Die Königin und der Antichristbaumstern

Irgendwo zwischen Black Sabbath, Iron Maiden und Venom gab’s wohl eine Band, tief in einem blinden Fleck meines metalhistorischen Gedächtnisses. Irgendwann, Ende Siebziger bis Mitte Achtziger. Als man den Dreck noch nicht wegproduzierte, als es noch rauschen und schmutzig klingen durfte. Ein Lied, das weit über 10 Minuten lang durch alle Klischees mäandert, endlose Gitarrensoli über dem Rhythmus einer galoppierenden Herde, Männerchöre und eine verwegene Frauenstimme dröhnen aus dem Lautsprecher meiner Stammkneipe. Demütig ob meiner Ahnungslosigkeit frage ich den DJ. Habe er selbst gemacht, mit seiner Band. Dafür scheint er mir zu jung. Oder er hat beschissen, wie ich’s ja selbst gerne mach. Hat er. Mit einem 4-Spur-Kasetten-Aufnahmegerät haben sie zwei Lieder in den Milberg Studios aufgenommen. In gnadenloser Digitalverweigerung haben „Crestfallen Queen“ eine Kassette produziert und das  handgezeichnete Cover mit dem Kopierer vervielfältigt, damit sie diese am 15. Dezember im Club Zentral (Jugendhaus Mitte) bei ihrem ersten Konzert veröffentlichen können. Da wünsche ich mir ausnahmsweise mal lange Haare für.

Ganz analog sind sie dann doch nicht. Zwei Lieder kann man online hören, wozu ich durchaus rate.

Spotify: https://goo.gl/TMPZhM
Amazon: https://goo.gl/EbToi4
iTunes: https://goo.gl/yWSTZr
Soundcloud: https://goo.gl/G3cwyb
Bandcamp: https://goo.gl/NHM2Ft
YouTube: https://goo.gl/qr3riZ

Noch eine Überraschung: Die Sängerin ist Elena. Elena hat ein Ziel: Die Verschlingensiefung Stuttgarts. Ein nobles Ziel. In ihrem Motörwolf Beautybunker interviewt sie Stuttgarter vor laufender Kamera zum Thema Beauty. Die liegt bekanntlich im Auge der Betrachterin, und diese hat ein sehr schönes Auge für die wahre Schönheit. Die des wilden und ungebändigten Geistes.

Das Logo der Band: Ein kaputter, da gefallener Christbaumstern. Antichristbaumstern, sozusagen. Umzingelt von Keilschriftzeichen. Wollte ich den Teufel mit dem Belzebub austreiben, dann würde ich zwecks Beschwörung dieses Logo auf dem Boden pinseln. Mit dem Blut jungfräulicher Ziegen. Oder alternativ mit Tomatenpesto – für unsere veganen Teufelskerlinnen und -kerle. Ich bin keilschriftlich etwas unversiert, aber Elena kann mir helfen: „No More Let Life Divide What Death Can Join Together“. Elena muss es wissen. Sie ist schließlich Profiphilosophin.

Logo:  Chris Kiesling von Misanthropic-Art
Foto (bevor ich mich reingeschlichen habe): Venera Red

Alphaorder: Fan werden!
facebook.com/CrestfallenQueen

Hier noch eine Geschichte, die meine metallische Spätsozialisierung beleuchtet

 

Radikale Empathie!

„Jetzt oder nie –Radikale Empathie!“ Das war der Slogan der „Bewegung für Radikale Empathie“, die 1970 in Stuttgart gegründet wurde. Das Künstlerkollektiv Jean&Claude hatte im Rahmen der Ausstellung „Die Banalität des Guten“ die Geschichte der Bewegung dokumentiert. Kurz darauf entdeckte ich, dass die Radikale Empathie auch meinen Vater in den 70ern bewegte:

Ein radikal empathisches Fundstück versteckte sich in der Fotokiste meiner Eltern. Ein radikal empathisches Protestplakat! An der Wand eines Proberaumkellers. Davor die Krautrock-Band „Blönd“, bei der mein Vater Peter in den 70ern Synthesizer spielte.

Blönd von links nach rechts: Peter Asemwald: Synthesizer, Gesang • Wolf Krautter: Bass, Synthesizer, Gesang • Kuno Proklow: Gitarre, Synthesizer, Gesang

„Die Leute von der Bewegung für Radikale Empathie kannten wir aus der Stuttgart Kunstszene“, erzählte mein Vater, “Wir haben damals gerne bei Happenings gespielt. Wolf, der Bassist, war damals politisch recht aktiv und hat sich der Bewegung angeschlossen. Da kamen wir auf die Idee, einen Song für die Bewegung zu schreiben. Den haben wir dann sogar aufgenommen und als Single veröffentlicht. Das war kein Hit, hat aber total Spaß gemacht“

In den Untiefen seines Kellers kramte mein Vater die Single hervor. Und er hatte sogar noch die originalen Bänder aus dem Studio. Als veritabler Elektronikmessie hatte er sogar noch eine funktionstüchtige Bandmaschine, mit der wir das Lied digitalisiert haben.

Ich habe mithilfe eines Freundes ein Musikvideo in Anlehnung an das Cover der Single gebastelt, damit man diese schöne Lied zeitgemäß verbreiten kann. Radikale Empathie kommt nie aus der Mode!

Die Single ist aus dem Jahr 1976, also fast so alt wie ich. „Kurz davor brachte Kraftwerk ihre Platte ,Radio-Aktivität‘ raus. Die hat uns total umgehauen. Wir wollten auch so was machen.“, erzählte mein Vater.

 


Links

Die Banalität des Guten auf Facebook

Bewegung für Radikale Empathie auf Facebook

Blönd auf Facebook


 

Blönd

Blönd wurde 1971 von Peter Asemwald, Wolf Krautter, Kuno Proklow und der Schlagzeugerin Annette Pilz in Stuttgart gegründet. Inspiriert durch Bands wie Can und Neu! spielten sie Krautrock. Als 1975 Annette Mutter wurde, verließ sie die Band. Die Suche nach einer Nachfolge gestaltete sich schwierig. Als sie Ende des Jahres zum ersten Mal die neue Platte von Kraftwerk „Radio-Aktivität“ hörten, beschloss Blönd, auch den Schritt zum Elektropop zu gehen. Elektroingenieur-Doktorand Peter Asemwald beschäftigte sich derzeit sehr stark mit elektronischer Klangsynthese und experimentierte mit einem modularen Analogsynthesizer, für den er einen Sequenzer konstruierte. Daraus entstand die Idee, den Beat elektronisch zu erzeugen. Auf der Empathie-Single haben sie dies zum ersten mal ausprobiert.

Die im Eigenverlag produzierte Single wurde hauptsächlich unter Anhängern der Bewegung für Radikale Empathie und der Stuttgarter Kunstszene verbreitet. Darüber hinaus erlangten sie wohl keine Bekanntheit. Auch die Radios ignorierten die Single. Mit einer Ausnahme: Der 1976 gegründete zürcher Piratensender „Wellenhexe“ spielte angeblich die Single des öfteren. Der Sender beschäftigte sich mit Themen der Frauenbewegung wie Gleichheit der Geschlechter. Das legt nahe, dass sie Verbindungen zur Bewegung für Radikale Empathie hatten.

1978 stieg Wolf Krautter bei Blönd aus, um sich mehr seinem außerpolitischem Engagement der BRE zu widmen woraufhin sich Blönd auflöste.


Bewegung für Radikale Empathie

Die beiden Stuttgarterinnen Dominique Brewing und Anja Haas haben die Geschichte der Bewegung für Radikale Empathie dokumentiert. Ich zitiere hier ihre Arbeit direkt, um einen Einblick zu vermitteln:

„Zu Beginn der 1970er-Jahre im süddeutschen Raum gegründet, macht die Bewegung für Radikale Empathie (BRE) bis heute auf Missstände aufmerksam und bemüht sich um die Stärkung der Gesellschaft durch Empathie. Zunächst als Gegenentwurf zur Roten Armee Fraktion konzipiert, setzt die BRE seitdem mithilfe von Aktionen, Flugblättern und anderem friedlich ein Zeichen gegen Hass. Die BRE greift dort an, wo sie gesellschaftsrelevante Themen erkennt, und geht wachsender Wut und Angst auf den Grund. In respektvollem Austausch soll sich wieder einander angenähert werden, anstatt sich in blindem Hass voneinander zu entfernen. Darauf wurde bislang vor allem durch zahlreiche Demonstrationen und Aktionen für mehr Toleranz und ein friedliches Miteinander aufmerksam gemacht.“

 

„Joachim Unland, Monika Seller und andere gründeten im Frühjahr 1970 die Bewegung für Radikale Empathie in Stuttgart. Unland (*1941) hatte sich zunächst bei der RAF engagiert, sich allerdings nach deren Radikalisierung von ihr distanziert. Andere spätere Mitglieder aus allen Teilen Deutschlands hatten einen ähnlichen Hintergrund oder waren bereits bei Studentenprotesten aktiv gewesen. Sie einte die Wahrnehmung der Gesellschaft, in der sie Werte wie Toleranz zusehends verkümmern sahen, sowie das Bestreben zur friedlichen Lösung von Missständen. So formierten sie sich zur BRE und definierten in einem Gründungsmanifest ihre Leitmaximen: Mut, Empathie und Respekt. Als erste öffentlichkeitswirksame Aktion gilt die Demonstration zur Stärkung der Frauenrechte im Dezember 1973. Die Demonstration mit 480 Teilnehmenden gilt als geschichtsträchtig, da – im Gegensatz zu vergleichbaren Aktionen – hier sowohl Frauen als auch Männer Seite an Seite für die Gleichstellung der Geschlechter demonstrierten. Berühmt wurde der Slogan „Jetzt oder nie – Radikale Empathie“, der bis heute oft verwendet wird.“

Späte Rache der Indianer

Fußgängerzonenindiander

Ich tendiere ja nicht so zum Mitleid, aber als ich obenstehendes Bild des Grauens von einer zum Sonntagsdienst verdonnerten Schreiberin (so richtig Print, nicht Rumgeblogge wie ich) gesehen habe, die ihren Arbeitsplatz direkt über diesem infernalen Ensemble hat, konnte ich nicht anders, als meinem Mitgefühl freien Lauf zu lassen.

Diese besonders perfide Rache für das Leid der Kolonialisierung breitet sich schon seit langem über die Fußgängerzonen dieser Welt aus – kein Ort ist noch so fern, an dem ich ihnen nicht begegnet bin. Während früher noch ein halber Stamm flötenbewehrt Seichtes und Leichtes vor sich hinträllerte, haben sie die meisten Musiker durch lärmende Elektronik ersetzt und konzentrieren sich auf den Verkauf von Ethnofirlefanz und CDs für jene, die sich die Fußgängerzone ins Haus holen wollen. Wobei ich mich frage, welches Gemüt einen dazu in die Lage versetzt, das zu tun. Ehrlich gesagt: dorische Neugier hin oder her, das überschreitet meine Grenze.

Irgendwo muss es ein Nest geben, aus dem diese Brut gekrochen kommt. Und irgendwo muss es einen weltweiten Versand für pseudoindigene Paraphernalien geben – alles von Federschmuck über CDs bis zu einem grausamen Kabinett an Blasinstrumenten, die auf Markerschütterung und Druchdringlichkeit optimiert wurden.

Gut für die Fußgänger, dass sie auch schnell wieder das Weite suchen können. Schlecht für die  Schreiberkollegin (und ihre Kollegen), die direkt darüber arbeiten muss. Was ihr bleibt, ist eine ausgewachsene Aulophobie. Mein herzliches Beileid.

(Foto: Eva Heer)

Akustische Auslegeware

20131108_0248„Das hat doch nichts mit Musik zu tun!“,  klagt einer der Typen, die im  Vorraum des Stuttgarter Theater Rampe Bier trinken. „Das ist mir viel zu intellektuell“, empört sich ein anderer. Ein seltsames Konglomerat an Geräuschen dringt durch eine Tür rechts zweier Zahnradbahnen, die mitten im Raum rumstehen. Das Theater teilt sich das Gebäude mit dem Depot jener Zahnradbahnen, die tagsüber den steilen Weg aus dem Stuttgarter Kessel vom Marienplatz  nach Degerloch erklimmen. Mit intellektueller Musik ist wohl die verkopfte Spielart gemeint, die meinen Hörgewohnheiten widerspricht. Ich höre im übertragenem Sinne lieber mit dem Bauch und bin ganz froh, wenn sich auf einem Konzert mein Ratio mal auf der Ersatzbank ausruhen kann. Am besten, ich mache mir mal selbst ein (Klang-)Bild von der Angelegenheit.

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Jenseits mehrerer Handvoll Leute, die auf dem Boden lümmeln oder rumstehen, scheint die Quelle der Geräusche zu sein – in der düsteren Tiefe des nicht all zu großen Raums. Dort drängt sich ein weiterer Haufen Menschen zwischen einem Hobbykeller voller Gerätschaften und tüftelt. Wie viele genau es sind, ist mir nicht klar, denn immer wenn ich versuche, sie zu zählen, entdecke ich noch jemanden, der hinter einer Kiste kauert und sich ebenfalls der Erzeugung von Geräuschen widmet. Manche von ihnen hantieren mit klassisch bekannten Instrumenten, andere drehen Knöpfchen an Geräten, die irgendwo zwischen modularem Analogsynthesizer und Kosmos Elektronik-Experimentierkasten einzuordnen sind. Ein Gerät sieht aus, als wäre es von Dr. Durand Durand auf dem 16. Planeten von Tau Ceti erschaffen worden. Es leuchtet farbenfroh. 

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Ich versuche die einzelnen Fäden des Klangteppichs zu ihrem Ursprung zu verfolgen und scheitere. Auch andere intellektuelle Herangehensweisen sind von wenig Erfolg gekrönt. Ich bin entweder zu doof oder auf dem Holzweg. Da mir die zweite Antwort besser gefällt, beschließe ich, mich in die akustische Auslegeware zu werfen und treiben zu lassen. Mit Erfolg.

Der Typ mit der intellektuellen Kritik hat diese übrigens über Bord geworfen und sich der Musik hingegeben. Wäre ja schlimm, wenn man immer alles verstehen müsste.

Noch ein paar Fakten, damit nicht alles so verschwommen wie die Fotos von Martin rüberkommt:

Die Band nennt sich Metabolismus, die zusammen mit der italienischen Vocalkünstlerin  Patrizia Oliva die im Theater Rampe am 8. November 2013 zusammen gespielt haben. Das Konzert wurde von „für Flüssigkeiten und Schwingungen“ (FFUS) (Link besuchen, da sehr spezielle Webseite!) organisiert, die jeden Freitag in der Rakete (der Bar der Rampe) den Abend bestreiten, seit ihnen wegen Bahnhofsvergrabungsarbeiten der Wagon am Nordbahnhof verschrottet wurde. 

Hier sei auch nochmals auf das tolle Theater verwiesen, dass nicht nur das Viertel nachts so schön bunt beleuchtet, sondern auch ein großartiges Programm hat, welches ich mir in der nächsten Zeit mal genauer anschauen werde.

http://www.facebook.com/events/625932094117358

http://www.facebook.com/pages/Patrizia-OlivaMadame-P/333383093344900

http://metabolismus.de/

http://theaterrampe.de/

http://www.ffus.de/

 

Fotos: Martin Zentner

Stummer Schwimmer im Wohnzimmer

Konzerttipp für heute: Guy Dale. Ein Mann, eine Gitarre. Und tonnenweise Ausstrahlung. Heute Abend führt ihn seine endlos scheinende Tour durch Europa in den Ausschank Ost.  Klare Ansage: Hingehen! Ich könnte hier jetzt Megabytes an Musikjournalistengeschwurbel verbreiten, mal angesehen davon dass ich keine Ahnung hab, wo man Guy auf der endlosen Karte der Musik einordnen solle, drum folge ich der alten Weisheit: Ein Youtube-Video sagt mehr als 1000 Worte. Aber bei weitem nicht so viel, wie es live zu erleben.

Vorgestern hat Guy übrigens bei einem Freund im Wohnzimmer gespielt und die Gäste in schweigsame Ehrfurcht versetzt. Jedes seiner von wilden bis entspannten Lieder durchlebte er auf der „Bühne“ und zog damit alle in seinen Bann. Da kam mir nur ein englisches Wort in den Sinn, dass sich nicht adäquat übersetzen lässt: intense. Das Konzert war mal so richtig unplugged, selbst das Licht kam ganz oldschoolig aus der Kerze. Der Ausschank Ost verspricht ähnlichen Wohnzimmercharakter, wenngleich mit wilderer Tapete.

Es lohnt sich übrigens auch, den Texten zuzuhören, die sind schlau. Packt die Gelegenheit und lernt Guy kennen, ein durchaus interessanter und sympathischer Bursche, der was  zu erzählen hat, und richtet ihm Grüße von mir aus!

Wer heute keine Zeit hat, kann ja mal im Netz schauen:

http://www.guydale.com/
https://www.facebook.com/muteswimmer
http://www.myspace.com/guydale

[youtube=http://youtu.be/JO2DPDoHfLA]

Breaking the what?

Eine Hand voll Herren kurz vor dem Rentenalter stehen auf der Bühne. Lametta blitzt und blinkt auf ihrer schwarzen Lederklufft, als wären sie wandelnde Diskokugeln. Nur schwerfällig kann sich der Sänger in seinen Nietenskistiefeln über die Bühne bewegen, aber dazu ist er auch nicht da. Er soll singen. Oder besser gesagt: kreischen! Das kann er noch wie in jungen Jahren. Rob Halford kann das sogar über viereinhalb Oktaven, und das nach vier Jahrzehnten Judas Priest, einem echten Urmetall des Heavy Metals, die schon einige Platten auf dem Markt hatten, als die New Wave of British Heavy Metal Anfang der Achtziger schneller, härter und lauter waren als ihre hartrockenden Vorgänger wie Deep Purple oder Black Sabbath. Auf ihrer Platte „Britsh Steel“ wurde 1980 einer der besten Metal-Songs überhaupt veröffentlich: „Breaking the law„. Beim Konzert muss Halford den Song schon lange nicht mehr singen, das Publikum übernimmt das für ihn. Ich tu‘ so als ob ich textfest wäre, um mich nicht als totale Grünschnäbelin zu outen.

Ich drängel mich gleich vorne in die Mitte, um den altgedienten Headbangern bei der Arbeit zuzuschauen. Doch anstelle wildgewordener Berserker, die ihre Mähnen schwingen und flummihaft durch die Gegend hüpfen, tummeln sich dort loose die Fans, ihre Telefone zum Filmen gezückt. Ein paar mittelalte Herren die sich in wohliger Erinnerung an vergangene Tage ein bisschen anrempeln werden sofort von den Securityjungs gerügt. Ein paar jüngere Mädchen empören sich, wie man es wagen könne, ihre Ruhe zu stören oder ihnen gar ins Bild zu laufen! Bin enttäuscht von Generation Wattebäuschchen, die schon beim Falschparken ein Gefühl von Breaking the Law überkommt.

Show und Bühne sind zeitlos. Nur die Projektion auf den Backdrop (Die Leinwand hinter der Bühne) zeugen von Technologie dieses Jahrtausends. Technisch, nicht inhaltlich. Die Powerpointpräsentation alter Plattencover und historisch anmutender Animationen werden zum Glück oldschoolhaft durch Laser, Flammen, Nebel und stets wechselnde Glitzerkutten des Metal Gods Halford übertüncht, der auch mit dem Motorrad auf die Bühne fährt – wie es sich gehört! Mit Lederkäppi und Gerte erfüllt er alle Klischees Ralf-Königesker Lederschwuler. Tatsächlich sagt man ihm nach, der erste geoutete Metalsänger zu sein. Viel abgefahrener ist jedoch, dass Halford schon in den Achtzigern KEINE! langen Haare trug.

Als Vorgruppe spielt übrigens Thin Lizzy („The boys are back in town“, „Whiskey in the jar“). Bei denen gibt es kaum noch alte Männer, sie wurden größtenteils durch Jungrocker ersetzt, die die alten Hits ordentlich spielen.

judaspriest.com

www.thinlizzy.org

Übrigens: Hier gibt es eine dorische Abhandlung über den Sinn und Zweck des Schwermetals, die sich die verweichlichte Metaljungend mal hinter die Ohren schreiben sollte:
http://asemwald.wordpress.com/2011/04/15/tod-und-teufel/ 

Ode an Stuttgart

Viele Stuttgarter zieht es nach Berlin. So auch Edward Stockton, ein Musiker der mir immer wunderschöne Lieder gesungen hat. Seit einem Jahr lebt er dort und hat ein Lied über seine alte Heimat geschrieben: Ode to a city. Manchmal muss man etwas hinter sich lassen, um seine Schönheit zu erkennen.
Um es anzuschauen muss man sich von der Decke abhängen, einen Kopfstand machen oder die Augen so verdrehen, dass man andersrum gucken kann. Da der Text so schön ist kann man ihn hier auch lesen. Ich habe ihn auch auf den Kopf gestellt, damit man beim Videoschauen unproblematisch mitlesen kann.
Also gut, noch mal andersrum:
beloved city
I told a lie
I left your care
I left your sight
I found this whore up in the north
I played bad games with you
sure I had to find myself
and find out what you knew before
I had to see that all I need
you´ve got it all for me
please take me back I´m your lost son
I didn´t know before I was gone
the stars are so much brighter here
my heart belongs to you
the whore up in the north I killed
I took a knife and pushed it deep
and as she cryed
and ask me why
I told her that it´s all for you
I thought a walk could set me free
I took my bag 123
the first train to another land
a stranger on the road
what did I find I cannot tell
another threat, another hell
a girl I met but she was pain
she was a bitch we played a losing game
day by day I walked around
and listened to the city sounds
but she never sang a song like you
she was hard on me she ate my boots
please take me back …
newborn stars are hard to find
and if you can´t remember mine
come back and I´ll do my best
to light them up and give you rest
please take me back …

Katzenmusik

Musik mag ich nicht nur, mach ich bisweilen auch. Zum Glück nicht alleine, das wollte ich niemandem zumuten. Meine liebe Freundin Maren Katze ist Sängerin und etwas erfahrener als ich im produzieren von Tönen, drum hab ich mich mit ihr zusammen getan. Noch ein Gastmusiker hat mitgeholfen, et voilà: Eine weitere Band ist entstanden. Der Bandname war schnell gefunden: Maren Katze + Dora Asemwald = Katzenwald. Ich mag eh Wälder und Katzen, und der Name ist noch nicht auf MySpace zu finden gewesen. Noch mal: Es gibt den Bandnamen noch nicht. Krass. Jedes erdenkliche Wort, das je gesprochen wurde muss schon mindestens für drei bis fünf Bands herhalten. Ich kann’s immer noch nicht glauben. Ne, echt nicht. Aber schön, gut für Maren und mich! Unser erstes Lied haben wir mit Tobias Pfitzer gemacht. Für weitere Lieder würden wir uns über tolle Gastmusiker freuen, die was mit uns machen wollen.

Hier gibt’s was zu hören: www.myspace.com/katzenwald

 


Kaffee im Offlinemusikportal

Plattenladen: Offlinemusikportal für Leute, die ihre Downloads gerne in Tüten nach Hause tragen. Diese Läden gibt es nicht mehr viele, die digitale Revolution hat die meisten gefressen. Einen nicht: Ratzer Records, vor 27 Jahren gegründet von Karl-Heinz Ratzer, der in der Disziplin des Richtigeplattefürmichfinden kein Vorschlagsroboter von Amazon fürchten muss, und dabei auch noch ein prima Kerl ist. Jetzt gibt’s noch einen weiteren Grund, Musik offline zu shoppen: Kaffee und Kuchen! Ratzer ist umgezogen und hat zusammen mit Gattin Brigitte seinen Plattenladen um ein Café erweitert. Das Ganze nennt sich dann Ratzer Records Plattencafé. Natürlich lass ich mir die Eröffnung nicht entgehen und geh’ rüber in die Hauptstätter Straße. Gleich neben dem Brunnenwirt stehen die Leute schon auf der Straße: Stadtbekannte Plattenleger, Bloggerkollegen und andere Freunde der Musik haben sich zum Kaffeeklatsch versammelt. Drinnen ist es voll und heiß, im hinteren Eck ein rotes Sofa: Joe Bauer wird gleich lesen und ist voll in seinem Element. Die etwas anrüchige Geschichte des Altstadtcafés lockt einige Anekdoten aus dem Fundus des Flaneurs, der wohl schon durch die Straßen dieser Stadt schlich, als ich noch mit der Rassel um den Weihnachtsbaum rannte. Zwischen den Zeilen musiziert Dacia Bridges mit Alex Scholpp. Auch im Programm:  Hoch/Tief, Max & Laura Braun und Michael Setzer.

Im hinteren Bereich kann man das tun, was für erfolgreichen Plattenkauf unabdingbar ist: Rumkruschteln. Eine zeitaufwändige Tätigkeit, weshalb die Kombination mit Café schlau ist. Alkohol gibt’s außer zur Eröffnung hier keinen, dafür alles, was eine ordentliche Espressomaschine so hergibt, schöne Tees und lecker Kuchen. Suppen und Sandwiches sollen folgen. Ich freu mich schon drauf, zwischen Vinyl und CDs die Küche auf Herz und Nieren zu testen. Endlich mal ein Café, in dem auch ordentliche Musik läuft!

Ratzer Records Plattencafé
Hauptstätter Straße 31
70173 Stuttgart
www.ratzer-records.de (derzeit noch offline)
info@ratzer-records.de

Erschienen auf Gig-Blog, dort gibt’s noch mehr Bilder.

Urschreitherapie für Marienplatz-Lohas


Was ein ordentlicher Stadtteil Stuttgarts sein will, feiert im Sommer. Altgediente Stadtteilfeste wie das Bohnenviertelfest vermitteln mittlerweile das Lebensgefühl eingedoster Sardinen. Da lob ich mir jene Feste, deren Existenz außerhalb des Kessels noch nicht bekannt ist. So das „Süd-Seh-Perlen“-Fest, dass mittels Wortspiel dazu einlädt, den Süden – genauer Heslach – zu sehen. Und zu hören, wie auf dem Marienplatz. Den ganzen Tag hör ich schon das wummern entfernter Musik und beschließe, dem auf den Grund zu gehen. Doch an Stelle von Stadtfest-tauglichen JazzRockFunkSoul-Coverversionen dringt Geschredder und Gegrunze in mein Ohr! Kralle, Heinze und Sevi (v.l.n.r.) stehen auf der Bühne und spielen waschechten Todesmetall. Etwas unüblich für das Genre: Man kann den Bandnamen auf dem Banner hinter dem Schlagzeug entziffern. Exitus nennt sich die Stuttgarter Band.

Vor der Bühne verlieren sich eine Hand voll Freizeitsatanisten, die besetzten Bierbänke stehen auf der weiten, kahlen Ebene des Marienplatzes etwas verloren in der Gegend rum. „Grunz, Grunz, Röööööar, Gruuunz!“ oder so ähnlich lauten die Texte, die durch das Trommelgewitter durchdringen und laden dazu ein, mit zu grunzen. Urschreitherapie für Marienplatz-Lohas. Kurz vor dem Ende künden sie noch ein Liebeslied an: Dominanz, so der Titel des Songs, der auch nicht lieblicher klingt als der Rest. Aber was weiß ich schon über Paarungsrituale von Todesmetallern. Wer sich ab und zu mal den inneren Satan mit dem Belzebub austreiben will, wird seine Freude an der Band haben. Das fachkundige Publikum schien angetan zu sein.

Noch ein bisschen Schlaugemeier:
Das ganze nennt sich „Bunker-Rock“, was daran liegt, dass die Bands, die auftreten, ihren Proberaum in Stuttgarter Bunkern haben oder hatten. Unter dem Marienplatz befindet sich ein Tiefbunker, der 1944 nach den schweren Bombenangriffen auf den damaligen Platz der SA 500 Menschen Schutz bot. Nach dem Krieg betrieb dort die Caritas ein Hospitz.

16. Juli 2011

Quellen (damit ich nicht meinen nichtgehabten Doktor zurückgeben muss):
Stuttgarter Schutzbauten e.V.
Geschichtsspuren.de
Forschungsgruppe Untertage e.V.

Exitus auf Facebook
Exitus auf Reverbnation

Laetitia

Sollte mich jemand fragen, welche Musik der Soundtrack meines Lebens sein sollte, dann würde ich keine Sekunde überlegen. Seit ich Mitte der Neunziger auf Stereolab gestoßen bin vergingen nur wenige Tage, an denen ich die Band nicht gehört hab. Klingt komisch, kann ich aber erklären. Stereolab hat eine magische Fähigkeit. Während man sich an jeder anderen Band früher oder später überhört ist mir das bei Stereolab noch nie passiert. Im Laufe der 19 Jahre die die Band bestand haben sie einen halben Regalmeter Platten veröffentlicht, alles von hypnotischem Gitarrengeschrammel bis experimentellem Elektronikgeschraube. Bei der ganzen Bandbreite gibt es eine Konstante: Laetita Sadier. Die Sängerin und Texterin ist mit ihrer wunderschönen Stimme das akustische Sahnehäubchen der meiner Ansicht nach großartigsten Band der Welt. Neben Stereolab hatte Laetitia auch ihr eigenes Projekt: Monade. Ähnliche Richtung, weniger komplex, etwas rauher und herzlicher, auch große Klasse. Stereolab und Monade gibt es nicht mehr, Laetitia hat ein Soloalbum herausgebracht und geht jetzt ohne Begleitmusiker auf die Bühne. So zum Beispiel gestern Abend in Stuttgart in den Club Schocken, beliebter Anlaufpunkt für Motor-FM-Hörer.

Ob es am drohenden Gewitter liegt oder daran, dass es Montag ist, weiß ich nicht. Es sind jedenfalls nur 30 Leute im Raum, als Laetita Sadier die sehr karg eingerichtete Bühne betritt. Ein Fender-Gitarrenverstärker, ein Mikrophon, ein Effektgerät, eine Setlist, eine Wasserflasche und natürlich Laetitia mit ihrer Gitarre, eine linksherum gehaltene Gibson SG. Während Stereolab wie ein wandelnder Musikalienhändler daherkam reist Laetitia nur mit Handgepäck. Sie legt los und sich an. Mit dem ersten Lied. Das will nicht. Nach mehreren erfolglosen Versuchen der Gitarre die richtigen Akkorde zu entlocken gibt sie auf, geht zum nächsten Lied über. Nach drei Lieder ist sie warmgespielt. Laetitias Gitarrenspiel ist nicht virtuos, muss es aber auch nicht sein, denn es muss nur ihre Stimme begleiten. Und die ist der Star des Abends. Sie spielt Lieder ihres neuen Albums sowie einiges von Monade. Die Abwesenheit der Bands, die auf ihren Platten zu hören sind, verleiht den Liedern einen eigenen Charakter. Manchmal fehlt was, manchmal kommt etwas zu Vorschein, was mich total bezaubert. Wie auch ihr leiser, aber überwältigender Charme. Die Jungs im Publikum stehen trancehaft im Raum, einer verliebter als der andere. Wäre ich selbst einer, täte ich es ihnen gleich. Laetitia hätte von mir aus die ganze Nacht noch singen können, mein Zeitgefühl ging verloren. Hat sie aber nicht, zwei Zugaben und sie verlässt die Bühne, verkauft noch ein paar CD mit persönlicher Widmung und entschwindet.

Ich muss wohl ein Sonderling sein, wenn mein persönlicher „Superstar“ gerade mal 30 Leute anzieht. Das hat aber auch was Schönes, denn wer kann denn sonst schon so nah an sein Idol rankommen? An alle Stuttgarter Sonderlinge, die nicht da waren: Ihr habt was verpasst. Letzte Chance: Heute in Frankfurt in der Brotfabrik, morgen in Münster im Gleis 22 oder übermorgen in Heidelberg im Karlstorbahnhof könnt ihr sie sehen. Oder am 13. in New York.

Etwas genauer auf das Konzert geht Bloggerkollege Lino im Gig-Blog ein, der sie im Vorfeld auch schon interviewt hat.

Auf jeden Fall lohnt es sich, die Soloplatte „The Trip“ zu kaufen.

Fotos: Martin Zentner

PS: Falls sich jemand je fragte, woher ich meinen Zweitname habe, kennt jetzt die Antwort.

Tod und Teufel

Vier Männer stehen im Nebel. Lichtblitze durchzucken die milchige Luft. Infernaler Lärm füllt den Raum. Ein Schlagzeug wie eine amoklaufende Waschmaschine gefüllt mit Metallschrott lässt die Leiber der Verdammten zucken. Katzen schreien während sie bei lebendig gehäutet werden. So jedenfalls klingen die Gitarrensoli. Mit düsterer Stimme brüllt ein nicht minder düster dreinblickender Typ Geschichten von Tod und Teufel. Das Publikum brüllt mit, hüpft durch die Gegend und freut sich. Das ist Heavy Metal. Genauer gesagt: Slayer. In meiner Jugend waren mir die langhaarigen Metalkröten suspekt. Deren bierseeliges, aggressives Gehabe passte nicht so einfach in mein vom gepflegten Weltschmerz geprägtes Wavertum. Immerhin waren sie keine Popper, und das zählte in jenen Tagen viel. Die Unsicherheit der Jugend erlaubte mir noch keine so großen Ausflüge in jene fremde Gefilde, die heute mein Heim sind. Den Heavy Metal hab ich erst kennen und lieben gelernt, als er dem Untergrund entstiegen war und sich in unzählige Crossover-Varianten verloren hatte. Zum Glück gibt es aber noch ein paar der Pioniere, die vor 30 Jahren dem Rock einen ordentlichen Arschtritt verpassten. Die größte Legende der Wenn-schon-denn-schon-Fraktion sind zweifelsohne Slayer, die sich im Gegensatz zu Kollegen wie Metallica nie haben zähmen lassen. Darum muss man heute auch kein Stadion besuchen, sondern kann sie an überschaubareren Orten erleben, wie dem Volkshaus in Zürich. Vor dem alten Haus mitten in der Stadt sammelt sich das Publikum. Schwarz gekleidete oft langhaarige Burschen – ich bin als Mädel in der Mindheit – bei denen ich mich frage wie viele von ihnen sich für das Konzert noch in die alte Kutte von früher geworfen haben und wer von denen das mit dem Todespriesterlook ernst nimmt. Ein paar Banker hat’s wohl nicht mehr zum Umziehen nach der Arbeit gereicht. Heavy Metal ist hoffähig geworden, die Headbanger von einst haben sich etabliert, haben Kutte gegen Anzug getauscht. Ich begeistere mich für die Aufnäher an den alten Jeanswesten, übersäht mit Schriftzügen einschlägiger Bands, dazu Pentagramme, Monster, Satansgedöns und dergleichen. Ein subkultureller Code, den ich nicht so ganz entziffern kann, der aber irgendwie zeigen soll, welche Bands gefallen und dass man weder Tod noch Teufel scheut. Der Saal des Volkhauses ist klein aber voll, Vorgruppe Megadeth – selbst eine Legende – legt los. Sie sind (aus der Metallerperspektive) leise, ich brauch nicht mal die Ohrstöpsel, die in der Schweiz bei jedem Konzert verteilt werden. Sauber spielen sie ihren größten Hits der Achtziger und frühen Neunziger, das Publikum ist textfest uns singt mit, steht ansonsten eher dumm in der Gegend rum. So richtig Stimmung kommt noch nicht auf. Ich frage mich die ganze Zeit, ob die wischmopartige Frisur von Sänger Dave Mustaine echt ist. Rotblonde Haare ausreichend für 3 Menschen und 2 Hunde sprießen wild aus dem Kopf. Vor 28 Jahren wurde er wegen Drogenfreudigkeit bei Metallica rausgeworfen, danach das übliche Rock’n’Roller-Leben, 2004 als wiedergeborener Christ geläutert. Also eher Tod, weniger Teufel. Die Meute tobt als Slayer auf die Bühne kommt. Einen Klassiker nach dem anderen hauen sie dem Publikum um die Ohren, in ungewohnter Qualität. Kein Wunder: Gitarrist Jeff Hannemann ist nicht dabei; der hatte bei der letzten Tour eher lustlos in die Seiten gegriffen. Gary Holt von Exodus quält als Ersatzspieler die Gitarre so, wie man es von den Platten kennt. Spätestens als sie „Raining Blood“, der meiner Meinung nach konsequenteste und somit beste Metallsong aller Zeiten, spielen, durchzucken Blitze mein gesamten sich im Rhythmus des Schlagzeuges windenden Körper. Ich schrei mir all das Böse, was ich seit meinem letzten Slayerkonzert so angesammelt hab, vom Leib. Friedlich und geläutert geh ich nach Hause.

Zwischen Sofas und Abteilungsleitern

Ich war auf einem Konzert und habe darüber im Gig-Blog geschrieben:

http://www.gig-blog.net/2011/04/03/tender-buttons-31-03-2011-uhu-bar-stuttgart/

Sehr schöne Fotos hat Andreas Meinhardt gemacht, es lohnt auf jeden Fall den Blog zu lesen.

Hier der Text:

Minimalismus, so die Webseite der Tender Buttons, kennzeichne ihre Musik. Und das ist auch nötig, denn Platz für viel Gedöns ist keiner in der Uhu-Bar. Gedrängt zwischen den plüschigen Sofas der Rotlicht-Wohnzimmer-Bar spielt Tender Buttons vor jenen, die rechtzeitig kommen und noch Platz finden.

Ungefähr die Hälfte des Raumes nimmt der Kontrabass von David Goetz ein, der mindestens neunarmige Axel Krause trommelt auf seinem dafür vorgesehen Spezialhocker und spielt zugleich Melodica und Xylophon. Christian Gradl spielt komplexe, warme Akkorde auf seiner akustischen Gitarre. Ein wunderschöner Klangteppich über den die nicht minder schöne Maren Katze gesanglich mit Leichtigkeit flaniert. Texte über das Feuer der Liebe, Freundschaft und sieben kleine Monster, kurz gesagt all dem, was das Leben so ausmacht.

Zum Glück sind viele Freunde der Band da, da mich ansonsten die Abteilungsleitertypen, die mit dem Rotlichtcharme der Uhu-Bar kokettieren, etwas abschrecken. Die werden aber von Inhaber Oskar nach hinten an die Bar geschickt. Zum Tanzen ist’s zu eng, man kann aber schön verträumt mitschwingen. Die gespielten Unplugged-Versionen laden dazu ein. Durch die zum Lüften geöffneten Buntglasfenster blicken erstaunt die angetrunkenen Puffgänger der Leonhardstraße und ziehen weiter. Schön, dass prima Bands wie die Tender Buttons noch in Wohnzimmern spielen.

Krabbenfang für Experimentierfreudige

Reiner, der Wirt des Galao beim Stuttgarter Marienplatz warnte das Publikum, als er gestern Abend die Band „To catch a crab“ ansagte. Die Musik sei experimentell und weniger gefällig als das sonst dort gespielte. Was dem einen eine Warnung, weckte die Neugier des anderen. Zwei Musiker aus Strasbourg saßen auf der Bühne, der eine am Schlagzeug, die andere hinter einem Keyboard umgeben von diversen anderen Instrumenten, die im Laufe des Abends zum Einsatz kamen und bisweilen auch malträtiert wurden. Christine Clément hatte es besonders auf die E-Gitarre abgesehen, sie zum Streichinstrument transformiert und eine Menge verzerrtes Geräusch aus ihr herausgequetscht. Im Kontrast dazu war der Rest des Auftritts eher leise. Pascal Gully hatte dazu getrommelt und zwischen den Liedern sein Deutsch auf durchaus sympathische Weise geübt. Neben sehr geräuschlastigen, experimentellen Passagen ging’s manchmal richtig schön melodisch zu, wenn Christine sang oder das Flügelhorn spielte.

Noch ein aus MySpace gemopstes Bild der beiden mit gefangener Krabbe. Crédit Photo: Marie David

Mich hat’s begeistert, ich hab den beiden gleich ihre CD abgekauft, die sie am Abend zuvor in Strasbourg vorgestellt hatten. Bevor ich mich jetzt weiter in wackligen Bildern über das zu Hörende auslasse, überlasse ich es lieber MySpace, einen akustischen Eindruck zu vermitteln.

http://www.myspace.com/tocatchacrab

Seite von Christine Clement und all ihrer Musikprojekte:
http://www.christineclement.net

To Catch a Crab im vollgestopften Galao. Crédit Photo: Dora mit räudigem Telefonfotoapparat

Und zum Abschluss noch dorischer Klugschiss: To catch a crab sagt im englischen der Ruderer dazu, wenn er entweder das Ruder nicht aus dem Wasser kriegt oder das Wasser gar nicht erst richtig trifft.

Meister der Glühenden Hand

Foto: Monika Müller

Letzten Montag war frieren gegen den Erdbahnhof auf dem Program. Es gab Sekt, lustige und einheizerische Reden und Livemusik. Auf der Bühne waren wahre Meister der alten chinesischen Kung-Fu-Technik der Glühenden Hand. Anders hätte ich mir nicht erklären können wie „About Schmitt“ es geschafft haben filigrane Handarbeit wie Gitarrenspiel im gefühlten Dreisternekühlfach zu vollbringen. Beeindruckt hab ich mir deren CD „Palm Court Music“ gekauft. Das Cover zeigt Peter Schmitt, Songwriter, Sänger und so weiter, in vollendetem Geek-Look der etwas deplatziert unter Palmen am Strand seine Ohren hinter einem jener Kopfhörer versteckt, wie ihn entweder HiFi-Freaks mit hellhörigen Nachbarn nutzen oder Menschen mit dem Bedürfnis als DJ durchzugehen sich gerne in allen Lebenslagen um den Hals hängen. Da es hier um Musik geht, ist die Symbolik zwar nicht zwingend aber schon in Ordnung.

Peter Schmitt trägt einen wahren Reigen karierter und gestreifter Textilien in gedeckten Farben auf, was mich an jene Zeit erinnert, aus der die Musik entspringt. Anfang der Neunziger trug man Karos auf Flanellhemden, die man sich um die Hüfte band um das richtige Seattle-Feeling zu bekommen. Da ich damals noch immer von der Waver-Welle überrumpelt war, hatte ich weder Kinnbart noch eines jener viel zu unschwarzen Hemden. Erst als alles wieder rum war, konnte ich das Gejammer von Pearl Jam oder das Geschrammel von Nirvana würdigen. Und jetzt halt Herrn Schmitt, den ich mal in diese Tradition einordnen möchte. Das Leben, die Einstellung dazu und die obligatorische Liebe werden besungen. Der warme Klang des Gitarrenrocks scheint mir passend für Veranstaltungen zu sein, bei denen meine Ausdauer im Kälterumstehen demonstriert wird. So wie letzten Montag halt.

www.aboutschmitt.com
myspace.com/aboutschmitt
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Musik für als Amerikaner verkleidete Menschen

Ich bin heute zu tiefst erschrocken, als meine Lieblingsmusikseite im Internet plötzlich für Nichtamerikaner gesperrt wurde. Pandora hat nicht nur einen schönen Klang hinten raus, sondern hat auch meinen musikalischen Horizont gepimpt. Jetzt muss ich mich wohl mittels Proxyserver IP-adressenmäßig als Amerikanerin verkleiden, hat mir ein IT-Fritze erzählt. Das hört sich weniger elegant an, doch was tut man nicht alles für neue Musik?
Wer neue Musik für mich hat, kann sie mir ja schicken an: dora.asemwald(at)gmx.net
Da ich natürlich nicht zum räuberischen kopieren aufrufen soll, sind selbstgespielte Sachen willkommen.
Grüße aus dem Asemwald:
Dora

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