Mondaufgang in Fellbach



Es ist Freitag Nachmittag, ich sitze in der Bütique und streite mit Betania über den Zusammenhang zwischen Kaffee-Milch-Mischgetränken und kulturellem Niveau. Eigentlich sind wir einer Meinung, aber ich werde ihr nicht den Gefallen des Eingestehens dieser Tatsache erweisen. Dafür macht das Streiten viel zu viel Spaß. Ich überlasse die Harmoniesucht Martin, dem dritten in unserem Laden. Wie immer, wenn’s gerade spannend wird, haut er ab und geht Kaffee im Café nebenan holen. Mit Milch. Wehe er bringt uns keinen mit.


Drei Menschen unseren Alters betreten den Laden, potenzielle Kunden. Wir verwickeln die beiden Jungs und die Dame natürlich sofort in ein Gespräch und finden heraus: Sie sind Musiker, ihre Band tourt durch die Gegend. Die nächsten zwei Abende sollen sie in Fellbach spielen. Wir bedauern sie und verkaufen ihnen Trostklamotten. Einer der beiden Jungs kauft einen Anzug und sieht darin gut aus.


Da wir Kundenbetreuung bei uns ganz groß schreiben versprechen wir unseren Besuch bei einem der beiden Auftritte. Am Samstag fahren wir nach Fellbach. Fellbach ist einer der Orte im Speckgürtel Stuttgarts, die sich in pittoreske Landschaft einfügen, aber nicht als Quellen kulturellen Lebens gelten. Bisweilen findet man in solchen Gegenden trotzdem Oasen der Subkultur, hier jedoch nicht.
Unter der angegebenen Adresse finden wir ein Fachgeschäft für Modesportarten, die zum Knochenbruch verleiten und mit jugendkulturellem Balast überladen sind. Die Atmosphäre ist kühl, das Licht hell, wie es eben zur besseren Warenfeilbietung von Nutzen ist. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass ein Teil der Verkaufsfläche zur Bühne umdekoriert wurde. Verena, Martin und Oli, die Musiker der Band „Moon“, verkabeln Geräte und überprüfen ob die auch alle so funktionieren, wie sie es sollen. Der Veranstalter tut das selbe an seinem kleinen Mischpult, den er seitlich der Bühne aufgebaut hat. 
Weiter hinten im Raum, um die Ecke, befindet sich ein rauchgefüllter Glaskasten in dem sich eine Bar mit ein paar jugendlichen Trinkern befindet. Die Einrichtung orientiert sich am minimalistischen Chic metropoler Lounges der frühen Nullerjahre und wirkt im missglückten Versuch umso provinzieller. Für Fellbach geht das aber in Ordnung.
Publikum gibt es keins. Nun gut, wir sind ja da. Am Vorabend war erst recht kein Publikum da, nicht einmal wir – eine Situation, die Bands sonst nur aus Proberäumen kennen. Das Publikum habe sich im Raucherabteil um die Ecke versteckt, war somit eigentlich kein Publikum, erzählt mir Sängerin Verena. Die Musik, die der Wirt in der Bar laufen lässt, ist mir zum Glück unbekannt. Ich scheine zu alt und urban zu sein, um mich mit so etwas auszukennen. Da ich im Vorfeld schon bei MySpace gespickelt habe welche Musik Moon spielt, war mir bewusst, dass Publikum und Bühne hier mehr als nur die Antirauchglasscheibe trennt. 
Bevor die Band loslegt gesellen sich noch ein paar Nichtraucher in Sichtweite der Bühne. Sie rücken mehrere Tische zusammen und bestellen Weizenbier, nehmen die Band zur Kenntnis und in Kauf. Außer uns Vieren, Sonja, Betania, Martin und ich, sitzen noch zwei junge Männer an der Nichtrauchertheke. Die Band fängt an zu spielen. Die Lautstärke ist moderat genug um den Weizenbiergenuss nicht zu beeinträchtigen. 

Lieber Leser, jetzt bitte hier draufklicken: http://www.myspace.com/moonac und zuhören.

Wir genießen das Privatkonzert, zuerst im Sitzen, dann tanzend. Im „Phoenix“ in Fellbach braucht man Blamage nicht zu fürchten, wir haben Spaß. Ein paar von der Band verteilte selbstleuchtende Stäbchen werden auch vom Weizenbiertisch angenommen. Fasziniert vom magischen Licht sind sie weiterhin abgelenkt. 
Es werden Zugaben gespielt, wird abgebaut und abgehauen. Wir beschließen, die Band mit nach Stuttgart zu nehmen. 

Wir gehen ins „Erdgeschoss“, einer Kneipe an der berüchtigten „Partymeile“ Stuttgarts, der Theodor-Heuss-Straße. Zum Glück hat dieses nette Lokal nichts mit eben jener Straße zu tun, die Samstagabends Ausflugziel der Jugend umliegender Gemeinden ist, die nicht im Phoenix hängen geblieben sind. Die Wirtin und ihr Freund sind nette Kunden der Bütique, wir sind Kunden bei ihnen. Valentin, auch Bütiquekunde und Philosophiestudent legt die richtige Musik auf und spielt später noch gekonnt Klavier. Das nächste Mal spielen Moon in Stuttgart, nicht in Fellbach, beschließen wir und laden sie auf ein baldiges Wiederkommen ein. 


Hier die Geschichte aus anderer Perspektive:


Weizenbier und Snowboards:

Die Band bei MySpace:
Advertisements

Autor: Dora Asemwald

Ich bin virtuell real.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s