Auf der Suche nach dem verlorenen Platz

 

Es gibt Orte, um die ranken Legenden. Aber keiner hat sie je gesehen. Einer von diesen ist der Österreichische Platz in Stuttgart, der sich angeblich zwischen Wilhelms- und Marienplatz befinden soll. Es gibt sogar eine Haltestelle, die nach ihm benannt wurde. Man muss vermutlich in die Tiefen unter dem Straßengewirr, unter die Paulinenbrücke gehen, wenn man ihn suchen will.

Zwei Freunde haben sich auf den Weg gemacht, um dem Mysterium auf die Spur zu kommen und haben dabei einige Leute befragt. Deren Antworten klangen eher nicht so vielversprechend.

Der sogenannte Österreichische Platz ist ein Relikt aus dem letzten Jahrtausend. Damals glaubte man, dass dem Auto die Zukunft gehöre. Die Menschen sollten es nutzen, um auf dem Land zu leben und in der Stadt zu arbeiten.  Dummerweise ziehen die Leute wieder in die Stadt und die Autos stehen im Stau, verbreiten emsig Feinstaub und Abgase. Der Plan ist nicht aufgegangen. Der Traum von der autogerechten Stadt wurde zum Alptraum, an dem viele Stuttgarter aber immer noch wie besessen festhalten. Für viele ist das Auto ein Selbstzweck – wenngleich es eigentlich nur der Mobilität und somit dem Menschen dienen sollte.

Wir brauchen – erst recht in Stuttgart – eine neue Vision einer menschengerechten Stadt, in der der Wunsch nach Mobilität den öffentlichen Raum nicht mehr entmenschlicht, sondern aus Transitstrecken wieder Begegnungsstätten macht. Wir müssen uns heute überlegen, wie die Stadt der Zukunft aussehen soll. Auch wenn wir nicht wissen, was auf uns zukommt. Aber eins ist mir klar: Es soll eine lebendige Stadt sein, die für Menschen, nicht für irgendwelche Blechkisten geschaffen ist.

Fünf Hektar Zukunft

Wie soll die Stadt der Zukunft aussehen? Städteplaner, Futurologen und neugierige Stadtbewohnerinnen wie ich stellen sich diese Frage. Visionen dazu hab ich selbst schon zuhauf. Und wie das so mit Visionen ist, scheitern sie meist an dem, was man gemeinhin als Realität bezeichnet. Städte wachsen meist seit Jahrhunderten vor sich hin und sind ziemlich widerstandsfähig, was Veränderungen betrifft. Nur selten kommt es vor, dass man auf einer Tabula Rasa ganz von vorne anfangen kann, ohne sich mit etwaigem Bestand rumärgern zu müssen. Krieg, Naturkatastrophen und Großbauprojekte bieten die Chance, bei Null anzufangen.

In der Stuttgart wird derzeit versucht, den Hauptbahnhof zu vergraben. Sollte das eines Tages mal gelingen, dann werden 85 Hektar (ca. 120 Fußballfelder) Fläche zur städtischen Bebauung frei. Am erhofften Rosensteinquartier wird schon seit 1993 rumgeplant, die ersten Häuser sollten 2025 gebaut werden. Falls der Bahnhof 2021 in Betrieb gehen sollte. Falls. Doch daran glaubt nicht einmal mehr die Bahn*.  Man merkt: Stadtplanung ist nichts für Ungeduldige.

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Wenn ich mir Stadtplanung nach Stuttgarter Art so anschaue, dann graust es mir schon mal im Voraus. Die architektonische Monokultur im Europaviertel zeigt, was uns so blüht. Okay, es gibt viele Menschen, denen es dort schon irgendwie gefällt, die das Rumlungern in Shopping Malls  für „urban lifestyle“ halten und denen ein warmer Starbuckspappbecher in der Hand ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Ich darf da nicht immer von mir und meinem Umfeld ausgehen, das man am ehesten in die Schublade „Alternativ“ stecken könnte. Ich hätte am liebsten kleinteilige, individuelle Bebauung mit vielen Nischen für Kunst und Kultur. Gute Stadtplanung trägt allen Bürgern Rechnung, ermöglicht ein gesundes Miteinander unterschiedlichster Lebensentwürfe. Auch wenn diese unter freien Marktbedingungen wenig Chancen haben, sich zu entfalten.

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Um den städtebaulichen Wünschen der Bürger Rechnung zu tragen, gibt es ein informelles Bürgerbeteiligungsverfahren. Damit das Rosensteinquartier auch Platz für „alternative“ Konzepte bieten kann, fordern die  „Stadtisten“ dafür symbolische 5 der 85 Hektar und haben dazu eine Agenda beim Beteiligungsverfahren eingereicht. Damit das Ganze an Gewicht gewinnt, rufen sie soziale und kulturelle Gruppen und Initiativen dazu auf, die Agenda mitzuunterzeichnen. Aber auch jeder einzelne kann die Agenda hier ideel unterstützen:

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Mir ist es lieber, jetzt den Mund aufzumachen, als im Nachhinein zu lamentieren, wie doof das neue Viertel sei. Auch wenn ich wahrscheinlich schon ziemlich alt sein werde, wenn es Gestalt annehmen wird. Die Stadt wurde zu lange von den Interessen meistbietender Investoren geprägt.


Noch ein paar Anmerkungen

  • Ich betrachte die Forderungen nach fünf Hektar als symbolisch. 50.000 Quadratmeter Alternativenghetto inmitten steriler Europaviertel-Style-Wohnanlagen machen mir etwas Angst. Da hätte ich es lieber geschnitten als am Stück. Ich wünsche mir eine ordentliche Durchmischung, städtebaulichen Pluralismus.
  • Das Rosensteinquartier ist Teil des Rahmenplans Stuttgart 21. Darum passt es vielen Gegner des Projekts nicht, sich in die Planung einzubringen. Ich bin auch gegen das Projekt, akzeptiere aber zähneknirschend, dass damit angefangen wurde, es umzusetzen. Sollte es je fertig werden, möchte ich, dass dort ein lebenswertes Viertel entsteht.
  • Das neue Viertel soll nach „urbanen, sozialen und ökologischen Gesichtspunkten“ entwickelt werden. Das geht aber nur, wenn das 2015 eingeführte Konzeptverfahren angewandt wird. Und das kostet die Stadt viel Geld. Geld, dass sie am Ende der Bahnhofstieferlegung vielleicht gar nicht mehr hat. Dann gilt wieder das bisherige Stuttgarter Stadtplanungsverfahren „Wer zahlt, bestimmt“.

Das Geheimnis des Schlegelbaums

Der Cro-Magnon-Mensch hat’s erfunden: Das Bemalen von Wänden, insbesondere mit Motiven aus der Jagd und dem Tierverzehr. An einer steinernen Wand am östlichen Ende des Heusteigviertels entdecke ich ein prächtiges Fundstück paläolithischer Wandmalerei. Es zeigt Schlegel, die an einem Baum baumeln. Der Froscherdrang meiner inneren Paläontologin führt mich in einen Raum jenseits der Mauer. Dort zieren weitaus elaboriertere, postneolithische Gemälde die Wände. Sie widmen sich ebenso dem Sujet der Nahrungsaufnahme. Jedoch ohne Tiere. Ich erforsche den Raum und entdecke einen Stamm, der sich durch wilde Hautbemalungen und bunte Haartracht auszeichnet. Schnell finde ich heraus, dass die Wandbemalung von der Häuptlingin Kathi persönlich erstellt wurden. Im Gegensatz zu den Malern des Schlegelbaums handelt es sich bei ihr eindeutig um ein Mitglied der Art Homo Sapiens. Schlegel gibt’s hier nur vom Tofutier, in den Topf kommen hier ausschließlich Pflanzen und Pilze. Dieses Rätsel wäre gelöst. Ich stärke mich noch und mache mich auf, weitere Spuren der Cro-Magnons des Heusteigviertels zu suchen. Vielleicht verraten sie mir ja das Geheimnis des Schlegelbaums.

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Mysteriöse Welt des Goldes

Fast alles, was hier glänzt, ist Gold. Der Rest ist Silber, Platin und Palladium. Bei Pro Aurum in der Heusteigstraße kann man Edelmetalle barrenweise kaufen – oder derzeit auch in skulpturaler Form. Letzten Samstag war dort die Eröffnung einer Ausstellung mit dem Titel „Mystisches Gold“. Da mir die glitzernde Welt der Edelmetalle ein Mysterium ist, hat mich meine Neugier dorthin gezogen. In den Räumlichkeiten, in denen einst Schlecker Zahnpasta und Damenbinden feil bot, sind neben einer überschaubaren Menge an Gästen güldene Skulpturen verteilt. Sie entstammen einer Kunstwelt, die mir durchaus fremd ist. Aus einem damit überfordertem Lautsprecher dröhnt mystisch-anmutende Musik von Vangelis. Eine Dame im Griechischen-Göttinnen-Outfit und einer der Lokalität angemessenen gold-blonden Mähne wandelt durch den Raum: Silvia Reiser. Die Schöpferin der goldenen Plastiken liebkost diese und räkelt sich im Dunst einer Nebelmaschine auf dem Boden.

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Die studierte Juristin erstellt ihre Skulpturen aus Edelstahl und lässt sie in einem eigens für sie entwickelten Verfahren galvanisch vergolden. Diese verkauft sie weltweit oder stellt sie in ihrem eigenen „Lustgarten“ in Sigmaringendorf aus. Da ihr jedoch das Stadtleben fehlt, zieht sie derzeit in ihr neues Atelier in einer Feuerbacher Villa.

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[Diesen Artikel hab ich für den Blog 70180 Stuttgart geschrieben]

Wer in die mysteriöse Welt des Goldes und der dazu passenden Kunst eintauchen will, kann dies während der Öffnungszeiten von Pro Aurum gerne tun:

Montag, Dienstag und Freitag: 9:00 – 13:00, 14:00 – 17:00
Mittwoch: 9:00 – 13:00
Donnerstag: 9:00 – 13:00, 14:00 – 18:00

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Sylvia Reiser auf Wikipedia

sylviareiser.de

Pro Aurum

Fotos: Martin Zentner
Text: Dora Asemwald

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PS: Man kann hier nicht nur Gold kaufen und in Gold investieren, sondern auch Altgold verkaufen.

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Feiern ohne Tiere

Ich könnte mich nur noch von Pflanzen ernähren. Unter einer Bedingung: Roman wäre mein Privatkoch. Ist er aber nicht. Er kocht im Super Jami in der Bopserstraße. Er und seine Partnerin Kathi haben das „Vegan-Deli“ vor einem Jahr gegründet und das wurde letzten Samstag gefeiert.

Der Laden ist voll. Aber das ist er eigentlich jeden Mittag. Kein Wunder, weil nicht nur Veganer dort essen, sondern auch eingefleischte Allesfresser. Warum? Weil es schmeckt. Alles ist frisch, keine fertigen Fleischersatzprodukte, die versuchen mittels Lebensmittelchemie so zu schmecken, als wäre ein Weber-Grill explodiert. Das Chili sin Carne schmeckt besser als die meisten hackfleischigen Varianten, die ich kenne.

Sehr angenehm: Niemand versucht mich hier mit erhobenen Zeigefinger zum Fleischverzicht zu bekehren. Hier ist das Essen das schlagende Argument.

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Unterhält die Gäste beim Pflanzenessen: Singer Songwriter Stumfol

Zur Feier gibt’s heute Livemusik. Ansonsten lädt hier gerne mal Punk zum Pogotanzen ein. Den spielt Singer und Songwriter Stumfol heute aber nicht.

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Schmeckt auch ohne Tiere: veganer Miniburger

Serviert wird ein kleiner Querschnitt der Karte, die neben Frühstück, Sandwiches, Wraps, Snacks und Salaten auch ein täglich wechselndes Gericht bietet, welches mich immer wieder auf’s Neue überrascht.

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Super-Jami-Gast Putte schaut in den „Mal mich Kasten“.

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Anja Haas schaut raus und zeichnet.

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Das kommt dabei raus, wenn ich ins Loch schaue.

Ein überdimensionales Vogelhäuschen mit Goldlametta neben dem Eingang weckt meine Neugier. Ich schaue durchs Loch und ehe ich mich versehen kann, kommt ein Porträt aus einem Schlitz des sogenannten „Mal mich Kasten“. Drinnen sitzt die Illustratorin Anja Haas und zeichnet liebevoll jene, die sich vor den Kasten setzen.

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Seit einem Jahr an der Ecke Heusteig- und Bopserstraße: Super Jami

Besonders schön im Super Jami: Die Illustration von Wirtin Kathi, die die Wand zieren. Diese kann man auch in ihren Kochbüchern wie „Kochen ohne Tiere“ bewundern.

Leider hat Super Jami abends nur bis 20 Uhr geöffnet, aber irgendwann müssen die Jamis auch mal Pause haben.

SUPER JAMI
Bopserstraße 10
70180 Stuttgart

Öffnungszeiten: Mo.–Fr. 11.00–20.00 Uhr

info@super-jami.de
0711/32099749

super-jami.de

Super Jami auf Facebook

Kathi Bretsch

(diesen Artikel habe ich für den neuen Blog 70180 Stuttgart geschreiben)

Liebe bei Reismilch und Bibel

Bibel und ReismilchLiebe kann man überall finden, erst recht wenn man sie nicht sucht. Zum Beispiel in der Reismilchabteilung bei Edeka in Stuttgart. Zu doof, wenn man sie nicht einfängt und ohne Austausch von Kontaktdaten die frisch erworbene Reismilch nach Hause trägt.

Da hilft nur eins: Ein Suchzettel posten. Dort, wo man  offline postet: An einem Pfosten. Damit sich die Chance für die Liebe erhöht, verbreite ich das Gesuch auch mal durchs Netz.

Liebe Frau, die mit Jürgen nicht nur Reismilch gekauft, sondern auch noch über die Bibel geredet hat: Melde dich, und gib der Liebe eine Chance. Ich wünsche euch noch viele schöne Stunden, bei denen ihr euch bei einem Glas Reismilch über Bücher unterhalten könnt.

Was ich mich noch frage: Wie kommt man eigentlich von Reismilch zur Bibel?

Und: Heißt du, lieber Jürgen,  wirklich Schneneider zum Nachname, oder hat deine Schreibmaschine gestottert?
(Schreibmaschine: Oldschool-Laptop mit eingebautem Drucker, funktioniert sogar ohne Strom)

Zu guter Letzt ein Trick: Irgend wann geht auch ihr die Reismilch aus. Einfach bei Edeka rumlungern, sie kommt bestimmt wieder.

Via rasa

Garten

„Urban Gardening“ ist total en vogue. Wer in der Stadt gärtnert, sticht beim Hipness-Quartet jeden Bioladenprojektunterstützer. Ist ja auch schön, wenn es in der Stadt grünt und blüht. Gleich vor meiner Galerie, an einem Pfosten, wo Fauna gerne Flora bewässert, gedeite ein kleiner Garten. Damit mich die Blütenpracht jeden Morgen aufs neue begrüßen konnte, hab ich sie über die heißen Tage hinweg gegossen. Mit Erfolg. Zumindest bis heute morgen, als ich feststellen musste, dass die Schergen der Stadtverwaltung via rasa gemacht haben. Ein triste Betonöde ist alles, was übrig geblieben ist.

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Garten tot

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Unternehmen Wohnungssuche

Belohnung-Wohnung-UnternehmerDas mir mein alter Nemesis, die Gentrifizierung, die Wohnungspreise bei mir in der Nachbarschaft in die Höhe treibt, ist ein alter Hut. Das Unternehmer schon händeringend 1-2 Zimmer Wohnungen per Steckbrief suchen, setzt aber einen oben drauf. Nun gut, Unternehmer ist auch eine sehr schwammige Bezeichnung. Ich unternehme ja auch so einiges, was mich nicht gerade reicher an Geld macht. Aber reicher an Erfahrung und bisweilen auch Freude.

 

Superheldin gesucht

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Superhelden haben’s auch nicht mehr so leicht.  Die Zeiten, in denen man sich einfach ein Cape übergeworfen und mal schnell die Welt gerettet hat, sind vorbei.  Nachtflugverbote, Brandschutzverordnungen, Sondersteuern und EU-Richtlinien verleiden einem den Kampf gegen das Böse. Kein Wunder also, dass ich heute beim Durchs-Viertel-Schlawenzeln eine Katzenmaske in einer Verschenkkiste entdeckt habe.    Die lokale Cat-Woman hat wohl das Handtuch ins Korn geworfen und hofft darauf, über die Kiste eine Nachfolgerin zu finden. Wie zum Beispiel mich. Katzesque über die Dächer des Heusteigviertels zu schleichen hört sich ja nicht unsexi an. Aber. Aber? Aber! Dann ist ja auch noch das mit dem Verbrecher jagen. Ich müsste mich mit allen Schlawinern und Schurken des Viertels kloppen. Außer Falschparken und Mietwucher geschieht hier kriminalistisch jedoch nicht sooo viel. Der letzte Mörder hier hat sich sogar selbst gestellt. Ich würde wohl eher den ganzen Tag auf dem Dach lümmeln und warten, bis das Katzenfutter kommt. Klingt nicht so spannend, lass ich mal lieber bleiben.  Aber mal schauen, ob sich eine findet, die die Maske mitnimmt und dafür sorgt, dass es hier so friedlich bleibt.

Katzdora

Urbanes Kacken

Public-Klo

Ich bin mal wieder als „Trendscoutin“ (Das sind Leute, die sogenannte „hippe“ Orte aufsuchen, um rauszufinden, wo die Mode als nächstes hinrennt) unterwegs und berichte euch natürlich brühwarm, was ich so entdecke. In diesem Fall: „Urban Shitting“.

In der Präfacebookära, als es noch das heute fast befremdliche Konzept der „Privatsphäre“ gab, hat man sich in kleine Zimmer eingeschlossen, um sich diverser Körperabfallprodukte zu entledigen. Dass das voll Oldschool ist goes without saying. Dieses Klo habe ich in der voll „angesagten“ Hipsterhood Heusteigviertel, dem Williamsburg Stuttgarts, entdeckt. Beim Spülen wird automatisch instagramisiert und anstelle von Klopapier gibt’s Hashtags.

 

Frittenfett und Textilchemie

IMG_2693„When there is no more room in hell, the dead will walk the earth“. Bei Zombieapokalypsen ist es üblich, sich in Einkaufszentren zu verschanzen. Nachdem ich schon das neue Gerber im Zentrum Stuttgarts getestet habe, gehe ich heute ins Milaneo, jenseits des Europäischen Viertels, einer Zombiegegend par Excellence.

Die Garageneinfahrt öffnet sich wie ein riesiger Schlund und führt ins heillose Chaos. Wo genau die angeblich 400+ angekündigt freien Parkplätze sein sollen, wird nicht klar. Das Leitsystem ist wirr, das Parkhaus unübersichtlich, die Parkplätze sind eng geschnitten – nichts für SUV-Fahrer. Die kommen da aber eh nicht hin.

Die Aufzugtür geht auf, und ich betrete 43.000 Quadratmeter Pommesbude. So riecht es hier auf jeden Fall. Vor dem über drei Stockwerke ausufernden Styler-Kik Primark mischt sich der Gestank mit dem Duft von Textilchemie. Selbst der Come-in-and-find-out-Douglas schafft es kaum gegen die allgegenwärtige kentucky-fried Geruchswolke anzustinken.

Über drei Baukörper auf ebenso drei ziemlich verworrenen Ebenen verteilt finde ich jede Billigkette,  die man schon aus der Innenstadt kennt. Der einzige Laden, der mich ansatzweise begeistert ist ein völlig deplaziert wirkender 3D-Druckerladen. Trotz seines schieren Volumens schafft der  Shopping-Center es nicht, ein Gefühl von Größe und Freiraum zu schaffen. Enge und niedrige Gänge verbinden die einzelnen amöbenförmigen Innenhöfe, die alle nach irgendwelchen Mottos gestaltet sind. Ein Hof greift unbeholfen Waldoptik auf, in einem anderen wachsen überdimensionale Glastrichter aus der Mitte. Auch nach längerem Suchen kann man ein gestalterisches Konzept nur mit Müh und Not an den Haaren herbeiziehen. Im Vergleich zur Konkurrenz-Mall Gerber wirkt das Milaneo schäbig und provinziell.

Provinziell soll es ja auch sein, da das Milaneo ohne das Geld aus dem weiten Umland gar nicht überleben könnte. Die Billigketten in der Innenstadt müssen sich warm anziehen, wenn die Horden auswärtiger Teenager ein neues Heim gefunden haben. Die erhoffte Anbindung des Einkaufszentrum an die Innenstadt ist ein hanebüchenes Marketingmärchen, da die Bahnhofsgroßbaustelle Mall und Stadt sauber voneinander trennt.

Damit ich das volle Shopping-Erlebnis auskosten kann, kauf ich auch etwas: Zigaretten. Der Tabakladen mit seinem begehbaren Humidor und einer großen Auswahl edler Rauchparaphernilia wirkt verlassen. Sein Angebot sticht zu sehr aus der allgemeinen Ramschigkeit der anderen Läden heraus. Da ich zu jenen Menschen gehöre, die ein Hemdchen lieber zum vierten mal anzieht, als ein neues für drei Euro zu kaufen, bin ich hier wohl fehl am Platz. Der allgegenwärtige Gestank der Fressbuden ist eine unüberwindbare olfaktorische Herausforderung und unterbindet erfolgreich meinen kärglichen Restshoppingwillen. Ich absolviere den Rest meines Besuchs und suche das Weite.  Wenn das das in der Werbung angekündigte neue Shopping sein soll, werde ich wohl zur Postmaterialistin.

Fazit zur Zombieapokalypse: Im Milaneo ist es schwer zu erkennen, ob die Apokalypse bereits angefangen hat.

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Unübersichtlich und schlecht beschildert: Das Parkhaus.

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Das Motto dieses Innenhofs: Wald. Am Waldrand mischt sich der beißende Geruch von Textilchemie mit der allgegenwärtigen Frittenfettwolke.

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Die Innenhöfe werden durch niedrig und schmale Gänge verbunden.

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Zwischen den Gebäuden kann man sich vom Fressbudengestank erholen.

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Noch nicht so ganz ausgereift: Das Aschenbecherkonzept am Durchgang.

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Geht immer: Rabatt!

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Kriegt man hier nur auf Displays mit: Das Stadtwetter.

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Funktioniert: Der Geldautomat.

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Architektonischer Amoklauf mit dem Kurvenlineal: Der amöbeske Innenraum ist unübersichtlich und lädt zum Verlaufen ein.

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Gestalterische Willkür: Jeder Bereich hat sein eigenes Farb- und Grafikkonzept.

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Etwas gefällt mir dann doch: der 3D-Drucker-Laden.

 

Wer schützt uns vor dem Brandschutz?

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Stuttgart mag auch das, was es für Subkultur hält. Darum wurde beschlossen, 5,5 Millionen Euro in die Sanierung der Wagenhallen zu investieren. Ein neues Dach soll her und natürlich der Brandschutz verbessert werden. Wenn was passiert, dann will ja niemand verantwortlich sein. Also Brandschutz. Besonders schützenswert scheinen die circa 70 Künstler zu sein, die ihre Ateliers in der großen Halle jenseits des Veranstaltungsorts betreiben. Damit sie im Falle eines flammendes Infernos nicht verkokeln, sollen sie ihre Ateliers verlassen, wenn der Veranstaltungsbereich genutzt wird. Das geschieht rund 200 mal im Jahr. Die brandschützliche Relevanz leuchtet mir nicht ein, aber die Wege des Brandschutz sind unergründlich.

Damit die Künstler nicht in der Kälte vor der Halle warten müssen, bis der letzte Besoffene die Firmenfeier von Bosch verlassen hat, wird angedacht, Container oder ein Zirkuszelt für die Künstler bereit zu stellen. Wenn die Hallen dann in Flammen stehen, können die Künstler getrost vor ihren Containern sitzen und dem Pyrospektakel beiwohnen.  Ein Frage schleicht sich ein: Warum müssen die Künstler eigentlich gehen, wenn eine Veranstaltung ist? Warum muss die Veranstaltung nicht ins Zelt, wenn Kunst ist? Es scheint, als haben die Veranstaltungen die besseren Karten beim Brandschutz-Quartet.

Die wenigsten Stuttgarter wissen wahrscheinlich, dass die große Halle Heimat vieler Künstler ist. Viele können auch nicht Sub- von Klubkultur unterscheiden und denken, dass eine abgefahrene Location, die irgendwie nach Berlin aussieht, Subkultur genug sei. Sollen die Künstler wie rechtschaffende Arbeiter tagsüber künstlern und abends nach Hause gehen, wenn veranstaltet wird. Dass diese Regelung den Künstlern das Genick bricht, scheint vielen nicht einzuleuchten. Das Künstler auf bezahlbaren Raum wie in den Wagenhallen angewiesen sind, und dieser in Stuttgart extrem rar ist, ist eben so wenig zu allen durchgedrungen wie der Nutzen einer freien Kunstszene für das kulturelle Leben einer Stadt (Darauf gehe ich en Detail an anderer Stelle ein).

Dies ist ein konkreter Fall, an dem gezeigt werden kann, welchen Wert die Stadt kultureller Vielfalt einräumt. Ich hoffe, dass eine gute Lösung für alle Beteiligten gefunden werden kann, auch im Brandfall. Brandschutz darf kein Argument sein, welches nichtkommerzielle Kultur totschlägt.

> Artikel in den Stuttgarter Nachrichten dazu

> www.kunstverein-wagenhalle.de

> http://ateliers-nordbahnhof.de/

> http://www.wagenhallen.de/

weil Dora neues Shoppen will.

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Herzlich Willkommen beim Fachblog für Shopping und andere Lebenslügen! Hier erfahrt ihr alles über angesagte Trends, wie zum zum Beispiel: Einkaufszentren! Es wird auch langsam Zeit, dass mal wieder eine neue Mall aufmacht. Während das Gerber irgendwas was von angesagter Lifestyle-Urbanität faselt, liefert das Milaneo gleich die eigene Daseinsberechtigung. „Weil Stuttgart neues shoppen will.“ Was will es? Neues shoppen oder neues Shoppen? Die Milaneo-Texter waren sich wohl uneinig und haben sich – zu Lasten der Orthographie – auf ’ne Hybridlösung eingelassen, bei der alles geht.

Ich will auch neues Shoppen. Ich will nicht in einen Kasten jenseits der Endzeitfilmkulisse, an der die Züge zu spät kommen, in einem Retortenviertel gehen müssen, in dem man nicht mal als Hund tot über den Zaun hängen will. Ich will nicht in Läden gehen, die Teile einer weltweiten Klonarmee sind. Ich will mich nicht mit Teenies im Styler-KiK an der Wühltheke prügeln und Geiz ist meiner Geilheit eher abträglich. Ich will von niemandem angesagt bekommen, welche Mode grad den gängigen Lifestyle ausdrückt. Ich will beim Shoppen die Stadt erleben, auch wenn sie nicht klimatisiert ist und dort auch Leute rumhängen, die keinen Konsum im Schilde führen, ausser vielleicht dem der Bierflasche in ihrer Hand.

Eine Antwort auf Stuttgarts Neushoppingwille wird es vorübergehend in den alten Calwerpassagen ab 1. November geben: „Fluxus Temporary Mall – Fashion, Design, Vintage, Zeitgeist.“ Die haben auch ’nen Batzen englische Wörter am Start und verschwinden wieder, bevor sie aus der Mode kommen, da das ganze auf drei Monate beschränkt ist. Die Läden sind exklusiver als im Milaneo, weil es die meisten sonst nirgendwo anders gibt. Man läuft dabei natürlich Gefahr, der urbanen Uniformierungspflicht nicht zu genügen oder mit Labels erwischt zu werden, die andere nicht sofort erkennen.

An der Calwer-Passage kann man auch schön im sehr kleinen sehen, was mit Einkaufskonglomeraten geschieht, wenn sie aus der Mode geraten. Zuerst verschwinden die Kunden, dann die Mieter und irgendwann werden dort Hunde begraben bis es renoviert oder abgerissen und neugebaut wird. Mit ein bisschen Glück gibt’s vorher eine Zwischennutzung mit Kunstgedöns wie in der Calwer Passage oder dem Utopia Parkway, der in den pregerberschen Bauten vor deren Abriss stattfand.

Ich bin mal gespannt, wie lange Gerber und Milaneo en vogue sein werden und wann die ersten Mieter die Segel streichen. Im Königsbau war ja schon nach ein paar Jahren postapokalyptische Leere in den oberen Stockwerken. Da Moden immer kürzer leben und nichts unsexier ist, als der Schnee von gestern, kann das bei unseren neuen Einkaufszentren recht schnell gehen. Wir sollten uns schon mal ein paar verwegene Zwischennutzungskonzepte ausdenken.

fluxusstgt.de

Das Umland schlägt zurück

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Kaum berichtete ich von Stuttgarts neuer Shoppinghölle, da erfahre ich, dass vor ein paar Tagen schon wieder ein Einkaufszentrum eröffnet wurde: Die Mercaden in Böblingen. 20 Autominuten südwestlich des Gerbers schlägt das Umland zurück. Mit seinen 24.400 m² Verkaufsfläche hat es jedoch schlechte Karten beim Shopping-Quartet gegenüber dem Milaneo, das in ein einer paar Tagen mit 43.000 m² den Stich macht. Das ist noch längst nicht alles, was derzeit an neuer Verkaufsfläche durch die Region wuchert.

Ich mach mal eine Milchmädchenrechnung: Das Gesamtshoppingvolumen hängt vom verfügbaren Geld der Haushalte ab. Dazu lass ich hier mal die Jungs und Mädles vom Marktforschungsunternehmen GfK (März 2013) klugscheißen: „Wie auch im letzten Jahr werden unter anderem inflationsbedingte Preissteigerungen zu einer geringen realen Wachstumsrate führen. Insgesamt betrachtet, nimmt der Anteil, der vom Gesamtbudget für Konsumausgaben im Einzelhandel ausgegeben wird, beziehungsweise werden kann, in Deutschland seit Jahren ab.“

Gleichzeitig wird aber ein Einkaufszentrum nach dem anderen in die Gegend geklatscht, in denen irgend jemand auch einkaufen soll. Die Stadt will Kaufkraft (und somit auch noch mehr Autos, ergo Stau) aus dem Umland abziehen, die sich das aber nicht gefallen lassen und selbst neue Zentren bauen. Der Einzelhandel alter Schule, also Geschäfte, die einfach so am unüberdachten und nichtklimatisierten Straßenrand stehen, will seinen Teil vom Kuchen auch nicht abgeben. Und einem ist es eh egal: dem Onlinehandel. In virtuellen Einkaufszentren muss man nicht mal Parkgebühren zahlen.

Der Wettbewerb soll’s regeln, sagen die Freunde der freien Marktwirtschaft. Wird er auch. Was er nicht regelt, sind die leerstehenden Neubauten, die dann die Innenstädte zukleistern. Da hilft auch keine Fressmeile (nennt man jetzt Foodlounge), mit der der Leerstand in den Königsbaupassagen umfunktioniert wurde. Eine schlaue Einkaufszentrums-Architektur hätte die Umnutzung mit einkalkuliert. Ich persönlich habe die utopische Hoffnung, dass dieser Raum dann der kulturellen Vielfalt unser Stadt dienen könnte – bis zum Abriss.

Um zu kapieren, was in Stuttgart und der Region passiert, wenn bei sinkender Nachfrage das Shoppingangebot auf einen Schlag in die Höhe schießt, braucht man wohl kaum einen Bachelor in BWL. Die Frage ist nur, welche Läden werden überleben? Wenn Gerber und Milaneo die Konsumfreunde aus der Region anzieht, dann stehen dort die Läden leer und bei uns die Straßen voll. Geht der Böblinger lieber in seine Mercaden, dann geht die Rechnung der Stuttgarter Malls nicht auf. Sie müssen sich dann mit der Innenstadt um zu wenig Kaufkraft kloppen. Am Ende gibt es viele Verlierer und wenige Gewinner: Jene, die die ganzen Einkaufszentren bauen.  Aber hey, das ist freie Marktwirtschaft!

http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.einzelhandel-wie-stark-schaden-milaneo-und-gerber-der-city.807f6968-b196-4e85-8bc6-d9d8249574cc.html

Suburban Flair inmitten der City

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Das ist Programm: Parken und Einkaufen.

Für die einen ein urbaner Tempel des Shoppens voll angesagtem Lifestyle,  für die anderen der Untergang des Schwabenslands: Das neue Einkaufszentrum Gerber inmitten Stuttgarts.  Ich mache mir mal selbst ein Bild.

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Um das volle Mall-Erlebnis zu erfahren, organisiere ich mir ein Auto und nutze das Parkhaus, das äußerst großzügig angelegt ist. Es sollte auch mit zwei Promille kein Problem sein, einen SUV in eine der ausladenden Lücken zu manövrieren.

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Die Spannung steigt, die Aufzugtüren gleiten zur Seite und eröffnen mir den Blick auf: Ein Einkaufszentrum. Großzügig, hell, mit Hula-Hoop-Ringen und einem dicken Stein, der inmitten von Wasser lagert. Aber trotzdem: Ein Einkaufszentrum. Ausgeführt in zeitgenössisch internationalem Chic, der sich darauf versteht, geschmeidig jegliche lokale Herkunft zu verschleiern.

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Die Webseite der Mall verspricht so einiges: „Urban Flair & Style, wo Shopping am urbansten ist.“

Ich mache mich auf den Weg, die angekündigte Urbanität zu finden. Die hat bekanntlich was mit Stadt zu tun, und diese kann man nur an den Eingängen sehen, die dazu einladen, das Gebäude zu verlassen. Einkaufszentren – heute gerne Malls genannt – sind ein suburbanes Phänomen. Ich könnte auch auf der grünen Wiese irgendeiner mittelgroßen Vorstadt meinem Shoppingwahn fröhnen. Also eher Suburban Flair inmitten der City.

Nach langem Suchen werde ich fündig. Die Urbanität versteckt sich jenseits der Portale des Shoppingtempels in der guten alten Innenstadt, genauer gesagt dem Gerberviertel mit all seinen kleinen Läden und schöner Gastronomie.

gerber-shopping.de

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Verwegene Kombo in Sachen Einzelhandel: Sexi Korsetts und gesunde Säfte

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Das einzig Zeitlose in der Gestaltung des Gerbers: Die Uhr. In 20 Jahren wird man sich den grässlichen 10er-Jahre-Kasten wegwünschen.

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Dabeisein ist alles: Hula-Hoop-Ringe verknoten sich auf olympische Weise.

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Da freut sich Frau Uhse: Das neue Einkaufszentrum speit Laufkundschaft in die umgebende Stadt.

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Schöner wohnen auf dem Dach: Mehrfamilienhäusschen für zahlkräftige Mieter tummeln sich auf dem Dach des Einkaufszentrums.

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Wer urbanes Flair sucht, findet es draußen.

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Trend verschlafen: Klopiktogrammdame mit anachronistischer Frisur

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Mein Vorschlag: Klopiktogrammdame mit Hipsterinnendutt sorgt für angesagte Lifestyle-Stimmung und urbanes Flair.

Atomwaffenfreier Feuersee

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So einfach geht Demo: Drei Demonstranten, 1 Transparent, 1 gelangweilter Sicherheitsangestellter, ein Polizist und eine Bank. Und natürlich etwas, wogegen man demonstrieren kann. In diesem Fall ist Anlass des Aufruhrs die „Aktionswoche gegen Atomwaffen-Investitionen“, ein durchaus redliches Ansinnen.  Damit nicht nur die Passanten und zufällig vorbeirollernde Rollerfahrerinnen am Feuersee  davon was mitkriegen, verbreite ich hier mal die Botschaft:

www.atomwaffenfrei.de

 

Premiere für angesagte Lifestyle-Mode

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Endlich ist es so weit: Ein  Shopping-Tempel in der City! So steht’s heute  jedenfalls in beiden Stuttgarter Tageszeitungen. Was früher noch schnöde „Einkaufszentrum“ genannt wurde, hat jetzt einen religiösen Touch.  Tempel sind gemeinhin Orte, an denen geglaubt werden muss, was sich die Tempelbetreiber oder deren Propheten so ausgedacht haben. Dafür gibt’s dann Erlösung. Oder 10% Rabatt.

Ich werde die Tage mal mit meinem XXL-SUV in die Tiefgarage des Tempels brettern, mir ein paar Sixpack Karlskrone beim Aldi holen und die „Premiere für angesagte Lifestyle-Mode“ anschauen. Was auch immer das ist und wer auch immer das ansagt.

50% auf alles!

50% auf alles!Rabatt ist, wenn Läden ihre Restbestände verramschen um Platz für Neues zu schaffen. Besser gesagt: war. Rabatt ist jetzt eigentlich immer. So immer, dass ein Laden sich das Schnäppchenjägerlockschild permanent an die Fassade genagelt hat. Das Praktische: Der gemeine Konsument und natürlich auch die Konsumentin werden durch das Schildchen so kirre gemacht, dass sie vergessen zu fragen: 50% worauf? Ist ja auch egal. Hauptsache die Hälfte gespart!

 

 

 

Love und Happyness aus dem Yogamattenlager

Ayushakti

Sat Nam, liebe Leser!

Damit meine Chakren und Nadis mal wieder ordentlich durchgebürstet werden, mach ich einmal die Woche innere Kehrwoche mit Kundalini-Yoga. Ich mache das mit Freude, gehöre jedoch nicht zu den ambitionierten Eigenyogamattenbesitzerinnen. Ich hol mir meine Leihmatte aus dem Yogamattenlager jenseit des Kursraums – ein etwas finsteres Kabuff mit weiteren Paraphernalien, die der Yoga- und Pilates- und Weiß-Gott-was-Praxis dienlich sein könnten.

Auf der Fensterbank entdecke ich ein kleines Mensch-Elefant-Hybrid-Wesen, fröhlich koloriert und beglitzert, in meditativer Pose: Ayushakti, der Schutzheilige des Yogamattenlagers. Neben seinem Namen verrät mir eine Aufschrift auf seinem Sitzsockel auch, dass er nicht nur für Health und Happyness (zwei Dinge, die ich schon recht prima finde) steht, sondern auch noch seine Emailadresse, die auf seine Webseite schließen lässt. Laut der betreibt der kleine Kerl ein weltweites Netzwerk an Zentren, die Ayurvedische Lösungen anbieten. Was auch immer das ist.

Ayushakti-2

Ich bin begeistert, wie umtriebig Ayshakti ist, kann auch gut nachvollziehen, dass ihn die Arbeit als Yogamattenlagerschutzheiliger nicht auslastet und er sich mit dem Ayurvda-Gedöns verwirklicht. Meine Chakren danken es mir, dass die Yogamatten durch ihn ordentlich aufgeladen, und somit meiner Gesundheit und meinem Glück zuträglich sind – ein Umstand, der den Eigenyogamattenbesitzerinnen verschlossen bleibt.

Damit er seiner Arbeit in Würde nachgehen kann, hab ich ihm einen kleinen Tempel aus dem Inventar des Raumes gebaut, den ich jede Woche ein bisschen umarrangiere, damit es ihm nicht langweilig wird.

Unter den Dächern von Heslach

 

komisches hausArchitektur, so Schlauermeierportal Wikipedia, bezeichnet die Auseinandersetzung des Menschen mit gebautem Raum. Der Mensch in diesem Fall: Ich. Der gebaute Raum: Ein eigenartiges Ungetüm in der Bachwiesenstraße so weit am Rande des Stuttgarter Stadtteil Heslachs, dass sich nicht mal das Googlemobil reingetraut hat. Aber ich.

Dieses „Gebäude“ stellt Fragen. Zum Beispiel die zentrale Frage danach, welche Pilze Architekt und Bauherr im Wald hinter dem Haus (in dem die Gebeine Baader, Ensslins und Raspes ruhen) wohl gefunden und verzehrt haben. Die Mykologin in mir erwacht und  erkennt sofort, dass es sich bei der Bauweise um einen Makromyzeten handelt, auch unklugscheißerisch Großpilz genannt, mit dickem gelben Fuß und monumental großem, braunen Hut. Die Pilzhausbauweise wird bekanntlicherweise von blauhäutigen Waldbewohnern Belgiens favorisiert, hat sich aber wohl bis nach Heslach rumgesprochen.

Zurück zu den Fragen: Was für Menschen wohl in diesem fensterarmen Bau unter der schwerer Last eines kapitalen Dachs hausen? Was macht das Bauwerk mit deren Psyche? Welche Abgründe verstecken sich in der Historie dieses Hauses, welches wohl schon 1870 erbaut, jedoch ca. 100 Jahre später entstellt wurde? Welch düsteres Geheimnis verdeckt die braune Fassade, die sich reptilesk über das dominante Dach schuppt? Oder ist das Dach eine Puppe, unter der das Haus metamorphisiert? In was wird sich die Raupe verwandeln? Welch Schmetterling wird sich über Heslach erheben? Ein Stadtrandshoppingmall? Ein Hipsterheim, dass den Boden für die herannahende Gentrifizierungswelle urbar macht? Ein Internetturm der den obsoleten Fernsehturm verdrängen wird?

Ich beschließe, der Sache nicht auf den Grund zu gehen, da meine Phantasie blumiger ist, als die womöglich triste Realität, die sich hinter den vier Wänden und dem grotesk großem Dach verbirgt.

 

 

 

 

 

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