Ziggy-Stardust-Tag


Dora Stardust

Die Welt braucht einen neuen Feiertag. Ein Tag, der die Menschen dazu bewegt, Liebe zu verbreiten und sich neu zu erfinden. So wie David Bowie, geboren am 8. Januar 1947 und gestern gestorben, am 10. Januar 2016. Ich hoffe mal, dass er nicht gestorben, sondern zurück auf seinen Heimatplaneten gereist ist. In seiner Inkarnation als Ziggy Stardust kam Bowie auf die Erde, um die Botschaft von Liebe und Frieden zu verbreiten, scheiterte jedoch daran.

Jetzt ist es an uns, seine Mission aufzugreifen und umzusetzen. Deshalb wird fortan der 8. Januar der Ziggy-Stardust-Tag sein, an dem sich alle einen roten Pfeil ins Gesicht malen und der Welt Liebe bringen. Dazu wirft man an diesem Tag die alte Hülle ab und erfindet sich neu. Denn nur wer ab und an die Perspektive wechselt, kann die Welt in all ihrer komplexen Schönheit erkennen. Es ermöglicht einem, sich in die Weltbilder anderer hineinzuversetzen, das eigene zu hinterfragen, sich selbst nicht mehr so ernst zu nehmen, andere zu respektieren und in all ihren Eigenheiten zu lieben.

In einer Zeit, in der sich die Leute immer stärker vom Rest der Welt abgrenzen, in kleinen Gruppen eigene Wahrheiten postulieren und militant gegen andere verteidigen, brauchen wir einen Impuls, der diese Quelle des Hasses austrocknen lässt. Der uns daran erinnert, dass es Liebe ist, auf der unsere pluralistische, freiheitliche und demokratische Gesellschaft fußt. Dass wir nur miteinander stark sein können. Und dass wir nur miteinander sein können, wenn wir unsere Unterschiedlichkeit respektieren.

Ich bin mir verdammt sicher, dass der Ziggy-Stardust-Tag die Welt schöner machen wird und David Bowie auf seinem Heimatplaneten uns mit Freude durch sein Fernrohr beobachten wird. Das sind wir ihm und uns schuldig.

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Katzenzustand


Quantencomputer

Ich wollte schon immer mal einen Computer haben, der mit  Katzenzuständen arbeitet. Drum habe ich mir jetzt meinen eigenen Quantencomputer gebaut. Farblich passend zu meinem Outfit. Bildschirm braucht er keinen, das Gerät ist mit meinen Sehnerven verschränkt. Die Tastatur ist nur dran, weil ich gerne auf Tasten drücke.

Eine wichtige Aufgabe des Rechners: Die Simulation von Schrödingers Katze.  Der Quantenphysiker ersann ein Gedankenexperiment, bei dem eine hypothetische Katze in eine Kiste* gesteckt werden sollte. Auch in der Kiste: Ein instabiler Atomkern, der während der Versuchsdauer mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zerfällt. Geschieht dies, bemerkt das ein Geigerzähler und ein tödliches Gift tötet das arme Viech.

Schrödinger behauptet, dass der Zustand des instabilen Atomkerns erst dann entschieden wird, wenn jemand in die Kiste schaut und den Katzenzustand überprüft. Bis dahin soll die Katze gleichzeitig tot und lebendig sein. In der Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik entscheidet sich der quantenmechanische Zustand erst, wenn er gemessen, also beobachtet wird.

Der Quantenmechaniker hat die Rechnung ohne die Katze gemacht. Sie ist ja nicht doof und beobachtet selbst. Zumindest, wenn sie noch am Leben ist. Und überhaupt: Woher soll der blöde Atomkern eigentlich wissen, ob er beobachtet wird? Das haben sich andere Quantenheinis auch überlegt und ein paar Alternativen zur Kopenhagener Deutung ersonnen. Eine davon scheint mir recht elegant zu sein: Die Viele-Welten-Interpretation des Physikers Hugh Everett. Demnach existieren beide Katzenzustände in Paralleluniversen. Wenn man nachschaut, sieht man nur, in welchem Universum man selbst gelandet ist. Und ich hoffe mal, dass es nicht das Totekatzenuniversum ist.

Dieser Trick hat mich auf eine Idee gebracht. In dem ich mit meinem Quantencomputer eine Katze simuliere, erzeuge ich zwei alternative Universen. Wenn ich morgens vor dem Schrank überlege, welches Outfit mich durch den Tag begleiten soll, überprüfe ich zur Entscheidung den Katzenzustand in meinem Rechner. Egal, was ich dann anziehe, in einem Paralleluniversum trage ich das andere Outfit. Umso mehr Entscheidungen ich mittels Katzenzustand treffe, desto vielfältiger die Universen der Paralleldoren. Wenn ich eine doofe Entscheidung getroffen habe, tröstet mich der Gedanke, dass eine andere Dora besser dran ist. Und wenn die Entscheidung gut war, freu ich mich einfach.

 

* Schrödinger beschrieb keine Kiste, sondern einen Raum. Aber jeder, der Katzen kennt, weiß, dass eine Katze viel lieber in der Kiste sitzt.

 

Verhedderte Kausalketten


Dora-DeLorean1

Was wäre, wenn man eine Zeitmaschine hätte? Diese Frage stellt sich gerade heute, weil eine Zeitreise aus dem Film aus der Reihe „Zurück in die Zukunft“ genau heute hätte enden sollen.

Ich könnte mich selbst in der Vergangenheit besuchen, aber ich müsste dann ja eigentlich schon wissen, dass ich damals schon da war. Da kann ich mich aber nicht daran erinnern. Wenn ich dann trotzdem dort hin zeitreise, dann wüsste ich es ja doch. Und wenn ich der Vergangenheitsdora rate, nicht zeitzureisen, dann wäre ich ja gar nicht da, um ihr das raten zu können. Wie man es auch dreht und wendet, entsteht eins zuhauf: Paradoxa!

Ich liebe Paradoxa! Denn: Die elendige Logik wird verbogen und löst sich auf. Die Logik mit ihren Kausalketten nervt mich eh, sie lässt nur wenig Raum für Überraschungen. Eine Zeitmaschine verheddert Kausalketten zu einem großen Knäuel und bringt ein bisschen Schwung in die Geschichte.

Ich werde eine Zeitlochmaschine konstruieren, mit der ich eine Menge Spaß haben werde. Ich muss mich damit ja nicht beeilen, denn es ist ja egal, wann ich die Maschine erfinde. Ich kann sie ja dann einfach zurückschicken, oder?

 

Glutenfreie Intoleranz


toaster

Aufgrund der gefühlten Nachfrage habe ich mir fast überlegt, meinen Blog auf glutenfrei umzustellen. Kein Weizen sollte für das Geschreibsel hier getötet werden. Da ich aber keine Form von Intoleranz toleriere, kann ich da auch keine Ausnahme für Glutenintolerante machen. Das gildet auch für Laktose. Und Spuren von Haselnüssen mische ich bisweilen in meine Artikel aus purer Fieshaftigkeit bei.

Jetzt muss ich aber doch noch eine Lanze für die Intoleranz brechen, in diesem Fall für die Glutenintoleranz: Sie ist der Beweis dafür, dass man durch ganz feste an etwas glauben dieses auch wahr werden lassen kann.

Vielleicht bin ich doch intoleranter als ich es mir eingestehen will.

Ein freundliches Lächeln für die Welt


Dora-Schmuckkörbchen

Vorgestern hatte ich zum Internationalen Tag der Nettigkeit aufgerufen – unwissend, dass es  schon einen Welt-Nettigkeitstag gibt. Der ist am 13. November und wurde von der japanischen Nettigkeitsbewegung im Jahr 1998 ins Leben gerufen. Ihr Rädelsführer Wataru Mori war der Meinung, dass eine kritische Masse kleiner Nettigkeiten die Welt verbessern kann.  1999 wurde das Schmuckkörbchen zur offiziellen Blume der Organisation ernannt. Es gibt einen Batzen nationale Untergruppen, jedoch keine in Deutschland.

Da ich weder eine offizielle Organisationsblume noch eine Organisation habe, die sich der Nettigkeitsverbreitung verschrieben hat, kann mein Aufruf natürlich nicht gegen den „offiziellen“ Nettigkeitstag anstinken. Aber wenn die Profinettigkeitsbeauftragten so nett sind, wie sie vorgeben zu sein, werden sie es mir verzeihen.

Nichts desto Trotz hat mein Aufruf gefruchtet, zumindest in der virtuellen Welt. Selten war eine so versöhnliche Stimmung in meinem direkten Facebookumfeld wie gestern – Leute vergaßen vor lauter Virtuellkuschelei, dass sie sich eigentlich gegenseitig die Fresse polieren wollten.  Ich hatte sogar fast das Gefühl, das sich weniger empört wurde.

Wir sind empathische Wesen. Die emotionale Empathie lässt uns fühlen, was andere fühlen – ein Phänomen, das man Mitgefühl nennt. Wir sind wie Schwämme, die die Stimmung um uns herum aufsaugen. Ob wir wollen oder nicht. Wir passen uns der Welt an, die wir wahrnehmen. Oder genauer gesagt, dem winzigen Ausschnitt, den wir überhaupt wahrnehmen können. Wir bauen sie aus den Materialien, die wir in unserer Umgebung auffinden. Begegnet man uns freundlich, dann verschönert sich unsere Welt und wir geben es weiter.

Das funktioniert leider auch andersrum: Die Nachrichten pumpen uns voll mit Bildern von Krieg und Elend, die sozialen Medien sind verseucht mit unreflektierter Empörung über eine vermeintlich böse Welt voll Terroristen, Chemtrails und der kapitalistischen Ausbeutung der Massen. Dadurch wird die Welt noch viel düsterer. Bitte nicht falsch verstehen: Eine kritische Haltung ist wichtig! Wenn diese aber nur über Empörung zu Verbitterung führt, wird sie krankhaft. Wir alle wissen, dass das Leben kein Ponyhof ist. Warum müssen wir uns auch noch im Elend suhlen?

Zurück zur Nettigkeit, bevor ich mich zu sehr über die Empörung empör – der werde ich ein andermal zu Leibe rücken. Jeder von uns hat die Möglichkeit, dem Elend entgegenzuwirken. Ein freundliches Lächeln reicht oft schon. Zeige den Menschen die du magst, dass sie wertvoll sind. Und ignoriere höflich die Arschkrampen. Es macht die Welt nicht runder, wenn du ihnen ans Schienbein trittst. Sei nicht einfach nur nett, damit du nicht aneckst. Dieses Nett ist die kleine Schwester von Scheiße.  Schau dir deine Mitmenschen mit kritischem, aber liebevollem Blick an, und du wirst entdecken, was du an ihnen magst. Dann zeig es ihnen!

Die Welt ist so schön, wie wir sie uns machen. Und ich habe beschlossen, in einer netten Welt zu leben.

http://www.theworldkindnessmovement.org/

 

Internationaler Tag der Nettigkeit


internationaler-Tag-der-Nettigkeit

Die Blätter verschwinden, es wird kalt und dunkel. Das Phänomen hat einen Namen: Herbst. Damit nicht Trübsal das Ruder übernimmt, sollte mensch (so schreibt man – äh mensch – korrekt gegendert) sich und anderen Gutes tun. Darum ist heute der internationale Tag der Nettigkeit (Das Gute an heute ist, dass jeder Tag irgendwann mal heute war, ist oder sein wird).

Denkt an jene, die ihr mögt. Sinniert darüber, was ihr konkret an ihnen mögt und sagt es ihnen einfach. Damit steigt nicht nur eure Laune, sondern die der anderen auch. Und wenn sie dann das selbe auch tun, breitet sich das schneeballprinzipiell aus. Macht Komplimente und schenkt der Welt ein Lächeln.

Nutzt dazu auch das soziale Medium euerer Wahl. Schreibt den Leuten an die Pinwand, warum ihr sie mögt, was euch an ihnen gefällt und warum sie wertvolle Menschen sind. Das funktioniert besser als jede Antiwinterdepressionslampe.

Mainstream, das sind die anderen.


hasen-klein

Bei einem Besuch einer Demo für kulturelle Vielfalt entfacht eine Diskussion über ein überstrapaziertes Wort: Subkultur. Woher kommt der Begriff, was bedeutet er heute und welchen Nutzen hat Subkultur für die Stadt? Diesen Fragen möchte ich mal nachgehen.

Unsere Stadt stirbt! – Das behaupten zumindest die weißen Hasen vom Follow the White Rabbit e.V., die vereinsmäßig im Hasenpelz Aktivisten für das Stuttgarter Nachtleben sind. Um 17 Uhr rufen sie zur Demo für den Erhalt kultureller Vielfalt in Stuttgart auf. Klingt ja mal ganz gut, denke ich mir, und zieh raus in die Kälte – will pünktlich sein, da interessante Redner angekündigt sind und ich nicht viel Zeit habe.

Clubsterben und Verlust von Kreativräumen ist der Stein im Schuh einer Szene, die sich selbst als eine Subkultur betrachtet, aber gerne mal einfach nur Clubkultur ist. Und zwar eine solche, die es wohl nicht gewohnt ist, das Haus vor 23 Uhr zu verlassen. Um Punkt 17 Uhr steht schon die Bühne, aber kaum jemand anderes herum. 930 Facebookzusagen sind ja schon ne Nummer, die sich hier ganz sicher nicht rumtreibt. Ich geh noch schnell einkaufen, um den Massen die Chance zu geben, sich zu versammeln.

Eine halbe Stunde später chillen witterungsbedingt schon einige auf dem Platz vor der Bühne, auf der ein DJ für Clubbeschallung sorgt. Hasenkostümierte Aktivisten treten auf die Bühne und pellen sich aus ihrem Pelz, einer von ihnen begrüßt die Gäste. Zur Demo aufgewiegelt hat ihn wohl die drohende Schließung des „Club Rocker 33“ im ehemaligen Amerikahaus, welches nach 52 Jahren nicht mehr dem Stahl- und Glaszwang moderner Innenstadtgestaltung gerecht wird und wie der Rest der nicht denkmalgeschützten Bauten im Carré durch shopping-konforme Bauten ersetzt werden soll.

Subkultur: ein verbales Ungetüm

Eine Diskussion entbricht, auf dem Platz und im Netz: Ist das hier ein Haufen hedonistischer Partyisten, die um die zwischennutzungs-immanente Schließung ihrer Lieblingstanzstätte trauern, oder sind das hier politische Aktivisten, die Raum für Kultur jenseits des Mainstreams erhalten und schaffen wollen? Wenn ich mich so umschaue, sehe ich ganz klar: beides. Über ein Wort stolpern aber alle: Subkultur. Ein verbales Ungetüm, von dem jeder glaubt, alleine zu wissen, was es ist, wer dazu gehört, und was es nicht ist. In der Regel sehen sich die meisten als Teil von ihr und grenzen sich dadurch ab: Mainstream, das sind die anderen. Kein Wunder also, dass viel um den heißen Subkulturbrei gestritten wird, wenn gefühlte Definitionen aufeinander prallen.

Vorneweg: Ich verwende den Begriff Kultur im weiten Sinne: Kultur ist nicht nur Musik und Malerei, sondern alles vom Menschen geschaffene, also der Gegensatz zur Natur.

In den 40er Jahren nutzten Soziologen den Begriff zum ersten Mal um das Phänomen ethnischer Gruppierungen in amerikanischen Großstädten zu beschrieben. Diese Gruppierungen zeichneten sich durch einen eigenen Wertekanon aus, der sich von der vorherrschenden Kultur abgrenzte. Zu Beginn der 70er verschwamm der Begriff mit dem der Gegenkultur, die die primären Werte und Ideale der Mehrheitskultur infrage stellte und sich ganz klar von ihr abgegrenzte. Dieses Bild funktionierte noch ganz passabel, als es diese klar definierte Leitkultur noch gab.

Subkultur in der digitalen Revolution

Ich versuche mal der weiteren Entwicklung des Konzepts der Subkultur mit medientheoretischen Werkzeugen beizukommen. In der grauen Vorinternetzeit gab es eine begrenzte Zahl an Massenmedien, die zentral gesteuert wurden, allen voran der öffentlich-rechtliche Rundfunk, Zeitschriften und Zeitungen. Ein kleiner Kreis an Medienschaffenden entschied, was die Masse serviert bekommt. Sie hatten die aufwändigen Produktionsmittel zur Verfügung, die damals zur Verbreitung von Inhalten notwendig waren. Als Subkultureller war man gezwungen, alternative Low-Budget-Kommunikationswege zu schaffen, um sich als Gruppe zu koordinieren. Über selbstgedruckte Fanzines und Piratensender wurde damals verbreitet, was durch das Raster der großen Medien fiel. Es war aufwändig, Teil einer Szene zu sein, und teilweise auch gefährlich. So wurden bis 1994 laut § 175 die Subkultur der Homosexuellen unter Strafe gestellt. Subkulturen waren relativ homogene, klar gegen die Mehrheitskultur abgegrenzte Szenen, die sich nur selten vermischten und ihre eigenen Kodizes, Sprache, Kleidung und Musik hatten. Für Außenstehende war es schwierig, mehr über sie zu erfahren oder gar in sie hineinzukommen.

Seit dem Aufkommen des Internets ist es einzelnen Subkulturen plötzlich möglich, ohne großen Aufwand eine eigene Öffentlichkeit aufzubauen. Das Internet ermöglicht durch seine dezentrale Struktur, dass Informationen ohne großen Aufwand sich weltweit und sofort verbreiten können und somit den Flaschenhals der alten Medien umgehen und überwinden können. Wer heute einen Film veröffentlichen will, nimmt ihn mit seinem Telefon auf und stellt ihn einfach auf Youtube.  Über soziale Medien können sich solche Inhalte viral verbreiten und ein größeres Publikum erreichen. Durch den Rückgang der Kontrollmechanismen der alten Medien hat die Mehrheitskultur ihre mediale Monopolstellung verloren. Subkulturen können sich heute der selben Mittel bedienen und sich ebenso verbreiten. Dadurch werden sie aber auch zugänglicher und ihre Grenzen durchlässiger. Heute kann man problemlos mal in die meisten Subkulturen reinschnuppern, ohne sich auf eine festlegen zu müssen. Die Mitgliedschaft in einer Subkultur ist keine Entscheidung mehr, sondern eine Option unter vielen.

Subkultur von der Stange

Mit dem Öffnen und Verschwimmen der Grenzen zwischen den Kulturen wurde es auch einfacher, diese zu kommerzialisieren. Aus dem Streben junger Menschen, ihre Identität über Gruppenzugehörigkeit zu ergründen und zu definieren lässt sich Geld machen. Heute muss man nicht mehr in versteckte Spezialläden gehen, um sich ein Ramones- oder Motörhead-Shirt zu kaufen. Man geht einfach zu H&M, um sich ein bisschen Punk zu fühlen. Der heutige Mainstream ist ein eklektischer Mix unzähliger Subkulturen, oder besser gesagt, deren Light-Versionen, verwässert zu leicht vermarktbaren Lifestyle-Optionen.

Der Begriff der Subkultur hat an Schärfe verloren und taugt kaum noch zur Beschreibung kultureller Phänomene. Darum hat sich die Bedeutung des Wortes im Sprachgebrauch verschoben und wird heute hauptsächlich im Sinne von kultureller Vielfalt wahrgenommen. Ich versuche mal, eine zeitgemäße Definition des Begriffes zu fassen: Wenn eine Subkultur sich durch die Abgrenzung zur Leitkultur definiert, dann muss man schauen, auf welchem Terrain sich die derzeitige Leitkultur befindet. 

Jenseits der Leitkultur

Wir leben in einer wachstumsorientierten Marktwirtschaft, die Leistung über Geld und Glück über Konsum bemisst. Wir produzieren nicht mehr bedarfsorientiert, sondern schaffen Bedürfnisse – zum Beispiel durch kurzgetaktete Moden und Werbung – um noch mehr produzieren zu können. Konsum ist der Motor unserer Gesellschaft und die Basis, auf der unsere Leitkultur fußt. Identität wird über Konsum geformt. Die einen zeigen ihre soziale Zugehörigkeit über Markenkleider und Autos, andere definieren sich über veganen Konsum. Wenn Leitkultur ist, was sich vermarkten lässt und somit den Konsum steigert, dann ist Subkultur das, was sich diesem System entzieht.

Subkulturen unterliegen einem evolutionären Prozess. Sie verbreiten sich schnell über das Netz, mutieren und werden selektiert. Je nach dem, wie gut eine Subkultur an die jeweiligen Bedürfnisse einzelner Gesellschaftsteile angepasst ist, bekommt sie Zulauf oder stirbt aus. Ist sie besonders erfolgreich, dann wird sie kommerziell interessant und vom Mainstream aufgesaugt. Sie hört auf, eine Subkultur zu sein,  wird Teil der Leitkultur und macht Platz für eine neue Subkultur. Darum spielt die Subkultur eine so große Rolle für die Leitkultur: Sie ist Keimzelle neuer Impulse, neuer Trends. Sie ist  jene Avantgarde, die die Gesellschaft vorantreibt, die Fortschritt ermöglicht. Und damit paradoxerweise auch zu mehr Konsum führt. Hier beisst sich der Hase in den Schwanz. Kein Wunder also, dass wir uns so schwer tun, Subkultur zu definieren. Subkultur ist ephemer und volatil, ein flüchtiger Zustand, als Protokultur betreibt sie Zwischennutzung im Gebäude der Gesellschaft. Und nur so lange sie nicht zu greifen ist, existiert sie. Sie ist unberechenbar, denn wenn sie berechenbar wird, verschwindet sie. Wenn man glaubt, sie zu kennen, ist sie schon ganz wo anders.

Die Stadt als Keimzelle

Die weißen Hasen, auf deren Demo ich gerade friere, sind schlau. Sie meiden die Paradoxiefalle des S-Worts und reden von kultureller Vielfalt. Und davon, dass diese Raum braucht. Und von dem gibt’s wenig im Stuttgarter Kessel, der sich in großen Schritten gentrifiziert. In unserer Wirtschaftsmetropole galt bislang das Primat der Rendite: Was Geld in die Stadtkasse bringt, ist gut. Da nimmt man auch leerstehende Abschreibungsobjekte in Kauf, lässt Shoppingmalls sich gegenseitig kannibalisieren und vergräbt Bahnhöfe, weil Gelder von außen winken. Kulturelle Vielfalt braucht Nischen, in der sie gedeihen kann. Nischen ohne unmittelbaren kommerziellen Nutzen, in denen Unberechenbares und Buntes geschehen kann. Eine Stadt braucht Freiräume, um nicht nur zu funktionieren, sondern um zu leben.  Eine Stadt braucht den Mut, das Unkonventionelle zu ertragen und es nicht im Keim zu ersticken. Denn nur so kann Neues entstehen, kann eine Stadt fortschrittlich und attraktiv sein – und vielleicht eines Tages daraus auch den mittelbaren kommerziellen Nutzen ziehen. Dazu reicht es nicht, Orte für Subkultur zu schaffen. Diese muss sie sich selbst schaffen, in Freiräumen, die nicht sofort zugekleistert werden. Und dann muss man sie einfach dulden und sich daran erfreuen, welche Blüten sie trägt.

Denn nur so kann Neues entstehen, kann eine Stadt fortschrittlich und attraktiv sein – und vielleicht eines Tages daraus auch den mittelbaren kommerziellen Nutzen ziehen. Dazu reicht es nicht aus, ein paar Vorzeigelocations etablierter Ex-Subkultur wie die Wagenhallen zu dulden, um die Stadt besser an die von Gentrifidingsbumspapst Richard Florida  beschriebene „kreative Klasse“ zu vermarkten, die angeblich verschlafene Provinznester in pulsierende Metropole transformiert. Ein paar Schritte weiter lebte in ein paar alten Wagons waschechte Subkultur, doch die musste weichen.

Vertane Chance

Stuttgart ist gerade konkret dabei, eine einmalige Chance an die Wand zu fahren. Im Park der Villa Berg verrotten derzeit 20.000qm ehemalige Fernsehstudios, die der SWR aufgegeben hat. Der Besitzer, die Investorengruppe PDI, möchte dort Luxuswohnungen bauen, hat aber nicht das Baurecht dazu. Die Stadtverwaltung will die Studios kaufen und abreisen. „Ich möchte, dass wir der Stadt und ihrer Bevölkerung die Villa und den Park zurückgeben“, sagt OB Kuhn, und verschweigt dabei, dass der Park um die Studios eh schon öffentlich ist und dadurch nur etwas erweitert werden würde. Der Gedanke, dass dies die perfekte Brutstätte für kulturelle Vielfalt sein könnte, scheint ihm fremd oder unerwünscht zu sein. Selbst die Konservativen unterstützen Kuhn mittlerweile in seinem Anliegen. Kulturelle Vielfalt macht Lärm, provoziert und spült kein Geld in die Stadtkasse. Und sie hat keine schlagkräftige Lobby. Eben da werden ihr ihre Diversität, ihre Flüchtigkeit und ihre Kommerzverweigerung zum Verhängnis. Kommunalpolitik soll aber nicht nur potente Interessengruppen bedienen, sondern ebenso die Nischen und Ränder der Stadtgesellschaft. Tut sie aber nicht.

Unsere Chance

Als Kulturschaffende dieser Stadt überlege ich mir, wie wir uns Gehör verschaffen und uns den Raum selbst nehmen können, den wir brauchen. Wir haben weder Geld noch sind wir ausreichend organisiert. Wir haben jedoch Kreativität und den Mut, diese einzusetzen. Wenn wir darauf warten, dass die Stadt uns einen Platz einräumt, können wir ebenso auf Godot warten. Wir müssen uns nicht mal Raum schaffen, denn den gibt es schon – wir müssen ihn nur ausfüllen. Wer hält uns davon ab, den öffentlichen Raum zu unserer Bühne zu machen? Er ist mehr als asphaltierte Transitstrecke zwischen Arbeit, Wohnen und  Shopping. Lasst uns sichtbar, hörbar, spürbar werden! Denn erst wenn wir unbequem werden, wird man uns ernst nehmen.

Abschließend zurück zur Demo: Was also nun, Partyvolk oder politische Aktivisten? Ich bleib bei meiner Ausgangsthese: beides! Und das ist auch gut so. Weiter so, liebe Hasen. Die Stadt braucht euch.