Radikale Empathie!

„Jetzt oder nie –Radikale Empathie!“ Das war der Slogan der „Bewegung für Radikale Empathie“, die 1970 in Stuttgart gegründet wurde. Das Künstlerkollektiv Jean&Claude hatte im Rahmen der Ausstellung „Die Banalität des Guten“ die Geschichte der Bewegung dokumentiert. Kurz darauf entdeckte ich, dass die Radikale Empathie auch meinen Vater in den 70ern bewegte:

Ein radikal empathisches Fundstück versteckte sich in der Fotokiste meiner Eltern. Ein radikal empathisches Protestplakat! An der Wand eines Proberaumkellers. Davor die Krautrock-Band „Blönd“, bei der mein Vater Peter in den 70ern Synthesizer spielte.

Blönd von links nach rechts: Peter Asemwald: Synthesizer, Gesang • Wolf Krautter: Bass, Synthesizer, Gesang • Kuno Proklow: Gitarre, Synthesizer, Gesang

„Die Leute von der Bewegung für Radikale Empathie kannten wir aus der Stuttgart Kunstszene“, erzählte mein Vater, “Wir haben damals gerne bei Happenings gespielt. Wolf, der Bassist, war damals politisch recht aktiv und hat sich der Bewegung angeschlossen. Da kamen wir auf die Idee, einen Song für die Bewegung zu schreiben. Den haben wir dann sogar aufgenommen und als Single veröffentlicht. Das war kein Hit, hat aber total Spaß gemacht“

In den Untiefen seines Kellers kramte mein Vater die Single hervor. Und er hatte sogar noch die originalen Bänder aus dem Studio. Als veritabler Elektronikmessie hatte er sogar noch eine funktionstüchtige Bandmaschine, mit der wir das Lied digitalisiert haben.

Ich habe mithilfe eines Freundes ein Musikvideo in Anlehnung an das Cover der Single gebastelt, damit man diese schöne Lied zeitgemäß verbreiten kann. Radikale Empathie kommt nie aus der Mode!

Die Single ist aus dem Jahr 1976, also fast so alt wie ich. „Kurz davor brachte Kraftwerk ihre Platte ,Radio-Aktivität‘ raus. Die hat uns total umgehauen. Wir wollten auch so was machen.“, erzählte mein Vater.

 


Links

Die Banalität des Guten auf Facebook

Bewegung für Radikale Empathie auf Facebook

Blönd auf Facebook


 

Blönd

Blönd wurde 1971 von Peter Asemwald, Wolf Krautter, Kuno Proklow und der Schlagzeugerin Annette Pilz in Stuttgart gegründet. Inspiriert durch Bands wie Can und Neu! spielten sie Krautrock. Als 1975 Annette Mutter wurde, verließ sie die Band. Die Suche nach einer Nachfolge gestaltete sich schwierig. Als sie Ende des Jahres zum ersten Mal die neue Platte von Kraftwerk „Radio-Aktivität“ hörten, beschloss Blönd, auch den Schritt zum Elektropop zu gehen. Elektroingenieur-Doktorand Peter Asemwald beschäftigte sich derzeit sehr stark mit elektronischer Klangsynthese und experimentierte mit einem modularen Analogsynthesizer, für den er einen Sequenzer konstruierte. Daraus entstand die Idee, den Beat elektronisch zu erzeugen. Auf der Empathie-Single haben sie dies zum ersten mal ausprobiert.

Die im Eigenverlag produzierte Single wurde hauptsächlich unter Anhängern der Bewegung für Radikale Empathie und der Stuttgarter Kunstszene verbreitet. Darüber hinaus erlangten sie wohl keine Bekanntheit. Auch die Radios ignorierten die Single. Mit einer Ausnahme: Der 1976 gegründete zürcher Piratensender „Wellenhexe“ spielte angeblich die Single des öfteren. Der Sender beschäftigte sich mit Themen der Frauenbewegung wie Gleichheit der Geschlechter. Das legt nahe, dass sie Verbindungen zur Bewegung für Radikale Empathie hatten.

1978 stieg Wolf Krautter bei Blönd aus, um sich mehr seinem außerpolitischem Engagement der BRE zu widmen woraufhin sich Blönd auflöste.


Bewegung für Radikale Empathie

Die beiden Stuttgarterinnen Dominique Brewing und Anja Haas haben die Geschichte der Bewegung für Radikale Empathie dokumentiert. Ich zitiere hier ihre Arbeit direkt, um einen Einblick zu vermitteln:

„Zu Beginn der 1970er-Jahre im süddeutschen Raum gegründet, macht die Bewegung für Radikale Empathie (BRE) bis heute auf Missstände aufmerksam und bemüht sich um die Stärkung der Gesellschaft durch Empathie. Zunächst als Gegenentwurf zur Roten Armee Fraktion konzipiert, setzt die BRE seitdem mithilfe von Aktionen, Flugblättern und anderem friedlich ein Zeichen gegen Hass. Die BRE greift dort an, wo sie gesellschaftsrelevante Themen erkennt, und geht wachsender Wut und Angst auf den Grund. In respektvollem Austausch soll sich wieder einander angenähert werden, anstatt sich in blindem Hass voneinander zu entfernen. Darauf wurde bislang vor allem durch zahlreiche Demonstrationen und Aktionen für mehr Toleranz und ein friedliches Miteinander aufmerksam gemacht.“

 

„Joachim Unland, Monika Seller und andere gründeten im Frühjahr 1970 die Bewegung für Radikale Empathie in Stuttgart. Unland (*1941) hatte sich zunächst bei der RAF engagiert, sich allerdings nach deren Radikalisierung von ihr distanziert. Andere spätere Mitglieder aus allen Teilen Deutschlands hatten einen ähnlichen Hintergrund oder waren bereits bei Studentenprotesten aktiv gewesen. Sie einte die Wahrnehmung der Gesellschaft, in der sie Werte wie Toleranz zusehends verkümmern sahen, sowie das Bestreben zur friedlichen Lösung von Missständen. So formierten sie sich zur BRE und definierten in einem Gründungsmanifest ihre Leitmaximen: Mut, Empathie und Respekt. Als erste öffentlichkeitswirksame Aktion gilt die Demonstration zur Stärkung der Frauenrechte im Dezember 1973. Die Demonstration mit 480 Teilnehmenden gilt als geschichtsträchtig, da – im Gegensatz zu vergleichbaren Aktionen – hier sowohl Frauen als auch Männer Seite an Seite für die Gleichstellung der Geschlechter demonstrierten. Berühmt wurde der Slogan „Jetzt oder nie – Radikale Empathie“, der bis heute oft verwendet wird.“

Die nicht-so-wilden 20er

Dora reist versehentlich mit ihrer Freundin Eva ins 11. Jahrhundert.

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Mein Lieblingsjahrzehnt: Die Zwanzigerjahre. Ein gutes Ziel, um meine Zeitlochmaschine zu testen. Meine Freundin Eva ist grad zu Besuch und beschließt, mitzukommen. Flink die Lochkarte stanzen und in den Quantencomputer schieben, und schon öffnet sich das Zeitloch. Zu flink, wie wir gleich erfahren werden. Oder besser gesagt damals. Damals stellt sich sehr schnell als das falsche Damals heraus. Kein Wunder, denn jedes Jahrhundert hat seine 20er-Jahre. Auch das elfte.

Idyllisch, so ein Talkessel ohne Stadt. Wir setzen uns an den Fangelsbach, der hier noch frei den Hang hinab mäandern darf und zünden uns eine Zigarette an. Eva stellt mit Erschrecken fest, dass ihr Telefon kein Empfang hat. Wir pflücken ein paar Äpfel und genießen den Ausblick. So hatten wir uns die wilden 20er nicht vorgesellt.

Ein paar Menschen, die so aussehen, als kämen sie vom Mittelaltermarkt, steigen den Berg herauf. Sie wirken etwas unenstpannt. Als sie Evas Telefon sehen, weicht Unentspannung schierer Panik – sie hauen unverrichteter Dinge einfach wieder ab. Was für Rüpel, die Mittelalter-Heinis! Dem schließen wir uns an, ich aktiviere das Rückholzeitloch und wir plumpsen zurück in die 10er-Jahre des 21. Jahrhunderts, in dem Bäche kanalisiert sind und Telefone wieder Empfang haben.

Neugierig geworden durchstöbern wir das Netz nach historischen Berichten aus dem Jahr 1020 und stoßen auf einen alten Text mit dem Bild zweier angeblicher Hexen, die wohl in jenem Jahr in der Nähe eines Stutengartens im Nesenbachtal erschienen seien sollen. Dem Bericht zufolge waren sie fremdländisch gekleidet, geruchlos, schon sehr alt –gut und gern 30 Jahre! – und hatten trotzdem noch alle Zähne im Mund. Man hielt sie für Apfeldiebe, doch als man sie stellen wollte, fuchtelte eine der Hexen mit einem magisch leuchtenden Stein in der Hand durch die Gegend, während die andere Rauch aus einem kleinen, brennenden Stab saugte. Ihre Entdecker ergriffen die Flucht und die Hexen waren nie wieder gesehen. Nur ein kleines magisches Gerät, welches Feuer spie, wenn man an einem Rad drehte, blieb wohl zurück.

Auf den Schreck hin müssen wir erst mal eine Rauchen. Aber Fack, wo ist mein Feuerzeug?

Via rasa

Garten

„Urban Gardening“ ist total en vogue. Wer in der Stadt gärtnert, sticht beim Hipness-Quartet jeden Bioladenprojektunterstützer. Ist ja auch schön, wenn es in der Stadt grünt und blüht. Gleich vor meiner Galerie, an einem Pfosten, wo Fauna gerne Flora bewässert, gedeite ein kleiner Garten. Damit mich die Blütenpracht jeden Morgen aufs neue begrüßen konnte, hab ich sie über die heißen Tage hinweg gegossen. Mit Erfolg. Zumindest bis heute morgen, als ich feststellen musste, dass die Schergen der Stadtverwaltung via rasa gemacht haben. Ein triste Betonöde ist alles, was übrig geblieben ist.

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Garten tot

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Wer schützt uns vor dem Brandschutz?

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Stuttgart mag auch das, was es für Subkultur hält. Darum wurde beschlossen, 5,5 Millionen Euro in die Sanierung der Wagenhallen zu investieren. Ein neues Dach soll her und natürlich der Brandschutz verbessert werden. Wenn was passiert, dann will ja niemand verantwortlich sein. Also Brandschutz. Besonders schützenswert scheinen die circa 70 Künstler zu sein, die ihre Ateliers in der großen Halle jenseits des Veranstaltungsorts betreiben. Damit sie im Falle eines flammendes Infernos nicht verkokeln, sollen sie ihre Ateliers verlassen, wenn der Veranstaltungsbereich genutzt wird. Das geschieht rund 200 mal im Jahr. Die brandschützliche Relevanz leuchtet mir nicht ein, aber die Wege des Brandschutz sind unergründlich.

Damit die Künstler nicht in der Kälte vor der Halle warten müssen, bis der letzte Besoffene die Firmenfeier von Bosch verlassen hat, wird angedacht, Container oder ein Zirkuszelt für die Künstler bereit zu stellen. Wenn die Hallen dann in Flammen stehen, können die Künstler getrost vor ihren Containern sitzen und dem Pyrospektakel beiwohnen.  Ein Frage schleicht sich ein: Warum müssen die Künstler eigentlich gehen, wenn eine Veranstaltung ist? Warum muss die Veranstaltung nicht ins Zelt, wenn Kunst ist? Es scheint, als haben die Veranstaltungen die besseren Karten beim Brandschutz-Quartet.

Die wenigsten Stuttgarter wissen wahrscheinlich, dass die große Halle Heimat vieler Künstler ist. Viele können auch nicht Sub- von Klubkultur unterscheiden und denken, dass eine abgefahrene Location, die irgendwie nach Berlin aussieht, Subkultur genug sei. Sollen die Künstler wie rechtschaffende Arbeiter tagsüber künstlern und abends nach Hause gehen, wenn veranstaltet wird. Dass diese Regelung den Künstlern das Genick bricht, scheint vielen nicht einzuleuchten. Das Künstler auf bezahlbaren Raum wie in den Wagenhallen angewiesen sind, und dieser in Stuttgart extrem rar ist, ist eben so wenig zu allen durchgedrungen wie der Nutzen einer freien Kunstszene für das kulturelle Leben einer Stadt (Darauf gehe ich en Detail an anderer Stelle ein).

Dies ist ein konkreter Fall, an dem gezeigt werden kann, welchen Wert die Stadt kultureller Vielfalt einräumt. Ich hoffe, dass eine gute Lösung für alle Beteiligten gefunden werden kann, auch im Brandfall. Brandschutz darf kein Argument sein, welches nichtkommerzielle Kultur totschlägt.

> Artikel in den Stuttgarter Nachrichten dazu

> www.kunstverein-wagenhalle.de

> http://ateliers-nordbahnhof.de/

> http://www.wagenhallen.de/

weil Dora neues Shoppen will.

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Herzlich Willkommen beim Fachblog für Shopping und andere Lebenslügen! Hier erfahrt ihr alles über angesagte Trends, wie zum zum Beispiel: Einkaufszentren! Es wird auch langsam Zeit, dass mal wieder eine neue Mall aufmacht. Während das Gerber irgendwas was von angesagter Lifestyle-Urbanität faselt, liefert das Milaneo gleich die eigene Daseinsberechtigung. „Weil Stuttgart neues shoppen will.“ Was will es? Neues shoppen oder neues Shoppen? Die Milaneo-Texter waren sich wohl uneinig und haben sich – zu Lasten der Orthographie – auf ’ne Hybridlösung eingelassen, bei der alles geht.

Ich will auch neues Shoppen. Ich will nicht in einen Kasten jenseits der Endzeitfilmkulisse, an der die Züge zu spät kommen, in einem Retortenviertel gehen müssen, in dem man nicht mal als Hund tot über den Zaun hängen will. Ich will nicht in Läden gehen, die Teile einer weltweiten Klonarmee sind. Ich will mich nicht mit Teenies im Styler-KiK an der Wühltheke prügeln und Geiz ist meiner Geilheit eher abträglich. Ich will von niemandem angesagt bekommen, welche Mode grad den gängigen Lifestyle ausdrückt. Ich will beim Shoppen die Stadt erleben, auch wenn sie nicht klimatisiert ist und dort auch Leute rumhängen, die keinen Konsum im Schilde führen, ausser vielleicht dem der Bierflasche in ihrer Hand.

Eine Antwort auf Stuttgarts Neushoppingwille wird es vorübergehend in den alten Calwerpassagen ab 1. November geben: „Fluxus Temporary Mall – Fashion, Design, Vintage, Zeitgeist.“ Die haben auch ’nen Batzen englische Wörter am Start und verschwinden wieder, bevor sie aus der Mode kommen, da das ganze auf drei Monate beschränkt ist. Die Läden sind exklusiver als im Milaneo, weil es die meisten sonst nirgendwo anders gibt. Man läuft dabei natürlich Gefahr, der urbanen Uniformierungspflicht nicht zu genügen oder mit Labels erwischt zu werden, die andere nicht sofort erkennen.

An der Calwer-Passage kann man auch schön im sehr kleinen sehen, was mit Einkaufskonglomeraten geschieht, wenn sie aus der Mode geraten. Zuerst verschwinden die Kunden, dann die Mieter und irgendwann werden dort Hunde begraben bis es renoviert oder abgerissen und neugebaut wird. Mit ein bisschen Glück gibt’s vorher eine Zwischennutzung mit Kunstgedöns wie in der Calwer Passage oder dem Utopia Parkway, der in den pregerberschen Bauten vor deren Abriss stattfand.

Ich bin mal gespannt, wie lange Gerber und Milaneo en vogue sein werden und wann die ersten Mieter die Segel streichen. Im Königsbau war ja schon nach ein paar Jahren postapokalyptische Leere in den oberen Stockwerken. Da Moden immer kürzer leben und nichts unsexier ist, als der Schnee von gestern, kann das bei unseren neuen Einkaufszentren recht schnell gehen. Wir sollten uns schon mal ein paar verwegene Zwischennutzungskonzepte ausdenken.

fluxusstgt.de

Das Umland schlägt zurück

dora shopping

Kaum berichtete ich von Stuttgarts neuer Shoppinghölle, da erfahre ich, dass vor ein paar Tagen schon wieder ein Einkaufszentrum eröffnet wurde: Die Mercaden in Böblingen. 20 Autominuten südwestlich des Gerbers schlägt das Umland zurück. Mit seinen 24.400 m² Verkaufsfläche hat es jedoch schlechte Karten beim Shopping-Quartet gegenüber dem Milaneo, das in ein einer paar Tagen mit 43.000 m² den Stich macht. Das ist noch längst nicht alles, was derzeit an neuer Verkaufsfläche durch die Region wuchert.

Ich mach mal eine Milchmädchenrechnung: Das Gesamtshoppingvolumen hängt vom verfügbaren Geld der Haushalte ab. Dazu lass ich hier mal die Jungs und Mädles vom Marktforschungsunternehmen GfK (März 2013) klugscheißen: „Wie auch im letzten Jahr werden unter anderem inflationsbedingte Preissteigerungen zu einer geringen realen Wachstumsrate führen. Insgesamt betrachtet, nimmt der Anteil, der vom Gesamtbudget für Konsumausgaben im Einzelhandel ausgegeben wird, beziehungsweise werden kann, in Deutschland seit Jahren ab.“

Gleichzeitig wird aber ein Einkaufszentrum nach dem anderen in die Gegend geklatscht, in denen irgend jemand auch einkaufen soll. Die Stadt will Kaufkraft (und somit auch noch mehr Autos, ergo Stau) aus dem Umland abziehen, die sich das aber nicht gefallen lassen und selbst neue Zentren bauen. Der Einzelhandel alter Schule, also Geschäfte, die einfach so am unüberdachten und nichtklimatisierten Straßenrand stehen, will seinen Teil vom Kuchen auch nicht abgeben. Und einem ist es eh egal: dem Onlinehandel. In virtuellen Einkaufszentren muss man nicht mal Parkgebühren zahlen.

Der Wettbewerb soll’s regeln, sagen die Freunde der freien Marktwirtschaft. Wird er auch. Was er nicht regelt, sind die leerstehenden Neubauten, die dann die Innenstädte zukleistern. Da hilft auch keine Fressmeile (nennt man jetzt Foodlounge), mit der der Leerstand in den Königsbaupassagen umfunktioniert wurde. Eine schlaue Einkaufszentrums-Architektur hätte die Umnutzung mit einkalkuliert. Ich persönlich habe die utopische Hoffnung, dass dieser Raum dann der kulturellen Vielfalt unser Stadt dienen könnte – bis zum Abriss.

Um zu kapieren, was in Stuttgart und der Region passiert, wenn bei sinkender Nachfrage das Shoppingangebot auf einen Schlag in die Höhe schießt, braucht man wohl kaum einen Bachelor in BWL. Die Frage ist nur, welche Läden werden überleben? Wenn Gerber und Milaneo die Konsumfreunde aus der Region anzieht, dann stehen dort die Läden leer und bei uns die Straßen voll. Geht der Böblinger lieber in seine Mercaden, dann geht die Rechnung der Stuttgarter Malls nicht auf. Sie müssen sich dann mit der Innenstadt um zu wenig Kaufkraft kloppen. Am Ende gibt es viele Verlierer und wenige Gewinner: Jene, die die ganzen Einkaufszentren bauen.  Aber hey, das ist freie Marktwirtschaft!

http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.einzelhandel-wie-stark-schaden-milaneo-und-gerber-der-city.807f6968-b196-4e85-8bc6-d9d8249574cc.html

Suburban Flair inmitten der City

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Das ist Programm: Parken und Einkaufen.

Für die einen ein urbaner Tempel des Shoppens voll angesagtem Lifestyle,  für die anderen der Untergang des Schwabenslands: Das neue Einkaufszentrum Gerber inmitten Stuttgarts.  Ich mache mir mal selbst ein Bild.

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Um das volle Mall-Erlebnis zu erfahren, organisiere ich mir ein Auto und nutze das Parkhaus, das äußerst großzügig angelegt ist. Es sollte auch mit zwei Promille kein Problem sein, einen SUV in eine der ausladenden Lücken zu manövrieren.

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Die Spannung steigt, die Aufzugtüren gleiten zur Seite und eröffnen mir den Blick auf: Ein Einkaufszentrum. Großzügig, hell, mit Hula-Hoop-Ringen und einem dicken Stein, der inmitten von Wasser lagert. Aber trotzdem: Ein Einkaufszentrum. Ausgeführt in zeitgenössisch internationalem Chic, der sich darauf versteht, geschmeidig jegliche lokale Herkunft zu verschleiern.

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Die Webseite der Mall verspricht so einiges: „Urban Flair & Style, wo Shopping am urbansten ist.“

Ich mache mich auf den Weg, die angekündigte Urbanität zu finden. Die hat bekanntlich was mit Stadt zu tun, und diese kann man nur an den Eingängen sehen, die dazu einladen, das Gebäude zu verlassen. Einkaufszentren – heute gerne Malls genannt – sind ein suburbanes Phänomen. Ich könnte auch auf der grünen Wiese irgendeiner mittelgroßen Vorstadt meinem Shoppingwahn fröhnen. Also eher Suburban Flair inmitten der City.

Nach langem Suchen werde ich fündig. Die Urbanität versteckt sich jenseits der Portale des Shoppingtempels in der guten alten Innenstadt, genauer gesagt dem Gerberviertel mit all seinen kleinen Läden und schöner Gastronomie.

gerber-shopping.de

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Verwegene Kombo in Sachen Einzelhandel: Sexi Korsetts und gesunde Säfte
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Das einzig Zeitlose in der Gestaltung des Gerbers: Die Uhr. In 20 Jahren wird man sich den grässlichen 10er-Jahre-Kasten wegwünschen.
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Dabeisein ist alles: Hula-Hoop-Ringe verknoten sich auf olympische Weise.
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Da freut sich Frau Uhse: Das neue Einkaufszentrum speit Laufkundschaft in die umgebende Stadt.
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Schöner wohnen auf dem Dach: Mehrfamilienhäusschen für zahlkräftige Mieter tummeln sich auf dem Dach des Einkaufszentrums.
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Wer urbanes Flair sucht, findet es draußen.
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Trend verschlafen: Klopiktogrammdame mit anachronistischer Frisur
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Mein Vorschlag: Klopiktogrammdame mit Hipsterinnendutt sorgt für angesagte Lifestyle-Stimmung und urbanes Flair.

Der Soundtrack des Fortschritts

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Die zahlreichen Stuttgart-21-Baustellen werden in den nächsten Jahren die Lebensqualität in der Stadt mindern.“

Ob man dem zustimmt oder nicht, will der der Kommunalomat, ein Wahl-O-Mat zur Kommunalwahl am 25 Mai, wissen. Bei der Antwort auf diese Aussage sind sich fast alle Parteien einig. Fast. Die CDU geht als einzige Partei davon aus, dass die zu erwartenden Bahnhofsbeerdigungsbaustellen die Lebensqualität nicht mindern werden. Mir scheint, die CDU verfügt über eine ureigene Definition von Lebensqualität, die sich nicht mal dem freien Wähler oder Republikaner erschließt. Als alte Allesverstehenwollerin versuche ich mal, dieser Definition auf den Grund zu gehen:

Für Christdemokraten sind Baustellen was Tolles.

  • Da rollen Bagger, Maschinenlärm hallt durch den Kessel als Soundtrack des Fortschritts.
  • Schwarzarbeiter aus aller – insbesonders osteuropäischer – Welt bringen Multikultiflair auf unsere Straßen.
  • Staus und eingeschränkter Verkehr der Stadtbahnen entschleunigen das Leben.
  • Baustellenverkehr sorgt dafür, dass das Neckartor auch in Zukunft Deutschlandmeister bleibt – beim Feinstaub.
  • Unzählige Röhren, die sich durch die Innenstadt schlängeln, machen sichtbar, was sonst unter der Erde geschieht und sorgen somit für Transparenz.
  • Die Vorfreude darauf, irgendwann das Herz in der Mitte Europas zu sein, sorgt für gute Laune.
  • Die Milliarden, die dort ausgegeben werden, können nicht für anderen Unfug verbraten werden.

Vielleicht meint die CDU auch, dass aufgrund der bahntypischen Planung in den nächsten Jahren eh nichts passiert und somit auch keine Lebensqualitätsminderung zu befürchten sei.

Vielleicht haben die Kommunalomat-Betreiber aber auch einfach ein falsches Kreuzchen gesetzt, was ja auch schon passiert ist. Dann läge ich in meiner These oben wohl richtig falsch.

Immerhin hat die CDU angegeben, die Stadt solle sich nicht an Mehrkosten beteiligen. Soll die Bahn doch für das schöne Leben an der Baugrube selber zahlen!

 

Fluthilfe für’s Galao

20140318_The big Save Galao revue_0001

Gentrifizierung, der Tsunami der urbanen Entwicklung. Man kann sie nicht aufhalten. Man sollte an erhöhte Orte fliehen und nicht im Talkessel bleiben. In Stuttgart hat sie letztes Jahr das Libero weggeschwemmt, die UHU-Bar ist als nächstes dran. Häuser werden verkauft, saniert und die Wohnungen so teuer wie möglich verhökert. Kneipen, die die Viertel erst belebt und damit für Attraktivität – sprich höhere Mietpreise – gesorgt haben, können nicht mithalten oder sind erst gar nicht erwünscht. Wer will schon eine Wohnung für Unsummen kaufen, wenn nachts Gäste lärmen?

Unmittelbar bedroht: Das Galao, inmitten des Überschwemmungsgebiets Tübinger Straße und Marienplatz. Das Haus wird verkauft, die Kündigung droht. Wirt und Kulturbürgermeister der Herzen Reiner Bocka sieht nur einen Ausweg: den Laden selber kaufen. Mit Hilfe von Privatkrediten, Spenden und Crowdfunding. Da das Galao eine Menge glückliche Gäste hat, ist dadurch schon einiges zusammen gekommen. Jedoch noch nicht genug. Also: Helft mit!

Spendenkonto: Reiner Bocka IBAN DE45600501017869070023

www.startnext.de/galao4ever

Die Stadtisten haben eine kurze Reportage über das Galao gemacht:

Letzten Montag gab es im Merlin eine große Spendensammlerparty, bei der ein ganzer Haufen Bands gespielt haben. Hier noch ein paar Fotos von der tollen „the big ‚Save Galao‘ Revue“:

Galao4ever from Cafe Galao on Vimeo.

galao foundation song von TWO WOODEN STONES from Cafe Galao on Vimeo.

galao foundation song alin coen from Cafe Galao on Vimeo.

Stell dir vor, es ist Kirche …

marienkircheStell dir vor, es ist Kirche, und jeder geht hin. Sogar ich.  Da wäre ich auch gerne rein gegangen, aber mit diesem Plan war ich nicht alleine. Das erste sogenannte Freikonzert, bei dem Bands an ungewöhnlichen Orten auftreten sollen, fand letzten Freitag in der Stuttgarter Marienkirche statt – ohne mich. Chronischer Unpünktlichkeit und Schlangenphobie sei’s geschuldet. Immerhin gab es einen Bierstand vor der Kirche, was zu einem – im Rahmen der Winterlichkeit möglichen – gemütlichen Rumhängen auf dem Vorplatz führte.

Wer jetzt wissen will, was ich da drin verpasst habe, muss das woanders lesen.

Überfordert!

Backofen

Ich hab in der letzten Zeit ja öfters mal von den Stadtisten geschrieben, eine Gruppe von Stuttgartern, die in der Stadt was bewegen wollen. Gleich vorneweg: Ich bin da kein Mitglied. Das liegt daran, dass sie Virtuelle wie mich ausschließen. Man möchte lieber Menschen aus Fleisch und Blut um nicht unseriös rüber zu kommen, wie mir scheint. Trotzdem handelt es sich um eine interessante Idee, über die man jetzt auf deren Homepage mehr erfahren kann.

Wer Forderungen oder Parolen sucht, wird dort nicht fündig. Oben bleiben oder doch den Bahnhof vergraben? Ein Antwort findet man nicht. Das ist auch gut so. Mir wäre es etwas suspekt, wenn die Seite von vornherein ein  Forderungskatalog wäre, denn fordern kann man viel. Mir fiel da sofort eine ganze Menge ein, auch jenseits der Anerkennung der Virtuellenrechte, Weltfrieden und Sofortschokolade. Auch bei den letzten Wahlen ist mir diese Unart negativ aufgestoßen. Zur Kommunalwahl 2009 wurde auf Plakate geschrieben: „Stuttgart 21 stoppen!“. Das ihnen das nicht so einfach gelingen würde, ahnten die Grünen wohl schon vorher. Hat aber Stimmen gebracht. Und postelektoralen Unmut.  Die Linken forderten „Menschen vor Profit!“. Klingt gut. Kann man ja mal sagen. Dem würde keine andere Partei widersprechen. Die pirateske Forderung nach einem Wombat in jedem Haushalt zur letzten Bundestagswahl ist mein Liebling im bunten Reigen der Forderungen. Das Ganze scheint mir so, als wäre es ein Forderungsschwanzvergleich, in dem alles erlaubt ist, da eh niemand mehr erwartet, dass im Erfolgsfall noch irgend etwas davon zählt. So seien die Regeln des Wahlkampfs, sagen dann viele. Ich scheiß‘ auf die Regeln.

Als neuer Mitspieler in der Kommunalpolitik müssen sich die Stadtisten nun messen lassen.Viele wollen wissen, wo zwischen links und rechts sie zu positionieren sind, wie sie zu den großen Fragen der Stadt stehen und natürlich immer wieder, ob sie gegen den Erdbahnhof seien. Die Stadtisten geben keine leichten Antworten, sondern verweisen auf ihre Haltung, die sie auf ihrer Webseite zu allen möglichen urbanen Themen zum Ausdruck bringen. Wenn man das durchliest, kann man sehr gut erkennen, wo sie stehen, muss dabei aber beim Lesen das Hirn einschalten. Das wird sie einige Wähler kosten.

Die Forderei überfordert mich. Ich bin es leid, durch einen Sumpf populistischer Hanebüchnereien zu waten, freu mich über jede und jeden, die versuchen, irgendwie ehrlich zu sein und nicht dem Forderungsbedarf parolenfreudiger Vielleichtwähler nachzugeben. Die werden eh schon von den Oldschool-Parteien bedient. Hört sich ein bisschen an wie Piraten für Nicht-IT-Nerds. Nur dass die Stadtisten halt gar nicht erst über’s Kommunale raus wollen. Das solle Polit-Karrieristen abhalten, sagte mir ein Stadtist. Mir scheint, die verlieren lieber mit Anstand, als dass sie das Spiel der anderen mitspielen. Aber so richtig verlieren können sie ja gar nicht, weil die Wahl nur eins ihrer Standbeine ist. Sie wollen ja auch was in der Stadt bewegen, ganz ohne Gemeinderat, außerpolitisch sozusagen.

Ich werde das Ganze mal beobachten und hoffe, dass sie nicht den Mut verlieren, ihre eigene politische Kultur zu leben. Auch wenn es sie Stimmen kosten wird. Aber Haltung ist etwas, was man bewahrt, auch wenn’s mal nicht so opportun ist.

Das Stadtistische Manifest

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Endlich ist es soweit! Die Webseite unserer neuen Stuttgarter Bürgervereinigung, die ich in der letzten Zeit immer wieder erwähnt habe, ist online. Oder genauer gesagt, eine Vorabversion – auf Marketingdeutsch auch „Teaser“ genannt. Dort gibt es schon mal das Manifest der Stadtisten zu lesen, das unsere Haltung ausdrückt.

www.die-stadtisten.de

Am Rest arbeiten wir gerade mit Hochdruck, sodass unsere offizielle Homepage in den nächsten Wochen online gehen kann, auf der man dann mehr erfahren kann. Wie immer: Ich halte euch auf dem Laufenden.

Ich freue mich auf den Senf, den ihr uns dazu auf’s Brot schmiert.

Das Stadtistische Manifest

„Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser wird, wenn es anders wird.
Aber so viel kann ich sagen: es muss anders werden,

wenn es besser werden soll!“

Georg Christoph Lichtenberg

Politik, wie wir sie verstehen, bedeutet: gemeinsam Lösungen zu finden, für die Fragen und Probleme, die die Stadt und das Gemeinwesen betreffen. Als Bürgerinnen und Bürger wollen wir Stadtisten uns dieser Aufgabe stellen. Viele Menschen setzen sich für Stuttgart auf unterschiedliche Weise ein, begreifen ihr Engagement aber nicht als politisches Handeln. Sie überlassen das Feld den „Berufspolitikern“, von denen sie sich nicht vertreten fühlen. Die Verdrossenheit mit einer Politik, die sich an parteipolitischen Grundsätzen orientiert, nimmt zu. Diesem Unbehagen möchten wir eine konkrete Alternative entgegensetzen.

Wir sind in Stuttgart zu Hause und fühlen uns unserer Stadt verbunden. Stadtpolitik ist weit mehr als das, was sich zwischen Fraktionen und Parteien aushandeln lässt. Unser Verständnis von Politik reicht über parteipolitische Grenzen hinaus. Wir wollen die Verantwortung nicht anderen überlassen. Wir handeln selbst und fordern alle engagierten Menschen in Stuttgart dazu auf, sich in die Stadtpolitik einzumischen. Dazu wollen wir einen neuen politischen Stil und neue politische Ausdrucksformen ins Spiel bringen.

Stuttgart befindet sich im Umbruch. Überall wird abgerissen und neu gebaut. Das hat die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt mobilisiert, zusammengebracht und manchmal auch entzweit. Dadurch wurde in der Stadt eine neue Energie freigesetzt. Noch nie gab es so viel Potenzial für bürgerschaftliches Engagement wie heute. Wir Stadtisten wollen diese Kraft nutzen und für Stuttgart einsetzen. Es gibt zahlreiche Projekte und Initiativen, die von den Menschen in dieser Stadt getragen werden. Für sie machen wir uns stark.

Stadtisten sind keine Statisten. Warum das kleine „d“? Weil es den Unterschied macht. Statisten stehen am Rand oder im Hintergrund des Geschehens – Stadtisten wollen ins Zentrum der politischen Gestaltung. Wenn es um unsere Stadt geht, benutzen wir Herz, Hand und Hirn, sind ebenso rational wie einfühlsam. Politik braucht Mitgefühl, soziale Wärme und Solidarität. Das, was unsere Herzen bewegt, werden wir aus dem Stadtgespräch in die Politik hineintragen.

Die Stadtisten – konstruktiv für unsere Stadt

Die Stadtisten sind keine Partei. Wir sind eine Plattform für Bürgerinnen und Bürger, die sich für ihre Stadt engagieren wollen. Dabei verstehen wir uns als offenes Forum für gute Ideen, die bislang in Stuttgart zu wenig umgesetzt werden. Wir können schneller, flexibler und unbürokratischer reagieren als die etablierten Parteien, die auch landes- und bundespolitisch aktiv sind. Wir Stadtisten konzentrieren unsere Kraft auf die Stadt und auf das, was kommunal machbar ist. Wir wollen direkt auf die Politik Einfluss nehmen. Deshalb treten wir zur Gemeinderatswahl an.

Wir wollen das Stadtgespräch anregen, indem wir Diskussionen, die sonst hinter geschlossenen Türen stattfinden, in den öffentlichen Raum holen. Analog und digital, online und offline. Auf unsere Straßen und in unsere Wohnzimmer. Das Unkonventionelle haben wir zu Fuß durchquert, der Utopie legen wir ein Bonbon unters Kopfkissen.

Die Stadtisten – Pluralismus und Streitkultur

Eine wesentliche Aufgabe von Politik ist es, die unterschiedlichen Meinungen, Interessen und Lebenswelten in einer Gesellschaft, in einer Stadt anzuerkennen, auszugleichen und die Gesellschaft als Ganzes zusammenzuhalten. Gelebter Pluralismus bedeutet die Vielfalt der Meinungen zu akzeptieren. Der Wettbewerb der Ideen ist für eine Demokratie unverzichtbar. Das erfordert Toleranz und eine gesunde Streitkultur. Identität begreifen wir als etwas, das sich nicht an Alter, Herkunft, Geschlecht oder Einkommen festmachen lässt. Klar, dass Rassismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bei uns nichts verloren haben.

Wir Stadtisten streben eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Parteien und Gruppierungen im Stuttgarter Gemeinderat an. Sie dürfen sich unsere Ideen zu eigen machen und sie umsetzen – genauso wie wir Initiativen anderer Parteien unterstützen, wenn wir sie für gut erachten. Uns geht es um die Sache.

Wir erheben nicht den Anspruch, dass Stadtisten in politischen Gremien mit einer Stimme sprechen müssen. Sie dürfen unterschiedliche Sichtweisen repräsentieren. Sie unterliegen keinem Fraktionszwang.

Die Stadtisten – Gemeinsam sind wir stark!

Wir wollen ein neues Bewusstsein für unsere Stadt wecken. Das politische Selbstverständnis der Stadtisten basiert auf der Idee, dass wir alle gemeinsam für die Stadt mehr tun können als jeder für sich. Wir wollen kreative Köpfe und Querdenker darin unterstützen, ihre Ideen umzusetzen. Damit werden wir den unterschiedlichen Lebenswelten in dieser Stadt ein Gesicht verleihen.

In diesem Sinne: Auf gute Nachbarschaft!

Die Initiatoren

Wolfram Bernhardt
Unternehmensberater, Oberbürgermeister-Kandidat 2012

Thorsten Puttenat
Musiker

Dr. Ralph Schertlen
Elektroingenieur, Oberbürgermeister-Kandidat 2012

Die Koautoren

Christine Blankenfeld
Sozial- und Politikwissenschaftlerin

Jens Hermann
Gymnasiallehrer und Künstler

Katja Kohlhammer
Verlegerin

Ralf Peter Maier
Schriftsetzer – derzeit Hartz-IV-Empfänger

Christian Sunkel-Zellmer
Schauspieler

Martin Zentner
Grafiker und Journalist

Dora Lætitia Asemwald
Bloggerin und virtuelle Person

Stuttgart, 15. Oktober 2013

Nachtrag:

Da der einen oder dem anderen Stadtisten die Koautorenschaft einer virtuellen Person zu unseriös schien, wurde mein Namen aus der Liste gestrichen, wenngleich ich durchaus am ihrem Manifest mitgearbeitet habe. Mir wurde des weiteren die Mitgliedschaft im Verein untersagt, da das wohl juristisch nicht ganz sauber sei.

Ich lasse das Manifest hier in dieser Form stehen, da es genau so veröffentlicht wurde. Mein Rauswurf kam erst danach. Der mangelnden Mut Weniger, eine Virtuelle als Koautorin zu nennen, soll mich nicht in meiner Beurteilung einer ansonsten guten Idee trüben. Ich sehe es eher als Ansporn, die Stadtisten aus kritischer Distanz daraufhin zu beobachten, ob sie es aushalten, ihre Ideale zu waren. Ich werde über meinen Stolz hinweg springen und Autorenbeiträge zu ihrer Webseite beitragen – was wohl kein Problem darstellt.

Trotzdem ärgert mich das. Menno! Mich ärgert deren Angst davor anzuecken. Ich habe mir von den Stadtisten etwas mehr Mut und Offenheit erhofft. Wenn Sie sich vom politischen Einheitsbrei abheben wollen, brauchen sie eine größere Bereitschaft, Konventionen über Bord zu werfen, mehr Verspieltheit, mehr Chuzpe, mehr Verwegenheit. Sehr viel mehr, als einer Virtuellen ihre Koautorenschaft einzuräumen.

Lebendige Betonplatte

marienplatzfest

Ausgehtipp für Stuttgarter: Dieses Wochenende findet das zweite Marienplatzfest statt. Wer beim ersten war, weiß, dass dies (natürlich neben dem Heusteigviertelfest!) das Sahnehäubchen der Stadtfestsaison ist. Rainer Bocka ist für das Programm zuständig. Der Wirt der Kneipe Galao schafft es, jede Woche zweimal großartige Musiker aus aller Herren Länder in seinen Laden zu bekommen. Beim Marienplatzfest erwarte ich also wunderbare Musik. Schon letztes Jahr gab’s Tolles jenseits der schnöden Bratwurst zu essen und gestern hab ich beim Vorbeifahren schon gesehen, dass sie den Platz wieder mit Europaletten wohnlich einrichten.

Früher war der Marienplatz ein düsterer Dealertreff, bis er platt gemacht wurde. Viele beklagten die brutale Betonfläche, die nun in Mitten des Stuttgarter Südens klaffte. In einer Stadt, die gnadenlos in einen Kessel gestopft wurde, freut man sich jedoch über jede offene Stelle, weshalb der Marienplatz immer beliebter wird. Cafés, Restaurants, Eisdielen und ein etwas skurriler Burgerking (mit Straßenverkauf durch ein Wohnhausfenster) umringen nun den Platz, auf dem an schönen Tagen die Hölle los ist.

Ich freu mich schon auf heute Abend!

marienplatzfest.de/

facebook.com/Marienplatzfest

PS: Das Plakat wurde von Kleon Medugorac gestaltet, den ich für einen der ganz großen Illustratoren halte. Vielleicht zeichnet er mich ja mal eines Tages!

Hauptbahnhof womöglich für immer geschlossen.

Heut morgen mach ich mein Zeitloch auf und finde diesen schönen Artikel aus dem Jahr 2063. Offensichtlich werden wir auch in Zukunft die gleichen Probleme haben:

hauptbahnhof

Volle Windkraft voraus!

Fernsehturmkraftanlage 2

Klingt wie erster April, ist aber fünf Tage früher: Der Stuttgarter Fernsehturm soll aus Brandschutzgründen für Besucher geschlossen werden. Nach 57 Jahren ist irgend jemandem aufgefallen, dass der einzige Fluchtweg im Brandfall unzureichend sei, und dafür will natürlich keiner die Verantwortung übernehmen müssen. „ … ich konnte nicht anders handeln, denn der Turm darf nicht zu einer Todesfalle für bis zu 200 Menschen werden“, so der neue OB Fritzle Kuhn. Hört sich verantwortungsvoll an. Doch was steckt wirklich dahinter?

Ich habe meine V-Leute im Rathaus ausgequetscht, die die Geschichte in ein ganz anderes Licht gerückt haben. Drahtzieher hinter der Maßnahme, da sind sie sich alle einig, ist die Windkraftmafia. Einem geheimen Papier zu Folge ist geplant, den Fernsehturm bis 2017 in eine gigantische Windkraftanlage zu transformieren. Da stören Besucher natürlich.

Dank eines größeren Sponsors aus der Region sollen übrigens die drei geplanten Rotorblätter von einem Ring umgeben und nachts beleuchtet werden.

Für ewiggestrige Zukunftsverweigerer gibt’s schon ein Symbol für Demos, auch gut als Betroffenheitsfacebookprofilbildchen zu gebrauchen:

fernsehtumlogo

Drohender Untod

Apropos Tod: Auch die Bundesregierung lehnt, wie heute in der Presse zu lesen, die Zahlung der Mehrkosten des Großwahnprojektes Stuttgart 21 für die Bahn ab. Ramsauer reicht eine Leiche im Keller, und die liegt in Berlin. Alternativen sollen geprüft werden, so die Regierung. Kein Wunder, die Kosten explodieren schon im Milliardenbereich, bevor so richtig losgebuddelt wird. Das Todesurteil: Unwirtschaftlichkeit – ein Schreckgespenst,  gefürchteter als mangelnder Brandschutz oder Rückbau der Kapazität. Weder Stadt, Land noch Bund sind bereit, die Kosten in unbestimmter Höhe zu decken. Stuttgart 21 ist tot. Es hat den Löffel abgegeben, ins Gras gebissen oder ist – ganz pietätvoll – einfach entschlafen.

Es reichen Grundkenntnisse der Zombologie um zu wissen, dass Tote nicht ruhen. „If there is no room in hell, the dead will walk the earth.“, ein schönes Zitat aus Dawn of the Dead von George Romero inspiriert die Phantasie der Tunnelparteien unseres Gemeinderats, die sich gestern in einer Resolution dazu bekannt haben, weiter am Zombiebahnhof festzuhalten. Laut ihnen gäbe es keinen sachlichen Grund, das Projekt weiter zu verzögern oder gar zu verhindern. Ich bin mal gespannt, mit welchem Voodoo-Zauber sie die Finanzierung des Milliardengrabs ermöglichen wollen. Es muss wahrlich große Liebe für das Genre des Zombie- und Endzeitfilms sein, die sie dazu treibt, Stuttgarts Herz durch Bauruinen vernarben und blutige Wunden in den Haushalt reissen zu wollen.

Mir fallen dazu ein ganzer Haufen grusliger Verschwörungstheorien ein, die erklären, wie die Mehrheit des Gemeinderats vom Wahn besessen oder vom Teufel geritten werden. Ich plädiere dafür, einen Exorzisten ins Rathaus zu schicken und mit den Spuk ein Ende zu setzen, damit die Toten endlich zur Ruhe kommen.

PS: Geforderte Alternativen können wir schnell bedienen: Loch 21

PPS: Soeben in den Nachrichten: Ramsauer auch von Zombieseuche befallen, er hat alles dementiert. Der Bund stünde voll und ganz hinter dem Zombiebahnhof. Wer ihn bezahlen soll, hat er aber leider nicht rausgerückt.

PPPS: Habe soeben erfahren, dass Claus Schmiedel die Zombieseuche verbreitet hat.

Turners wutbürgerliche Wahlhelfer

Vor dem Stuttgarter Rathaus drängen sich die Leute. Ein Meer aus Plakaten und Protestschildern flutet den Marktplatz. Vor der dort aufgerichteten Bühne sitzen im abgesperrten Bereich Mitglieder der altkonservativen Parteien und warten. Plötzlich dröhnen wilde Rhythmen über den Platz, ein Konzert aus Trillerpfeifen und Gebrüll versucht dagegen anzustinken, als sich die Menge teilt und der „Star“ des Nachmittags in schwerem Geleit durch die Menge zur Bühne schreitet: Mutti kommt! Angela Merkel unterstützt den parteilosen OB-Kandidaten Sebastian Turner in seinem Wahlkampf. Wie die Prognosen stehen, droht die erste Landeshauptstadt in die Hand eines Grünen zu fallen, und dass nachdem sie schon den Ministerpräsidenten stellen. Aus CDU-Sicht ein Gau, bei dem Mutti persönlich eingreifen muss. Es fängt an, wie aus Eimern zu schütten, Schirme verdecken jegliche Sicht auf die Bühne, als jemand anfängt zu reden. Um mich herum wird gelärmt (Lügenpack! Lügenpack!), sodass ich auch nicht hören kann, wer da was von sich gibt. Die Stimmung ist verbittert und aggressiv, die letzten Nachrichten über den Bau des Erdbahnhofs sind Thema vieler Plakat: Zugentgleisungen und ein nicht erfülltes Brandschutzkonzept, was seit der Schlichtung eigentlich niemanden überraschen sollte.

Ich suche einen besseren Platz um zu verstehen, was da vorne passiert. Turner hat das Mikrophon ergriffen und redet mit lauter Stimme gegen den Lärm an. Nach dem üblichen Geschwalle über die Wichtigkeit der Bildung als Zukunftsweg, die wohl jeder Kandidat in seinem Programm stehen hat, aber trotzdem keiner in die Hand nimmt, schießt er sich auf Kuhn ein, dem er unterstellt, mit der Citymaut dem Bürger an die Freiheit und an’s Portemonnaie zu gehen. Eins ist klar: Sein Wahlkampf hat den Namen Kampf verdient. Er baut auf die Furcht der Leute, ein Grüner würde Stuttgarts Wirtschaft und somit Wohlstand und Arbeitsplätze ruinieren und die Freiheit der Bürger eindosen. Wahlkämpfe, bei denen Furcht vor den anderen geschürt wird, sind mir zuwider.

Merkel übernimmt. Ihre etwas leisere Stimme geht wieder im Lärm unter, ich verstehe bruchstückhaft etwas von Zukunftstauglichkeit, Bahnprojekt, Wirtschaft und so. Am Ende erklingt die deutsche Nationalhymne, um zu unterstreichen, dass sich hier niemand geringeres als DIE Bundeskanzlerin für Turner ausgesprochen hat. Ende der Veranstaltung. Die einen packen ihre Transparente ein, die anderen empören sich über die Schande für Stuttgart, die Kanzlerin in dieser Form empfangen zu haben.

Für Turner scheint es ein gelungener Tag. Das Schreckgespenst der renitenten Wutbürger, die die Zukunft der Stadt sabotieren wollen, hat sich selbst an die Wand gemalt. Die Medien berichten über die Protestbewegung, die nicht bereit ist zuzuhören und ihrer Wut freien Lauf lässt. Das bringt die Stimmen jener, die von der Protestkultur die Nase voll haben.

„Der haben wir gezeigt, dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist!“, sagt ein anderer Marktplatzbesucher zu mir. Ich frage mich, was das bringt? Ausgebuht werden gehört zum täglichen Programm in ihrer Position. Müssen wir ihr (oder vielleicht auch uns selbst) vor Augen führen, dass es immer noch Demonstranten in Stuttgart gibt? Wenn es etwas gibt, was sie wirklich trifft, dann ist es das Wahlergebnis von Turner, der kaum Aussichten hat, die grüne Gefahr zu bannen.

Mir war von vornherein klar, dass es sich viele nicht entgehen lassen, der Kanzlerin mal persönlich die – bestimmt durchaus berechtigte – Wut ins Gesicht zu brüllen, doch denke ich dabei auch an das Bild, dass wir Bahnhofsgegner dabei abgegeben haben. Es ist absolut okay, eine miese Rede mit Buh-Rufen statt Beifall zu quittieren, aber man sollte schon dem zuhören, was man verurteilt. Diesen Respekt sollte man auch seinem politischen Gegner zollen. Wie können wir die mangelnde Dialogbereitschaft der Regierung anprangern, wenn wir selbst alles niederbrüllen? Wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn die Sympathien der Bevölkerung für die Protestbewegung durch solches Verhalten weiter schwinden. Das wollte Turner, und das hat ihm sein Publikum willfährig erfüllt. Der „Widerstand“ darf sich nicht unfreiwillig zum Wahlhelfer Turners machen. Auch wenn es verdammt gut tun mag, mal die Sau raus zu lassen. Protest ist kein Selbstzweck, er sollte einer Sache dienen. In diesem Fall hat er Turner gedient.

Kurzer Einwurf: Ich möchte mal darauf hinweisen, dass das dort geballte Wutbürgertum nicht repräsentativ für alle Bahnhofsgegner und Turner-Kritiker steht, auch wenn die Medien dieses Bild zeichnen werden.

Mir hätte es besser gefallen, hätten Turner und Merkel in Ruhe ihre Reden halten können. In seine Angriffe auf Kuhn wirkt Turner unsouverän. Wer wirklich was auf dem Kasten hat, muss sich nicht über das Abwerten anderer positionieren. Sein aggressiver Wahlkampfstil schreckt mich ab. Dass er jetzt den Bahnhofsstreit für seinen Wahlkampf instrumentalisiert  (gegen grüne Verschleppung und Mehrkosten …), widerspricht seiner Ansage, den „Krieg“ in der Stadt beenden zu wollen. Noch besser hätte mir gefallen, Frau Merkel hätte allein vor den geladenen Gästen geredet und der Platz wäre ansonsten leer gewesen.

Am Sonntag in einer Woche wird Stuttgart zeigen, ob sein Wahlkampf aufgegangen sein wird. Insgesamt war die Veranstaltung so hässlich wie das Wetter, für Muttis Gäste wie für die Protestbewegung.

Stoppt die grüne Gefahr!

Der Wahlkampf um den Oberbürgermeisterposten in Stuttgart geht in die heiße Phase! Die einen wollen Sebastian Turner verhindern, die anderen Fritz Kuhn. Nicht nur die Kanzlerin schlägt sich jetzt auf die Seite des Berliner Werbers, sondern auch „Mausi“, so behauptet es jedenfalls die Facebook-Seite „Koin Kuhn“, die sich der politischen Argumentation gegen die grüne Gefahr verschrieben hat. Hier noch ein paar Beispiele, die vor Augen führen, was die „Initiative gegen einen grünen Oberbürgermeister Fritz Kuhn in Stuttgart.“ zum politischen Diskurs beiträgt.

„Wir brauchen in Stuttgart keinen grünen Verbotsmeister als OB, der alles verzögert, überall klagt, überall klugscheißt.
Infrastrukturprojekte ausbremst oder verhindert.
Bewahren des Status Quo durch die subtile Sandstreumechanik der Grünen, die alles verlangsamen und KOSTEN
produzieren, die allen nach dem Mund reden nur nicht den wirklichen Zukunftschancen Gehör verschaffen.
Den anderen immer den moralischen Zeigefinger vor die Nase strecken, und sich an der gedeihlichen Entwicklung Stuttgarts vergehen.
Das alles schafft Grün. Da sind sie sehr erfolgreich.
Deshalb KOIN KUHN!“
„Mobilität und Autofahren a la Fritz Kuhn…
Das MUSS verhindert werden!
KOIN KUHN!“

PS: Leider musste ich Mausi verpixeln, aber nach der Abmahnung eines Pro-S21-Hemdchen-Verkäufers ob seiner Unverpixeltheit bin ich vorsichtig geworden.

Turnergegner lassen sich aber auch nicht lumpen, wenn’s um den Einsatz blanker Haut für politische Zwecke geht. Ich merk schon, es wird spannend!

Über Anti-Turnersche Agitation schreibt auch Bild, beherzigt dabei jedoch nicht das journalistische Prinzip, beide Seiten darzustellen : http://www.bild.de/regional/stuttgart/buergermeister/schmier-kampagne-gege-turner-26530454.bild.html

Quelle: Bild.de, Foto: dpa, Michael Hahn

Was sagen wohl die Kandidaten zu solch wahlkämpferischen Kolateralschäden? Turner überlegt zu klagen, so behauptet er in Bild. Er übersieht dabei vielleicht, dass eben diese Werbung seine Gegner diffamiert. Als Werbeprofi würde ich mich über diese ungewollte Unterstützung freuen. Als Hannes würde mein Gesicht die Haarfarbe annehmen. Zum Glück muss ich kein Wahlkampf machen! Wenngleich: Mich würde mal interessieren, mit welchen Argumenten ich verhindert werden sollte …

Mutti kommt!

„Grundeis ist das sich auf dem Grund fließender Gewässer bildende Eis. Es wächst von der Gewässersohle aus in das Wasser hinein und bildet mitunter bizarre Unterwasser-Skulpturen.“ (Wikipedia). Des weiteren gehen dort gern Ärsche drauf. Insbesondere jener der Oldschool-Konservativen, die im Süden Deutschlands schlimmstenfalls mal mit den Sozen koalieren mussten.

Bürgerlich, christlich und konservativ können auch andere: MP Kretschmann erfüllt, was die CDU versprochen und Mappus in die Tonne getreten hat. Um das neue Bürgertum zurückzugewinnen, wurde der parteilose Werber Turner ins Rennen geschickt, der mit rommelscher Weltoffenheit den Krieg um Stuttgart 21 beenden will. Brezelbackend und kinderkuschelnd flutet er die Stadt mit Plakaten. Über 500 Wahlkampftermine bestreitet der Bürger, der Bürgermeister werden will, um den GAU zu verhindern: Nach dem Landtag auch das Rathaus an die Öko-Konservativen zu verlieren. Auch die Totalverbrezelung der Plakatwände half ihm nicht, im ersten Wahlgang die Mehrheit zu holen. Da Bettina Wilhelm das Handtuch geschmissen hat, muss Turner ordentlich Gas geben. Seine Hoffnung: Bei 46,7% Wahlbeteiligung ist noch Luft nach oben für den zweiten Wahlgang am 21. Oktober.

Zu Hilfe eilt die Mutti der Nation: Die Kanzlerin kommt! Am Freitag auf den Marktplatz.  Und macht somit den Wahlkampf zur Chefsache. Der Vorsitzende der baden-württembergischen CDU, Thomas Strobl, malt schon mal seinen persönlichen Teufel an die Wand: „Mit einem Grünen in der Villa Reitzenstein und einem Grünen als Oberbürgermeister im Stuttgarter Rathaus stirbt ‚Stuttgart 21’“. Das könnte man auch als Abwahl-Versprechen verstehen. Die Einführung der City-Maut und Grundsteuererhöhung sind weitere Schreckgespenste, die die Grünen längst als „blanken Unsinn“ enttarnt haben. Mal schauen, ob Kuhn alle Autos kompostiert, den Daimler in eine Biogasanlage transformiert und alle Schulen zu Baumschulen umwandelt.

Apropos Furcht und Schrecken: Was mir viel mehr Angst einjagt, sind all die schönen Bauprojekte, bei denen noch mehr leerstehende Bürogebäude für ein fortschrittliches Stadtbild sorgen sollen. Die sind für jene, die sie abschreiben, sicher recht wirtschaftlich. Neue Einkaufszentren ermöglichen tageslichtfreies Shopping für jene Yuppiezombies, die sich die Mieten in den neugeschaffenen Vierteln leisten können. Wirtschaftsnähe mag im Industriegebiet fein sein, die Stadt gehört ihren Bürgern.

Die deutlichste Duftmarke des Angstschweißes rieche ich bei der CDU, die mit Stuttgart den Kern der drittgrößten Metropolregion Deutschlands verliert, und dass nicht an den Altrivalen SPD, sondern an die Grünen, die ihnen auf bürgerlichem Terrain die Wähler abluchsen. Auf dem Land mögen Kirche und CDU noch unangefochten herrschen, aber die Städte vergrünen zunehmend. Kein Wunder, dass Mutti persönlich erscheint, doch das hat bei Mappus schon nicht geholfen.