Das Recht auf Selbstbenässung

_O1B8712
Hinter Gittern: Möchtegerngeysir auf dem Marienplatz.

Wasserfontänen sind ganz schön gefährlich, sollte man meinen. Am Marienplatz im Stuttgarter Süden ejakuliert geysiresque eine Fontäne in regelmäßigen Abständen – umringt von einem Hochsicherheitszaun, der es einem unmöglich macht, mit dem Wasser in Berührung zu kommen und ganz klar sagt: Nur gucken, nicht anfassen! Stinklangweilig.

Das Original: Bei echten Geysieren reicht eine Schnur als Absperrung.
Das Original: Bei echten Geysiren reicht eine Schnur als Absperrung.

Karl Philips, ein Spezialist für das, was man unter Künstlertypen Intervention nennt, hat das Problem erkannt und eine Lösung konstruiert. Der Belgier war derzeit Gast beim Vagabundenkongress am Theater Rampe, welches gleich um die Ecke liegt. Er schnappte sich ein paar Leute, die seine Konstruktion zum Brunnen schleppten und dort installierten.

Karl und seine Helfer auf dem Weg zum Brunnen
Karl (ganz rechts) und seine Helfer auf dem Weg zum Brunnen

Die Idee war ganz einfach: Wenn der Mensch nicht zum Wasser kommt, muss das Wasser wohl zum Mensch kommen. Ein zur Hohlkehle gebogenes Brett leitete die Fontaine um, sodass sie in einem schönen Bogen über das lästige Geländer spritzte. Die großzügig dimensionierte Trägerkonstruktion ruhte auf dem runden Geländer des Brunnens.

_O1B8609
Die Konstruktion passt genau auf das zu überwindende Geländer.
Karl Philips begutachtet die umgeleitete Fontäne.
Der Künstler und Konstrukteur begutachtet die umgeleitete Fontäne.

Die Idee hat funktioniert: Passenten fingen an, durch die Fontaine zu rennen und hatten offensichtlich Spaß dabei.

Nicht all zu viel später wurde die Konstruktion wieder abgebaut. Viele Passanten bedauerten dass. Aber jetzt hat auf dem Marienplatz wieder alles seine Ordnung.

_O1B8688
Junge Damen üben ihr Recht auf Selbstbenässung aus.

Apropos Spaß: an den haben die Gestalter des Platzes und seines Brunnens wohl weniger gedacht. Soll halt chic aussehen, so ein Pseudogeysir. Das passiert leider öfters bei der Stadtplanung – vor lauter chic werden die Menschen vergessen, die mit dem dahingeplanten Zeug so leben müssen.

Ich fordere das Recht darauf, sich nass machen zu dürfen, ein! Freiheit für alle Brunnen! Benässungsfreiheit! Aber wie alle Freiheiten ist auch diese ein zweischneidiges Schwert. Ein Recht auf Selbstbenässung würde besonders gerne von Kindern in Anspruch genommen werden, deren Eltern dann auf ihr fragwürdiges aber durchaus nachvollziehbares Recht auf trockene Kinder pochen könnten.

Am anderen Ende des Marienplatzes befindet sich übrigens ein schrankenloser Brunnen, auch „Strand“ genannt, der jedoch nicht so schön spritzt. Langweilig!

Das Recht auf trockene Kinder
Geht vor die Hunde: Das Recht der Eltern auf trockene Kinder

_O1B8671_O1B8673-Bearbeitet

karte marienplatz

Übringens: Der Stuttgarter Marienplatz ist mit seinen unendlichen Weiten ein ungewöhnlicher Ort im tiefen Kessel von Stuttgart. Nirgendwo sonst darf die Sonne so ungehindert die Haut der Bürger braten. Über die Taklamakanwüste des Stuttgarter Südens könnte ich hier noch einige Geschichten erzählen, aber das heb ich mir für ein andermal auf.

Fotos: Martin Zentner / Google Earth

Akustische Auslegeware

20131108_0248„Das hat doch nichts mit Musik zu tun!“,  klagt einer der Typen, die im  Vorraum des Stuttgarter Theater Rampe Bier trinken. „Das ist mir viel zu intellektuell“, empört sich ein anderer. Ein seltsames Konglomerat an Geräuschen dringt durch eine Tür rechts zweier Zahnradbahnen, die mitten im Raum rumstehen. Das Theater teilt sich das Gebäude mit dem Depot jener Zahnradbahnen, die tagsüber den steilen Weg aus dem Stuttgarter Kessel vom Marienplatz  nach Degerloch erklimmen. Mit intellektueller Musik ist wohl die verkopfte Spielart gemeint, die meinen Hörgewohnheiten widerspricht. Ich höre im übertragenem Sinne lieber mit dem Bauch und bin ganz froh, wenn sich auf einem Konzert mein Ratio mal auf der Ersatzbank ausruhen kann. Am besten, ich mache mir mal selbst ein (Klang-)Bild von der Angelegenheit.

20131108_0177

Jenseits mehrerer Handvoll Leute, die auf dem Boden lümmeln oder rumstehen, scheint die Quelle der Geräusche zu sein – in der düsteren Tiefe des nicht all zu großen Raums. Dort drängt sich ein weiterer Haufen Menschen zwischen einem Hobbykeller voller Gerätschaften und tüftelt. Wie viele genau es sind, ist mir nicht klar, denn immer wenn ich versuche, sie zu zählen, entdecke ich noch jemanden, der hinter einer Kiste kauert und sich ebenfalls der Erzeugung von Geräuschen widmet. Manche von ihnen hantieren mit klassisch bekannten Instrumenten, andere drehen Knöpfchen an Geräten, die irgendwo zwischen modularem Analogsynthesizer und Kosmos Elektronik-Experimentierkasten einzuordnen sind. Ein Gerät sieht aus, als wäre es von Dr. Durand Durand auf dem 16. Planeten von Tau Ceti erschaffen worden. Es leuchtet farbenfroh. 

20131108_0086

Ich versuche die einzelnen Fäden des Klangteppichs zu ihrem Ursprung zu verfolgen und scheitere. Auch andere intellektuelle Herangehensweisen sind von wenig Erfolg gekrönt. Ich bin entweder zu doof oder auf dem Holzweg. Da mir die zweite Antwort besser gefällt, beschließe ich, mich in die akustische Auslegeware zu werfen und treiben zu lassen. Mit Erfolg.

Der Typ mit der intellektuellen Kritik hat diese übrigens über Bord geworfen und sich der Musik hingegeben. Wäre ja schlimm, wenn man immer alles verstehen müsste.

Noch ein paar Fakten, damit nicht alles so verschwommen wie die Fotos von Martin rüberkommt:

Die Band nennt sich Metabolismus, die zusammen mit der italienischen Vocalkünstlerin  Patrizia Oliva die im Theater Rampe am 8. November 2013 zusammen gespielt haben. Das Konzert wurde von „für Flüssigkeiten und Schwingungen“ (FFUS) (Link besuchen, da sehr spezielle Webseite!) organisiert, die jeden Freitag in der Rakete (der Bar der Rampe) den Abend bestreiten, seit ihnen wegen Bahnhofsvergrabungsarbeiten der Wagon am Nordbahnhof verschrottet wurde. 

Hier sei auch nochmals auf das tolle Theater verwiesen, dass nicht nur das Viertel nachts so schön bunt beleuchtet, sondern auch ein großartiges Programm hat, welches ich mir in der nächsten Zeit mal genauer anschauen werde.

http://www.facebook.com/events/625932094117358

http://www.facebook.com/pages/Patrizia-OlivaMadame-P/333383093344900

http://metabolismus.de/

http://theaterrampe.de/

http://www.ffus.de/

 

Fotos: Martin Zentner