Urkundenfälscher und Ewiggestrige

So mir nichts dir nichts geh ich müßig durch die Tübinger Straße, da springt mir mal wieder ein Schaufenster ins Auge. Das Flair kommt mir bekannt vor, erinnert mich an das Institut für Buchverwitterung in der Jakobstraße (siehe Artikel). Hier also bekommt man alles, um verwitterte Bücher herzustellen: Staubige Tintenpatronen, vergilbtes Papier und Schreibmaschinen jeder Generation. Die halbwegs lebendige Begrünung lässt darauf schließen, dass der Laden trotz des „seit Jahren Pleite und vergessen“-Looks immer noch die Türen für Kunden öffnet.

Ein Blick in die tiefen des Ladens lässt erkennen dass die Schaufensterdeko konsequent in der Inneneinrichtung fortgesetzt wird. Welches Typus Kunde frequentiert diesen Laden? Antiquierte Autoren historischer Romane? Buchhalter der alten Schule? Röhrenmonitorfetischisten? Vielleicht sind es Urkundenfälscher die nur hier die Utensilien ihres Handwerks finden. Sollte ich eines Tages ein authentisches Arbeitszeugnis von 1983 fälschen wollen, hier würde ich alles dafür finden. Vielleicht befindet sich im Keller des Ladens ein großes Lager mit leerem Briefpapier lokaler Unternehmen aus den letzten Jahrzehnten? Flaschenweiße Jahrgangsgilb, kellergelagert und ein Humidor für historische Stempelkissen? Vielleicht gibt’s dort sogar noch Hektorgraphen. Wie gerne erinnere ich mich an den Lösungsmittelrausch meiner Schulzeit. Die Generation Kopierer weiß da gar nicht was sie verpasst hat. Ich schweife ab …

Eines Tages werd ich mich über die Schwelle trauen. Vielleicht schaff ich mir dann endlich mal eine Schreibmaschine an auf der ich offline bloggen kann.

(Geschrieben für brezel.me)