Das Mireille Mathieu Trauma

Haare auf dem Kopf wachsen. Das freut den Frisör und sorgt für optische Abwechslung. Viele Frisuren haben bislang meinen Kopf geschmückt, passend zur Lebensphase, mal schön, mal Jugendsünde, mal belanglos. Traumatisch: Die Mireille Mathieu Topffrisur. Meine Freundinnen in der Grundschule hatten Haare wie Barbie – ich sah aus wie ein kleiner Bub.

„Das ist viel praktischer so“, meinte meine Mutter und zerrte mich zum Frisör. Als nicht ganz so praktisch stellte sich meine daraus folgende Tobsucht heraus. Ich beschloss, so lange zu schreien, bis die Haare wieder mindestens so lange waren wie vorher. Das ist mir auch fast gelungen. Jedenfalls blamierte ich meine Mutter noch vor Ort in solchem Maße, dass sie fortan die Straße des Frisörs mied. Mission erfüllt. Kein Frisör sollte je wieder Hand an meine Haare legen.
Als die Haare dann doch zu lange wurden habe ich sie mir heimlich selbst geschnitten. Meiner Mutter gegenüber hab ich das aber verleugnet. Erst der Gruppenzwang meiner Waver-Clique hat den Bann gebrochen. Nun hatte ich eine asymetrisch gerupfte, wesentlich kürzere Frisur, schwarz gefärbt, im Kontrast zur bleich gepuderten Haut, leuchtrote Pickel als Highlights. Meine Mutter hat es jedoch nicht erfreut. Sollte es auch nicht. Auf gar keinen Fall.

In den letzten fünf Jahren hab ich meine Haare grob zwischen Kinn- und Schulterlänge gehalten. Meine Haarspange ist ein Zitat aus der Zeit vor dem Mireille Mathieu Trauma. Das ist nicht gerade abwechslungsreich, aber man erkennt mich so recht schnell.
Immer mehr Frauen tragen derzeit Ponys. Das sähe jugendlich aus und sei ja irgendwie auch praktisch, sagte mir ein befreundeter Frisör. Zum Glück kann ich heute bisweilen meine Tobsucht unterdrücken.

Autor: Dora Asemwald

Ich bin virtuell real.

8 Kommentare zu „Das Mireille Mathieu Trauma“

  1. Mein Verdacht ist: Ponyfrisuren sind nicht jugendlich an sich – denn wer will schon aussehen wie 1974 außer denen, die da noch nicht geboren waren? – sondern die erlauben nur, das allfällige Botoxen der Stirnfalten aufzuschieben. Wo doch sogar Ina Müller diesbezüglich schon schwach geworden zu sein scheint … *seufz*
    Über Friseurtraumata ist noch viel zuwenig gesprochen worden. Danke. Mein erstes mal war in einem mit schwarzem Plastik-Stepp bespannten Kleinstadt-Salon (jawohl, der hieß so!) mit assymetrisch nierenförmigen Spiegeln – aus dessen Gründerzeit, vermutlich – und die haben mich zuerst auf so eine wackelige schwarze Sitzerhöhung gesetzt, daß wirklich kein Fuß mehr auf den Boden kam, und dann haben sie grausam die Zöpfe abgeratzt. Zu schreien hab ich mich nicht getraut, die Schere war soooo groß.
    Wirklich sadistisch war aber, daß ich die Zopfspangen wieder mitnehmen mußte durfte. 😦

      1. Zum vollkommenen Klugscheißen gehört unbedingt die entsprechende Mimik – hochgezogene Augenbrauen sprechen, noch bevor ein Wort gefallen ist, genügen oft sogar, weil der so Angesehene meistens Schlimmeres annimmt, das man in dieser Anlaufphase bereits denkt – darauf würde ich nie verzichten wollen.

      2. Der Preis: Stirnfalten. Damit muss man leben. Gesichtslähmung durch Wurstgift will ich als Alternative mal gleich auf die große Halde blöder Ideen deponieren. Aber: Ponyträgerinnen sind oft versteckte Klugscheißerinnen, die nicht dazu stehen. Der von dir beschriebene Effekt des angekündigten Klugschisses funktioniert da nicht. Ich spiele mit offenen Falten.

  2. lach…ihr seid klasse…..war gerade beim Friseur heute…schei….nun hab ich `nen Pony und
    liege jetzt in der Schublade…aber mit verdeckten Stirnfalten…die anderen sind immer noch öffentlich zugängig…

    1. Dann musst du halt ein klugscheißerisches Gesicht machen um die verdeckte Stirn zu kompensieren. Ein gehobener Zeigefinger wirkt da Wunder. Berichte uns wie es sich mit der neuen Frisur so klugscheißt …

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