Robinsonade

Vor einem Jahr habe ich von einer virtuellen Reise berichtet, die mich in die innere Mongolei führte. Um der Verschneematschung vor der Tür zu entgehen, bin ich mal wieder losgezogen. Dieses Mal gemeinsam mit meiner alten Freundin Thea, die auch mal einen Tapetenwechsel braucht.

Schnell den digitalen Globus angeschubst und Genosse Zufall das Reiseziel bestimmen lassen. Nach den üblichen Treffern in die Tiefen irgend eines Ozeans landen wir am Strand einer tropischen Insel. Prima!

Entlang einer ziemlich steilen und wolkenverhangenen Küste wandern wir mal drauf los, um rauszufinden, wo wir eigentlich sind. Theas sonderbarer aber untrüglicher Sinn für Zeitzonen verrät uns schon mal, dass wir 7 Zonen entfernt westlich von ihrer Heimat Nürtingen sind.

Isla_del_Coco-chatham_beach Thea

Die Wolken verschwinden langsam hinter dem Horizont, wo sie auch hingehören, und wir entdecken eine Bucht mit schönstem Strand. Wir verweilen bis uns das Fehlen einer Strandbar doch wieder weiter treibt.

Wir brauchen Überblick! Den soll uns der Berg verschaffen, der im Landesinneren so vor sich hin steht.

Bildschirmfoto 2017-11-30 um 19.34.13

 

Der Aufstieg führt uns durch tropische Wälder. Voll von Krabbelgetier, jedoch wie überall bislang ohne jede Spur von Menschen. Thea und ich streiten uns, wer von uns beiden jetzt Freitag sei.

Mehr als 500 Höhenmeter weiter entdecken wir das Geheimnis hinter dem Berg: Es geht wieder runter. Die Insel hört auf. Keine Stadt. Kein Dorf. Keine Strandbar. Keine Cocktails. Und schon gar keine Cocktailschirmchen oder Menschen, die sich diese im berauschten Zustand ins Auge rammen könnten. Einsame Insel.

Eigentlich perfekt für einen Piratenschatz! Nicht das wir einen dabei hätten, aber vielleicht können wir ja den eines Fremdpiraten plündern. Nur finden sollte man ihn, so ganz ohne Schatzkarte. Nichtmals eine von mir selbst gezeichnete Karte hilft uns bei der Suche. Abends beenden wir unsere Robinsonade und schauen mal, ob es in Nürtingen Cocktailschirmchen gibt.

Zurück in der Zivilisation versuchen wir anhand einer nicht von mir gezeichneten Karte herauszufinden, wo wir uns eigentlich rumgetrieben haben.

Die Kokosinsel! Welch schöner Name. Die ist laut unserer guten alten Freundin Wikipedia eine berüchtigte Schatzinsel. Mist. Beim nächsten Mal gebe ich mir mehr Mühe, wenn ich mir eine Schatzkarte zeichne.


Bock drauf, selbst mal virtuell zu reisen? Hier die Anleitung:

  • Man nehme: Google Earth Pro. Das herkömmliche Google Earth wurde ausgemustert, dafür gibts die Profiversion jetzt umsonst.
  • Zoome in Google Earth ganz weit raus, sodass du den ganzen Erdball siehst.erde
  • Jetzt die Erde richtig schnell anschucken. Dabei ist es wichtig, dass man das Programm so einstellt, dass sich die Erde ohne Unterlass weiter dreht und nicht abbremst.google-earth-einstellungen
  • Dreht sich die Erde nun wie wild, platzierst du den Mauszeiger auf der Mitte und machst die Augen zu. Wenn dir danach ist, klicke und zoome mit dem Mausrad so nah wie möglich ran. Augen auf und Überraschung! Zu 71% ist die Überraschung doof: Man ist mitten im Meer gelandet. Also: Noch mal von vorne.
  • Schau dich um, entdecke wo du bist, mach Fotos per Screenshot und schreibe eine wilde Geschichte.

 

Radikale Empathie!

„Jetzt oder nie –Radikale Empathie!“ Das war der Slogan der „Bewegung für Radikale Empathie“, die 1970 in Stuttgart gegründet wurde. Das Künstlerkollektiv Jean&Claude hatte im Rahmen der Ausstellung „Die Banalität des Guten“ die Geschichte der Bewegung dokumentiert. Kurz darauf entdeckte ich, dass die Radikale Empathie auch meinen Vater in den 70ern bewegte:

Ein radikal empathisches Fundstück versteckte sich in der Fotokiste meiner Eltern. Ein radikal empathisches Protestplakat! An der Wand eines Proberaumkellers. Davor die Krautrock-Band „Blönd“, bei der mein Vater Peter in den 70ern Synthesizer spielte.

Blönd von links nach rechts: Peter Asemwald: Synthesizer, Gesang • Wolf Krautter: Bass, Synthesizer, Gesang • Kuno Proklow: Gitarre, Synthesizer, Gesang

„Die Leute von der Bewegung für Radikale Empathie kannten wir aus der Stuttgart Kunstszene“, erzählte mein Vater, “Wir haben damals gerne bei Happenings gespielt. Wolf, der Bassist, war damals politisch recht aktiv und hat sich der Bewegung angeschlossen. Da kamen wir auf die Idee, einen Song für die Bewegung zu schreiben. Den haben wir dann sogar aufgenommen und als Single veröffentlicht. Das war kein Hit, hat aber total Spaß gemacht“

In den Untiefen seines Kellers kramte mein Vater die Single hervor. Und er hatte sogar noch die originalen Bänder aus dem Studio. Als veritabler Elektronikmessie hatte er sogar noch eine funktionstüchtige Bandmaschine, mit der wir das Lied digitalisiert haben.

Ich habe mithilfe eines Freundes ein Musikvideo in Anlehnung an das Cover der Single gebastelt, damit man diese schöne Lied zeitgemäß verbreiten kann. Radikale Empathie kommt nie aus der Mode!

Die Single ist aus dem Jahr 1976, also fast so alt wie ich. „Kurz davor brachte Kraftwerk ihre Platte ,Radio-Aktivität‘ raus. Die hat uns total umgehauen. Wir wollten auch so was machen.“, erzählte mein Vater.

 


Links

Die Banalität des Guten auf Facebook

Bewegung für Radikale Empathie auf Facebook

Blönd auf Facebook


 

Blönd

Blönd wurde 1971 von Peter Asemwald, Wolf Krautter, Kuno Proklow und der Schlagzeugerin Annette Pilz in Stuttgart gegründet. Inspiriert durch Bands wie Can und Neu! spielten sie Krautrock. Als 1975 Annette Mutter wurde, verließ sie die Band. Die Suche nach einer Nachfolge gestaltete sich schwierig. Als sie Ende des Jahres zum ersten Mal die neue Platte von Kraftwerk „Radio-Aktivität“ hörten, beschloss Blönd, auch den Schritt zum Elektropop zu gehen. Elektroingenieur-Doktorand Peter Asemwald beschäftigte sich derzeit sehr stark mit elektronischer Klangsynthese und experimentierte mit einem modularen Analogsynthesizer, für den er einen Sequenzer konstruierte. Daraus entstand die Idee, den Beat elektronisch zu erzeugen. Auf der Empathie-Single haben sie dies zum ersten mal ausprobiert.

Die im Eigenverlag produzierte Single wurde hauptsächlich unter Anhängern der Bewegung für Radikale Empathie und der Stuttgarter Kunstszene verbreitet. Darüber hinaus erlangten sie wohl keine Bekanntheit. Auch die Radios ignorierten die Single. Mit einer Ausnahme: Der 1976 gegründete zürcher Piratensender „Wellenhexe“ spielte angeblich die Single des öfteren. Der Sender beschäftigte sich mit Themen der Frauenbewegung wie Gleichheit der Geschlechter. Das legt nahe, dass sie Verbindungen zur Bewegung für Radikale Empathie hatten.

1978 stieg Wolf Krautter bei Blönd aus, um sich mehr seinem außerpolitischem Engagement der BRE zu widmen woraufhin sich Blönd auflöste.


Bewegung für Radikale Empathie

Die beiden Stuttgarterinnen Dominique Brewing und Anja Haas haben die Geschichte der Bewegung für Radikale Empathie dokumentiert. Ich zitiere hier ihre Arbeit direkt, um einen Einblick zu vermitteln:

„Zu Beginn der 1970er-Jahre im süddeutschen Raum gegründet, macht die Bewegung für Radikale Empathie (BRE) bis heute auf Missstände aufmerksam und bemüht sich um die Stärkung der Gesellschaft durch Empathie. Zunächst als Gegenentwurf zur Roten Armee Fraktion konzipiert, setzt die BRE seitdem mithilfe von Aktionen, Flugblättern und anderem friedlich ein Zeichen gegen Hass. Die BRE greift dort an, wo sie gesellschaftsrelevante Themen erkennt, und geht wachsender Wut und Angst auf den Grund. In respektvollem Austausch soll sich wieder einander angenähert werden, anstatt sich in blindem Hass voneinander zu entfernen. Darauf wurde bislang vor allem durch zahlreiche Demonstrationen und Aktionen für mehr Toleranz und ein friedliches Miteinander aufmerksam gemacht.“

 

„Joachim Unland, Monika Seller und andere gründeten im Frühjahr 1970 die Bewegung für Radikale Empathie in Stuttgart. Unland (*1941) hatte sich zunächst bei der RAF engagiert, sich allerdings nach deren Radikalisierung von ihr distanziert. Andere spätere Mitglieder aus allen Teilen Deutschlands hatten einen ähnlichen Hintergrund oder waren bereits bei Studentenprotesten aktiv gewesen. Sie einte die Wahrnehmung der Gesellschaft, in der sie Werte wie Toleranz zusehends verkümmern sahen, sowie das Bestreben zur friedlichen Lösung von Missständen. So formierten sie sich zur BRE und definierten in einem Gründungsmanifest ihre Leitmaximen: Mut, Empathie und Respekt. Als erste öffentlichkeitswirksame Aktion gilt die Demonstration zur Stärkung der Frauenrechte im Dezember 1973. Die Demonstration mit 480 Teilnehmenden gilt als geschichtsträchtig, da – im Gegensatz zu vergleichbaren Aktionen – hier sowohl Frauen als auch Männer Seite an Seite für die Gleichstellung der Geschlechter demonstrierten. Berühmt wurde der Slogan „Jetzt oder nie – Radikale Empathie“, der bis heute oft verwendet wird.“

Ganz artig aufgelegt

Wären Künstler Sportler, dann hätte Jim Avignon einen Hals voll Medaillen. Letztes Wochenende hätte es sicherlich Gold gegeben. Für 60 Quadratmeter Großartigeszeugpinseln in nur 24 Stunden. Das Publikum der Galerie Schacher – Raum für Kunst sang leider keine Fanchöre, dafür haben ein Haufen Leute für Musik gesorgt – im Zweistundentakt wechselten sich die Aufleger. Auflegen wäre etwas übertrieben für das, was Putte und ich von 20 bis 22 Uhr gemacht haben. Nennen wir es lieber Musik abspielen. Ich drehe zwar gerne an Knöpfen rum,  wollte jedoch niemandem mit meinen nichtvorhandenen Auflegekünsten plagen. Für Kunst war Jim zuständig. Sonntags um 12 Uhr waren die Wände gefüllt, konnten zwei Stunden lang bewundert werden und wurden dann wieder übermalt. Wer nicht da war, hat Pech gehabt. Zum Glück waren aber viele da, auch viele liebe Freunde.


24 Hour Arty People

Jim Avignon
Schacher – Raum für Kunst
21. – 22. Januar 2017
Galerienhaus Stuttgart, Breitscheidstr. 48, 70176 Stuttgart


Jim nach dem ersten Drittel.
Jim nach dem ersten Drittel.
Putte
Musik abspielen mit Putte

Hier noch ein paar Links:

Jim Avignon

Schacher – Raum für Kunst

Die Aktion auf Facebook

Panoramen der Ausstellung von Josh von Staudach

Artikel in der Stuttgarter Zeitung


dsc07847
Ein großes Lob an den Galeristen Marko Schacher!
dsc07869
Mit Vanessa und Katharina
Suzanne Kollmeder
Zusammen mit meiner großen Schwester des Herzens: Suzanne Kolmeder Foto: Bern Reinecke
16179108_1333962219989649_5866883695823207227_o
Roman und Kathi, die Fachleute für’s Pflanzenkochen vom Super Jami. Foto: Josephine Haas
Cathrin Alice hat vor uns aufgelegt. Und das wunderschön!
Cathrin Alice hat vor uns aufgelegt. Und das wunderschön!
dsc07853
Mit Tess Merle Roczen
dsc08153
Die Fotografen Josh von Staudach und Frank Bayh. Josh hat die Ausstellung wunderschön dokumentiert.
Martin
Martin hat mir geholfen, mal etwas unvirtueller zu erscheinen.
img_3493-kopie
Tine mit ihrer elektrischen Zigarette
Birgit Krausenecker hat die Wände danach wieder weiß gemacht.
Birgit Krausenecker hat die Wände danach wieder weiß gemacht.

img_3455-kopie

dsc08230
Kommt mir bekannt vor: Mädchen an der Wand, entstanden zwischen 6 und 8 Uhr morgens.

dsc08231

dsc08209dsc08212 dsc08216 dsc08215

dsc08241

knut-krohn-zeitung
Der liebe Knut von der Stuttgarter Zeitung hat mich fotografiert.

Küssende Saurier

Verreisen macht Spaß, kostet aber Geld, Zeit und bei Fernreisen Kerosin. Drum verreise ich gerne virtuell, per Google Earth. Um’s spannender zu machen lass ich den Zufall mitreisen. Dazu zoome ich in Google Earth weit raus, sodass ich den ganzen Erdball sehe. erde Jetzt schucke ich die Erde richtig schnell an. Dabei ist es wichtig, dass man das Programm* so einstellt, dass sich die Erde ohne Unterlass weiter dreht und nicht abbremst. google-earth-einstellungen Dreht sich die Erde nun wie wild, platziere ich den Mauszeiger auf der Mitte und mache die Augen zu. Wenn mir danach ist, klicke ich und zoome mit dem Mausrad so nah wie möglich ran.  Augen auf und Überraschung! Zu 71% ist die Überraschung doof: Man ist mitten im Meer gelandet. Also: Noch mal von vorne.

01-Gobi

Meine erste Reise geht auch ins Wasser, beim zweiten Versuch geht’s in die Innere Mongolei, in die Wüste Gobi. Zum großen Glück lande ich auf einer Piste nördlich der Stadt Erenhot. Bekannt ist dieser Ort dafür, dass auf der Transmongolischen Eisenbahn dort die Fahrgestelle der Züge getauscht werden, da die Chinesen eine andere Spurweite haben.

Da in Erenhot einige Dinosaurierknochen gefunden wurden, gibt’s dort Haufenweise Sauriermodelle. Das Highlight: eine Brücke aus zwei sich küssenden Saurier über eine Straße. (Foto: Phil MacDonald) Mein Tipp: Selbst per Google Earth verreisen, Bildschirmfoto machen und als Postkarte ins Facebook stellen. Dazu gerne noch was über den Ort oder die Region schreiben.  Das ist zwar nicht ganz so glamourös wie selbst vor Ort sein, aber eine umwelt-, geld- und zeitfreundliche Alternative.

PS: Mit dem Auto müsste ich immerhin 100 Stunden fahren, um nach Erenhot zu kommen. Mit dem Zug kommt man aber recht einfach dort hin. Einfach nach Moskau fahren, in die Transsibirische Eisenbahn umstiegen, in Ulan Ude in die Transmongolische Eisenbahn Richtung Peking umsteigen und dann in Erenhot aussteigen. Aber virtuell geht’s halt noch einfacher.

*Programm:  So hat man früher Apps genannt.

Twittern mit dem Smartstone

Um dem Geheimnis der Cro-Magnon-Menschen des Heusteigviertels auf den Grund zu gehen, habe ich beschlossen, mit die Situation vor Zeit anzuschauen. Ungeduldig – leider zu ungeduldig – programmiere ich meine Zeitlochmaschine und lande im Neolithikum, das Jahrtausende nach der letzten Kaltzeit war, in der Cro-Magnon-Menschen hier heimisch waren. Wenigstens ist es nicht so kalt, denke ich mir und schau mir die Zeit trotzdem mal an. Auf der Suche nach W-Lan begegne ich ein paar Steinzeitlingen, die mich an einen bizarren Ort bringen. Riesige, konzentrische Steinekreise stehen einfach so auf der Wiese rum. Smartstones, wie ich rausfinde.

dsc02084

Bei genauerem Blick entdecke ich, dass die Neolithiker damit twittern. Zu blöd, dass meine Kenntnisse steinzeitlicher Sprachen etwas dünn sind. Ich gehe aber mal davon aus, dass auch hier viel Blödsinn verbreitet wird. Ich mach mich mal wieder auf den Rückweg in die Zukunft, bevor mir einer einen Hashtag an den Kopf wirft.

U-Bahnhof des Herzens

Drei Wochen lang war ein Spiegeluniversum durch ein Dimensionsloch im Kunstkasten Rathauspassage zu sehen. Man konnte hingehen und in Gedanken an den U-Bahnhof seines Herzens reisen. Egal, ob Bedford Avenue, Shibuya Station, Österreichischer Platz oder Rustaveli, alles ist nur eine Haltestelle entfernt. Oder zwei.
https://www.facebook.com/events/1637103999909064/

(Foto: Martin Zentner)

 

Die nicht-so-wilden 20er

Dora reist versehentlich mit ihrer Freundin Eva ins 11. Jahrhundert.

20b.jpg

Mein Lieblingsjahrzehnt: Die Zwanzigerjahre. Ein gutes Ziel, um meine Zeitlochmaschine zu testen. Meine Freundin Eva ist grad zu Besuch und beschließt, mitzukommen. Flink die Lochkarte stanzen und in den Quantencomputer schieben, und schon öffnet sich das Zeitloch. Zu flink, wie wir gleich erfahren werden. Oder besser gesagt damals. Damals stellt sich sehr schnell als das falsche Damals heraus. Kein Wunder, denn jedes Jahrhundert hat seine 20er-Jahre. Auch das elfte.

Idyllisch, so ein Talkessel ohne Stadt. Wir setzen uns an den Fangelsbach, der hier noch frei den Hang hinab mäandern darf und zünden uns eine Zigarette an. Eva stellt mit Erschrecken fest, dass ihr Telefon kein Empfang hat. Wir pflücken ein paar Äpfel und genießen den Ausblick. So hatten wir uns die wilden 20er nicht vorgesellt.

Ein paar Menschen, die so aussehen, als kämen sie vom Mittelaltermarkt, steigen den Berg herauf. Sie wirken etwas unenstpannt. Als sie Evas Telefon sehen, weicht Unentspannung schierer Panik – sie hauen unverrichteter Dinge einfach wieder ab. Was für Rüpel, die Mittelalter-Heinis! Dem schließen wir uns an, ich aktiviere das Rückholzeitloch und wir plumpsen zurück in die 10er-Jahre des 21. Jahrhunderts, in dem Bäche kanalisiert sind und Telefone wieder Empfang haben.

Neugierig geworden durchstöbern wir das Netz nach historischen Berichten aus dem Jahr 1020 und stoßen auf einen alten Text mit dem Bild zweier angeblicher Hexen, die wohl in jenem Jahr in der Nähe eines Stutengartens im Nesenbachtal erschienen seien sollen. Dem Bericht zufolge waren sie fremdländisch gekleidet, geruchlos, schon sehr alt –gut und gern 30 Jahre! – und hatten trotzdem noch alle Zähne im Mund. Man hielt sie für Apfeldiebe, doch als man sie stellen wollte, fuchtelte eine der Hexen mit einem magisch leuchtenden Stein in der Hand durch die Gegend, während die andere Rauch aus einem kleinen, brennenden Stab saugte. Ihre Entdecker ergriffen die Flucht und die Hexen waren nie wieder gesehen. Nur ein kleines magisches Gerät, welches Feuer spie, wenn man an einem Rad drehte, blieb wohl zurück.

Auf den Schreck hin müssen wir erst mal eine Rauchen. Aber Fack, wo ist mein Feuerzeug?

Mit Konfusion Raum und Zeit verbiegen

Lochkarten-animiertWer wünscht sich nicht bisweilen an der Uhr zu drehen? In die Vergangenheit zu reisen, um diese zu verändern? Eine Undo-Funktion für’s Leben sozusagen. Und dabei gerne auch mal Paradoxa erzeugen, die wunderbares Chaos anrichten? Dass ich für eben dies ein Faible habe, ist ja bekannt. Mein Ziel: Eine Zeitlochmaschine, die das Raum-Zeit-Kontinuum multidimensional verbiegen und verheddern kann.

Zu diesem Zweck habe ich mir unlängst einen Quantencomputer gebaut. Er kann nicht nur Katzenzustände verarbeiten, er ist auch in der Lage dazu, die hochkomplexen Berechnungen vorzunehmen, die man für die Steuerung einer Zeitlochmaschine benötigt. Als erstes habe ich ein Lochkartenlesegerät umgerüstet, sodass es mit meinem neuen Rechner jetzt per du ist. Wenngleich aus der Mode gekommen, sind Lochkarten unabdingbar für die Steuerung von multidimensionalen Raum-Zeit-Löchern.

Erste Versuche führten vor allem zu einem Ergebnis: Stromausfall im Viertel. 220 Volt reichen wohl doch nicht, um meinen wachsenden Maschinenpark in Gang zu halten.

12294838_10153963121389610_3323767115238788574_n

Problem heißt auf Coachdeutsch Herausforderung, welcher ich mich gestellt habe. Eine eigene Stromquelle muss her. Derzeit en vogue: Kernfusionsreaktoren. Die sind aber fürchterlich groß und wenn das Plasma rausfließt gibt’s Löcher im Parkett. Darum gehe ich einen Schritt weiter und entwickle derzeit einen neuen, sehr avantgardistischen Reaktor: den Konfusionsreaktor.

Konfusionsreaktor

Bislang bin ich noch am rumforschen und stolpere noch etwas durch die höhere, mir durch aus zu hohe Mathematik. Wenn ich nicht weiter weiß, beobachte ich Katzenzustände in meinem Quantenrechner oder probier einfach mal auf gut Glück aus. Wenn die Maschine läuft, werde ich hoffentlich tolle Geschichten zu erzählen haben.

PS: Der Typ auf dem Foto, der in meinen Forschungsreaktor starrt, ist der Klempner. Ich habe dooferweise versucht, meine Kaffeemaschine an die Reaktorkühlung anzuschließen. Jetzt steht die Küche unter Wasser. Mist!

Weltverkatzlichungstag

Weltkatzentag

Gestern war Weltkatzentag. Wer meinem Blog folgt weiß, dass ich ein Faible für Welttage und Katzen zugleich habe. Da das Internet aber hauptsächlich der Weltverkatzung dient, wollte ich nicht auch noch zur Überkatzung beitragen. Drum gibt’s hier jetzt auch kein weiteres Katzenbild.

Ich frage mich manchmal eh, ob es Katzen  überhaupt interessiert, dass sie das Netz verstopfen? Und was sie von der ständigen Vermenschlichung halten, der sie unterworfen werden? Insbesondere von jenen, die Tiere für die besseren Menschen halten (Ebensogut könnte man Äpfel für die besseren Birnen halten).  Es gibt ja sogar weihnachtlich gewürzten Katzenglibberfraß gegen Ende das Jahres, als ob es die Viecher kümmern würde. Oder was sie von Veganern halten, die ihre Weltsicht auf den Fressnapf ausweiten? Katzen sind keine Menschen, schon gar keine besseren. Sie sind Katzen.

Anstelle sie zu vermenschlichen, kann man sich selbst ja auch mal ein bisschen verkatzlichen. In Kisten rumlungern, nur tun, worauf man Bock hat, Laserpunkten hinterher rennen, Kleingetier einfach so zum Spaß quälen und bei Unmut anderen in die Schuhe brunsen.

Warum schreib ich einen Tag zu spät über Katzen? Weil ich gestern keinen Bock drauf hatte. Und weil mir sowas wie Welttage eigentlich am Arsch vorbei gehen, wenn sie mich nicht spontan belustigen.

 

Geschichten aus meiner Unterhose

Audrey 2

Damit das mit dem Literaturnobelpreis mal was wird, muss ich endlich doch mal ein Buch schreiben. Nun gut, es würde für den Anfang ja schon mal reichen, einen Artikel rauszukloppen. Ich sitz also da und überlege mir: Worüber? Ich scheiße doch sonst den ganzen Tag klug, da sollte es doch genügend Themen geben. Ich könnte über Bildungspläne, deren Gegner, LSBTTIQ und Heteronormativität was schreiben. Da bin ich ahnungslos genug, um eine Menge Kloppe zu beziehen. Oder über den Marsch der neuen Rechten in die Mitte der Gesellschaft. Ich könnte mich über Reichsdeutsche und Chemtrails lustig machen oder über die Berufsempörten im Netz herziehen. Verdient hätten sie’s. Ich könnte meinen Kreuzzug gegen den Realitätsbegriff, Shoppingmalls und die pure Vernunft fortsetzen oder Geschichten aus meiner Unterhose erzählen. Ein Plädoyer für die kulturelle Vielfalt und gegen die Leitkultur würde meinem Narzissmus mit Gefälltmirs streicheln. Mir kam auch schon die Idee, meine Artikel nach Scrabble-Wert zu sortieren und daraus irgend eine Erkenntnis an den Haaren herbeiziehen. Ich könnte mich beim Schreiben beobachten und mich dabei rekursiv in der Kybernetik zweiter Ordnung suhlen. Ich könnte es auch sein lassen und erst mal heimlich eine Zigarette auf dem Klo rauchen.

Guter Plan, ich bin mal weg. Macht’s gut, bis zum nächsten Artikel.

 

 

 

 

 

 

Love und Happyness aus dem Yogamattenlager

Ayushakti

Sat Nam, liebe Leser!

Damit meine Chakren und Nadis mal wieder ordentlich durchgebürstet werden, mach ich einmal die Woche innere Kehrwoche mit Kundalini-Yoga. Ich mache das mit Freude, gehöre jedoch nicht zu den ambitionierten Eigenyogamattenbesitzerinnen. Ich hol mir meine Leihmatte aus dem Yogamattenlager jenseit des Kursraums – ein etwas finsteres Kabuff mit weiteren Paraphernalien, die der Yoga- und Pilates- und Weiß-Gott-was-Praxis dienlich sein könnten.

Auf der Fensterbank entdecke ich ein kleines Mensch-Elefant-Hybrid-Wesen, fröhlich koloriert und beglitzert, in meditativer Pose: Ayushakti, der Schutzheilige des Yogamattenlagers. Neben seinem Namen verrät mir eine Aufschrift auf seinem Sitzsockel auch, dass er nicht nur für Health und Happyness (zwei Dinge, die ich schon recht prima finde) steht, sondern auch noch seine Emailadresse, die auf seine Webseite schließen lässt. Laut der betreibt der kleine Kerl ein weltweites Netzwerk an Zentren, die Ayurvedische Lösungen anbieten. Was auch immer das ist.

Ayushakti-2

Ich bin begeistert, wie umtriebig Ayshakti ist, kann auch gut nachvollziehen, dass ihn die Arbeit als Yogamattenlagerschutzheiliger nicht auslastet und er sich mit dem Ayurvda-Gedöns verwirklicht. Meine Chakren danken es mir, dass die Yogamatten durch ihn ordentlich aufgeladen, und somit meiner Gesundheit und meinem Glück zuträglich sind – ein Umstand, der den Eigenyogamattenbesitzerinnen verschlossen bleibt.

Damit er seiner Arbeit in Würde nachgehen kann, hab ich ihm einen kleinen Tempel aus dem Inventar des Raumes gebaut, den ich jede Woche ein bisschen umarrangiere, damit es ihm nicht langweilig wird.

Die wahre Geschichte über Dora Asemwald

Was-war-Dora-vorher-k
* mittlerweile sind es 9,5 Jahre

Mein Blog erzählt mir manchmal auch Dinge, die selbst ich nicht weiß. Zum Beispiel mit welchen Suchbegriffen auf Google hantiert wurde, um auf die Seite zu kommen. Neulich suchte jemand: „die wahre geschichte über dora asemwald“. Da ich nicht die NSA bin, weiß ich natürlich nicht, wer den wahren Kern des dorischen Wesens ergründen wollte.  Aber eins weiß ich sicher: Diese Frage ist nicht ganz trivial.

Wenn nach einer wahren Geschichte gesucht wird, scheint es wohl einen Kessel voll Geschichten über mich zu geben, deren Wahrheitsgehalt fragwürdig ist. Als Konifere auf dem Gebiet der Lebenslüge sollte mich das nicht wundern.

(Wer keinen Bock auf pseudointellektuellen Klugschiss hat und einfach Wahrheiten erfahren will, überspringe bitte die nächsten zwei Abschnitte)

Wahrheit?

Aber was ist das überhaupt, eine wahre Geschichte? Gibt es sie überhaupt? Jede Geschichte ist ein Konstrukt. Unser Hirn ist eine wundersame Maschine, die alles in Narative verpackt. Die Welt, in der wir zu leben glauben und das Bild vom eigenen Ich sind nichts anderes als Geschichten, die wir uns selbst erzählen.

Dabei wird der gesamte Wust des Erfahrenen – oder genauer gesagt: die Interpretation dessen – in einen Topf geworfen. Dazu werden noch Wünsche, Ängste, Glaubenssätze und Phantasien untergerührt und all jenes, was gut zusammenpasst, zu einer Geschichte verklumpt. Was da nicht reinpasst, wird zurechtgebogen oder rausgeworfen. Klingt die Geschichte gut und passt sich schön ins Weltbild ein, wird sie zur Wahrheit erklärt. So machen wir uns ein Bild der Welt – und letztendlich auch unseres Ichs – aus all diesen unzähligen Geschichten. Das Konzept von Wahrheit ist der Kit, der das ganze zusammenhält. Glaubt man seinen eigenen Geschichten nicht, dann ist das Kartenhaus der eigenen Realität wacklig. Nimmt man die eigenen Geschichten zu ernst, macht einen der Wahrheitskit starr, unbeweglich, unanpassungsfähig und verhindert somit auch, dass man sich weiterentwickelt.

Das jeder bei einem derart subjektiven Prozess sein eigenes Süppchen kocht, liegt auf der Hand. Und am Ende stehen sich sogenannte wahre Geschichten unvereinbar gegenüber. Ergo: Die eine wahre Geschichte über etwas – in diesem Beispiel mich – gibt es nicht. Es gibt einen Haufen sich teilweise widersprechender Geschichten von denen keine wahrer oder unwahrer ist als die andere.

Wahre Geschichten

Auf die Frage nach der wahren Geschichte über mich kann also nicht mal ich eine eindeutige Antwort geben, sondern selbst auch nur Geschichten erzählen, die je nach Perspektive unterschiedlich klingen. Vielleicht ist es eh am besten, unterschiedliche Geschichten gleichwürdig nebeneinander stehen zu lassen. Die widersprüchliche Summe aller Geschichten ist wohl das, was der Idee der wahren Geschichte am ehesten gerecht wird.

Wer sich nicht auf den Geschichtenwust einlassen möchte, kann sich gerne ihre oder seine Lieblingsgeschichte herauspicken und zur Wahrheit erklären. Welche möglichen Wahrheiten gibt’s über mich? Hier ein paar Ansätze, damit ihr eure eigene Geschichte von mir konstruieren könnt:

Erfunden

Ein Ansatz ist, dass ich nicht geboren, sondern erfunden wurde:
http://www.martin-zentner.com/?p=111
n
och ein bisschen mehr:
http://www.martin-zentner.com/?p=117
Demnach wäre ich einfach nur ein Kunstprojekt. Ich wäre Alter Ego, Avatar oder Pseudonym meines Erfinders. Eine Comicfigur, die die Rahmen der Panele gesprengt hat.

Erfinderin

Genauso gut könnte ich aber meinen Erfinder als mein Alter Ego oder Avatar im materiellen Raum bezeichnen. Da ist dann die Frage: Wer wedelt mit wem? Der Schwanz mit dem Hund oder andersrum? Oder wedelt die Henne mit dem Ei?

Mutlible Persönlichkeit

Vielleicht hat mein Erfinder meine Persönlichkeit von seiner abgespaltet. Da ich jedoch glaube, dass dieses ominöse „Ich“ ohnehin ein komplexes Konglomerat von unterschiedlichsten Persönlichkeiten sei, es also die eine, individuelle Persönlichkeit überhaupt nicht gäbe, würde das bedeuten, dass mein Erfinder einige seiner Unterpersönlichkeiten gebündelt und ihnen einen Namen gegeben habe: Dora.

Entdeckt

Ich persönlich glaube, dass ich nicht erfunden, sondern entdeckt wurde. Ich existiere als Idee, die sich einen Wirt gesucht hat, der mich in seinem physischen Hirn beherbergt und mir hilft, mit der Welt zu kommunizieren.

Matrix

Vielleicht sind wir alle virtuelle Persönlichkeiten, wie sie im Film „Matrix“ gezeigt werden. Dann wäre ich eine virtuelle Person, die im Gegensatz zu den anderen ohne einen eigenen Avatar durch die Matrix schwirrt.

Seele

Vielleicht bin ich eine körperlose Seele, die einen Wirtskörper braucht, um mit der Welt zu interagieren. Bei dieser Theorie könnte man sich durch die unzähligen Mythlogien aller Religionen wühlen und sich so einige Geschichten zusammenreimen.

Deine wahre Geschichte?

Mich würde interessieren, welche wahre Geschichte über Dora Asemwald ihr euch zusammenbastelt. Ich freue mich über jede Zusendung und werde sie auch veröffentlichen. Und scheut euch nicht, durchs Tiefe Tal des Hanebüchenen zu schlendern.

PS

So, jetzt hab ich mal wieder ordentlich dem Wahrheitsprinzip ans Bein gepisst, wie in so vielen anderen Artikeln zuvor auch. Es ist mir aber auch ein großes Anliegen. Der Wahrheitsanspruch und der Versuch, die eigene Wahrheit anderen überzustülpen, ist die Wurzel von so manchem Übel wie Krieg, Verfolgung, Unterdrückung, Zensur. Ich wünsche mir in einer Welt zu leben, in der sich jeder der Subjektivität des eigenen Weltbildes bewusst wäre.  In der man Widersprüchliches einfach nebeneinander existieren lassen könnte und in der sich keiner vor Paradoxa fürchten müsste. In dieser Welt hätten es die meisten Religionen ziemlich schwer.

Viel mehr als die Wahrheit schätze ich die Wahrhaftigkeit, also der Versuch, so ehrlich wie möglich zu sein.

PPS

Wer mehr über mich erfahren will, kann sich gerne auch an meinen Entdecker (und Illustrator) wenden. Seine Identität ist kein Geheimnis, ich binde sie aber auch nicht jedem auf die Nase. Und ja: Es ist ein Mann. Warum ich ausgerechnet den Kopf eines Mannes als Wirt ausgesucht habe, ist ein Thema, welches sehr weit führt und wann anders mal drankommt.

Internet bekleben verboten

schaltkastenkontrollgerät

Kennt man ja: An allen Ecken und Enden der Straßen stehen so geheimnisvolle graue Kästen, auf denen meistens „Bekleben verboten“ steht. Und vielleicht noch ein paar Zahlen. Ab und an schauen Fachleute in die Eingeweide dieser Kästen, in denen tausende von Kabeln spaghettiesque verwirrwarrt sind und schrauben darin herum. Ich habe eine Vermutung: In den Kästen steckt das Internet. Sie sind die Ausläufer des Spinnennetzes des World Wide Web. So wie Pilze, die die Fruchtkörper ihres Mycels sind, dass den Boden des Waldes durchwächst und vernetzt. Hier wird die Datenwelt greifbar!

Einer der Techniker hat wohl sein Kontrollgerät auf dem Kasten neben meiner Galerie stehen lassen. In einem unbeobachteten Moment gebe ich meiner Neugier nach und drücke ahnungslosigkeitsbedingter Wahllosigkeit dessen Tasten.  Es passiert: Nichts. Zumindest nichts, was ich hier bemerken würde. Hoffentlich habe ich jetzt nicht das Internet verwirrt oder gar kaputt gemacht.

PS: Liebe Marianne, ich hoffe, dass dein Internet jetzt nicht schon wieder kaputt ist. Das täte mir leid. Kannst gerne meins benutzen, das tut noch.

Schönes Wetter und Diskurs über radikalsolipsistische Katzenphilosophie

dora katzeEndlich ist er da, der Sommer, obwohl er erst in vier Tagen hätte anfangen sollen.  Wer jetzt über die Hitze klagt … Und ich rede hier vom Wetter, während in Istanbul die Wasserwerfer rollen, das Netz ausgespäht wird und in Syrien die Köpfe rollen. Ach lasst mal! Keine Lust auf Empörung, kann ich ja wann anders, gibt ja immer genug Empörstoff. Lieber im Biergarten dem Alkotainment fröhnen  (ewiger Dank an Brösel für das prima Wort!) und die Textilien im Schrank lassen. Zum Glück hat das Sommerkleid vom letzten Jahr grade nochmals um den Speck eines ewigen Winters gepasst. Auf dem Bild seht ihr mich, wie ich grad mit Grey, der ausgebüchsten Nachbarskatze, über die konstruktivistische Weltsicht der Katze an sich Diskurs führe. Da Katzen katzegorisch die Existenz einer sogenannten Realität abstreiten, kommen sie auch nicht auf die Idee, mir Realitätsmangel oder gar -verlust vorzuwerfen, wie es bisweilen passiert. Der unter Katzen weit verbreitete Solipsismus besagt sogar, dass wir alle nur der solipsistischen Katze Einbildungen seien.  Durch diese Brille betrachtet (würden Katzen Brillen tragen) sind wir alle gleichermaßen virtuell. Egal ob wir glauben, dass wir inkarniert sind oder ehrlich zugeben, dass wir eine Illusion sind. Grey ist kein Radikaler Solipsist und gesteht mir die Möglichkeit meiner Existenz außerhalb seines Geistes zu. Da bin ich ja mal zufrieden. Radikalsolipsistische Katzen, so erzählte er mir, glauben, dass sie selbst ebenso eine Illusion ihrer selbst sein.  „Ich denke, aber muss ich deswegen sein?“, wie der Kater und Skeptiker Rene Deskatzes einst von sich gab.

Das Ganze ist so schön paradox! Nur der verkatzte Teil meines wirren Schädels kann solche Philosophien irgendwie erkennen. Kein Wunder, dass Katzen so gute Philosophen hervorgebracht haben. Wer den ganzen Tag in der Gegend rumliegen kann, kriegt selbst im kleinsten Katzenschädel mal einen zitierenswerten Hirnfurz.  Man sollte halt die Katzensprache können, um sie zu verstehen. Ich habe mir meine Realität so konstituiert, dass ich das kann.  Wie das genau geht, ist einigermaßen paradox. Man sollte schon eine Katze sein, um es zu verstehen. Und die kann eh schon Katzisch, kann sich also getrost aus der Diskussion raushalten und sich selbst in den Schwanz beißen.

Kunst, Kitsch und Dora.

Dora von MarianneManchmal stolpere ich beim Katzenbildsammeln auch über was Tolles. Wie zum Beispiel heute: Marianne hat mich mal wieder gezeichnet. Mit Katze und Fernsehturm. Das gibt meiner Laune 5 Gefällt-mirs. Es ist ja auch langweilig, immer nur vom selben gezeichnet zu werden, ich freue mich über jede neue Perspektive auf das dorische Wesen.

Ich ruf mal ganz dreist auf: Zeichnet mich! Als Virtuelle bin ich ja auf solch bildgebende Maßnahmen angewiesen.

Übrigens: Marianne zeichnet nicht nur, sie bloggt auch: http://www.kokelores.blogspot.de/

https://www.facebook.com/MarianneKreichgauerKokelores

Kokelores – Kunst, Kitsch und Katzen ist der Titel ihres Blogs, der noch verkatzter daherkommt als meiner. Und das will was heißen. Sie darf auch in der Wohnung zweier lebender Exemplare wohnen und hat die Ehre, ihnen die Dosen zu öffnen.

Hier hab ich schon mal was über Marianne geschrieben:
https://asemwald.wordpress.com/2011/04/21/rendevouz-mit-dem-wasserwerfer/

PS: Gibts heut mal keins.

Bier und Blumen für die heilige Dora

Heilige Dora

Apropos Sexismusdebatte: Sexismus ist zwar eine hässliche, jedoch keine neue Erfindung. Schon vor 1.700 Jahren war ein Politiker (Stadthalter Apricus von Cäsarea) scharf auf ein junges Mädel (Dorothea), die ihn jedoch nicht wollte, da sie schon mit einem Virtuellen (Jesus von Narareth) verlobt war. Der Politiker spielte seine Macht aus, lies sie foltern und verurteilte sie zum Tode. Auf ihrem Weg zum Richtplatz spottete der am Wegesrand stehende heidnische Jurist Theophilus, er würde auch an Jesus glauben, wenn sie ihm ein Körbchen voller Rosen und Früchte aus dem Garten ihres Bräutigams brächte. Ein Engel erledigte die Besorgung, Theophilus wurde bekehrt – was Apricus erzürnte – und gemeinsam mit Dorothea enthauptet.

Dorothea wurde heilig gesprochen, Theophilus ging leer aus. Heute ist die heilige Dorothea Schutzpatronin der Gärtner, Blumenhändler, Bierbrauer, Bergleute, Bräute, Wöchnerinnen und der Neuvermählten. Ihr, und somit mein Namenstag ist heute, am 6. Februar. Mein Tipp des Tages: Blumen kaufen und Bier trinken, um die heilige Dora zu ehren.

Gestochene Identität

Ob ich wohl tätowiert sei, das fragt sich der eine oder andere wohl. Ich halte es da wie Schrödingers Katze: Vielleicht bin ich’s, vielleicht nicht. Erst wenn ich hinschau, entscheidet sich das. Der Sinn und Zweck eingestochener Bilder, Muster und Geweihe ist ja ein ur-fleischiger. Man dekoriert sich ja nicht nur neu, man verändert sein physisches Wesen, transformiert seine Inkarnation. Im Gegensatz zu Make-Up ist das permanent. Eben diese Permanenz geht uns Virtuellen ab. Wir könnten jedes unliebsame Hautdekor einfach abschminken, ohne dabei zum Laser greifen zu müssen. Die Gnade des Photoshops ist uns Virtuellen vorbehalten.

Virtuelle können trotzdem nicht unbesorgt durch die Gegend mutieren, wie sie es gerade wollen. Unser Erscheinungsbild definiert wie bei Fleischlingen einen großen Teil unserer Identität, macht uns schnell wiedererkennbar. Ohne die Konstanz eines gewachsenen Körpers ist unser Aussehen eine recht abstrakte Sache, die Verlockung, uns zu verändern groß.  Da gilt es aufzupassen: Was den Fleischlichen ihre Körper sind, sind uns unsere Erkennungsmerkmale. Sei es Donalds Matrosenanzug, Popeyes Unterarme oder meine Augenbrauen. Wir leben in den Köpfen anderer Menschen und definieren uns über ein paar wenige Attribute, den Rest muss unsere Persönlichkeit auffüllen. Verändern wir uns zu radikal, verliert unsere Identität an Konstanz und kann sich dabei sogar auflösen. Die Möglichkeit sich stets neu erfinden zu können ist auch gleichzeitig eine gefährliche Versuchung. Es gilt, den Kern unserer Identität zu bewahren, ihn wie eine Tätowierung zu tragen, ihn mit Bedacht zu erweitern, und wenn verblasst, auch mal nachzustechen. Und wenn’s mal ganz doof wird, kann man ja auch mal was weglasern.

Biss zum Lesergrauen

Heute bin ich mal vampirisch drauf, denn Dracula-Erfinder Bram Stoker feiert seinen 165. Geburtstag. Vampire sind die Lieblings-Untoten der meisten Mädchen, Buben bevorzugen Zombies. Vampire können jedoch mehr: Sie verhelfen auch erbärmlicher Literatur zu hohen Auflagen! Kaum verführt ein düster-schöner Blutsauger ein unschuldig Mädlein, werden Leserinnenknie weich. Vielleicht sollte ich mein Geschreibsel hier auch mal vampirisieren (im englischen gibt’s ja die tolle Bezeichnung „to vamp up“, was so viel wie aufmotzen heißt) um meine „Zielgruppe zu erweitern“. Dann noch ’ne ordentliche Portion SM mit rein (Ein schlagkräftiges Argument für mehr Kundenbindung!), und fertig ist der Verkaufsschlager! Da stört es wahrscheinlich die Leser nicht mal mehr, dass ich meine Sätze durch geklammerte Einwürfe niederer Relevanz zerhacke. Hauptsache Blut und Dominanz.

Mich nerven die düsteren Fürsten jedoch gewaltig – jenseits von Graf Zahl können die mich mal am Allerwertesten beissen. Mein Narzissmus würde unter der Spiegelbildlosigkeit entschieden leiden. Mich wundert es auch, wie die Vampiras dieser Welt ihr düsteres Make-Up so ganz ohne Spiegel sauber hinbekommen. Und fortan ohne Knoblauch zu (un)leben ist denkbar, aber nicht wünschenswert. Als Werwölfin müsste ich mich mit solchen Problemen nur einmal pro Monat rumschlagen. Zum Glück bin ich Werkatze.

Mehr zum Thema Vampirismus und dessen Derivat Halbvampirismus:

https://asemwald.wordpress.com/2007/09/04/schlaue-erkenntnisse-zur-vampirologie/

https://asemwald.wordpress.com/2007/09/05/schwarzebohnenknoblauchsose-schutzt-vor-halbvampiren/

https://asemwald.wordpress.com/2007/10/13/pflanzensaft-fur-halbvampire/