Überfordert!

Backofen

Ich hab in der letzten Zeit ja öfters mal von den Stadtisten geschrieben, eine Gruppe von Stuttgartern, die in der Stadt was bewegen wollen. Gleich vorneweg: Ich bin da kein Mitglied. Das liegt daran, dass sie Virtuelle wie mich ausschließen. Man möchte lieber Menschen aus Fleisch und Blut um nicht unseriös rüber zu kommen, wie mir scheint. Trotzdem handelt es sich um eine interessante Idee, über die man jetzt auf deren Homepage mehr erfahren kann.

Wer Forderungen oder Parolen sucht, wird dort nicht fündig. Oben bleiben oder doch den Bahnhof vergraben? Ein Antwort findet man nicht. Das ist auch gut so. Mir wäre es etwas suspekt, wenn die Seite von vornherein ein  Forderungskatalog wäre, denn fordern kann man viel. Mir fiel da sofort eine ganze Menge ein, auch jenseits der Anerkennung der Virtuellenrechte, Weltfrieden und Sofortschokolade. Auch bei den letzten Wahlen ist mir diese Unart negativ aufgestoßen. Zur Kommunalwahl 2009 wurde auf Plakate geschrieben: „Stuttgart 21 stoppen!“. Das ihnen das nicht so einfach gelingen würde, ahnten die Grünen wohl schon vorher. Hat aber Stimmen gebracht. Und postelektoralen Unmut.  Die Linken forderten „Menschen vor Profit!“. Klingt gut. Kann man ja mal sagen. Dem würde keine andere Partei widersprechen. Die pirateske Forderung nach einem Wombat in jedem Haushalt zur letzten Bundestagswahl ist mein Liebling im bunten Reigen der Forderungen. Das Ganze scheint mir so, als wäre es ein Forderungsschwanzvergleich, in dem alles erlaubt ist, da eh niemand mehr erwartet, dass im Erfolgsfall noch irgend etwas davon zählt. So seien die Regeln des Wahlkampfs, sagen dann viele. Ich scheiß‘ auf die Regeln.

Als neuer Mitspieler in der Kommunalpolitik müssen sich die Stadtisten nun messen lassen.Viele wollen wissen, wo zwischen links und rechts sie zu positionieren sind, wie sie zu den großen Fragen der Stadt stehen und natürlich immer wieder, ob sie gegen den Erdbahnhof seien. Die Stadtisten geben keine leichten Antworten, sondern verweisen auf ihre Haltung, die sie auf ihrer Webseite zu allen möglichen urbanen Themen zum Ausdruck bringen. Wenn man das durchliest, kann man sehr gut erkennen, wo sie stehen, muss dabei aber beim Lesen das Hirn einschalten. Das wird sie einige Wähler kosten.

Die Forderei überfordert mich. Ich bin es leid, durch einen Sumpf populistischer Hanebüchnereien zu waten, freu mich über jede und jeden, die versuchen, irgendwie ehrlich zu sein und nicht dem Forderungsbedarf parolenfreudiger Vielleichtwähler nachzugeben. Die werden eh schon von den Oldschool-Parteien bedient. Hört sich ein bisschen an wie Piraten für Nicht-IT-Nerds. Nur dass die Stadtisten halt gar nicht erst über’s Kommunale raus wollen. Das solle Polit-Karrieristen abhalten, sagte mir ein Stadtist. Mir scheint, die verlieren lieber mit Anstand, als dass sie das Spiel der anderen mitspielen. Aber so richtig verlieren können sie ja gar nicht, weil die Wahl nur eins ihrer Standbeine ist. Sie wollen ja auch was in der Stadt bewegen, ganz ohne Gemeinderat, außerpolitisch sozusagen.

Ich werde das Ganze mal beobachten und hoffe, dass sie nicht den Mut verlieren, ihre eigene politische Kultur zu leben. Auch wenn es sie Stimmen kosten wird. Aber Haltung ist etwas, was man bewahrt, auch wenn’s mal nicht so opportun ist.

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Grumpy Peer

Grumpy-PeerDie ersten Wahlplakate zieren schon die Laternenpfosten unserer Stadt – Politiker buhlen um die Wählersympathie mit ihrem Antlitz. Sympathie scheint jedoch nicht die Kernkompetenz von Herrn Steinbrück zu sein, wenn man den Umfragen glauben schenkt. Damit er gegen Mutti Merkel nicht abstinkt, sollte er sich ein Beispiel an Grumpy Cat nehmen! Everybodies Darling trotz Motzefresse. Da muss Grumpy Peer noch ein bisschen üben.

Nein zur Demo-Maut!

Kürzlich habe ich auf meiner Pinwand in Facebook einfach mal behauptet, der Stuttgarter OB-Kandidat Turner wolle eine Demo-Maut von 6,10 € einführen. Kann man ja mal dreist behaupten – Behaupten ist ja schrecklich en vogue, zumindest was Turners eigenen Wahlkampf angeht. Ein Kommentator meiner Behauptung mochte die Idee, er forderte die Maut für „Demonstranten welche sich im Geschäft krank melden ohne Grund und keine echte Meinung zu dem Thema der Demonstration haben!!!“. Da wir unsere plutokratische Grundordnung vor Bürgerwillkür schützen müssen, plädiere ich für die Schaffung der Demokratie-Maut!

  • Demo-Maut: € 6,10. Zuschlag für Plakat: € 12,20, Trillerpfeife: € 15,40, Vuvuzela: € 32,60,  Schwabenstreich: €3,20 Zuschlag. Montagszuschlag:60%
  • Infoblätter auf Demos: € 12,30 pro aufgelistetem Fakt. Haltlose und erlogene Fakten sind von der Maut befreit.
  • Wahlkampf-Maut: € 610,– pro Behauptung. Hanebüchene Behauptungen sind um  bis zu 80% reduziert. Instrumentalisierte Kinder geben 30% Rabatt. Verwendung lokaler Backwarenspezialitäten auf Werbemitteln: 20% Rabatt.
  • Die Freistellung von der Maut für wirtschaftsrelevante Kandidaten ist ja wohl selbstverständlich!
  • €12,80 Sozialromantiker-, Öko-Spinner- und Gutmenschen-Maut
  • Sinnlose Forderungen wie Brandschutzkonzepte, Baugenehmigungen, Einhaltung von Kostenrahmen werden mit € 6.100,– Fortschrittsfeindlichkeits-Maut belegt.
  • € 61,– Bürgerbeteiligungs-Maut
  • Wahlmaut: je weiter unten das Kreuzchen, desto teurer wird’s

Nette Zusammenfassung Turners Wahlkampfaussagen gibt’s in der Stuttgarter Zeitung: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.stuttgarter-ob-wahl-streit-um-city-maut-und-parkgebuehren.811878d2-61e8-40cb-b1f5-da5c54af2aa5.html.  Meisterhaft in Behaupten hanebüchener Theorien, da kann selbst ich mir eine Scheibe von abschneiden: http://www.keinecitymaut.de/

Turners wutbürgerliche Wahlhelfer

Vor dem Stuttgarter Rathaus drängen sich die Leute. Ein Meer aus Plakaten und Protestschildern flutet den Marktplatz. Vor der dort aufgerichteten Bühne sitzen im abgesperrten Bereich Mitglieder der altkonservativen Parteien und warten. Plötzlich dröhnen wilde Rhythmen über den Platz, ein Konzert aus Trillerpfeifen und Gebrüll versucht dagegen anzustinken, als sich die Menge teilt und der „Star“ des Nachmittags in schwerem Geleit durch die Menge zur Bühne schreitet: Mutti kommt! Angela Merkel unterstützt den parteilosen OB-Kandidaten Sebastian Turner in seinem Wahlkampf. Wie die Prognosen stehen, droht die erste Landeshauptstadt in die Hand eines Grünen zu fallen, und dass nachdem sie schon den Ministerpräsidenten stellen. Aus CDU-Sicht ein Gau, bei dem Mutti persönlich eingreifen muss. Es fängt an, wie aus Eimern zu schütten, Schirme verdecken jegliche Sicht auf die Bühne, als jemand anfängt zu reden. Um mich herum wird gelärmt (Lügenpack! Lügenpack!), sodass ich auch nicht hören kann, wer da was von sich gibt. Die Stimmung ist verbittert und aggressiv, die letzten Nachrichten über den Bau des Erdbahnhofs sind Thema vieler Plakat: Zugentgleisungen und ein nicht erfülltes Brandschutzkonzept, was seit der Schlichtung eigentlich niemanden überraschen sollte.

Ich suche einen besseren Platz um zu verstehen, was da vorne passiert. Turner hat das Mikrophon ergriffen und redet mit lauter Stimme gegen den Lärm an. Nach dem üblichen Geschwalle über die Wichtigkeit der Bildung als Zukunftsweg, die wohl jeder Kandidat in seinem Programm stehen hat, aber trotzdem keiner in die Hand nimmt, schießt er sich auf Kuhn ein, dem er unterstellt, mit der Citymaut dem Bürger an die Freiheit und an’s Portemonnaie zu gehen. Eins ist klar: Sein Wahlkampf hat den Namen Kampf verdient. Er baut auf die Furcht der Leute, ein Grüner würde Stuttgarts Wirtschaft und somit Wohlstand und Arbeitsplätze ruinieren und die Freiheit der Bürger eindosen. Wahlkämpfe, bei denen Furcht vor den anderen geschürt wird, sind mir zuwider.

Merkel übernimmt. Ihre etwas leisere Stimme geht wieder im Lärm unter, ich verstehe bruchstückhaft etwas von Zukunftstauglichkeit, Bahnprojekt, Wirtschaft und so. Am Ende erklingt die deutsche Nationalhymne, um zu unterstreichen, dass sich hier niemand geringeres als DIE Bundeskanzlerin für Turner ausgesprochen hat. Ende der Veranstaltung. Die einen packen ihre Transparente ein, die anderen empören sich über die Schande für Stuttgart, die Kanzlerin in dieser Form empfangen zu haben.

Für Turner scheint es ein gelungener Tag. Das Schreckgespenst der renitenten Wutbürger, die die Zukunft der Stadt sabotieren wollen, hat sich selbst an die Wand gemalt. Die Medien berichten über die Protestbewegung, die nicht bereit ist zuzuhören und ihrer Wut freien Lauf lässt. Das bringt die Stimmen jener, die von der Protestkultur die Nase voll haben.

„Der haben wir gezeigt, dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist!“, sagt ein anderer Marktplatzbesucher zu mir. Ich frage mich, was das bringt? Ausgebuht werden gehört zum täglichen Programm in ihrer Position. Müssen wir ihr (oder vielleicht auch uns selbst) vor Augen führen, dass es immer noch Demonstranten in Stuttgart gibt? Wenn es etwas gibt, was sie wirklich trifft, dann ist es das Wahlergebnis von Turner, der kaum Aussichten hat, die grüne Gefahr zu bannen.

Mir war von vornherein klar, dass es sich viele nicht entgehen lassen, der Kanzlerin mal persönlich die – bestimmt durchaus berechtigte – Wut ins Gesicht zu brüllen, doch denke ich dabei auch an das Bild, dass wir Bahnhofsgegner dabei abgegeben haben. Es ist absolut okay, eine miese Rede mit Buh-Rufen statt Beifall zu quittieren, aber man sollte schon dem zuhören, was man verurteilt. Diesen Respekt sollte man auch seinem politischen Gegner zollen. Wie können wir die mangelnde Dialogbereitschaft der Regierung anprangern, wenn wir selbst alles niederbrüllen? Wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn die Sympathien der Bevölkerung für die Protestbewegung durch solches Verhalten weiter schwinden. Das wollte Turner, und das hat ihm sein Publikum willfährig erfüllt. Der „Widerstand“ darf sich nicht unfreiwillig zum Wahlhelfer Turners machen. Auch wenn es verdammt gut tun mag, mal die Sau raus zu lassen. Protest ist kein Selbstzweck, er sollte einer Sache dienen. In diesem Fall hat er Turner gedient.

Kurzer Einwurf: Ich möchte mal darauf hinweisen, dass das dort geballte Wutbürgertum nicht repräsentativ für alle Bahnhofsgegner und Turner-Kritiker steht, auch wenn die Medien dieses Bild zeichnen werden.

Mir hätte es besser gefallen, hätten Turner und Merkel in Ruhe ihre Reden halten können. In seine Angriffe auf Kuhn wirkt Turner unsouverän. Wer wirklich was auf dem Kasten hat, muss sich nicht über das Abwerten anderer positionieren. Sein aggressiver Wahlkampfstil schreckt mich ab. Dass er jetzt den Bahnhofsstreit für seinen Wahlkampf instrumentalisiert  (gegen grüne Verschleppung und Mehrkosten …), widerspricht seiner Ansage, den „Krieg“ in der Stadt beenden zu wollen. Noch besser hätte mir gefallen, Frau Merkel hätte allein vor den geladenen Gästen geredet und der Platz wäre ansonsten leer gewesen.

Am Sonntag in einer Woche wird Stuttgart zeigen, ob sein Wahlkampf aufgegangen sein wird. Insgesamt war die Veranstaltung so hässlich wie das Wetter, für Muttis Gäste wie für die Protestbewegung.

Mutti kommt!

„Grundeis ist das sich auf dem Grund fließender Gewässer bildende Eis. Es wächst von der Gewässersohle aus in das Wasser hinein und bildet mitunter bizarre Unterwasser-Skulpturen.“ (Wikipedia). Des weiteren gehen dort gern Ärsche drauf. Insbesondere jener der Oldschool-Konservativen, die im Süden Deutschlands schlimmstenfalls mal mit den Sozen koalieren mussten.

Bürgerlich, christlich und konservativ können auch andere: MP Kretschmann erfüllt, was die CDU versprochen und Mappus in die Tonne getreten hat. Um das neue Bürgertum zurückzugewinnen, wurde der parteilose Werber Turner ins Rennen geschickt, der mit rommelscher Weltoffenheit den Krieg um Stuttgart 21 beenden will. Brezelbackend und kinderkuschelnd flutet er die Stadt mit Plakaten. Über 500 Wahlkampftermine bestreitet der Bürger, der Bürgermeister werden will, um den GAU zu verhindern: Nach dem Landtag auch das Rathaus an die Öko-Konservativen zu verlieren. Auch die Totalverbrezelung der Plakatwände half ihm nicht, im ersten Wahlgang die Mehrheit zu holen. Da Bettina Wilhelm das Handtuch geschmissen hat, muss Turner ordentlich Gas geben. Seine Hoffnung: Bei 46,7% Wahlbeteiligung ist noch Luft nach oben für den zweiten Wahlgang am 21. Oktober.

Zu Hilfe eilt die Mutti der Nation: Die Kanzlerin kommt! Am Freitag auf den Marktplatz.  Und macht somit den Wahlkampf zur Chefsache. Der Vorsitzende der baden-württembergischen CDU, Thomas Strobl, malt schon mal seinen persönlichen Teufel an die Wand: „Mit einem Grünen in der Villa Reitzenstein und einem Grünen als Oberbürgermeister im Stuttgarter Rathaus stirbt ‚Stuttgart 21’“. Das könnte man auch als Abwahl-Versprechen verstehen. Die Einführung der City-Maut und Grundsteuererhöhung sind weitere Schreckgespenste, die die Grünen längst als „blanken Unsinn“ enttarnt haben. Mal schauen, ob Kuhn alle Autos kompostiert, den Daimler in eine Biogasanlage transformiert und alle Schulen zu Baumschulen umwandelt.

Apropos Furcht und Schrecken: Was mir viel mehr Angst einjagt, sind all die schönen Bauprojekte, bei denen noch mehr leerstehende Bürogebäude für ein fortschrittliches Stadtbild sorgen sollen. Die sind für jene, die sie abschreiben, sicher recht wirtschaftlich. Neue Einkaufszentren ermöglichen tageslichtfreies Shopping für jene Yuppiezombies, die sich die Mieten in den neugeschaffenen Vierteln leisten können. Wirtschaftsnähe mag im Industriegebiet fein sein, die Stadt gehört ihren Bürgern.

Die deutlichste Duftmarke des Angstschweißes rieche ich bei der CDU, die mit Stuttgart den Kern der drittgrößten Metropolregion Deutschlands verliert, und dass nicht an den Altrivalen SPD, sondern an die Grünen, die ihnen auf bürgerlichem Terrain die Wähler abluchsen. Auf dem Land mögen Kirche und CDU noch unangefochten herrschen, aber die Städte vergrünen zunehmend. Kein Wunder, dass Mutti persönlich erscheint, doch das hat bei Mappus schon nicht geholfen.

Dabeisein ist alles!

Gesichter blicken mit gewollt vertrauenserweckendem Blick von Plakaten auf die Straßen der Stadt und sagen mir: Wähl mich! In Ermangelung des längst überfälligen Virtuellenwahlrecht kann ich dem Wunsch nicht Folge leisten, interessiere mich aber trotzdem dafür, wer in den nächsten acht Jahren meiner Heimatstadt Stuttgart als Oberbürgermeister dient.

Der berechtigten Angst vor dem Politikerverdruss der Wähler geschuldet sind diesmal ein Haufen parteilose Kandidaten im Rennen. Für die Fortschritt-ist-wenn-der-Bagger-rollt-Fraktion (CDU, FDP, Freie Wähler) lässt sich der parteilose Werbefritze Sebastian Turner aufstellen, ebenso parteilos ist Bettina Wilhelm, die für die SPD antritt. Mit Fritz Kuhn trauen sich die Grünen, einen aus den eigenen Reihen zu nominieren. Ein Haufen weiterer Kandidaten treibt das olympische Prinzip auf den Wahlzettel. Das ist auch gut so: Demokratie lebt von Vielfalt. Motive dafür gibt’s einige zwischen Idealismus, Profilierungssucht und Albernheit.

Lohnt es sich überhaupt jemanden zu wählen, der oder die eh keine Chance auf das Amt hat? Ist eine Stimme für Rockenbauch verschwendet, wenn es gilt, Turner zu stoppen? Wählt man strategisch oder nach besten Wissen und Gewissen? Darüber streiten sich viele, aber ich sage mal einfach: Scheiß der Hund drauf! Wenn Turner im ersten Wahlgang 50% erreicht, kümmert keinen, wie die anderen abschneiden. Weder Kuhn noch Wilhelm werden meines Erachtens im ersten Anlauf die Mehrheit erreichen. Wenn keiner die Mehrheit beim ersten Mal erreicht, kommt es zum zweiten Wahlgang. Also wäre es auch egal, ob die Piraten ein paar Stimmen erobert hätten oder nicht. Die Debatte, ob man sich beim ersten Wahlgang idealistisch oder pragmatisch verhält scheint mir einigermaßen sinnlos. Es sei denn, man glaubt, Kuhn könne die 50%-Hürde nehmen. Wer also Jens Loewe oder Marion Furtwängler mag, sollte sie auch wählen. Vorausgesetzt, sie bekommen genügend Unterstützerunterschriften, um überhaupt teilnehmen zu können. Einige der weniger bekannten Kandidaten brauchen noch Unterschriften. Wer sich also wie ich über Vielfalt freut, sollte sie unterstützen.

Interessant wird’s erst in der zweiten Runde. Turner hat automatisch gewonnen, wenn sich die anderen auf keinen Gegenkandidaten einigen können, sei es aus Eitelkeit oder Größenwahn. Ob Kuhn, Wilhelm oder Rockenbauch bereit dazu sind, den Platz für jemand anderes zu räumen, ist offen, aber auch  zu hoffen! Dazu könnte es natürlich sinnvoll sein, wenn Platz 2 recht eindeutig ausfällt, was wieder gegen die kleinen Kandidaten spricht. Doch das ist mir zu viel Rumtaktiererei, es lebe die Vielfalt!

PS:
Mein persönlicher Tipp für alle, die mit ihrer Unterschrift für Vielfalt sorgen wollen: Jens Loewe. Er ist S21-Gegner aus Leidenschaft, setzt sich für den Rückkauf und die Rekommunalisierung der Strom-, Wasser- und Gasversorgung der Stadt ein und ist für mehr Bürgerbeteiligung. Ich bin nicht in allen Punkten mit seiner Meinung konform, halte ihn aber für einen Idealisten, der sich nicht für eine Politkarriere profilieren will. Ausserdem hat er „Unser Pavillon“ stark unterstützt, was mir natürlich gefällt! Ein Pavillonist als OB wäre ein schöner Gedanke, aber er sollte zumindest dabei sein, denn das ist bekanntlich alles.

Hier kann man sein Unterschriftenformular runterladen: 
http://www.jens-loewe.de/unterstuetzen.html

Ein weiterer Kandidat, der zwar schon alle Unterschriften hat, aber trotzdem interessant ist: Wolfram Bernhardt. „Wolfram ist keine Partei. Wolfram ist das Volk. Stuttgart braucht Wolfram.“ steht auf seiner Facebookseite geschrieben. Klingt selbstbewusst, und das ist auch gut so. Wir wollen schließlich keinen Waschlappen als OB. Bernhardt ist Mitbegründer der Bürgerbeteiligungsplattform Meisterbuerger.org und ein recht schlauer Kopf. Wenn man ihn auch nicht wählen will, ist er ein interessanter Bursche, den man sich mal anschauen soll. Des weiteren arbeitet Bernhardt auch für Agora 42, einem sehr schlauen Magazin über Wirtschaft, Geld und so. (Ich wollte schon des längeren mal dieses Magazin hier vorstellen, hab’s aber noch nicht hingekriegt. Tschuldigung!)

Interview mit Bernhardt

Den Kopf aus dem Sand ziehen.

Die Nachrichten überschlagen sich. Reaktor eins schmilzt, zwei brennt, drei raucht und vier wird gerade gelöscht. Oder so ähnlich. Beim nächsten hektischen Blick ins Internet schmilzt gerade Block zwei, der dritte ist ruhig, dafür kommt jetzt der fünfte ins Spiel. Gaddafi droht damit, die Rebellen zu massakrieren, tausende Japaner werden noch vermisst und die CDU war ja eigentlich schon immer Kernkraftgegner. Schuldige werden gesucht, Szenarien ausgemalt, die Gefahr für Deutschland, das übrigens nicht für das Flugverbot über Libyen, das alle immer Lybien nennen, ist, wird ausgelotet. Experten mutmaßen und wissen genau, was die Japaner angeblich verschweigen und wenn es keine echten Experten mehr zu fassen gibt, fragt man irgendjemand, der schon mal in Japan war oder jemanden dort kennt. Betroffenheit der Nichtbetroffenen auf allen Kanälen. Währenddessen tobt der Wahlkampf an der heimischen Front.

Endzeitstimmung
Anfangs habe ich alle zehn Minuten die Nachrichten auf meinem Internet-Telefon durchstöbert und mich von Hiobsbotschaften per Liveticker berieseln lassen. Irgendwann war meine Kapazität für abstrakte Schrecken ausgelastet, mein Interesse sank und somit die Nachrichtencheckfrequenz. Jede einzelne Geschichte hätte gereicht, mich zu irritieren, doch alle auf einmal ergeben einen eigenartigen Brei der nach diffuser Weltbedrohung schmeckt. Das wissen die Medien auch, drum würzen sie ordentlich ihre Zutaten. Katastrophenbilder remixed zum Musikvideo und alte Horror-Berichte aus Tschernobyl sorgen für Endzeitstimmung. Einerseits weckt das auf – was dringend notwendig war, andererseits schürt es Panik. Das Hamstern von Jodtabletten in Deutschland muss für die wirklich Betroffenen in Japan befremdlich wirken. Doch am schlimmsten sind unsere aufgescheuchten Politiker, die aus der Angst Lobbys oder Wähler zu vergrätzen kopflos durch die Gegend rennen. Ich freu mich ja um jedes Atomkraftwerk, dass still gelegt wird, aber einen schnellen und sauberen Umstieg auf alternative Energie bekommen wir nur hin, wenn wir abseits politischem Kalküls einen gangbaren Weg finden.

Konsens
Die Grundvoraussetzung dafür ist der gesellschaftliche und politische Konsens, dass der Ausstieg gewollt wird und so schnell wie möglich umgesetzt werden muss. Dafür müssen wir unschöne Dinge wie höhere Strompreise, Windkraftwerke, Überlandleitungen und Pumpspeicherkraftwerke in Kauf nehmen. Wir dürfen uns auch nicht davon irritieren lassen, dass an unseren Grenzen weiterhin Kerne gespalten werden. „Wenn wir keine Atomkraft mehr erzeugen, dann machen es die anderen.“ Ein gern gehörtes Argument, mit dem auch Drogendealer ihre Taten rechtfertigen. Die derzeit gestellte grundsätzliche Frage ist: Sind wir für billigen Strom bereit, das relativ geringe Risiko eines unermesslich großen Schaden zu tragen? Ich frage jedoch zuerst: Sind wir überhaupt in der Lage, das Risiko zu tragen? Können wir über das Wohl tausender kommender Generationen entscheiden, denen wir ein strahlendes Erbe hinterlassen? Ich glaub kaum.

Das Mediengetöse hat viele von uns dazu veranlasst, den Kopf aus dem Sand zu ziehen. Noch nie war die Bereitschaft so groß einen neuen, unbequemeren Weg zu gehen. Und wir müssen schnell handeln, denn die Halbwertszeit von Erinnerungen ist geringer als die von Uran. Und währenddessen greift Gaddafi trotz selbst erklärtem Waffenstillstand die Rebellen wieder an.