf ’ne Hybridlösung eingelassen, bei der alles geht.

Ich will auch neues Shoppen. Ich will nicht in einen Kasten jenseits der Endzeitfilmkulisse, an der die Züge zu spät kommen, in einem Retortenviertel gehen müssen, in dem man nicht mal als Hund tot über den Zaun hängen will. Ich will nicht in Läden gehen, die Teile einer weltweiten Klonarmee sind. Ich will mich nicht mit Teenies im Styler-KiK an der Wühltheke prügeln und Geiz ist meiner Geilheit eher abträglich. Ich will von niemandem angesagt bekommen, welche Mode grad den gängigen Lifestyle ausdrückt. Ich will beim Shoppen die Stadt erleben, auch wenn sie nicht klimatisiert ist und dort auch Leute rumhängen, die keinen Konsum im Schilde führen, ausser vielleicht dem der Bierflasche in ihrer Hand.

Eine Antwort auf Stuttgarts Neushoppingwille wird es vorübergehend in den alten Calwerpassagen ab 1. November geben: „Fluxus Temporary Mall – Fashion, Design, Vintage, Zeitgeist.“ Die haben auch ’nen Batzen englische Wörter am Start und verschwinden wieder, bevor sie aus der Mode kommen, da das ganze auf drei Monate beschränkt ist. Die Läden sind exklusiver als im Milaneo, weil es die meisten sonst nirgendwo anders gibt. Man läuft dabei natürlich Gefahr, der urbanen Uniformierungspflicht nicht zu genügen oder mit Labels erwischt zu werden, die andere nicht sofort erkennen.

An der Calwer-Passage kann man auch schön im sehr kleinen sehen, was mit Einkaufskonglomeraten geschieht, wenn sie aus der Mode geraten. Zuerst verschwinden die Kunden, dann die Mieter und irgendwann werden dort Hunde begraben bis es renoviert oder abgerissen und neugebaut wird. Mit ein bisschen Glück gibt’s vorher eine Zwischennutzung mit Kunstgedöns wie in der Calwer Passage oder dem Utopia Parkway, der in den pregerberschen Bauten vor deren Abriss stattfand.

Ich bin mal gespannt, wie lange Gerber und Milaneo en vogue sein werden und wann die ersten Mieter die Segel streichen. Im Königsbau war ja schon nach ein paar Jahren postapokalyptische Leere in den oberen Stockwerken. Da Moden immer kürzer leben und nichts unsexier ist, als der Schnee von gestern, kann das bei unseren neuen Einkaufszentren recht schnell gehen. Wir sollten uns schon mal ein paar verwegene Zwischennutzungskonzepte ausdenken.

fluxusstgt.de

Das Umland schlägt zurück


dora shopping

Kaum berichtete ich von Stuttgarts neuer Shoppinghölle, da erfahre ich, dass vor ein paar Tagen schon wieder ein Einkaufszentrum eröffnet wurde: Die Mercaden in Böblingen. 20 Autominuten südwestlich des Gerbers schlägt das Umland zurück. Mit seinen 24.400 m² Verkaufsfläche hat es jedoch schlechte Karten beim Shopping-Quartet gegenüber dem Milaneo, das in ein einer paar Tagen mit 43.000 m² den Stich macht. Das ist noch längst nicht alles, was derzeit an neuer Verkaufsfläche durch die Region wuchert.

Ich mach mal eine Milchmädchenrechnung: Das Gesamtshoppingvolumen hängt vom verfügbaren Geld der Haushalte ab. Dazu lass ich hier mal die Jungs und Mädles vom Marktforschungsunternehmen GfK (März 2013) klugscheißen: „Wie auch im letzten Jahr werden unter anderem inflationsbedingte Preissteigerungen zu einer geringen realen Wachstumsrate führen. Insgesamt betrachtet, nimmt der Anteil, der vom Gesamtbudget für Konsumausgaben im Einzelhandel ausgegeben wird, beziehungsweise werden kann, in Deutschland seit Jahren ab.“

Gleichzeitig wird aber ein Einkaufszentrum nach dem anderen in die Gegend geklatscht, in denen irgend jemand auch einkaufen soll. Die Stadt will Kaufkraft (und somit auch noch mehr Autos, ergo Stau) aus dem Umland abziehen, die sich das aber nicht gefallen lassen und selbst neue Zentren bauen. Der Einzelhandel alter Schule, also Geschäfte, die einfach so am unüberdachten und nichtklimatisierten Straßenrand stehen, will seinen Teil vom Kuchen auch nicht abgeben. Und einem ist es eh egal: dem Onlinehandel. In virtuellen Einkaufszentren muss man nicht mal Parkgebühren zahlen.

Der Wettbewerb soll’s regeln, sagen die Freunde der freien Marktwirtschaft. Wird er auch. Was er nicht regelt, sind die leerstehenden Neubauten, die dann die Innenstädte zukleistern. Da hilft auch keine Fressmeile (nennt man jetzt Foodlounge), mit der der Leerstand in den Königsbaupassagen umfunktioniert wurde. Eine schlaue Einkaufszentrums-Architektur hätte die Umnutzung mit einkalkuliert. Ich persönlich habe die utopische Hoffnung, dass dieser Raum dann der kulturellen Vielfalt unser Stadt dienen könnte – bis zum Abriss.

Um zu kapieren, was in Stuttgart und der Region passiert, wenn bei sinkender Nachfrage das Shoppingangebot auf einen Schlag in die Höhe schießt, braucht man wohl kaum einen Bachelor in BWL. Die Frage ist nur, welche Läden werden überleben? Wenn Gerber und Milaneo die Konsumfreunde aus der Region anzieht, dann stehen dort die Läden leer und bei uns die Straßen voll. Geht der Böblinger lieber in seine Mercaden, dann geht die Rechnung der Stuttgarter Malls nicht auf. Sie müssen sich dann mit der Innenstadt um zu wenig Kaufkraft kloppen. Am Ende gibt es viele Verlierer und wenige Gewinner: Jene, die die ganzen Einkaufszentren bauen.  Aber hey, das ist freie Marktwirtschaft!

http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.einzelhandel-wie-stark-schaden-milaneo-und-gerber-der-city.807f6968-b196-4e85-8bc6-d9d8249574cc.html

Suburban Flair inmitten der City


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Das ist Programm: Parken und Einkaufen.

Für die einen ein urbaner Tempel des Shoppens voll angesagtem Lifestyle,  für die anderen der Untergang des Schwabenslands: Das neue Einkaufszentrum Gerber inmitten Stuttgarts.  Ich mache mir mal selbst ein Bild.

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Um das volle Mall-Erlebnis zu erfahren, organisiere ich mir ein Auto und nutze das Parkhaus, das äußerst großzügig angelegt ist. Es sollte auch mit zwei Promille kein Problem sein, einen SUV in eine der ausladenden Lücken zu manövrieren.

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Die Spannung steigt, die Aufzugtüren gleiten zur Seite und eröffnen mir den Blick auf: Ein Einkaufszentrum. Großzügig, hell, mit Hula-Hoop-Ringen und einem dicken Stein, der inmitten von Wasser lagert. Aber trotzdem: Ein Einkaufszentrum. Ausgeführt in zeitgenössisch internationalem Chic, der sich darauf versteht, geschmeidig jegliche lokale Herkunft zu verschleiern.

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Die Webseite der Mall verspricht so einiges: „Urban Flair & Style, wo Shopping am urbansten ist.“

Ich mache mich auf den Weg, die angekündigte Urbanität zu finden. Die hat bekanntlich was mit Stadt zu tun, und diese kann man nur an den Eingängen sehen, die dazu einladen, das Gebäude zu verlassen. Einkaufszentren – heute gerne Malls genannt – sind ein suburbanes Phänomen. Ich könnte auch auf der grünen Wiese irgendeiner mittelgroßen Vorstadt meinem Shoppingwahn fröhnen. Also eher Suburban Flair inmitten der City.

Nach langem Suchen werde ich fündig. Die Urbanität versteckt sich jenseits der Portale des Shoppingtempels in der guten alten Innenstadt, genauer gesagt dem Gerberviertel mit all seinen kleinen Läden und schöner Gastronomie.

gerber-shopping.de

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Verwegene Kombo in Sachen Einzelhandel: Sexi Korsetts und gesunde Säfte
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Das einzig Zeitlose in der Gestaltung des Gerbers: Die Uhr. In 20 Jahren wird man sich den grässlichen 10er-Jahre-Kasten wegwünschen.
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Dabeisein ist alles: Hula-Hoop-Ringe verknoten sich auf olympische Weise.
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Da freut sich Frau Uhse: Das neue Einkaufszentrum speit Laufkundschaft in die umgebende Stadt.
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Schöner wohnen auf dem Dach: Mehrfamilienhäusschen für zahlkräftige Mieter tummeln sich auf dem Dach des Einkaufszentrums.
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Wer urbanes Flair sucht, findet es draußen.
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Trend verschlafen: Klopiktogrammdame mit anachronistischer Frisur
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Mein Vorschlag: Klopiktogrammdame mit Hipsterinnendutt sorgt für angesagte Lifestyle-Stimmung und urbanes Flair.