Mehr Transparenz bitte!

Die Jungs von BFE-TV filmen wie ihre Kollegen Parkschützer vermöbeln.

Heute beginnt der parlamentarische Untersuchungsausschuss zum umstrittenen Polizeieinsatz im Stuttgarter Schlossgarten am 30. September. Es wurden Aufnahmen der Polizei und vom SWR gezeigt, anschließend tagt das Gremium unter Ausschluss der Öffentlichkeit. So weit, so gut.

Was ist mit all den Aufnahmen, die Demonstranten gemacht haben und auf YouTube gestellt haben? Viele Geschehnisse wie die Knüppelattacke des glatzköpfigen Polizisten sind nur dort zu sehen. Wie kann es angehen, dass hauptsächlich das Material der Polizei ausgewertet wird, welche doch selbst auf der Anklagebank sitzt? Wahrscheinlich sind denen Privataufnahmen nicht offiziell genug. Gute Ausrede. Und auf welcher politischen Seite der SWR steht ist ja auch hinlänglich bekannt.

Wackliges Vertrauen
Ich frage mich auch warum das Gremium hinter verschlossenen Türen tagt. Hier besteht doch ein großes Interesse in der Öffentlichkeit. Warum übertragen die das nicht einfach live wie die Schlichtung? So könnten sie dem Vorwurf, dass sich die verantwortlichen Politiker aus der Affäre mauscheln schnell entgegentreten. Aber dann könnten sie ja nicht mehr mauscheln. Sollten die Verantwortlichen sich dort aus der Verantwortung stehlen wird das eh schon wacklige Vertrauen der Bürger in die Arbeit der Regierung vollends verloren gehen. Und da es keiner mit ansehen konnte, wird der Zweifel am Untersuchungsausschuss haften bleiben.

Die Leute gehen auf die Straße weil sie das Vertrauen in ihre gewählten Vertreter verloren haben. Den Ruf des Lügenpacks hat sich unsere Regierung redlich verdient. Das einzige was da noch helfen kann ist Transparenz. Die Schlichtung mit Heiner Geißler ist ein gutes Beispiel dafür. Die nüchterne Übertragung durch Phoenix oder Flügel TV erlaubt es dem Zuschauer sich unabgelenkt durch suggestive Bildregie ein Bild der Situation zu machen. Die Interpretation der Medien des geschehenen wird immer weniger gewünscht, da sie nicht neutral zur Sache stehen. Die Leute wollen sich ein eigenes Bild machen.

Uninszenierte Transparenz
Das Internet macht es möglich. Flügel TV zeigt, dass Fernsehen auch ohne große Mittel produziert werden kann. Die mangelnde Inszenierung der Low-Budget-Übertragung macht sie sogar noch glaubwürdiger. Viele Leute sind stark inszenierte Infotainmentformate wie Anne Will satt, die durch ihre Bildregie und Einspieler mit dramatischer Musik die Objektivität dem Unterhaltungswert opfern. Die Hoheit über politische Information darf nicht in den Händen weniger großer Medien bleiben. Demokratie bedeutet auch demokratische Medien. Dank dem Internet kann heute jeder Journalist sein. Die Qualität selektiert sich von alleine aus, denn wer schlecht berichtet wird einfach nicht mehr angeklickt.

Das Internet revolutioniert den Informationsfluss und somit auch die Art und Weise wie Regierungen mit den Volk kommuniziert. Kein Wunder also dass der Staat mit allen Mitteln versucht das Netz zu kontrollieren. Das geht zum Glück nicht so einfach. Die Zeiten des Gemauschels in dunklen Kammern sind hoffentlich bald vorbei. Mal schauen wann das unsere Regierung auch kapiert. Transparenz und Ehrlichkeit könnten doch auch als Chance genutzt werden das Vertrauen der Bürger wieder zurück zu gewinnen. Zeit zum Umdenken!

Der überwachte Staat

Gewalttätige Chaoten greifen die Polizei an, die sich mit Wasserwerfern, Schlagstöcken und Tränengas wehren müssen – so hätten das einige am 30.9. gerne gehört. Zu dumm dass es ganz anders gelaufen ist. Aber die Wahrheit interessiert hier keinen, die Wahrheit wird gemacht. Die großen Medien bestimmen, wie das Geschehene interpretiert wird. Die öffentlich rechtlichen machen Personalpolitik nach Parteibuch, für die privaten gilt: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Und es ist nicht das Brot vom Leser.
Um besonders eindrückliche Bildbeweise zu bekommen hilft es natürlich ein paar Provokateure in die Reihen der Gegner einzuschleusen (siehe Hamburger Abendblatt). Bilder randalierender Staatsfeinde jagen den unbescholtenen Bürgern die nötige Angst ein um sie in die Arme einer Law-and-Order-Regierung zu treiben. So funktioniert die Diffamierung der andersdenkenden Masse auf der Straße, so wird Meinung gemacht, so wird Politik gemacht. Oder besser gesagt: wurde.

Die Rechnung ohne den Wirt
Dummerweise hatten die Demonstranten statt Pflastersteinen etwas viel gefährlicheres in den Händen: Kameras. Die Strategen hinter dem Übergriff am 30.9. haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. In diesem Fall heißt der Wirt YouTube. Lange bevor PR-Berater die Chance hatten, das Geschehene umzudeuten war es schon online und drang ins öffentliche Bewusstsein ein. Behauptungen, die Demonstranten hätten Pflastersteine geworfen konnten nur noch hartgesottene Jünger der Regierung beeindrucken und mussten schnell zurück genommen werden. Plötzlich verschwanden Videos aus dem Internet, nur um an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Das Netz vergisst nichts. Eine Hand voll Medien kann man beeinflussen, ein ganzes Netz davon nicht mehr.

Pandorische Büchse
Hier zeigt sich, dass die Politik-PR alter Schule den Zug verpasst hat. Ein Paradigmenwechsel hat sich vollzogen. Das Internet erzeugt eine digitale Öffentlichkeit, die sich weder kontrollieren noch unterdrücken lässt. Das Meinungsmonopol der großen Medien ist gebrochen. Die Staatsgewalt kann nicht mehr unbeobachtet eingreifen, wenn alles live im Netz übertragen wird. Statt dem orwellschen Überwachungsstaat haben wir den überwachten Staat. Kein Wunder, dass Diktaturen alles dran setzen, das Internet zu bekämpfen. Dafür ist es bei uns bereits zu spät. Pandora hat ihre Büchse bereits geöffnet.

Unterschiedliche Betrachtungswinkel
Im Gegensatz zu professionellen Medien erfüllen die unzähligen kleinen Kanäle keine journalistischen Standards. Sogenannte Bürgerjournalisten, die neue Publikationsmöglichkeiten wie Blogs nutzen sind selten ausgebildete Journalisten und erheben gar nicht erst den Anspruch auf Objektivität oder gesicherte Quellen. Doch wen interessieren qualitative Standards, wenn diese ebenso durch eine Meinung gefärbt sind und einer eigenen Agenda dienen? Ich habe heute die Möglichkeit über das Internet zwischen vielen offiziellen und inoffiziellen Kanälen zu vergleichen und mache mir dann ein Bild aus unterschiedlichen Betrachtungswinkeln. Dabei bemerke ich, wie weit die Interpretationen auseinander liegen. Wenn ich das Berichtete selbst erlebt habe, was in Stuttgart derzeit öfters passieren kann, dann erschrickt es mich, wie fern davon das öffentlich erzeugte Bild bisweilen ist. Als Medienkonsument muss ich selbst über die Glaubwürdigkeit verschiedener Medien urteilen. Und das geht heute besser durch Vergleichsmöglichkeiten.

Virale Kommunikation
Das Medium verändert den Konsumenten. Nicht jeder Medienkonsument produziert selbst Inhalte in dem er blogt, twittert oder Videos online stellt. Er gibt jedoch Informationen in sein digitales soziales Netzwerk weiter und kommentiert diese oft noch. Durch seine Wahl und seine Meinung wird der Nutzer zum Redakteur und Kommentator, trägt damit zur digitalen Öffentlichkeit bei. Das hat er früher am Stammtisch getan, der ist jetzt jedoch global vernetzt. Informationen können sich dadurch viral verbreiten. Und das ist nicht mehr steuerbar. Es gibt kein Information- und Meinungsmonopol mehr, Journalismus ist nicht mehr das, was er einmal war.

Digitale Öffentlichkeit
Die Kommunikation zwischen Regierung und Bürger muss und wird sich wandeln. Aber nicht nur eine größere Transparenz wird das Resultat dieses Wandels sein, es werden auch neue Techniken entwickelt werden, die digitale Öffentlichkeit zu manipulieren. PR-Agenturen spezialisieren sich zunehmend auf Social Media und nutzen dazu Techniken wie Astroturfing, dem Vortäuschen einer Bürgerbewegung im Netz. Ebenso wird der Astroturfingvorwurf genutzt, um Bürgerbewegungen zu diffamieren.Die digitale Öffentlichkeit ist das neue Schlachtfeld der Medien um die Meinungshoheit. Nur wer sich diese sich im konstanten Wandel befindende Welt versteht, kann in ihr erfolgreich kommunizieren und differenziert konsumieren. Wir befinden uns in einer Übergangszeit wo das alte Weltbild auf das neue stößt. Das diese Schlacht nicht nur im virtuellen Raum ausgefochten wird, hat uns der 30.9. im Stuttgarter Schlosspark gezeigt.

Quellen:

Der 30.9. und Stuttgart21 in den Medien:

Polizeieinsatz 30.9., Polizeiversion:
http://org.polizei-bwl.de/ppstuttgart/Seiten/Stuttgart21Video.aspx

Polizeigewalt in Stuttgart, YouTube:
http://www.youtube.com/results?search_query=stuttgart+polizeigewalt

Politiker Peter Hauk versucht, die Geschichte umzudeuten:
http://www.youtube.com/watch?v=ju3cCKqz9bg

Gewerkschaft der Polizei im SWR:
http://www.youtube.com/watch?v=4Lx0O0k1l9w

Stuttgart21 live ins Netz gestreamt von Gegnern:
http://www.cams21.de/

Bestzung und Räumung eines Hauses aus Besetzersicht, Mitschnitt eines Livestreams:
http://bambuser.com/channel/tilman36/broadcast/1094091

Kritischer Internetfersehsender zu Stuttgart21:
http://www.fluegel.tv/

Artikel über eingeschleuste Provokateure:
http://www.abendblatt.de/hamburg/article1665966/Wir-werden-von-der-Politik-verheizt-Polizisten-erzaehlen.html

Und dazu die taz:
http://www.taz.de/1/zukunft/umwelt/artikel/1/wie-scharfe-kampfhunde/

Neue Kommunikationsformen:

Bürgerjournalismus:
http://de.wikipedia.org/wiki/Graswurzel-Journalismus

Virale Kommunikation (im Marketing):
http://de.wikipedia.org/wiki/Virales_Marketing

Grundlagen zur viralen Kommunikation: 
http://de.wikipedia.org/wiki/Internet-Ph%C3%A4nomen
http://de.wikipedia.org/wiki/Mem

Definition Astroturfing:
http://de.wikipedia.org/wiki/Astroturfing

Astroturfing bei Stuttgart21:
http://www.sueddeutsche.de/politik/streit-um-stuttgart-astroturfing-geheimkampf-um-botschaften-im-netz-1.1008550

Astroturfing der Atomlobby:
http://www.zeit.de/2008/17/Atomlobby

Antiastrosurfing:
http://www.thenewpr.com/wiki/pmwiki.php?pagename=AntiAstroturfing.HomePage